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SÖHNE UND TÖCHTER DES SONNENGOTTS IN JOHN WYNDHAM KUCKUCKSKINDERN


In John Wyndhams Roman Midwich Cuckoos, der 1957 erschien und 1960 als Village of the Damned verfilmt wurde, werden in dem fiktiven englischen Dorf Midwich alle Menschen und Tiere in einem Kreis von zwei Meilen Durchmesser für einen Tag bewusstlos und alle Frauen in gebärfähigem Alter schwanger, was ein UFO bewirkt hat, das in Midwich gelandet und vor dem Ende der allgemeinen Bewusstlosigkeit wieder weggeflogen ist. Wie sah das UFO genau aus? Was hatte es für eine Besatzung? Hatte es einen oder mehrere Insassen? Wie wurden Menschen und Tiere in Schlaf versetzt? Wie wurden die Frauen geschwängert? Durch Insemination? Durch geheimnisvolle Strahlen? Das alles erfährt der Leser nicht, so dass er sich in seiner Fantasie alles Mögliche ausmalen kann. Einige Rückschlüsse auf den oder die mysteriösen außerirdischen Besucher sind aber durch die Kinder möglich, die in Midwich als Folge dieses Ereignisses geboren werden, da sie Eigenschaften ihres Erzeugers geerbt haben.
Übermenschlich sind zum Beispiel ihre Lernfähigkeit und  ihr Vermögen, Tieren oder Menschen durch Telepathie ihren Willen aufzuzwingen, die sich nur durch ihre außerirdische Abkunft erklären lassen. Und ihre Augen und andere, weniger markante Merkmale. Zugleich sind sie Menschenkinder, nicht nur körperlich, sondern auch seelisch: Ihr kindlich-spontanes Verhalten und ihre Vorliebe zu Pfefferminzbonbons lassen sie menschlicher und weniger dämonisch erscheinen:

Before I could open the car door to get out, the front door of the house was pulled violently back, and a dozen or more of the Children ran excitedly down the steps with a scattered chorus of 'Hullo, Mr Zellaby.' They had the rear doors open in a moment, and two of the boys began to hand things out for the others to carry. Two girls dashed back up the steps with the microphone, and the roller screen, another pounced with a cry of triumph on the jar of bullseyes, and hurried after them.

There was nothing odd or mysterious about the Children now unless it was the suggestion of musical-comedy chorus work given by their similarity.

Sie haben also sowohl menschliche als auch übermenschliche Eigenschaften, was ja auch ihrer Abkunft entspricht: Ihre Mütter sind Menschen, ihr Vater (oder ihre Väter) ein den Menschen überlegenes Wesen. Dadurch stehen sie in der Tradition antiker Sagengestalten wie Herkules, Äskulap, Aeneas oder Romulus und Remus, die man Heroen nennt oder auch Halbgötter, da oft ein Elternteil ein Mensch und das andere Elternteil, meistens der Vater, eine Gottheit ist. So ist Herkules‘ Vater der oberste Gott Zeus, seine Mutter Alkmene, Gattin des Amphitryon. Äskulaps Vater ist Apoll, seine Mutter die Königstochter Koronis. Aeneas‘ Vater ist der trojanische Fürst Anchises, seine Mutter die Liebesgöttin Aphrodite. Vater von Remulus und Remus ist der Kriegsgott Mars, ihre Mutter die Priesterin Rhea Silvia. Solche Halbgötter werden zu Wohltätern wie Herkules, der die Menschheit von Ungeheuern befreit, oder Äskulap, der als Heilgott Kranke gesund macht, zu Führern wie Aeneas, der Trojaner, die den Untergang ihrer Stadt überlebt haben, zu einer neuen Existenz in ein gelobtes Land, Italien, führt, oder zu Gründern wie Romulus und Remus, die Rom gründen. In die Reihe dieser Halbgötter oder Heroen gehört – aus der Sicht der vergleichenden Religionswissenschaft – auch Jesus, denn seine Mutter Maria ist ein Mensch, sein Vater (ein) Gott. Auch er ist Höherem bestimmt, zum Messias. Seine übermenschliche Potenz offenbart er wie auch der Nachwuchs des Aliens in Midwich schon als Kind, wodurch er nicht nur die Bewunderung der Mitbewohner in seinem Dorf erregt, sondern ihnen auch unheimlich, ja verhasst wird – davon berichtet das apokryphe Kindheitsevangelium nach Thomas. Besonders in folgenden Episoden erinnert das göttliche Kind an seine Nachfolger in Midwich:
Jesus tötet einen Mitmenschen, von dem er sich angegriffen fühlt (Kapitel 4), was auch die goldäugigen Kinder mit Jim Pawle machen, der mit seinem Auto eines von ihnen versehentlich angefahren hat:

Jesus ging wieder einmal durch das Dorf, als ein Junge angelaufen kam und ihn anrempelte. Er wurde wütend und sagte: „Du sollst deinen Weg nicht weiter gehen!“ Sogleich fiel der Junge um und war tot.          (1)

Auch Angehörige des Toten fallen dem Knaben zum Opfer, als sie gegen ihn vorgehen. Im Kindheitsevangelium schlägt das Jesuskind die Eltern des Mordopfers mit Blindheit, weil sie sich bei seinem Vater Joseph beschweren, in den Kuckuckskindern trifft es David, den Bruder von Jim. Ihn zwingen die Kinder zum Selbstmord, als er zur Vergeltung eines von ihnen erschießen will (Kapitel 4-5):

Und die Eltern des toten Jungen liefen zu Joseph. Sie machten ihm Vorwürfe und sagten: „Du kannst mit so einem Kind nicht bei uns im Dorf wohnen. Bring ihm doch lieber bei, zu segnen, anstatt zu verfluchen. Denn er bringt unsere Kinder um!“
Da rief Joseph seinen Sohn zu sich, nahm ihn sich vor und maßregelte ihn: „Warum tust du so etwas? Die Leute müssen leiden und dann verabscheuen und verfolgen sie uns.“ Jesus sagte zu ihm: „Ich weiß, dass dies nicht deine Worte sind. Dennoch sage ich lieber nichts, weil du es bist. Diese Menschen aber sollen ihrer Strafe nicht entgehen!“ Er hatte es kaum gesagt, da erblindeten die Leute, die ihn beschuldigt hatten. Und alle, die es sahen, bekamen große Furcht.

Als der Lehrer Zachäus dem Jesuskind Unterricht erteilen will, macht es ihm mit seiner übermenschlichen Intelligenz Angst, so dass er es loswerden will, was auch für Zellaby, einen gebildeten Einwohner von Midwich, gilt, der die goldäugigen Kinder unterrichtet und es alsbald für notwendig hält, sie zu beseitigen (Kapitel 7):

Als der Lehrer diese komplizierte und ausgeklügelte Erläuterung des ersten Buchstabens aus dem Mund des Jungen hörte, wurde er in Anbetracht seiner gelehrten Beweisführung verlegen und sagte zu den anderen Zuhörern: „Ach, ich Unglücksvogel, jetzt bin ich aber in die Enge gedrängt. Da habe ich etwas angerichtet, als ich dieses Kind unterweisen wollte. Nimm ihn bitte wieder mit nach Hause, Joseph. Ich ertrage seinen strengen Blick nicht, auch nicht seine gefühllose Art zu reden. Dieser Junge ist nicht von dieser Welt. Er kann auch Feuer bezwingen.

Einen Erwachsenen, der ihn ohrfeigt, lässt er in Kapitel 14 ohnmächtig werden, was an das Schicksal des für Midwich zuständigen Polizeipräsidenten erinnert, der einen der goldäugigen Jungen verhört und dabei beschimpft und bedroht, um ihn einzuschüchtern. Das Kind versetzt ihn in einen Krampfanfall, wodurch er die Respektsperson zur Schnecke macht. Durch solche Maßnahmen erregen die göttlichen Kinder den Zorn ihrer irdischen Mitmenschen, wodurch sie in Gefahr geraten, gelyncht zu werden, was auch für das Jesuskind gilt:

