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Нет, не луна, а светлый циферблат
Сияет мне, и чем я виноват,
Что слабых звезд я осязаю млечность?
И Батюшкова мне противна спесь:
"который час?" - Его спросили здесь,
А он ответил любопытным: "вечность".

Nein, nicht der Mond, sondern ein helles Zifferblatt
Leuchtet mir, - und weshalb bin ich schuldig,
Weil ich der schwachen Sterne Milchigkeit tastend wahrnehme?

Und mir ist Batjuschkows Dünkel zuwider:
"Wieviel Uhr ist es?", fragte man ihn da,
Und er antwortete den Neugierigen: "Ewigkeit!"

Der russische Dichter Konstantin Batjuschkow, dessen Wahn das lyrische Ich des Gedichts als spes "Dünkel" verurteilt, lebte von 1787-1855. "1822 brach eine Geisteskrankheit bei ihm aus, deren Symptome auf Paranoia schließen lassen. Er unternahm mehrere Selbstmordversuche, verbrannte einen Teil seiner Schriften und trug sich mit dem Gedanken, in ein Kloster einzutreten. Er lebte in dem Wahn, in einem Turm eingeschlossen zu sein, umgeben von Feinden, unter denen sich auch der Zar und sein Außenminister Graf Nesselrode befanden. Als alle Heilungsversuche, darunter ein mehrjähriger Aufenthalt in der psychiatrischen Anstalt Sonnenstein bei Dresden, gescheitert waren, lebte Batjuschkov in geistiger Umnachtung noch fast drei Jahrzehnte bei Verwandten in Moskau und Vologda. Diese dürren Daten eines Dichterlebens zeigen eine traurige Parallele zum Schicksal Hölderlins" (1).
Das möge zur historischen Gestalt Batjuschkows genügen. Mandelstams Gedicht ist durch sein Schicksal angeregt worden, will es aber nicht mit biografischer Faktentreue beschreiben, sondern hat Größenwahn, in den wir Menschen uns gerne flüchten, dichterisch gestaltet.

Der Batjuschkow des Gedichts ist wahnhaft in den ursprünglichen Narzissmus vor und kurz nach der Geburt (dessen Definition zum Verständnis meiner Interpretation notwendig ist) zurückgekehrt, wo der Mutterleib das Universum des Fötus ist, das er ganz ausfüllt, und hat sich entsprechend zu einem gigantischen Riesenbaby aufgebläht, das die Sterne berührt und ihre Milchigkeit wahrnimmt. Das Gefühl, Milchiges zu spüren, entstammt der sehnsuchtsvollen unbewussten Erinnerung an das Leben als Neugeborenes, das dadurch gekennzeichnet war, dass es von der Milch der Mutter ernährt wurde.
Zugleich lässt Milchigkeit, im Original mletsch-nost (2), den russischen Leser an Mletsch-nyj Put "Milchstraße" denken. Dem humanistisch gebildeten, mit den klassischen Sprachen und Mythen vertrauten Mandelstam wäre die Assoziation zu Gala-xis, Gala-xie, das von griechisch gala "Milch" kommt, sicher nicht unsympathisch. Die Milchstraße ist die Galaxie, zu der unser Planet Erde gehört, unsere Welt.
Auf mletsch-nost "Milchigkeit" reimt sich wetsch-nost "Ewigkeit" - der Reim verbindet zwei Begriffe, die auch eng zusammengehören, denn zu den angenehmen Seiten des allseits behüteten und umsorgten Lebens des Neugeborenen gehört neben der Milch, mit der die Mutter es ernährt, auch die Zeitlosigkeit. Über ein Kind vor oder kurz nach der Geburt hat die Zeit keine oder kaum Macht wie über einen Erwachsenen, der zum Beispiel morgens aus dem Schlaf gerissen wird, weil es Zeit ist, zur Arbeit zu gehen, oder der die Zeit zu spüren bekommt, wenn er sich ungeduldig nach dem Beginn des Feierabends sehnt. Über dergleichen Niederungen hat den Batjuschkow im Gedicht sein Wahn erhaben gemacht. Er ist wieder zum zeitlos schlummernden Säugling geworden. Die Uhr, deren Zifferblatt uns wie ein unerbittlicher Aufseher an unsere Pflicht gemahnt, dieser Anzeiger, dieses Symbol der Zeit, hat sein Wahn zum Mond umgelogen. Es leuchtet ihm zusammen mit den milchigen Sternen als Gestirn der Nacht, nicht etwas als Sonne, als Gestirn des Tages, denn der Tag ist ja die Zeit der Wachheit, Konzentration und Aktivität. Nein, zum Gestirn der Zeit der Ruhe und des Schlafes ist ihm die Uhr geworden, denn wie auch die Milch kennzeichnet kaum unterbrochener Schlaf des seligen, von der Fürsorge der Mutter umgebenen Zustand des Neugeborenen.

1) Reinhard Lauer: Geschichte der russischen Literatur. Von 1700 bis zur Gegenwart. München 2000. S. 147

2) Mletschnyj "milchig" ist die kirchenslavische Variante zu molotschnyj "milchig", das zur Alltagssprache gehört, während mletschnyj selten, veraltet und gehoben ist und als Kirchenslavismus sogar religiöse Assoziationen auslösen kann, wodurch mletsch-nost "Milchigkeit" ebenfalls zu seinem Reimwort wetsch-nost "Ewigkeit", das ebenfalls ein religiöser Begriff ist, passt - vgl. Definitionspunkt Zeitlosigkeit und Unsterblichkeit im Artikel Narzissmus auf dieser HP.
Da Milchstraße im Russischen Mletschnyj Put und nicht Molotschnyj Put heißt, liegt für den russischen Leser die Assoziation von mletsch-nost zu Milchstraße natürlich wesentlich näher als für den deutschen Leser der Übersetzung die Assoziation von Milchigkeit zu Milchstraße.

   
 
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