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Marina Zwetajewa: Я - страница твоему перу / Ich bin ein Blatt für deine Feder

Русская версия

Я - страница твоему перу.                        Ich bin ein Blatt für deine Feder,
Всe приму. Я белая страница.                  Empfange alles. Ich bin ein weißes Blatt.
Я - хранитель твоему добру:                     Ich bin Hüter für dein Gut: 
Возращу и возвращу сторицей.                Ich zieh es groß und geb es reichlich vermehrt
                                                                                                                            zurück.  
Я - деревня, черная земля.                       Ich bin Dorf und Schwarzerde.
Ты мне - луч и дождевая влага.                Du bist mir Sonnenstrahl und Regennass. 
Ты - Господь и Господин, а я -                  Herrgott und Gutsherr bist du mir, und ich
 Чернозем - и белая бумага!                      bin Schwarzerde dir und weißes Blatt.

             10 июля 1918

Inspiration ist Befruchtung eines Menschen durch Gott, ein Zeugungsakt in höherem Sinne (ausführlicher hier); die religiöse Offenbarung, die einem Propheten, die Verse, die einem Dichter eingegeben werden, gelten als Gottesgabe. In dieser archetypischen Vorstellung hat Gott viel von dem bewahrt, was er ursprünglich, auf seiner ältesten, der naturreligiös-barbarischen Entwicklungsstufe war: Männlich-väterliche Potenz der oberen Naturgewalten, also Sonnen- und Himmelsgott, der mit seinem Licht, seiner Wärme und seinem Regen auf die untere weibliche Gottheit Mutter Erde einwirkt und so alles Leben erzeugt. Diese archetypische Vorstellung von der fruchtbaren Liebesvereinigung zwischen Himmel  und Erde oder Sonne und Erde spricht ganz naiv der naturfromme Indianer Sitting Bull aus:

Seht, Freunde, der Frühling ist da. Die Erde hat sich freudig von der Sonne umarmen lassen, und bald werden wir die Kinder ihrer Liebe sehen. Jeder Same ist erwacht, jedes Tier lebt. Dieser göttlichen Kraft verdanken auch wir unser Dasein. Darum gestehen wir unseren Mitgeschöpfen, Menschen und Tieren, das gleiche Recht wie uns selbst zu, dieses weite Land zu bewohnen. (1)

Da die Sonne mit ihrem Licht zeugend und wachstumsfördernd auf die Erde einwirkt, haben ihre Strahlen phallischen Charakter (wofür es viele Beispiele gibt); so glaubten - wie Herodot  (III, 28) überliefert - die alten Ägypter, der heilige Apisstier sei von einem Sonnenstrahl gezeugt worden, der vom Himmel auf eine Kuh niederfuhr, die dann den Apis gebar.
Von oben kommt auch der Regen, ohne den kein Leben auf Erden gedeiht - in der archetypischen Vorstellung sind Regentropfen deshalb Sperma des Himmelsgottes, was zum Beispiel Aischylos die Liebesgöttin Aphrodite aussprechen lässt:

Sehnt sich der hehre Himmel nach der Erde Schoß,
Fasst Sehnsucht auch die Erde, ihm vermählt zu sein.
Und Regen, der, umarmt er sie: vom Himmel strömt,
Schwängert die Erd', und sie gebiert dem Menschenvolk
Der Herden Weide und Demeters Frucht fürs Brot.
Der Bäume Blüte wird durch solcher Brautnacht Tau
Gedeihnde Frucht. Bei alledem bin ich am Werk. (2)

Die alten Griechen riefen bei den Eleusinischen Mysterien nach oben blickend "Hye! / Regne!" und zu Boden blichend "Kye! / Empfange!" Der Himmelgott Zeus wird beschworen, die Erde zu befruchten, und die Erde, schwanger zu werden (3).

Bei Inspiration als höherem Zeugungsakt stellt man sich den inspirierenden Gott oft als archaischen Sonnen- und Himmelsgott vor, während sich der inspirierte Dichter oder Seher mit der Mutter Erde identifiziert - so der deutsche Lyriker Ernst Stadler in Der junge Mönch:

Ich bin ein Halm, den meines Gottes Odem regt,
Ich bin ein Saitenspiel, das meines Gottes Finger rühren.

Ich bin ein durstig aufgerissen Ackerland.
In meiner Scholle kreist die Frucht. Der Regen
Geht drüber hin, Schauer des Frühlings, Sturm und Sonnenbrand,
Und unaufhaltsam reift ihr Schoß dem Licht entgegen.

Auch das lyrische Ich in Zwetajewas Gedicht fühlt sich als mütterliche Erde, die schwanger wird und das Kunstwerk gebiert. Dem archaischen Sonnen- und Himmelsgott, der mit seinem Regensperma und seinen Sonnenstrahlen befruchtend und wachstumsfördernd auf sie einwirkt, verspricht sie, wie eine Mutter ihr Kind die Feldfrucht zu hegen und zu pflegen, damit sie wächst und gedeiht. Die Haltung des empfangenden Dichters ist dabei demütig und selbstbewusst zugleich. In Demut spricht das lyrische Ich Gott nicht nur als "Gospod' / Herrgott", sondern auch als "Gospodin / Herr" an. "Gospodin" nannten im alten bäuerlich-patriarchalischen Russland die Bauern ihren Gutsherrn. Und sich selbst nennt das lyrische Ich "Derevnja / Dorf", also Bauernschaft, die untergeordneten Menschen, die hegen und pflegen, was sich aus dem Saatgut, das der Herr gegeben hat, entsteht. Mit dieser Demut steht Zwetajewa in der gleichen alten Tradition wie auch Puschkin, für den Inspiration Gottesgabe, дар божий, war, die der Empfangende mit Ehrfurcht zu behandeln hat.
Diese Art von Demut ist nicht würdelos und mit gesundem Selbstbewusstsein durchaus vereinbar. So sagt Zwetajewa: "Ich bin Hüter (chranitel') für dein Gut", nicht Hüterin - die männliche Form benutzt sie absichtlich, wie sie sich auch als "Dichter / поэт", und nicht als "Dichterin / поэтесса" zu bezeichnen pflegte, denn in ihr steckte auch ein männlicher Persönlichkeitsanteil, der sie Frauen begehren ließ, was ihre Dichtung mitprägt und sie in die Tradition der lesbischen Liebe in Russland stellt.


1) Charles A. Eastman: Indian Heroes and Great Chieftains (Reprint 1991. Originally published: Boston 1918), Kapitel 7: Sitting Bull 

2) Fragment 55 (125), Übersetzung: Oskar Werner (Ernst Heimeran Verlag)

3) Proklos: Kommentar zu Platons Timaios 293C. vgl. auch: Albrecht Dieterich: Mutter Erde. 3. Auflage 1925, S. 45f.

   
 
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