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JEAN RASPAILS HEERLAGER DER HEILIGEN ALS INVASIONSLITERATUR UND DIE FLÜCHTLINGSKRISE 2015


Den Massenzustrom von Einwanderern nach Deutschland, den die Merkel-Regierung 2015 zuließ, empfanden viele Alteingesessene als Invasion. Ihnen spricht Jean Raspails Roman Das Heerlager der Heiligen aus der Seele, denn er hat solch eine Völkerwanderung zum Thema, eine Masseneinwanderung von Armutsflüchtlingen in das Frankreich der 70er Jahre. Ihr Einmarsch wird von den Franzosen aus Mitleid und Schuldgefühlen gegenüber den kolonisierten Völkern nicht mit Waffengewalt verhindert, ja von Linken und Gutmenschen herbeigesehnt und propagandistisch vorbereitet. Dadurch fühlen sich weitere Flüchtlingsmassen aus verschiedenen Enden der Dritten Welt ermuntert, ihnen zu folgen, und nicht nur Frankreich, das gesamte Abendland wird überflutet, gerät unter die Herrrschaft der Migranten und verliert seine Identität. Raspails Dystopie, die unter dem Eindruck der Flüchtlingskrise vielen deutschen Lesern als prophetisch gilt und zum Bestseller geworden ist, gehört zur Gattung der Invasionsliteratur, die im Viktorianischen England entstand. Andere berühmte Beispiele für diese invasion literature sind H. G. Wells' Krieg der Welten und Bram Stokers Dracula. Die Einwanderer, die England als Invasoren heimsuchen, sind bei Wells Marsmenschen, bei Stoker ein Vampir aus Transsilvanien. Solche Horrorfantasien - das steht für die Literaturwissenschaft fest (1) - haben viel mit Großbritanniens damaligem Status als Kolonialmacht und den daraus fließenden Ängsten und Schuldgefühlen der Biten zu tun, die selber so viele Länder als Invasoren heimgesucht haben. Der Anglist Stephen Arata verwendet dafür den Begriff reverse colonization. Der Vampir aus dem rückständigen ländlich geprägten Transsilvanien, das für britische Kolonien im Orient, aber auch für das schon früh kolonisierte Irland stehen kann (2), kommt in die imperialistische Metropole als Rächer. In seiner Gestalt schlägt die Dritte Welt - oder Irland - zurück. Das Blutsaugen steht für Ausbeutung, auch sexuelle Ausbeutung der Kolonisierten durch die Kolonialherren. Wie die Briten mit ihren Kriegs- und Handelsschiffen an fremden Küsten landeten, die Eingeborenen in Schrecken versetzten, kolonisierten und ausbeuteten, so landet Dracula mit seinem Geisterschiff in England und saugt zuerst Lucy Westenra aus, Repräsentantin der Schönen und Reichen der Kolonialmacht - der Spieß wird umgedreht. Dass Stokers Horrorfantasie Ausdruck von Schuldgefühl und Strafbedürfnis der britischen Kolonialherren ist, liegt im Subtext, also im Unterbewusstsein des Romans verborgen und muss durch Analyse erschlossen werden. Klarer liegt der Fall bei Wells, der im ersten Kapitel seines Romans, Am Vorabend des Krieges, zugibt:

Und bevor wir sie [die Invasoren vom Mars] zu hart beurteilen, müssen wir uns erinnern, mit welcher schonungslosen und grausamen Vernichtung unsere eigene Gattung nicht nur gegen Tiere wie den verschwundenen Bison und Dodo, sondern gegen unsere eigenen inferioren Rassen gewütet hat. Die Tasmanier wurden trotz ihrer Menschenähnlichkeit in einem von europäischen Einwanderern geführten Vernichtungskrieg binnen fünfzig Jahren völlig ausgerottet. Sind wir solche Apostel der Gnade, dass wir uns beklagen dürfen, wenn die Marsleute uns in demselben Geist bekriegen?                      (S. 13) (3)