Joseph sah, dass Jesus älter, reifer  und vernünftiger wurde und so beschloss er noch einmal, dass er das Schreiben lernen sollte. Er ging mit ihm zu einem anderen Lehrer. Dieser sagte zu Joseph: „Ich will ihm erst Griechisch, dann Hebräisch beibringen.“ Der Lehrer hatte von den Kenntnissen des Knaben gehört und fürchtete sich vor ihm. Dennoch schrieb er ihm das Alphabet auf und las es ihm eine Weile immer wieder vor, doch Jesus schwieg. Später sagte Jesus: „Wenn du wirklich Lehrer bist und die Buchstaben genau kennst, dann erkläre mir etwas über die Bedeutung des Alpha. Danach erkläre ich dir dann das Beta.“ Der Lehrer war verletzt und gab Jesus eine Ohrfeige. Da das dem Jungen wehtat, verfluchte er den Lehrer. Der wurde sofort ohnmächtig und fiel auf sein Gesicht. Und Jesus ging wieder nach Hause zu Joseph. Der aber war traurig. Damit die Leute Jesus nicht töteten, ordnete Joseph an, dass seine Mutter ihn nicht mehr vor die Tür lassen sollte.

Dafür, dass die Kinder von Midwich moderne Jesuskinder sind, künftige Messiasse, spricht auch anderes. Ein Messias, von dem die Menschen lernen und sich leiten lassen, der also eine geistige und oft auch eine politische Autorität ist, trifft nicht bei allen auf Begeisterung. Viele sehen in ihm einen Konkurrenten, der ihre Macht bedroht, und wollen ihn beseitigen. So im Neuen Testament Herodes, den die Römer als Staathalter in Galiläa eingesetzt haben. Er organisierte deshalb eine Mordaktion, die alle neugeborenen Knaben in Bethlehem traf, den sogenannten Kindermord des Herodes, der im englischen Sprachraum Massacre of the Innocents heißt. So wird auch im Roman eine Maßnahme bezeichnet, die man in Erwägung zieht, um die überirdischen Kinder zu beseitigen: Man will Midwich bombardieren. Weil dabei aber auch harmlose Engländer getötet würden, wird dieser Plan als „massacre of innocents“ verworfen – es ist eine biblical allusion, die das den Kindern zugedachte Schicksal vorhersagt und als Wiederholung der herodianischen Mordaktion deutet: Die göttlichen Kinder, die schon die aufgebrachten Dorfbewohner lynchen wollten, werden am Schluss des Romans in die Luft gesprengt.
Darauf, dass die Kinder von Midwich moderne Jesuskinder sind, weist auch der Begriff „parthenogenesis“, also „Jungfernzeugung, Jungfrauengeburt“ hin, der im Roman in einem Gespräch zweier gebildeter Bewohner von Midwich, die sich die Natur dieser wunderbaren Zeugung zu erklären versuchen, auftaucht. Parthenogenese lässt natürlich an die biblische Maria denken, die Mutter des Gottessohnes wurde, aber Jungfrau blieb.

Sind die Kinder von Midwich also moderne Jesuskinder, muss ihr Erzeuger der Gott der Christen sein. Religionsgeschichtlich betrachtet ist der christliche Vatergott der Nachfolger antiker männlicher Himmelsgötter wie Zeus oder Jupiter, die den unteren Gottheiten der Erde, die weiblich-mütterlich sind, gegenüberstehen. Ihr Herrscher ist bei den Griechen der Himmelsgott Zeus. Sie nennen ihn Megas Aither „Mächtiges Luftreich“ (2). Zum Luftreich gehören die oberhalb der Erde herrschenden Elementargewalten Sonne, ihr Licht und ihre Wärme, Wind und Regen, die gerne zum Sturm anwachsen, und natürlich Gewitter mit Donner und Blitz, als männliche Numina verehrte und gefürchtete Naturpotenzen, die auf die Mutter Erde einwirken und sie befruchten.
In vielen Religionen ist die Sonne der oberste Gott, der mit seinem Licht und seiner Wärme neues Leben auf der Erde zeugt. Auch Zeus war, bevor er Menschengestalt annahm, auf seiner ursprünglichen barbarisch-naturreligiösen Stufe die Sonne und Bringer der Tageshelle, woran noch die etymologische Verwandtschaft seines Namens (Zeus < *Djeus) mit lateinisch dies "Tag" erinnert (3). In dieser Eigenschaft war er gemeinsamer Gott der Indogermanen. Bei den Römern hieß er Juppiter. Der römische Gelehrte Macrobius überliefert in seinen Saturnalia (1,15):

