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Есть в осени первоначальной
Короткая, но дивная пора -
Весь день стоит как бы хрустальный,
И лучезарны вечера...

 Где бодрый серп гулял и падал колос,
Теперь уж пусто всё - простор везде,-
Лишь паутины тонкий волос
Блестит на праздной борозде.

Пустеет воздух, птиц не слышно боле,
Но далеко ещё до первых зимних бурь -
И льётся чистая и тёплая лазурь
На отдыхающее поле...

Im Frühherbst
Gibt es eine kurze, aber wunderbare Zeit -
Der ganze Tag ist wie kristallen,
Und die Abende leuchten...

Wo die Sichel sich munter tummelte und die Ähre fiel,
Ist jetzt schon alles leer - weiter, freier Raum überall, -
Nur ein feines Spinnwebhaar
Glänzt auf einer leeren, müßigen Furche.

Die Luft wird leer, Vögel sind nicht mehr zu hören,
Doch noch ferne sind die ersten Winterstürme -
Und es fließt des Himmels reine und warme Bläue
Auf das Feld, das sich erholt...


Im Mittelpunkt des Gedichts stehen zwei Symbole: ein Spinnfaden, wie man ihn im Altweibersommer durch die Luft fliegen sieht, und eine leere (1) Ackerfurche.
Der Acker ist ein mütterlich-weibliches Symbol und steht für die archetypische Vorstellung von der Mutter Erde, die uns Menschen mit den Pflanzen und Früchten, die sie hervorbringt, ernährt wie eine Mutter ihre Kinder. Symbol für Befruchtung ist das Säen. Doch in diesem Gedicht ist die Erde zwar aufgerissen, daher die Furche, sie wird den Samen aber erst nach dem Winter empfangen. Jetzt, im Herbst, ist die Furche leer und müßig - die Erde genießt eine Zeit der Ruhe und Erholung, absolviert ist der wüste, schmerzvolle Sommer, die Zeit des Werdens und Vergehens, des Zeugens, Wachsens und Aberntens, des Fressens und Gefressenwerdens.
Nun zum Spinnwebfaden. In einem zoologischen Fachbuch lesen wir:

"Man kann wohl mit Recht sagen, dass die Spinnen alle auf dem Land verfügbaren ökologischen Nischen besetzt haben.
Aus dieser ausgedehnten Verbreitung ergibt sich die Frage, wie es den Spinnen gelingt, auch abgelegene Gebiete (z.B. Inseln) zu besiedeln. Hierfür wird vor allem die Fähigkeit vieler Jungspinnen, sich über weite Strecken durch die Luft verfrachten zu lassen, verantwortlich gemacht. Dieses Fliegen am eigenen Faden ("ballooning") wird aktiv eingeleitet, indem sich die Spinne auf "Zehenspitzen" gegen den Wind stellt, den Hinterleib schräg aufwärts richtet und einen Faden austreten lässt. Dieser wird vom Luftzug erfasst und hebt die Spinne mit vom Untergrund ab. Meistens werden die Spinnen nur über kurze Strecken verweht - unter günstigen Windbedingungen können aber auch erstaunliche Höhen und Entfernungen erreicht werden. ... Darwin berichtet in seinem Tagebuch (1832) von unzähligen kleinen Spinnen, die sich 100 km vor der südamerikanischen Küste in der Takelage des Forschungsschiffes Beagle verfingen.
...
Natürlich überleben nur wenige der "Aeronauten": Viele werden unterwegs von Vögeln (z.B. Schwalben) gefressen, andere landen auf offenem Wasser oder in einem anderen völlig ungeeigneten Lebensraum." (2)

Wichtig für unsere Interpretation ist auch, was dort zur Überwinterung der Spinnen steht:

"Etwa 85 % unserer heimischen Spinnenfauna überwintert in der Bodenzone, vor allem in der gut isolierenden Streuschicht. Die meisten Spinnen nehmen dabei eine Starrestellung ein ... , bei der die Beine eng an den Körper gezogen werden, so dass die Körperoberfläche klein gehalten wird. Das Mikrohabitat der Bodenstreuzone schützt sowohl vor Temperaturextremen als auch vor Austrocknung." (3)

Lyrik, die sich Inspiration verdankt, übersteigt oft die persönliche Weisheit des Dichters. Deshalb muss hier nicht recherchiert werden, ob die Naturforscher 1857, als das Gedicht entstand, schon wussten, was es mit den Spinnfäden des Altweibersommers auf sich hat (4), ob Tjutschew es wusste, ob er überhaupt naturwissenschaftlich interessiert war.
Eine Spinne mit ihrem Altweiberspinnfaden ruht auf der leeren (oder müßigen) Furche. Mit Spinnen assoziiert man Fressen, was in der Natur Gesetz ist, aber für uns Menschen durch eine Spinne, die ihr Opfer im Netz fängt und aussaugt, auf besonders hässliche Weise verkörpert wird. Doch für die Spinne im Gedicht ist diese gemeine Aktivität zum größten Teil vorbei. Das Bild atmet Ruhe und Geborgenheit. Die Spinne hat die gefährliche Reise durch die Luft hinter sich gebracht und ist angekommen. Dort angekommen, wo sie sich bald zum Winterschaf in die Erde zurückziehen kann, um in ihrer mütterlichen Geborgenheit Kälte und Frost zu überleben und im Frühjahr zu einem neuen Leben wiedergeboren zu werden.
In diesem Herbstgedicht ist etwas zur Ruhe gekommen. Man kann es auch als Bild für den Herbst im Leben des Menschen sehen. Noch ist der Winter, der den Tod bringt, fern, aber Frühling und Sommer, die Zeit des Kämpfens, Zeugens und Erntens, sind (zum größten Teil) abgeleistet.

Auch die letzten beiden Zeilen erinnern an Frühling und Sommer, aber als überstandene Zeit:

Und es fließt des Himmels reine und warme Bläue
Auf das Feld, das sich erholt...

Mit "es fließt" übersetze ich ljotsa "es strömt" oder "es ergießt sich", das man im Russischen in Verbindung mit dozhd "Regen" benutzt: "Regen strömt" oder "ergießt sich". Regen gehört zum Treiben des Frühlings und Sommers dazu. Ohne ihn gäbe es kein Wachstum. Auch jetzt im Herbst "ergießt sich" etwas auf das leere Feld, aber kein das vegetative Leben antreibender Regen, sondern etwas Unkörperliches, Reines: Himmelsbläue - eine Metapher vielleicht dafür, dass dem Menschen im Alter, nachdem er das (grobstoffliche) Zeugen und Kämpfen abgeleistet hat und nicht mehr von dessen Dienst beansprucht wird, eher geistige Erkenntnisse, für die er nun frei und auch besonders reif ist, zuteil werden.

1) Im Gedicht steht prazdnyj als Adjektiv zur Furche. Es kann "leer", "müßig" und "untätig" bedeuten.

2) Rainer F. Foelix: Biologie der Spinnen. 2. Auflage. 1992, S. 246-247

3) a.a.O., S. 264

4) Für den, der es dennoch für wichtig hält: Laut obigem Zitat hat der Naturforscher Darwin schon 1832 in seinem Tagebuch von fliegenden Spinnen berichtet

   
 
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