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Ehre und Sport

 

"Das Motiv der verletzten Ehre bei Puschkin und Lermontow" war das Thema meiner Magisterarbeit. Mein Professor gab einem Studenten, der bei ihm Examen machen wollte, nicht irgendein Thema für die obligatorische Arbeit, sondern unterhielt sich mit ihm und versuchte, auf seine Interessen und Neigungen einzugehen. "Ich würde ja gerne über das Duell in der russischen Literatur schreiben!", meinte ich. "Schade, schon vergeben!" Mit diesem Thema hatte schon jemand bei ihm promoviert. Die Dissertation ist in seiner Reihe veröffentlicht.
Nach einigen Tagen schlug er mir vor: "Das Motiv der verletzten Ehre bei Puschkin und Lermontow". Beide Dichter waren Adelige und hielten ihre Ehre hoch, an Duellen mangelte es bei ihnen nicht, weder im Werk, noch im Leben.
Um Duellanten, denen ihre Ehre mehr als ihr Leben gilt, verstehen zu können und um mich in sie hineinzufühlen - denn nur so versteht man Dichtung wirklich - habe ich damals alles, was ich kriegen konnte, von und über Duellanten gelesen, unter anderem auch ein Buch von einem deutschen Adeligen über die Regeln des Duells: welche Waffen zugelassen sind, wie viele Schritte man auseinander stehen muss, was die Aufgaben der Sekundanten sind und so weiter.
Das Buch habe ich im Katalog der Universitätsbibliothek gefunden, es gehörte aber der Sporthochschule, die in Müngersdorf nahe dem Stadion lag. Also fuhr ich hin. Von Köln-Lindenthal, wo ich damals wohnte, führte mich mein Weg mit dem Fahrrad fast nur durch Parks, es war warm und schön, böses Blut und Trennung lagen noch nicht in der Luft, ich setzte mich in die Mensa, um etwas zu essen und beobachtete die Menschen. Die Sportstudenten unterschieden sich von den Studenten, die man in der Zentralmensa zu sehen kriegt, wohltuend durch ihre schönen, gesunden Körper. Ich aß nicht wie sonst ein kaltes paniertes Schweinekotelett mit Kartoffelsalat, was mir damals an der alma mater so gut schmeckte, sondern einen Salat. Warum? Gab es dort so etwas Ungesundes, Unsportliches nicht oder wäre es mir peinlich gewesen, so etwas zu essen unter all den schlanken, durchtrainierten Menschen? Ich weiß es nicht mehr. Der junge Sportstudent, der für die Bibliothek zuständig war und mir das Buch heraussuchte, war nicht wenig erstaunt, dass so etwas zu seinen Beständen gehört. Vielleicht war ich ihm sogar ein bisschen unheimlich. Um das zu zerstreuen, erklärte ich ihm, wozu ich es brauche. Und dafür, dass solch ein Buch der Sporthochschule gehört, fanden wir auch eine mögliche Erklärung: Ein Mitglied einer schlagenden Verbindung hat es der Sporthochschule oder ihrer Vorgängerin vermacht. Das Fechten auf dem Paukboden konnte ja Sport, aber auch Ehrenwettkampf sein.

   
 
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