Auch in Raspails Augen ist ein masochistisches Strafbedürfnis, das sich aus Schuldgefühlen gegenüber der Dritten Welt speist, treibende Kraft bei der Selbstaufgabe Frankreichs, das seine Grenzen nicht gegen die Invasion aus Indien verteidigt. Im Heerlager der Heiligen (4) ist der weiße Mensch des Abendlands "von Selbsthass und Gewissenbissen zerfressen" (S. 89) und getrieben von "masochistischer Raserei" (S. 259), die von den Mainstreammedien durch Beschwörung der Verbrechen des Kolonialismus angeheizt wird:

Denken Sie nur an all die Filme, die Millionen Menschen gesehen haben. Massaker an Indianern, Schwarzen und Arabern, die längst vergessen waren, wurden aus politischen Gründen aus der Versenkung geholt und kinogerecht aufbereitet.    (S. 259)

Ich weiß nicht, wie bekannt Karl May in Frankreich ist, aber in Westdeutschland war sein Winnetou bei der Jugend der 60er und 70er Jahre Kult - der Edle Wilde, dem der weiße Siedler das Land wegnimmt, den er mit Feuerwasser korrumpieren will. Und natürlich Old Shatterhand, den ebenfalls das masochistische Strafbedürfnis des Kolonisators umtreibt, bis er sich auf die Seite der Indianer schlägt, wie sich die 68er auf die Seite der Dritten Welt geschlagen haben - in der Metropole begannen sie den Kampf zuerst für die vietnamesischen Winnetous, den Vietcong (5), und später für die palästinensischen Winnetous, die PLO. Der Dritte-Welt-(Schuld)Kult der Neuen Linken, der Raspail so nervt, setzt eine alte Tradition fort, die sich bis zu Rousseau, ja bis zu Tacitus (Agricola, Germania) zurückführen lässt.
Und: Karl Mays Winnetou erschien 1893, Wells' Krieg der Welten 1897, Stokers Dracula 1897, also ungefähr zur gleichen Zeit - das dürfte kein Zufall sein.

Aber zurück zum Heerlager der Heiligen!

Auch der belgische Konsul in Kalkutta, einer der wenigen selbstbewussten Vertreter des Abendlands, sagt Gutmenschen, die eine Masseneinwanderung armer Inder nach Europa propagieren, auf den Kopf zu:

Immer dieses erbärmliche, widerliche, hassenswerte Mitleid! Ich weiß, Sie nennen es Nächstenliebe, Solidarität, Weltgewissen und so weiter. Aber wenn ich Sie anschaue, sehe ich in jedem von Ihnen nur Selbstverachtung und Verachtung dessen, wofür Sie stehen.      (S. 38)

Die Inbrunst, mit der diese Gutmenschen für Masseneinwanderung sind, kann man heute auch in deutschen Talkshows beobachten - es ist Ersatzreligion:

Sie alle hatten dieselbe weiße Hautfarbe ... Vor allem aber war in ihren Augen jenes gewisse, tiefe Flackern zu sehen, wie man es von Propheten, Schwärmern, Weltverbesserern, Fanatikern, Märtyrern, besessenen Verbrechern und halluzinierenden Visionären kennt, oder ganz einfach von all jenen, die ihr Bewusstsein gespalten haben, weil sie sich in ihrer eigenen Haut nicht wohl fühlen.              (S. 39)

Zum Wesen jeder Religion gehört Schuldbewusstsein, aber zugleich die Möglichkeit, die Schuld zu vermindern, zum Beispiel durch Zerknirschung, Selbstanklagen, Selbsterniedrigung:

