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Какой-нибудь предок мой был — скрипач,
Наездник и вор при этом.
Не потому ли мой нрав бродяч
И волосы пахнут ветром!

Не он ли, смуглый, крадет с арбы
Рукой моей — абрикосы,
Виновник страстной моей судьбы,
Курчавый и горбоносый.

Дивясь на пахаря за сохой,
Вертел между губ — шиповник.
Плохой товарищ он был,—лихой
И ласковый был любовник!

Любитель трубки, луны и бус,
И всех молодых соседок...
Еще мне думается, что — трус
Был мой желтоглазый предок.

Что, душу чёрту продав за грош,
Он в полночь не шел кладбищем!
Еще мне думается, что нож
Носил он за голенищем.

Что не однажды из-за угла
Он прыгал — как кошка — гибкий...
И почему-то я поняла,
Что он — не играл на скрипке!

И было всё ему нипочем, —
Как снег прошлогодний — летом!
Таким мой предок был скрипачом.
Я стала — таким поэтом.

23 июня 1915

Irgendein Vorfahr von mir war Geiger,
Zirkusreiter und Dieb dazu.
Stammt daher meine Vagantenart!
Riecht daher mein Haar nach Wind!

Klaut nicht er, der Braunhäutige, vom Karren
Mit meiner Hand Aprikosen,
Der Schuldige an meinem Leidenschaftsschicksal,
Er mit gelockten Haar und Hakennase!

Staunend sah er einem Ackermann hinterm Pflug zu
Mit einer wilden Rose zwischen den Lippen.
Ein schlechter Kamerad war er, - ein verwegener
Und zärtlicher Liebhaber.

Freund von Pfeife, Mond, Halskette,
Und aller jungen Nachbarinnen...
Und mir scheint noch, dass mein Vorfahr
Mit seinen gelben Augen ein Feigling war.

Dass er dem Teufel seine Seele für einen Groschen verkauft hat
Und deshalb mitternachts nicht übern Friedhof ging!
Und mir scheint noch, dass er ein Messer
Im Stiefelschaft mit sich führte.

Und dass er schon öfter aus einem Hinterhalt
Hervorgesprungen kam - wie eine Katze - geschmeidig...
Und aus irgendeinem Grund ist mir klar geworden,
Dass er - nicht auf einer Geige spielte!

Und das alles focht ihn nicht an, -
Wie Schnee vom Vorjahr im Sommer!
Geiger solcher Art war mein Vorfahr.
Dichter solcher Art bin ich geworden.

In diesem Gedicht verrät Marina Zwetajewa, dass sie eine lesbische Ader hatte. Sie war mit Sergej Efron verheiratet, hing an ihm und den gemeinsamen Kindern, in ihr steckte aber auch ein männlicher Persönlichkeitsanteil, der sie Affären mit Frauen eingehen ließ.
Diese Teilpersönlichkeit schreibt sie den Genen eines ihrer männlichen Vorfahren zu, betrachtet sie also als angeboren, zu ihrer Natur gehörend, als Schicksal (1), das gelebt und nicht unterdrückt werden will, wobei sie sich als außerhalb der wohlanständigen Gesellschaft stehend empfindet, zu fahrendem Volk gehörig, als ein Zirkusreiter, der es faustdick hinter den Ohren hat, Dieb und Feigling ist und nicht gerade das lichte ritterliche Tugendideal verkörpert, ja sogar mit dem Teufel, das heißt, mit dem, was die gute Gesellschaft und ihre herrschende Moral verteufeln, im Bunde steht.
Müssen wir uns die wirkliche Zwetajewa denn als solch ein verruchtes und zugleich hinterhältig-feiges Mannweib vorstellen?
Wir kennen sie als mütterliche kinderliebende Frau, als die sie viele Gedichte wie zum Beispiel P.E. (3) Seiner Tochter schrieb. Und sie begeisterte sich für Tugendideale wie Jungfräulichkeit oder aufopferungsvolle ritterliche Tapferkeit wie zum Beispiel im Zyklus Das Lager der Schwäne oder im Gedicht Jungfrauen-, Heldentum. Sie pries also unmoderne Tugenden, war ihren Kindern zugetan, doch zugleich trieb sie der Kerl, der auch in ihr steckte, zu lesbischen Affairen, und dieser Kerl war ein Filou, den die poetische Bildlichkeit des Gedichts natürlich überspitzt malt.
Dieser Kerl in ihr klaut Aprikosen von einem Karren, verbotene Früchte, die für einen anderen bestimmt sind, und genießt sie.
In der dritten Strophe sieht er einem Bauern zu, der sein Feld beackert - diesem Bild liegt der Archetypus der Mutter Erde zugrunde. Die Erde empfängt in ihren Ackerfurchen den Samen und nährt uns Menschen mit den Pflanzen und Früchten, die sie hervorbringt, wie eine Mutter ihre Kinder. Im Schweiße seines Angesichts ackert der Bauer, und zwar das Land, das ihm gehört (2). Das Bild steht also für eheliche Treue, etwas, das der Kerl, der in der Zwetajewa steckt, nur "staunend" betrachten kann. Den Gegensatz dazu symbolisiert das Bild in der nächsten Zeile: Der Vagant hat eine abgepflückte Rose, und zwar eine wilde Rose, Heckenrose im Mund. Dieses Bild basiert auf dem Archetypus der abgepflückten Blume, die für ein entjungfertes Mädchen steht, und bedeutet, dass der Kerl sich mit Mädchen einlässt, denen die Wahrung ihrer Jungfräulichkeit nicht gerade übermäßig am Herzen lag. Und es ist eine wild wachsende Rose, eine Heckenrose, also keine Rose, die wohlbehütet und sittsam im Garten des Elternhauses oder einer Ehe blüht. Biedere Wohlanständigkeit und erotische Unmoral sind im Gedicht als Antipoden im selben Satz zusammengefasst.
Der Kerl spielte Geige, aber in der vorletzten Strophe steht, dass er doch nicht Geige spielte, und in der letzten: "Solch ein Geiger war mein Vorfahr / Solch ein Dichter (sic! - nicht Dichterin) bin ich geworden."
War er nun Geiger oder nicht? Oder ist das nur metaphorisch gemeint? Aufschlussreich ist eine andere Stelle in Zwetajewas Werk, wo ebenfalls Geigenspiel amoralisches Teufelswerk ist, in der autobiographischen Prosa Mutter und die Musik:

"Am meisten von all diesem Früh-Klavierenen liebte ich jedoch den Violinschlüssel. Ein seltsam langgezogenes und durch seine Unverständlichkeit (weshalb Violinschlüssel, wo’s um ein Klavier geht?) einprägsames Wort, das wie ein Schlüssel die ganze mir verbotene Welt der Violine auftat und aus deren Dunkel schmerzlich-dumpf Paganinis Name ertönte, Sarasates Name - wie ein Bergkristall funkelnd - hervorpolterte, eine Welt - und das wusste ich schon! -, in der man fürs Spielen seine Seele dem Teufel verschachert - ein Wort, das mich fast zur Geigerin gemacht hätte." (3)

In Mutter und die Musik schildert Marina Zwetajewa, wie sie als Kind und Heranwachende täglich stundenlang Klavier spielte, wofür ein Hauptmotiv erotische Neigung zur Mutter war. Normal ist, dass ein Kind seinen gegengeschlechtlichen Elternteil begehrt, der Sohn die Mutter und die Tochter den Vater (Ödipus-Komplex). Die junge Marina begehrte, weil sie lesbisch veranlagt war, unbewusst ihre Mutter. Da diese aus ihr eine Konzertpianistin machen wollte (was ihr selbst versagt geblieben war), bedeutete das Klavierspielen für die Tochter: Mit der Mutter etwas, das dieser Herzenssache ist, die Musik, gemeinsam haben, worin ihr ihre unmusikalischen Konkurrenten, der Vater und die Schwester Anastasija, nicht das Wasser reichen konnten. Erst nach dem Tod der Mutter hat sie sich von dem inzestuösen Musizieren gelöst und sich dem zugewendet, was ihre Bestimmung war: der Lyrik.
Diese Teufelsgeigerfantasie nun bedeutet: Ihr war der Wunsch nicht fremd, sich nicht von der inzestuösen Musik zu lösen, sondern - im Gegenteil - sich zur Virtuosin aufzuschwingen wie Paganini, der sein Publikum in Ekstase brachte, geradezu verhexte, so dass man glauben konnte, er habe, um so spielen zu können, seine Seele dem Teufel verkauft und seine Geliebte getötet und aus ihrem Darm eine Saite hergestellt, mit der er als G-Saite seine Violine bespannt habe.
Geigenvirtuose sein steht für Marina für das Verbotene, von der wohlanständigen Gesellschaft Verteufelte, die inzestuöse Liebe zur Mutter und lesbische Neigungen überhaupt. Ob man sich den fiktiven Vorfahr, der ihre Neigung zu Frauen verkörpert, auf der Geige spielend vorstellen soll oder nicht, ist dem Leser überlassen. Beim Rezitieren der beiden Zeilen der 6. Strophe:

Und aus irgendeinem Grund ist mir klar geworden,
Dass er - nicht auf einer Geige spielte!

könnte man das Wort Geige auf anzüglich-kokette Weise betonen, dass es so verstanden wird: Er spielte nicht auf einer Geige, sondern auf... und es sei auf den Archetypus Musikinstrument als Frauenkörper verwiesen.
Auch als Dichter lebt sie diesen Kerl, der in ihr steckte. Ihre Lyrik folgt in vieler Hinsicht der Tradition, erlaubt sich aber auch unkonvenitionelle Neuerungen in Inhalt und Form, womit sie bei konservativen Lesern aneckte. Und neben vielen Gedichten, die von ihrer mütterlichen Liebe zu ihren Kindern geprägt sind, hat sie auch "unmoralische" lesbische wie den Zyklus Podruga / Die Freundin oder das hier interpretierte geschrieben.

 

1) "Urahnherr war der Schönsten hold, / Das spukt so hin und wieder" schreibt Goethe in einer Zahmen Xenie über einen seiner Charakterzüge, der ihn als Mann jedoch weit weniger in Gegensatz zur herrschenden Moral brachte.

2) Er treibt also nicht, was die Römer "fundum alienum arare" nannten und was C.G.Jung mit "die Kirschen in Nachbars Garten pflücken" übersetzt.

3) Marina Zwetajewa: Mutter und die Musik. Autobiographische Prosa. Aus dem Russischen und mit einem Nachwort von Ilma Rakusa. Suhrkamp. Frankfurt am Main 1987. S. 19

   
 
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