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JESSENINS GEDICHT ПОД ВЕНКОМ ЛЕСНОЙ РОМАШКИ / MIT KAMILLENBLÜTEN AUS DEM WALD BEKRÄNZT IM LICHTE THEMATISCH VERWANDTER DICHTUNG UND MYTHOLOGIE

RUSSISCHES ORIGINAL

Mit Kamillenblüten aus dem Wald bekränzt
Hobelte ich, Boote ausbessernd
Und ließ Liebchens Ring
In eine strömende, schäumende Welle fallen.

Üble Trennung! Wie das Werk
Einer tückischen Schwiegermutter!
Den Ring hat ein Hecht fortgetragen,
Und mit ihm Liebchens Liebe.

Mein Ring fand sich nicht wieder,
Aus Gram ging ich auf die Wiese -
Der Fluss lachte mir hinterher:
„Dein Liebchen hat einen Neuen!“

Ich werde nicht zum Reigen gehen:
Dort lacht man über mich,
Vermählen werde ich mich im Unwetter
Mit der Welle, die dazu das Hochzeitsgeläut rauscht.

Ein Jüngling bessert am Ufer eines Flusses Boote aus – was bedeutet das? Stellen wir uns vor, dass er mit einem dieser Boote den Fluss überqueren will, so haben wir ein uraltes archetypisches Symbol: Das andere Ufer, an das der Jüngling gelangen will, steht für einen neuen Lebensabschnitt. Das Ufer, an dem er sich befindet, symbolisiert einen Lebensabschnitt, den er beenden soll. Den Fluss zu überqueren ist riskant, er könnte dabei sinken – um dieser Gefahr vorzubeugen, flickt er die Boote. Denn zu solch einem Aufbruch gehören Mut und Selbstüberwindung: Ein Kind kommt in die Schule. Ein Student macht endlich sein Examen, um ins Berufsleben einzutreten. Ein Bauernmädchen hat zu Esenins Zeiten seinen ersten Sexualverkehr, um zur Frau und Mutter zu werden. Beginnen soll ein neuer Lebensabschnitt, zu dem eine andere, weniger infantile Lebenseinstellung gehört. Das kann daneben gehen, wenn man dabei den Mut verliert und einen Rückzieher macht. Solch ein Fluss, dessen Überwindung Aufbruch zu neuen Ufern des Lebens bedeutet und deshalb als gefährliches Wagnis erscheint, kommt auch im Traum einer Patientin von C. G. Jung vor:

Sie ist im Begriff, einen breiten Bach zu überschreiten. Es ist keine Brücke da. Sie findet aber eine Stelle, wo sie ihn überschreiten kann. Wie sie eben im Begriffe ist, es zu tun, fasst sie ein großer Krebs, der im Wasser verborgen lag, am Fuß und lässt sie nicht mehr los. Sie erwacht mit Angst.       (1)

C.G.Jung deutet den Traum folgendermaßen:

Der Traum zeigt nämlich der Patientin, dass sie selber etwas in sich hat, das sie am Überschreiten der Grenze, nämlich am Hinübergelangen aus der einen Lage oder Einstellung in die andere hindert.                                   (2)

Auch der Jüngling in Esenins Gedicht hat etwas in sich, was ihn am Überschreiten der Grenze  hindern könnte. Kranz und Verlobungsring sind Symbole für Vermählung. Das lyrische Ich will heiraten und hat wie viele Männer nicht nur Lust dazu, sondern auch Angst davor. Denn Heirat bedeutet Aufgeben des unbeschwerten Junggesellendaseins und Eintritt ins Eheleben, in dem er sich als Mann bewähren und Verantwortung für Frau und Kinder übernehmen muss. Diese Schwelle zu überschreiten ist gefährlich, denn seine Angst könnte bewirken, dass er dabei versagt – deshalb das vorsorgliche Flicken der Boote, um nicht unterzugehen.