Sie legen Zeugnis ab. Von was eigentlich? Von Ihrem Glauben? Ihrer Religion? Ihrer christlichen Kultur? Sie legen Zeugnis ab wider sich selbst. Sie sind zu einem Verächter des Abendlandes geworden. Glauben Sie denn, dass die armen Teufel, die Ihnen nachlaufen, das nicht merken? Blasse Haut und blasse schwächliche Überzeugungen, das ist in ihren Augen eins. Sie wittern deutlich, dass Sie sich selbst aufgegeben haben, und Sie haben sie auch noch auf diese Spur geführt. Von all Ihren Predigten haben diese Leute nichts weiter behalten, als dass das Abendland stinkreich ist. Und in Ihnen sehen sie einen symbolischen Vertreter dieses Überflusses. Sie repräsentieren den Reichtum einer anderen Welt, und durch Ihre bloße Anwesenheit vermitteln Sie Ihren Schäfchen, dass Sie ein schlechtes Gewissen haben, wenn Sie diesen nicht mit Ihnen teilen. ... Eine Flut, eine unkontrollierbare Flutwelle bahnt sich an. Gott sei Dank liegt noch das Meer zwischen diesem Land und unserem Europa!             (S. 41f.)

Die Qualen, die das aufgebrachte Gewissen dem westlichen Menschen bereitet, lassen sich lindern, indem er zur Wiedergutmachung Massen aus einst kolonisierten Völkern in sein Land lässt, indem er seine Grenzen öffnet bis zur Selbstverleugnung - das geschieht in Raspails fiction, das geschah unter Merkel in Wirklichkeit.
Und was es noch schlimmer macht: Schuldgefühl und Selbstverachtung des weißen Mannes sind allzu oft verdrängt. Denn die anklagende Stimme des Gewissens, dieser ätzende Selbsthass schmeicheln dem Selbstwertgefühl nicht, der weiße Mann erträgt sie nicht und verbannt sie ins Unterbewusstsein (wo sie rumoren und sich andere Wege suchen, denn das Verdrängte ist nicht weg). Deshalb ist er auch nicht so ehrlich wie viele Römer der Völkerwanderungszeit, die die hunnischen oder gotischen Invasoren, die über Rhein, Limes, Donau kamen, als "Geißel Gottes", "Zuchtrute von Gottes Zorn", als Strafe also für ihre moralische Verkommenheit, ihre durch die Ausbeutung so vieler Provinzen ermöglichte Dekadenz erlebten. Nein, unsere Gutmenschen von heute werden nie zugeben, dass sie diese vielen jungen Männer, die den Westen mit seiner Dekadenz, seinen kinderlosen emanzipierten Frauen, seinen Homosexuellen aus tiefster Seele hassen, aus Masochismus, zur Sühne hereinlassen - lieber rationalisieren sie: Das ist doch ein Gebot der Menschlichkeit! Das helle Deutschland hat ein weites Herz...

Selbsthass und Selbstbestrafungstendenzen des weißen Mannes sind so heftig, dass sich die Frage aufdrängt, ob sie allein aus dem Kolonialismus fließen. Oder ist noch etwas anderes im Spiel? Hatten eigentlich die Mongolen, als sie ihr eurasisches Großreich eroberten, Schuldgefühle? Oder die Russen, als sie ihre Macht über Sibirien ausdehnten? Mir ist zumindest nichts bekannt. Warum setzen Schuldgefühle Briten und Franzosen zu, nicht aber Mongolen, Russen, Wikingern? Wir versuchen die Beantwortung dieser Frage, indem wir uns noch einmal der Stelle aus Wells' Dystopie zuwenden, die wir bereits zitiert haben:

Und bevor wir sie [die Invasoren vom Mars] zu hart beurteilen, müssen wir uns erinnern, mit welcher schonungslosen und grausamen Vernichtung unsere eigene Gattung nicht nur gegen Tiere wie den verschwundenen Bison und Dodo, sondern gegen unsere eigenen inferioren Rassen gewütet hat. Die Tasmanier wurden trotz ihrer Menschenähnlichkeit in einem von europäischen Einwanderern geführten Vernichtungskrieg binnen fünfzig Jahren völlig ausgerottet. Sind wir solche Apostel der Gnade, dass wir uns beklagen dürfen, wenn die Marsleute uns in demselben Geist bekriegen?                      (S. 13)

Wells empfindet Schuld (die er in seiner Horrorfantasie durch die Heimsuchung seiner Heimat sühnen lässt) nicht nur wegen kolonialer Verbrechen wie der Ausrottung der Tasmanier, sondern auch wegen Verbrechen an Tieren. Erwähnt wird die Ausrottung des Bisons und der Dronte, und an anderen Stellen appelliert er an den Leser, sich in ein Tier, das Opfer des Menschen wird, hineinzuversetzen, zum Beispiel im Kapitel Was wir von dem zerstörten Haus aus erblickten, als er die an Dracula erinnernden Ernährungsgewohnheiten der Marsianer schildert:

Sie hatten keine Eingeweide. Sie aßen nicht, brauchten also auch nicht zu verdauen. Stattdessen nahmen sie das frische, lebende Blut anderer Geschöpfe und führten es in ihre eigenen Adern ein. ... das einem noch lebenden animalischen Wesen, meistens einem Menschen, entzogene Blut wurde mittels eines kleinen Röhrchens in den Aufnahmekanal eingeführt.
Die bloße Vorstellung dieses Vorgangs erscheint uns ohne Zweifel grauenhaft und abstoßend, aber wir sollten uns, denke ich, zugleich erinnern, wie widerwärtig unsere fleischfressenden Gewohnheiten einem vernunftbegabten Kaninchen erscheinen würden.    (S. 228f.)

Tiere gehören zur Natur, und das Schuldgefühl, das den Menschen quält, weil er sich zum Herren über die Natur aufgeschwungen hat und sie ausbeutet, weil er in unerforschte jungfräuliche Wildnis vordringt und ganze Wälder rodet, weil er Menschen, die in Harmonie mit der Natur leben wie die Indianer, ausrottet oder unterwirft und korrumpiert, dieses Schuldgefühl ist uralt. Gleichnisse dafür sind zum Beispiel die aus der Antike stammenden Sagen um Artemis. Ihr war ein Hirsch heilig, den Agamemnon tötete und ihr deswegen seine Tochter Iphigenie als Menschenopfer darbringen musste. Artemis ist Schutzherrin des Waldes und der darin lebenden wilden Tiere, also Verkörperung der vom Menschen unberührten Natur. Ihren Zorn erregte auch Aktaion, der mit aggressiven Jagdhunden in den Wald eindrang und massenhaft Tiere erlegte. Er wurde von Artemis in einen Hirsch verwandelt und von seinen eigenen Hunden zerrissen. Das Schuldgefühl, das den Menschen quälte, weil er sich die Natur unterwarf, war so stark, dass es nur durch Menschenopfer beschwichtigt werden konnte - daher erzählte er sich solche Sagen, in denen Artemis einen Menschen als Opfer empfängt (Iphigenie) oder sich holt (Aktaion). Als aber die Menschen zivilisierter wurden, milderten sie diese grausame Sitte ab. Menschenopfer wurden durch Tieropfer ersetzt - davon erzählt die biblische Geschichte von Abraham, der an Stelle seines Sohnes Isaak einen Widder opfert. Ein anderes Beispiel: Der Altar der Artemis im alten Sparta wurde ursprünglich mit Blut bespritzt, das von Menschen stammte, die für die Göttin geschlachtet wurden. Das Ritual der Besprengung wurde beibehalten, doch zur Erlangung des Blutes wurde nicht mehr getötet, sondern nur noch gegeißelt; Pausanias (III,16,9) überliefert:

Und darauf erging ein Spruch an sie, den Altar mit Menschenblut zu bespritzen. Als geopfert wurde, wen das Los traf, ersetzte Lykurgos das durch die Geißelung der Epheben, und so wird der Altar ebenfalls mit Menschenblut bespritzt. Die Priesterin steht mit dem Holzbild daneben. Das ist sonst leicht durch seine Kleinheit, wenn aber jemand aus Rücksicht auf Schönheit oder Rang eines Epheben vorsichtig schlägt, dann wird das Bild für die Frau zu schwer und nicht mehr leicht tragbar. Sie beschuldigt die Geißelnden und sagt, sie werde ihretwegen bedrückt. So ist es dem Kultbild von Tauris her geblieben, sich immer noch an Menschenblut zu freuen.