Da wir nämlich Iupiter als Urheber des Lichtes auffassen, weshalb ihn auch die Salier in ihren Liedern als Lucetius (Lichtbringer) besingen und die Creter ihn "Gott des Tages" (Dia ten hemeran) nennen, bezeichnen ihn auch die Römer als Diespiter, nämlich als Vater des Tages (4)

Wer die Sonne anbetet, verehrt "in der Sonnenkraft die große Zeugungskraft der Natur" (5) - so Sitting Bull, ein naturfrommer Häuptling der Sioux:

Seht, Freunde, der Frühling ist da. Die Erde hat sich freudig von der Sonne umarmen lassen, und bald werden wir die Kinder ihrer Liebe sehen. Jeder Same ist erwacht, jedes Tier lebt. Dieser göttlichen Kraft verdanken auch wir unser Dasein. Darum gestehen wir unseren Mitgeschöpfen, Menschen und Tieren, das gleiche Recht wie uns selbst zu, dieses weite Land zu bewohnen.

Eine Religion, in der die Natur verehrt wird wie durch Sitting Bull, nennt man Naturreligion. Sie war die Religion ursprünglicher, von der Zivilisation noch unverdorbener Menschen, die wir heute Naturmenschen nennen: Indianer und Schwarzafrikaner vor der Ankunft der weißen Kolonisatoren, oder unsere Vorfahren, die Germanen mit ihrem Baumkult, den das Christentum, das die zivilisierten Römer brachten, bekämpfte und überwand, aber nicht ganz: Im Naturschutz der GRÜNEN, im Kult um den Hambacher Forst zum Beispiel lebt ein Rest altgermanischer Naturreligion weiter. Wird heute von Naturreligion gesprochen, so schwingt oft Herablassung mit, eine abfällige Sicht auf etwas Primitives, Überwundenes. Denn der moderne westliche Mensch betet Natur nicht mehr an, sondern beherrscht sie und beutet sie aus.
Zur Überwindung der Naturreligion gehört, dass aus der Naturkraft Sonne eine personale Gottheit, ein göttliches Wesen mit menschlicher oder menschähnlicher Gestalt wird: bei den Griechen Zeus, bei den Römern Juppiter, ein potenter reifer Mann im Alter eines Familienvaters – auch den christlichen Gott stellen sich viele Gläubige so vor. Denn wenn Menschen sich über die Natur erheben, also „zivilisiert“ werden, geschieht das auch mit ihren religiösen Vorstellungen und der Sonnengott verliert seine Eigenschaften als Naturkraft, was aber nicht vollständig gelang, auch im Christentum nicht. Spuren haben überlebt. Das zeigt sich zum Beispiel auf Gemälden alter Meister, die darstellen, wie Maria durch einen Sonnenstrahl befruchtet wird:

Fra Angelico: Die Verkündigung

Die Naturkraft Sonne ist es, die mit einem phallischen Strahl  Maria schwängert, deren Körper auch Natur ist wie Mutter Erde, auf die die Sonne mit ihrem Licht und ihrer Wärme lebenfördernd einwirkt. Christus ist der Sohn des Sonnengotts und weist auch Merkmale auf, die seine Abkunft von seinem himmlischen Erzeuger verraten. Zum Beispiel das Licht, das von ihm ausgeht: „Sein Antlitz leuchtete wie die Sonne“ (Matthäus 17,2), als er sich auserwählten Jüngern in verklärter Gestalt zeigte. Verklärt kann man auch die Gesichter der Kinder in Wyndhams Roman nennen, die sich mit der „curious lucency of the skin“ aus der Masse ihrer irdischen Mitmenschen durch ihre göttliche Abkunft herausheben. Am markantesten aber zeigt sich ihre Abstammung  in ihren goldenen Augen, in deren „quality of glowing gold“, was auch C. G. Jung feststellt und sie „Sonnenkinder“ nennt (6). Was folgt daraus für die Interpretation des Romans? Die Kuckuckskinder gehören zur Invasionsliteratur, in der sich die Angst der britischen Kolonialherren spiegelt, dass der Spieß umgedreht und zur Strafe ihr Land durch Invasoren heimgesucht wird, so wie sie einst die von ihnen kolonisierten Länder heimsuchten. Ein Beispiel ist H. G. Wells‘ dystopischer Roman Krieg der Welten. Die Aliens vom Mars, die Großbritannien besetzen, stehen für Eindringlinge aus der Dritten Welt, die sich für ihre Kolonisierung durch die imperialistische Metropole rächen – solche Fantasien, die von der Literaturwissenschaft reverse colonization genannt werden (7), fließen aus dem Schuldgefühl der westlichen Kolonialmächte. Zur Kolonisierung eines Landes gehört immer auch die Vergewaltigung und sexuelle Ausbeutung seiner Mädchen und jungen Frauen, deshalb ist das, was den Frauen von Midwich angetan wird, ein Akt von reverse colonization. Da dieser Akt von einem Alien, der an den christlichen Himmelsgott erinnert, ausgeführt wird, kann man darin eine von Gott verhängte Strafe für kolonialistische Untaten sehen, eine Strafe in Gestalt ungeliebter, ja gefürchteter Besatzungskinder. Welchen Sinn hat es aber, dass die Kinder, die aus diesem Akt hervorgehen, nicht nur Besatzungskinder oder gar bedrohliche Invasoren wie zum Beispiel die Aliens in Krieg der Welten sind, sondern zugleich Gotteskinder, Messiasse, von denen die Briten lernen und sich leiten lassen können? Vielleicht lässt es sich so erklären: In seinem Unterbewusstsein glaubte Wyndham, dass der durch Reichtum dekadent gewordenen, überzivilisierten westlichen Kolonialmacht Großbritannien eine Blutauffrischung aus einer anderen Welt, zum Beispiel aus der von der Zivilisation noch wenig angekränkelten Dritten Welt guttäte, so wie der vergreisenden niedergehenden römischen Zivilisation eine Blutauffrischung durch germanische Einwanderer im Zuge der Völkerwanderung guttat. Wobei die Bedingungen für das Zusammenleben von Alteingesessenen und Neuangekommenen freilich neu ausgehandelt wurden, wie das Aydan Özoguz als Integrations- und Flüchtlingsbeauftragte der Bundesregierung auch für das Einwanderungsland Deutschland gefordert hat.
Dass Wyndhams Unterbewusstsein in gefährlichen Halb-Aliens zugleich Heilsbringer sieht, kann als ein (fiktives) Vorspiel des heute unter deutschen Gutmenschen herrschenden Flüchtlingskults gesehen werden: Schon damals, 1957, wurden – wie die Politikerin der GRÜNEN Katrin Göring-Eckardt 2015 jubelte – einem Land des Westens Menschen geschenkt.