Die latente Abneigung des lyrischen Ichs, sich ehelich zu binden, ist auch Ursache für den Verlust des Rings – Freud nennt so etwas Fehlleistung und führt in seiner Psychopathologie des Alltagslebens mehrere Beispiele an, darunter das eines Mannes, dessen Abneigung gegen die geplante Heirat mit einer bestimmten Frau verdrängt war und aus dem Unterbewusstsein heraus wirkte, indem sie ihn den Verlobungsring verlieren ließ:

Er hatte von einem von ihm geliebten Mädchen einen Ring zum Geschenk erhalten, mit dem Bemerken, er dürfe ihn nicht verlieren, sonst wisse sie, dass er sie nicht mehr lieb habe. Er entfaltete in der Folgezeit eine erhöhte Besorgnis, er könnte den Ring verlieren. Hatte er ihn zeitweilig, z.B. beim Waschen abgelegt, so war er regelmäßig verlegt, so dass es oft langen Suchens bedurfte, um ihn wieder zu erlangen. Wenn er einen Brief in den Postkasten warf, konnte er die leise Angst nicht unterdrücken, der Ring könnte von den Rändern des Briefkastens abgezogen werden. Einmal hantierte er wirklich so ungeschickt, dass der Ring in den Kasten fiel. Den Brief, den er bei dieser Gelegenheit absandte, war ein Abschiedsschreiben an eine frühere Geliebte von ihm gewesen, und er fühlte sich ihr gegenüber schuldig. Gleichzeitig erwachte in ihm Sehnsucht nach dieser Frau, welche mit seiner Neigung zu seinem jetzigen Liebesobjekt in Konflikt kam.    (3)

Auch im Leben des Jünglings in Esenins Gedicht existiert eine andere Frau, an der er hängt und von der er sich nicht lösen will: Es ist seine Mutter – das verrät die Symbolik des Wassers, in das sich das lyrische Ich in der letzten Strophe zurückziehen will, statt es erfolgreich zu überqueren. „Die mütterliche Bedeutung des Wassers gehört zu den klarsten Symboldeutungen im Gebiete der Mythologie, wie die Alten sagten:  ἡ θάλασσα - τῆς γενέσεως  σύμβολον   (das Meer – das Symbol des Entstehens). Aus dem Wasser kommt das Leben“ (4). In den Schoß des mütterlichen Meeres will der Jüngling zurückkehren, deshalb geht sein Verlobungsring an einen Fisch über, an ein Geschöpf, das im Wasser lebt, denn mit dem mütterlichen Element, nicht mit dem Mädchen, will der Jüngling den Lebensbund schließen – „Повенчаюсь .. С  … волной / mit der Welle werde ich mich vermählen“, erklärt er als sein Ziel. Aus Angst, seiner Rolle als Mann und Familienvater nicht gewachsen zu sein, sehnt er sich nach Regression in die Kindheit, für die das Wasser steht, in dem er als Hecht leben will, vermählt mit seiner Mutter. Den Ringverlust, der die Trennung besiegelt, empfindet das lyrische Ich als Machenschaft einer „tückischen Schwiegermutter“ (5)  – eigentlich ist das ungerecht, denn es ist die Angst des Muttersöhnchens vor der Ehe, die ihn den Ring verlieren lässt, und keine Machenschaft seiner Mutter, die er gleichwohl zum Sündenbock macht. Vielleicht kann man es so erklären: Gesprochen wird im Gedicht  von einer „tückischen“ Schwiegermutter, wie man von einer „tückischen Krankheit“ spricht, die als Einwirkung eines fremden bösen Willens empfunden wird, obwohl sie doch aus dem eigenen Körper oder, wenn psychogen, aus der eigenen Seele kommt. Auch die Freudschen Fehlleistungen, von denen wir als Beispiel einen Ringverlust anführten, wirken in der Regel aus dem Unterbewusstsein heraus, so dass sie von dem Betroffenen als Einwirkung von etwas Fremden, oft als „Tücke des Objekts“ empfunden werden.

