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Клонится, клонится лоб тяжелый,
Колосом клонится, ждет жнеца.
Друг! Равнодушье — дурная школа!
Ожесточает оно сердца.

Жнец — милосерден: сожнет и свяжет,
Поле опять прорастет травой...
А равнодушного — Бог накажет!
Страшно ступать по душе живой.

Друг! Неизжитая нежность — душит.
Хоть на алтын полюби — приму!
Друг равнодушный! — Так страшно слушать
Черную полночь в пустом дому!


Beug deine Stirne, ach, beug die schwere,
Dass sie gleich Ähren des Schnitters harrt!
Lauheit ist, Freund, eine schlechte Lehre!
Bitternis sät sie. Das Herz erstarrt.

Lieb mäht der Schnitter und bindet Garben,
Grün wächst es nach dann, vom Lenz erregt...
Gott lässt den Lauen zur Strafe darben!
Tritt nicht mit Füßen ein Herz, das schlägt!

Lust, ungestillt, lieber Freund, erstickt dich.
Drei Pfennig Liebe - und dein bin ich!
Einsam im Haus, lauer Freund, bedrückt mich
So, was die Mitternacht finster spricht.

Juli 1918

Die Blume, die ein Mann pflückt, ist ein verbreitetes Symbol für ein Mädchen, das entjungfert wird, thematisiert zum Beispiel in Goethes Gedichten "Gefunden" (Ich ging im Walde / So für mich hin) oder "Heidenröslein" (Sah ein Knab' ein Röslein stehn) (Das Fremdwort "deflorieren" kommt von lat. "de-flor-are", worin "flos, floris = Blume, Blüte" enthalten ist. Im Deutschen sagt man "die Blume pflücken" für entjungfern).

Nun wird in Zwetajewas Gedicht symbolisch keine Blume sondern eine Ähre von ihrer Wurzel getrennt und das angesprochene Du muss man sich nicht als jungfräulich vorstellen, gemeinsam ist aber die Symbolik der Entwurzelung: Denn jede neue Liebe, die einen in ihren Bann schlägt, ist so eine Entwurzelung. Sie reißt einen aus Vertrautem heraus und stößt einen in ein neues Leben.
Den Schnitter, der die Ähre abernten soll, kann man als Allegorie für den oft als Sensenmann dargestellten Tod verstehen. Eros und Thanatos gehören zusammen; große Liebe ist ein Stirb und Werde, Tod und Wiedergeburt; "la petite mort" nennt der Franzose den Höhepunkt einer Liebesvereinigung.
Das Zögern des so eindringlich angesprochenen Dus, das aus seinem vertrauten Dasein herausgerissen, "abgeerntet" und mit Beschlag belegt werden soll, ist also nur allzu verständlich (Dieser Drang, jemanden gierig zu vereinnahmen, und zwar ohne Abstriche, mit Haut und Haar, uneingeschränkte Hingabe zu geben und zu empfangen, ist typisch für Marina Zwetajewa; "Denn meine Liebe nicht verschwenden / Halb Lieben hab ich nicht gelernt" heißt es im Gedicht "An Deutschland"; einen Eindruck ihres verschlingenden Wesens vermittelt auch das Gedicht "Die Höhle" - beide auf dieser HP)
Das lyrische Ich versucht es auch mit Moralisieren ("Lauheit ist, Freund, eine schlechte Lehre!", "Gott lässt den Lauen zur Strafe darben!"), aber die Pose des erhobenen Zeigefingers und das Einschüchtern durch Mahnung an den strafenden Gott will dem lyrischen Ich nicht so recht gelingen, weil es nicht verbergen kann, wie sehr es sich in seiner Einsamkeit  nach dem Geliebten verzehrt - das ist ehrlich und weckt Sympathie und das Einschüchtern durch Moralpredigen wirkt eher rührend hilflos.

   
 
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