Zugleich kann man in den Kindern Aggressoren sehen, die nicht aus der Dritten, sondern aus der Zweiten Welt kommen, um Großbritannien zu unterwerfen, denn in dem 1957 erschienenen Roman spiegelt sich auch die westliche Kommunistenfurcht im Kalten Krieg (8). Die Kinder verkörpern das Ideal des Kollektivismus, also Bindung und Hingabe an ein Kollektiv: Nation (Abstammungs- bzw. Schicksalsgemeinschaft), Familie, Armee, Glaubensgemeinschaft (Kirche, Umma, Sekte, Partei). Dieses Ideal herrschte im kommunistischen Ostblock und war dem westlichen Ideal des Individualismus, der Freiheit des Einzelnen, entgegengesetzt. Die Kinder bilden aufgrund ihrer gemeinsamen Abstammung und ihres gemeinsamen Schicksals ein Kollektiv, das einer Großfamilie, einem Clan, einer Parallelgesellschaft gleicht und so stark zusammenhält, dass es sich nicht aufbrechen lässt. Zusammengeschmiedet werden die Kinder auch durch group mind: Die Mädchen haben eine gemeinsame Kollektivseele und die Jungen ebenfalls. Auch ihre einheitliche Kleidung, in der sich ihre Mentalität von „institutionalism“ symbolisiert, lässt an die Uniformen einer totalitären Jugendorganisation wie die sowjetischen Pioniere denken (9). Wie auch George Orwell und andere befürchtete Wyndham offenbar eine Sowjetisierung seines Heimatlandes. Zugleich war ihm klar, dass der westliche Individualismus auch seine Schattenseiten hat: Denn im Roman lässt er eine der ungewollt schwangeren Frauen, Mrs Leebody, heftige Schuldgefühle wegen einer Abtreibung  empfinden, und eine andere ungewollt Mutter gewordene Frau, Mrs Brinkman, wird von ihrem Kind gezwungen, es während eines Spaziergangs aus dem Kinderwagen zu nehmen, sich mit ihm am Fuß des Kriegerdenkmals (War Memorial) niederzulassen und  ihm die Brust zu geben – das Bild, das sie an diesem Ort als stillende englische Mutter abgibt, kommentiert Mister Zellaby so: „My dear, it’s classical. One of the great symbols.“ Welchen Sinn hat diese Szene? Wir wagen folgende Interpretation: Solch ein Kriegerdenkmal ist britischen Soldaten gewidmet, die im Ersten oder zweiten Weltkrieg gefallen sind. Ihrer waren in beiden Kriegen viele. Solch ein Blutzoll, den ein Volk geleistet hat, wird in der Regel dadurch ausgeglichen, dass nach dem Krieg viele Kinder geboren werden. In Midwich zumindest ist das der Fall: Die Frauen des fiktiven englischen Dorfes erfüllen ihre patriotische Pflicht. Dazu passt die Rolle, die dasselbe Kriegerdenkmal als Symbol im Schicksal von Mrs Leebody spielt: Ihre Schuldgefühle, die aus ihrer Abtreibung fließen, zwingen sie, ausgerechnet vor diesem War Memorial öffentlich Buße zu tun:

Mrs Leebody took up a position on the lowest step of the War Memorial, and began to speak. She was dressed for the occasion in a garment of hessian, her feet were bare, and there was a smudge of ash on her forehead.

Offenbar drängte sich Wyndham der Gedanke auf, dass zumindest ein gewisses Maß an Kollektivismus, wie ihn die goldäugigen Kinder verkörpern, seinem durch übergroßen Individualismus dekadent gewordenen, geschwächten Heimatland guttäte. Dieser Gedanke ist jedoch nicht nur äußerst unpopulär, sondern auch kränkend, so dass er ihn verteufelt und verdrängt hat. Verdrängtes ist jedoch nicht weg, sondern taucht aus dem Unterbewusstsein auf anderen Wegen wieder auf, oft in dämonischer Gestalt. Wie die unheimlichen Kinder in Wyndhams Roman. Eine Sowjetisierung Englands, die Wyndham offenbar nicht nur befürchtete, sondern auch unbewusst als Gegengift gegen die westliche Dekadenz erhoffte – was unter Intellektuellen damals gar nicht so selten war – hätte sein Vaterland weniger dekadent, aber auch weniger frei gemacht. „Eine gesunde Portion totalitärer Kollektivismus sowjetischer Prägung täte uns Briten gut, weil wir dadurch weniger dekadent würden“ – so lässt sich der Gedanke formulieren, der in Wyndham aufkeimte und sich in sein Bewusstsein drängen wollte wie die Kinder, die ihn verkörpern, sich ins Leben der Frauen, die ungewollt mit ihnen schwanger sind, drängen wollen. Wie  es die Kinder drängt, das Licht der Welt in Midwich zu erblicken, von ihren Eltern geliebt und großgezogen zu werden, um schließlich die britische Gesellschaft zu prägen, so will der Wunsch nach mehr Kollektivismus für England in Wyndhams Bewusstsein das Licht der Welt erblicken, geliebt und propagiert werden. Doch der Gedanke stößt auf keine Gegenliebe, keine Willkommenskultur, was auch für die Kinder, die ihn personifizieren, gilt – viele der ungewollt schwangeren Frauen hätten sie am liebsten verhütet oder abgetrieben, wie Wyndham den Gedanken gar nicht erst hochkommen lassen oder wieder verdrängen wollte. Da er sich aber nicht abweisen ließ, wurde er dämonisiert, was auch mit den Kindern geschah, die ihn verkörpern – andernfalls hätte Wyndham Kommunist werden müssen. Zumindest Salonkommunist, wie der Autor dieses Textes einer war, in den 1970ern, etwa drei Jahre lang, bis er resignierte, weil Freiheit des Westens und Reduzierung der Dekadenz wohl nicht zusammengehen.