Die Statue der Artemis ist - wie Pausanias hier überliefert - aus Holz, denn sie ist die Göttin des Waldes. Der spartanische Brauch der Menschenopfer und später der Ephebengeißelung wurzelt also im Baumkult. Blut lassen müssen die schuldigen Menschen ja auch in Stokers Dracula und Wells' Krieg der Welten - uralte Blutopfer werden von Marsmenschen und Vampiren fortgesetzt. Dazu passt, dass in beiden Romanen die Heimsuchung mit der Kelter Gottes, "wine-press of God" verglichen wird  (6), was auf Jesaja 63,1-6, die Erzählung von Gottes Gericht über Edom, anspielt:

Warum ist dein Gewand so rotfarben und dein Kleid wie das eines Keltertreters? "Ich trat die Kelter allein, und niemand unter den Völkern war mit mir. Ich habe sie gekeltert in meinem Zorn und zertreten in meinem Grimm. Da ist ihr Blut auf meine Kleider gespritzt, und ich habe mein ganzes Gewand besudelt. Denn ich hatte einen Tag der Vergeltung mir vorgenommen ... Und ich habe die Völker zertreten in meinem Zorn und habe sie trunken gemacht in meinem Grimm und ihr Blut auf die Erde geschüttet.

Gott zertritt diese sündigen Menschen wie Trauben in der Kelter, so dass sie ausbluten - Stoker und Wells identifizieren sich in ihrem Unterbewusstsein mit den Edomitern, über die Gottes Strafgericht kommt.

Zurück zu unserer Frage! Warum empfinden so viele Briten und Franzosen (und auch Deutsche wie Karl May oder die 68er) heftige Schuldgefühle wegen der kolonialen Expansion, nicht aber Wikinger, Mongolen, Russen? Von letzteren waren Wikinger und Mongolen Barbaren und weitgehend im Naturzustand geblieben, erstere dagegen Menschen der Zivilisation, die sich weit von der Natur entfernt haben, sie intensiv ausbeuten und dadurch überzivilisiert, dekadent geworden sind. Und was die Russen betrifft, so haben sie sich Technik und Naturwissenschaften aus dem Westen angeeignet, jedoch gegenüber der westlichen Zivilisation (bis heute) eine gesunde innere Distanz, ein gesundes Misstrauen behalten, so dass sie sich ihr nicht mit Haut und Haaren ergaben, ihr nicht ihre Seele verkauften - daher sind sie weniger dekadent und weitaus weniger von Schuldgefühlen heimgesucht.

Zum Abschluss kehren wir zurück zum Heerlager der Heiligen!
Sehen wir uns eine Rede von Jean Orelle, dem Sprecher der französischen Regierung, an:

"Meine Herren", sprach der Minister, "was für einen Unterschied macht es, ob diese Flotte, die sich den abendländischen Gefilden nähert, nun an der Küste Frankreichs, Englands oder Deutschlands landet? Denn ihre Anklage, die sich mit letzter Kraft einen Weg in unser verhärtetes Gewissen bahnt, trifft uns alle. Die privilegierten Nationen der Welt können ihre Ohren nicht mehr vor der ewigen Frage verschließen, die ihnen ein letztes Mal und auf solch tragische Weise gestellt wird: Kain, wo ist dein Bruder? Glauben Sie nicht, meine Herren, dass Frankreich die Pflicht hat, Farbe zu bekennen und brüderlich zu antworten? Etwa, indem es schon jetzt einen Aufnahme- und Integrationsplan vorschlägt, der unserem materiellen und moralischen Reichtum entspricht? Wenn der historische Augenblick gekommen ist, müssen wir die Zeichen der Zeit erkennen und unseren Egoismus besiegen!"    (S. 85)