Verwandt mit der „tückischen“ Mutter, der das lyrische Ich in Esenins Gedicht die Schuld an seiner Regression gibt, ist in Grimms Märchen Der Froschkönig die „böse Hexe“, die den Prinzen „verwünscht“ hat, so dass er in einen Frosch verwandelt wurde und in einem Brunnen im Wald leben musste. Die böse Hexe ist die Mutter, in deren Bann der Sohn als Amphibie, also als Tier, das auch im Wasser lebt, festgehalten wurde. Dank der Liebe zur Königstochter überwindet er aber seine Mutterfixiertheit, verlässt das Wasser und wird (wieder) zum Menschen – in Esenins Gedicht ist es umgekehrt.

Wie in Esenins Gedicht ergeht es auch der liederlichen Adelheid in Wilhelm Buschs Bildergeschichte Die beiden Schwestern  (die vom Froschkönig inspiriert wurde), wobei der Hauptschauplatz ebenfalls das Ufer eines Gewässers ist. Aber zuerst zu Adelheids braver und lieber Schwester Kätchen! Sie küsst einen Frosch und erlöst ihn dadurch aus seiner Mutterfixiertheit, so dass er sich in einen schönen jungen Prinzen verwandelt, wobei der Kuss als intime Berührung eine Schwellenhandlung ist, ähnlich dem ersten Sexualakt, der früher oft die Kindheit beendete. Ihre Schwester Adelheid lässt sich von einem Jüngling verführen, der am Ufer sitzt und sie mit Musik bezirzt.  Als sie ihn küsst, verwandelt er sich zurück in das froschähnliche Wasserwesen, das er eigentlich ist, und zieht sie mit sich hinunter in sein Element. Bedeutet Regression in das kindliche Stadium für einen Mann Rückfall in die infantile Mutterbindung, so für ein Mädchen Rückkehr zur Fixierung an den Vater – denn nach Freud ist ein Kind auf seinen gegengeschlechtlichen Elternteil fixiert – der alte hässliche „Wasserneck“, den sie im Wasser kraulen muss, ist also ihr Vater, dem sie sich regressiv-inzestuös wiederverbunden hat.

Ein Mädchen im heiratsfähigen Alter, das an seinen Vater - und sein Elternhaus - fixiert ist, gehört auch zu den Hauptfiguren in Nikolaj Gogols Erzählung Майская ночь, или Утопленница / Die Mainacht oder Die Ertrunkene. Nach dem Tod ihrer Mutter ist sie die wichtigste Frau im Leben ihres Vaters geworden. Doch als der Vater sich wieder verheiratet, wird ihr diese Stellung von der verhassten Stiefmutter streitig gemacht und sie muss das Elternhaus verlassen. Da stürzt sie sich in einen Teich, der nahe dem Elternhaus liegt und existiert als utoplenniza, als spukende Ertrunkene, als eine Art Nixe weiter, bleibt also dem Ort ihrer Kindheit verhaftet, statt mutig zu neuen Ufern des Lebens aufzubrechen. Erzählt wird es aus der Sicht der vaterfixierten Tochter, in der natürlich der Stiefmutter die Schuld gegeben wird: Sie ist als böse Hexe dargestellt. Gogol schildert den Teich, in dem sich der Sternenhimmel spiegelt, als mütterliches Element, als gespenstischen Ort der Kindheit und väterlichen Liebe:

„So leise wiegt sich das Wasser, wie ein Kind in der Wiege,“ fuhr Ganna fort, auf den Teich weisend, der von mürrischen dunklen Ahornbäumen umstanden war und von Weiden, die ihre trauernden Zweige in ihn versenkt hielten, beweint wurde. Wie ein kraftloser Greis hielt er den fernen dunklen Himmel in seinen Armen, überschüttete mit eisigen Küssen die feurigen Sterne …