1)  Alle Zitate aus dem übersetzten Kindheitsevangelium stammen von minerva79.de

2) Sophokles: Ödipus auf Kolonos 1471 – Übersetzung: W. Willige

3) Der Nominativ Zeus, der lautgesetzlich aus *Djeus (Dehnstufe) entstand, zeigt die Verwandtschaft mit dies nicht mehr so gut wie die obliquen Casus, zum Beispiel der Genitiv Dios < *Di(v)os, das mit lateinisch divus "göttlich", dem Adjektiv zu deus "Gott", verwandt ist. Dass ursprünglich ein oberer Gott, Himmelsgott, gemeint war, zeigt dieses Adjektiv noch in Ausdrücken wie sub divo "unter freiem Himmel, im Freien".

4) Übersetzung: Otto und Eva Schönberger

5) C. G. Jung: Symbole der Wandlung § 135 (GW 5)

6) In seiner UFO-Abhandlung Ein moderner Mythus: Von Dingen, die am Himmel gesehen werden (Gesammelte Werke 10):
„Die eigenartige Parthenogenese und die goldenen Augen weisen auf Verwandtschaft mit der Sonne hin und kennzeichnen die Kinder als göttlicher Abkunft. Ihre Väter scheinen Verkündigungsengel zu sein, die von ‚überhimmlischem Orte‘ herabgekommen wären, um sich der Dummheit und Rückständigkeit des Homo sapiens anzunehmen.“ (S. 472)

7) Vgl. Stephen D. Arata: The Occidental Tourist: „Dracula“ and the Anxiety of Reverse Colonization. In: Victorian Studies Vol. 33 Nr. 4 (Summer 1990)

8) Dass man sich unter den Kindern Aggressoren aus der Zweiten und zugleich aus der Dritten Welt vorstellen kann, ist kein Widerspruch. Antiwestliche revolutionäre Kräfte wie in Vietnam wurden in der Zeit des Kalten Krieges massiv von der Sowjetunion unterstützt, was sich zum Beispiel in Wyndhams Roman Die Triffids spiegelt. Die Triffids sind Killerpflanzen, die von der Dritten Welt aus nach Großbritannien einwandern, ursprünglich aber aus der Sowjetunion stammen, wo sie gezüchtet wurden. Zur Deutung der Kinder als „fifth column“ des Ostens vgl. Andrew Hammond: Cold War Stories. British Dystopian Fiction, 1945-1990, S. 75.

9) Der totalitäre Charakter des Kinderkollektivs wird auch von C. G. Jung (a.a.O., S. 473) festgestellt:
„Andererseits hat es mit diesen Kindern eine ausgesprochen verdächtige Bewandtnis: sie sind nicht individuell gesondert, sondern leben in einem dauernden Zustand von participation mystique, das heißt unbewusster Identität, welche individuelle Differenzierung und Entfaltung ausschließt. Wäre ihnen frühe Vernichtung erspart geblieben, so hätten sie eine völlig einförmige Gesellschaft gegründet, deren tödliche Langeweile genau dem Ideal eines marxistischen Staates entspräche.“

   
 
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