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Odysseus’ Ankunft im Lande der Phäaken bietet ein anschauliches Beispiel dafür, dass Rückkehr in die Mutter und Wiedergeburt im kleinen auch der Schlaf ist, den man als narzisstischen Zustand bezeichnen kann, weil wir uns in ihm von der Außenwelt mit ihren Misshelligkeiten und Kränkungen abwenden und uns in uns selbst zurückziehen, so dass er uns Ersatz für den ursprünglichen Narzissmus im Mutterleib bietet. Solch eine Rückkehr ist nötig, um unsere verbrauchten Kräfte wiederherzustellen, damit wir gleichsam neugeboren wieder zum aktiven Leben erwachen. Langer, tiefer Schlaf kann auch heilsam sein, wenn wir angeschlagen oder krank sind.
Im Schlaf, in dem unsere Wachsamkeit ausgeschaltet ist, sind wir besonders schutzlos und wollen ihn in Geborgenheit verbringen, in den eigenen vier Wänden, in einem weichen Bett, unter einer wärmenden Decke - auch das macht den Schlaf mit dem pränatalen Dasein verwandt.
Einen erholsamen, ja heilsamen Schlaf in Geborgenheit hat Odysseus im 5. Gesang dringend nötig, nachdem ihm Poseidon durch einen Sturm sein Floß zerstört hat, er beinahe ertrunken wäre und sich mit knapper Not aufs Festland gerettet hat. Nackt wie ein Neugeborenes, seelisch und körperlich angeschlagen, in tödlicher Ermattung verlangt es ihn dringend nach mütterlicher Geborgenheit. Deshalb "küsst er", nachdem er dem Wasser entronnen ist, "die nährende Erde" (5, 463) "zeidoron aruran", alma mater - dem liegt der Archetypus Mutter Erde zugrunde.
Geborgenheit findet er auch: unter zwei "dicht ineinander .. verwachsenen" Bäumen, deren Blätter ihm Bett und Decke ersetzen, ein Beispiel für den Archetypus Bäume und umrankende Pflanzen als Mutter:

"Weh mir, was werd ich erdulden? Was werd ich zuletzt noch erleben?
Wache ich hier ohne Pflege am Fluss, in der Nacht, - dann fürcht ich,
Werden mich schlimmer Reif und tauige Frische vernichten,
Wenn ich den Willen zum Leben verhauche in völliger Ohnmacht.
Kalt ja wehen die Lüfte vom Fluss her, noch ehe es Tag wird.
Geh ich indessen den Hügel hinauf in das schattige Waldstück,
Schlaf ich dann ein in den dichten Gebüschen, dann fürcht ich, ich werde
Wilden Tieren zum Raub und zum Fraß, wenn Starre und Müde
Endlich weichen von mir und der süße Schlummer herankommt."
Während er so es bedachte, erschien es ihm schließlich von Vorteil
Doch in den Wald zu gehen, den nah er am Wasser gefunden:
Weithin war er zu sehen; dort kroch er unter zwei Büsche.
Beide wuchsen am selben Fleck, ein wilder und zahmer
Ölbaum. Kräftiges Wehen von feuchten Winden gelangte
Nicht in das Innre und niemals durchstrahlte sie funkelnde Sonne;
Auch kein Regen durchrann sie: sie waren so dicht ineinander
Eins mit dem andern verwachsen. Odysseus verkroch sich in ihnen,
Brauchte sofort seine beiden Hände und raffte ein breites
Bett aus so zahllosen Haufen zusammen, dass zwei, drei Männer
Richtigen Schutz für die Tage des Winters sich schafften, und sollte
Heftigst er dräun. Der große Dulder, der hehre Odysseus,
Sah es voll Freude und schuf sich ein Bett in der Mitte und häufte
Mengen von Blättern auf sich, gerade als wäre er einer,
Der auf entferntestem Feld, wo nirgends ein Nachbar sich findet,
Brennende Stücke verbirgt unter Haufen schwärzlicher Asche,
Dass er den Samen des Feuers bewahre, nicht irgendwoanders
Holen ihn müsse: gerade so barg sich Odysseus im Laube.
Schlaf aber goss auf die Augen Athene; von Müde und Mühsal
Sollte er rasch ihn erlösen, die lieben Lider umdunkeln.

Zitiert aus: Homer: Odyssee. Griechisch und deutsch. Übertragung von Anton Weiher (Tusculum-Bücherei) 1974

Treffend ist der Vergleich des Schlafes, in dem Odysseus sich zur Erholung in sich selbst zurückgezogen hat, mit Holz, das unter einer Aschenhülle geborgen weiterglimmt, also davor bewahrt ist, von heftigem Wind oder Regen gelöscht zu werden, aber auch gehindert wird, sich lodernd weiter zu verzehren. Denn von Kräfte zehrenden Abenteuern und Gefahren soll Odysseus sich endlich erholen, sonst ginge es an seine Substanz. Was die Aschenhülle für das glimmende Holz ist, sind die Bäume mit ihren Ästen und Blättern für den schlafenden Helden. Auffällig ist, dass die schwarze Farbe der Asche durch ein Adjektiv hervorgehoben wird, was auf den ersten Blick überflüssig ist. Vielleicht, weil Schwarz die Farbe des Todes ist, von dem man sagt, er sei der Bruder des Schlafes und eine Wiedergeburt zu einem neuen Leben nur durch ihn möglich.

   
 
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