Die Unterwasserwelt als Symbol für die Kindheit ist archetypisch, also oft anzutreffen. Ein anderes Beispiel ist Andersens Märchen Die kleine Seejungfrau. Die Heldin des Märchens lebt im Meer, sie hat einen Fischschwanz, ist also ein fischähnliches Wasserwesen, und verlässt wie alle Seejungfrauen ihr Element erst, wenn sie 15 ist, also in der Pubertät. Die Oberwasserwelt, Metapher für das Leben der Erwachsenen, in der sie sich in einen Mann verliebt und sich mit ihm verbindet, hält vorwiegend Leid und Enttäuschungen für sie bereit, während die Unterwasserwelt ihr Kindheitsparadies war:

Den ganzen Tag konnten sie unten im Schlosse in den großen Sälen, wo lebendige Blumen aus den Wänden hervorwuchsen, spielen. Die großen Bernsteinfenster wurden aufgemacht, und dann schwammen die Fische zu ihnen hinein, wie bei uns die Schwalben, wenn wir die Fenster aufmachen. Die Fische schwammen gerade zu den Prinzessinnen hinein, fraßen aus ihren Händen und ließen sich streicheln.

Diese regressive Sehnsucht hinab ins Wasser, wo man das Kindheitsparadies wiederfinden will und nur allzu oft den Tod findet, prägt auch Goethes Ballade Der Fischer:

Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll,
Ein Fischer saß daran,
Sah nach dem Angel ruhevoll,
Kühl bis ans Herz hinan.
Und wie er sitzt und wie er lauscht,
Teilt sich die Flut empor:
Aus dem bewegten Wasser rauscht
Ein feuchtes Weib hervor.

Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm:
»Was lockst du meine Brut
Mit Menschenwitz und Menschenlist
Hinauf in Todesglut?
Ach wüßtest du, wie's Fischlein ist
So wohlig auf dem Grund,
Du stiegst herunter, wie du bist,
Und würdest erst gesund.

Labt sich die liebe Sonne nicht,
Der Mond sich nicht im Meer?
Kehrt wellenatmend ihr Gesicht
Nicht doppelt schöner her?
Lockt dich der tiefe Himmel nicht,
Das feuchtverklärte Blau?
Lockt dich dein eigen Angesicht
Nicht her in ew'gen Tau?«

Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll,
Netzt' ihm den nackten Fuß;
Sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll
Wie bei der Liebsten Gruß.
Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm;
Da war's um ihn geschehn;
Halb zog sie ihn, halb sank er hin
Und ward nicht mehr gesehn.

Mit Goethes naturmagischer Ballade Der Fischer hat Jesenins Gedicht gemein, dass sich ein Mann am Ufer eines Gewässers befindet, in das ihn seine Sehnsucht zieht, wobei ein Fisch eine Rolle spielt.
Bei Goethe will eine Nixe den erwachsenen Mann zur Existenz als Fisch verlocken, das heißt, zur Regression in den Mutterschoß, wo der Embryo im Fruchtwasser lebt:

Ach wüßtest du, wie's Fischlein ist
So wohlig auf dem Grund,
Du stiegst herunter, wie du bist,
Und würdest erst gesund.

Bei Jesenin geht der Verlobungsring vom dem Jüngling in den Besitz eines Fisches über – Symbol dafür, dass dieser Jüngling solch ein Fisch werden, sich statt mit der Braut wieder mit seiner Mutter verbinden will, indem er in ihren Schoß, das Wasser, zurückkehrt.