"Kain, wo ist dein Bruder?" - Orelle zitiert aus der Bibel, was seine Adressaten, Mitglieder der französischen Regierung, die vorwiegend säkular eingestellt sind, offenbar nicht stört - Raspail erweist sich auch hier als Prophet: "Es ist unerträglich, wenn Asylbewerberheime geschändet werden!", tönte Merkel schon im Dezember 2014, als unbewohnte, für Asylanten vorgesehene Wohnhäuser in Brand gesteckt wurden. "Geschändet" werden Kirchen, Moscheen, Friedhöfe, also Orte und Gebäude, die sakral sind, Wohnhäuser aber sind profan. Merkels Wortwahl ist kein Zufall, denn die Aufnahme der Asylanten gleicht einer religiösen Handlung. Die Pfarrerstochter und Bundeskanzlerin aus einer Partei mit dem C im Namen ist da einmütig zusammen mit Exstalinisten, die in den 70ern in einer atheistisch-maoistischen Kaderpartei waren, auf ihre alten Tage fromm geworden und heute bei den GRÜNEN sind.
Und noch mehr verrät der Bibelspruch, den Orelle als politischen Slogan zitiert: Die Franzosen sind Kain, die Invasoren aus der Dritten Welt Abel - alle Menschen sind Brüder. Nationen, Grenzen, kulturelle Unterschiede gelten nichts und werden abgeschafft.
Und weiter: Im Alten Testament ist Abel Viehzüchter, sein Nomadentum steht für karges, bescheidenes Wüstenleben, Kain dagegen Ackermann, der seßhaft und zum Stadtgründer wird, der Mutter Erde mit dem Pflug verletzt, um die Natur intensiver auszubeuten, der den Grundstock für urbane Üppigkeit legt. Kain steht für den zivilisatorischen Fortschritt, die Ermordung des Schafhirten symbolisiert die Ablösung des Nomadentums durch Landwirtschaft, Sesshaftigkeit und beginnende Urbanität, in der Bibel ein sündiger Gewaltakt, der für die Urschuld des zivilisatorischen Fortschritts steht. Nimmt Kain, die Industrienation Frankreich, hunderttausende von armen Abels auf, kann sie die Urschuld wiedergutmachen, den Bruch heilen - hoffen die Linken. Orelle appelliert an religiöse Bedürfnisse, die bei säkulären Linken tabuisiert und verdrängt sind, aber im Unterbewusstsein weiterwirken und Tribut fordern. Solch ein Tribut, Menschenopfer, die Linke zur Beschwichtigung ihres Gewissens darbrachten, waren die weißen Mädchen von Rotherham, die Einwanderern zur sexuellen Ausbeutung überlassen wurden. Spätestens dann wird der masochistische Selbsthass des westlichen Gutmenschen kriminell, wenn er zur Beschwichtigung seines Gewissens unschuldige Menschen seinem Moloch Dritte Welt opfert.



1) Vgl. Stephen Arata: The Occidental Tourist: "Dracula" and the Anxiety of Reverse Colonization

2) Zu Draculas irischem Migrationshintergrund ausführlich Joseph Valente: Dracula's Crypt. Bram Stoker, Irishness, and the Question of Blood. 2002

3) H. G. Wells: Krieg der Welten. Diogenes 2005 - Übersetzung: G. A. Crüwell und Claudia Schmölders. Auch die folgenden Zitate stammen aus dieser Ausgabe.

4) Zitiert wird aus der Ausgabe, die Martin Lichtmesz für den Verlag Antaios übersetzt hat.

5) Einen deutschen Cong forderte der Studentenführer Rudi Dutschke auf dem Internationalen Vietnam-Kongress im Februar 1968 in Westberlin:

"Wenn sich dem Viet-Cong nicht ein amerikanischer, europäischer und asiatischer Cong zugesellt, wird die vietnamesische Revolution ebenso scheitern wie andere zuvor."

Den meisten seiner linksradikalen Zuhörer dürfte er aus dem Herzen gesprochen haben. Der westdeutsche Cong wurde die RAF. Sie definiert im SPIEGEL-Interview "die Rolle der Bundesrepublik gegenüber den Ländern der Dritten Welt als Partei in den Kriegen, die der US-Imperialismus gegen sie führt, als 'Stadt' im weltrevolutionären Prozess der Einkreisung der Städte durch die Dörfer."

Die Dörfer sind die Länder der Kolonisierten, mit denen die 68er sich identifizierten.

6) Bei Wells S. 253, im Kapitel Der Tod des Kuraten, in Stokers Dracula gegen Ende des 21. Kapitels

   
 
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