Auch in Marina Zwetajewas autobiographischer Prosa Мать и музыка /Mutter und die Musik symbolisiert eine Unterwasserwelt die Kindheit. Thema ist, wie Marina als Kind hingebungsvoll auf dem Klavier üben musste, weil ihre ehrgeizige Mutter, die selber Konzertpianistin werden wollte, woraus nichts wurde, als Kompensation danach strebte, aus ihrer Tochter eine solche zu machen. Also spielte das Kind täglich stundenlang Klavier. Aus Gehorsam gegenüber der Mutter, aber auch aus anderen Motiven:
Nach dem von Sigmund Freud entdeckten Ödipus-Komplex begehrt das Kind seinen andersgeschlechtlichen Elternteil. Der Junge will mit seiner Mutter schlafen und den Vater als Konkurrenten ausstechen; beim Mädchen ist es umgekehrt. Zwetajewa hatte auch eine lesbische Ader, in ihr steckte als Teilpersönlichkeit ein Mann, den des zu Frauen zog, also begehrte sie unbewusst ihre Mutter als erotisches Objekt und empfand ihren Vater als Konkurrenten. Ein gutes Feld, um diese Rivalität um die Mutter auszutragen, war die Musik, denn ihr Vater war unmusikalisch, „er hat ein selten schlechtes Gehör“, was er auch von seiner Frau spöttisch oder „mit Leidensmiene“ gesagt bekam.
Für Mutter und Tochter ist das Klavier ein gemeinsames „Heiligtum“, dessen Reinheit der Vater besudelt, wenn er seine Zeitungen darauf legt:

Die Zeitungen nahm – fegte – die Mutter allmorgendlich vom Klavier, mit der hartnäckigen Ausdauer eines Märtyrers und ohne dem Vater, der sie stur und nichtsahnend dorthin legte, das geringste zu sagen; und wer weiß, ob nicht der Gegensatz zwischen der vollkommenen Spiegelglätte und Schwärze des Klaviers und dem unordentlichen, unansehnlichen Zeitungshaufen, ob nicht die gleichzeitig weit ausholende und pedantische Ordnungsgeste der Mutter in mir die unerschütterliche, axiomatische Überzeugung entstehen ließ, Zeitungen seien Teufelsspuk…                                              (6)

Das Klavierspiel versetzte Marina in eine emotionale Gemeinschaft mit ihrer Mutter, aus der ihr unmusikalischer Vater-Konkurrent und die ebenfalls unmusikalische Anastasija als Geschwister-Konkurrentin ausgeschlossen waren. Marina genoss ihre bevorzugte Stellung, in der sie jedoch so fest an ihre Mutter fixiert war, dass sie Gefahr lief, im Banne der Mutter gefangen zu bleiben, statt sich abzunabeln, aus der Kindheit herauszuwachsen und sich selbst zu verwirklichen – es war eine verwunschene, manchmal unheimliche Welt, in der das Kind lebte:

Das dritte und vielleicht längste Klavier ist jenes, unter dem man sitzt: das Klavier von unten, die Unterwasser-, die Unterklavierwelt. Submarin ist’s nicht nur wegen der Musik, die einem auf den Kopf herabströmt: zwischen unserm Klavier und den Fenstern … standen Blumen, Palmen, Philodendren, die das subklavierene Parkett in einen echten Wassergrund mit grünlichem Lichtschimmer (auf den Gesichtern und Fingern) und echten, berührbaren Wurzeln verwandelte, wo Mutters Füße und die Pedale sich wie Riesenungeheuer lautlos bewegten.                                         (7)     

In dieser Fantasie des Kindes, das unter dem Klavier sitzt, während die Mutter spielt, erscheint die „Unterklavierwelt“ als Unterwasserwelt, die Füße der Mutter und die Pedale als Seeungeheuer und die Zimmerpflanzen als Unterwasserpflanzen.
Der Archetypus der Unterwasserwelt als Kindheitssymbol liegt auch folgender Stelle zugrunde:

Die Mutter überschwemmte uns mit Musik … überflutete uns wie Hochwasser. Ihre Kinder waren, wie die Hütten der Armen am Ufer großer Flüsse, von vornherein dem Untergang geweiht. … Ich kann sagen, dass ich nicht ins Leben, sondern in die Musik hinein geboren wurde.“                  (8)

Marina Zwetajewa sieht ihre von der Musik beherrschte Kindheit als Zwischenstadium zwischen dem Dasein vor und nach der Geburt. Das Leben im Mutterleib bezeichnet die Psychoanalyse als ursprünglichen Narzissmus, weil es von uneingeschränkter Geborgenheit geprägt ist; mit der Geburt tritt der Mensch dann hinaus ins Leben mit seinen Zumutungen, Gefahren und Kränkungen. Ein Teil der vorgeburtlichen Geborgenheit bleibt dem Kind jedoch durch das Umsorgtwerden durch die Eltern erhalten. Sie bewahren es in der Regel vor Konfrontationen mit der Wirklichkeit des Lebens, die es überfordern würden und für die es erst als Erwachsener stark und reif genug ist. Kindheit ist ein Zwischenstadium, das Reifung und Selbstwerdung ungebührlich hinausschieben kann, wenn es zu lange dauert oder das Kind zu sehr von den Eltern dominiert wird. Das meint Marina, wenn sie schreibt, Mutter habe sie nicht ins Leben, sondern in die Musik hineingeboren.

Esenin und Zwetajewa wurden in ihren hier verglichenen Werken beide vom Archetypus der Unterwasserwelt als Symbol für die Kindheit inspiriert. Doch während Marina aus der Kindheit herausstrebte, zieht es Esenins lyrisches Ich in die ursprüngliche Geborgenheit zurück.

Unser letztes Beispiel ist Christian Friedrich Daniel Schubarts Gedicht Die Forelle, das Schubert vertont hat:

In einem Bächlein helle,
Da schoß in froher Eil
Die launische Forelle
Vorüber, wie ein Pfeil:
Ich stand an dem Gestade
Und sah in süsser Ruh
Des muntern FischleinsBade
Im klaren Bächlein zu.

Ein Fischer mit der Ruthe
Wol an dem Ufer stand,
Und sah’s mit kaltem Blute,
Wie sich das Fischlein wand.
So lang dem Wasser Helle,
So dacht’ ich, nicht gebricht,
So fängt er die Forelle
Mit seiner Angel nicht.

Doch endlich ward dem Diebe
Die Zeit zu lang; er macht
Das Bächlein tückisch trübe:
Und eh’ ich es gedacht,
So zuckte seine Ruthe;
Das Fischlein zappelt dran;
Und ich, mit regem Blute,
Sah die Betrogne an.

von Schubert nicht vertont:

Ihr, die ihr noch am Quelle
Der sichern Jugend weilt,
Denkt doch an die Forelle;
Seht ihr Gefahr, so eilt!
Meist fehlt ihr nur aus Mangel
Der Klugheit; Mädchen, seht
Verführer mit der Angel –
Sonst blutet ihr zu spät.

Das lyrische Ich warnt unberührte Mädchen davor, sich verführen zu lassen. Denn durch die Entjungferung werden sie, wie man früher sagte, „zur Frau gemacht“, das Erwachsenenleben mit seinen Mühen  und Kränkungen beginnt, die unbeschwerte, wohlbehütete Kindheit mit ihrer paradiesischen Unschuld und narzisstischen Geborgenheit, deren hoher Wert auch dem lyrischen Ich bewusst ist („goldnen Quelle / Der sichern Jugend“), wird beendet. Das unschuldige Mädchen, das sich nicht aus seinem Kindheitsparadies herauslocken lassen soll, wird mit einer Forelle verglichen, die nicht mehr in ihrem Element bleibt, wenn sie sich angeln lässt.


1) C.G.Jung: Über die Psychologie des Unbewussten (Gesammelte Werke 7, § 123)

2) A.a.O., § 132

3) Sigmund Freud: Gesammelte Werke IV, 228

4) C.G.Jung: Symbole der Wandlung (Gesammelte Werke V, § 319)

5) Das Russische hat zwei Wörter für Schwiegermutter: tjoschtscha ist die Mutter der Ehefrau, svekrov‘ die Mutter des Ehemannes – im Gedicht ist es eine svekrov‘, also die Mutter des lyrischen Ichs.

6) Übersetzung: Ilma Rakusa (Suhrkamp, S. 9)

7) A.a.O., S. 36

8) A.a.O., S. 24 - das kursiv von mir, G.W., Hervorgehobene ist im russischen Original deutsch.

   
 
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