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Der Fischer Glaucus legt Fische, die er gefangen hat, auf einer magischen Wiese aus. Die Berührung mit dem Gras belebt sie wieder und befähigt sie zur Rückkehr ins Meer. Glaucus will herausbekommen, ob dem Gras Zauberkraft innewohnt, kostet davon und verwandelt sich in ein fischähnliches Wesen, das von Sehnsucht nach Dasein im Wasser erfüllt ins Meer taucht.
Die Meergötter nehmen ihn als einen der ihren auf, eine Reinigungszeremonie läutert ihn von allem Frevel, er wird ein Meergott.
Auch dieser Verwandlung liegt der Archetypus Unterwasserwelt als Symbol für die Kindheit zugrunde. Um ein Meergott zu werden, wird Glaucus von allem Frevel geläutert, kehrt also in den Stand kindlicher Unschuld zurück.
Und er wird zum Gott - gottgleich ist der Zustand des Ungeborenen, das gleichsam als Alleinherrscher sein Universum, den Mutterleib, ganz ausfüllt und mit niemandem teilt, in Zeitlosigkeit und uneingeschränkter Konfliktfreiheit, Sicherheit und Unverletzlichkeit dahinlebt. Dieses göttlich-erhabene intrauterine Dasein des Kindes bezeichnet man als ursprünglichen Narzissmus, der durch die Geburt erschüttert, aber noch nicht ganz beendet, sondern dank der umsorgenden Pflege durch die Mutter noch einige Zeit - nur maßvoll und schrittweise eingeschränkt - beibehalten wird.
Liebesverlangen treibt Glaucus nach einiger Zeit an die Oberfläche, aber er begehrt ausgerechnet Scylla, die Jungfrau ist und bleiben will und alle Männer abweist. Das scheint nicht Pech, sondern unbewusstes Arrangement zu sein, denn als er Circe haben kann (14. Buch), weist er sie zurück und bleibt auf Scylla, die sich ihm verweigert, fixiert. Er gleicht einem Pubertierendem, der dennoch seine Kindheit nicht aufgeben will, so dass aus der Liebe nichts wird.
Die Wiese, deren Zauberkraft die Fische ihre Rückkehr verdanken, ist aus der übrigen Natur herausgehoben:

quas neque cornigerae morsu laesere iuvencae,
nec placidae carpistis oves hirtaeve capellae;
non apis inde tulit collectos sedula flores,
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falciferae secuere manus.

Niemals verletzte die Matte das hörnertragende Jungvieh,
Friedliche Schafe und zottige Ziegen, nie war sie euch Weide;
Niemals sammelten emsige Bienen den Honig der Blüten,
Niemals pflückte man Blumen zu festlichen Kränzen, und niemals
Mähten hier Hände, mit Sicheln bewehrt. (1)
 

Die Wiese ist dem Konsum durch Mensch und Tier entzogen - dadurch passt sie symbolisch zu den Fischen, die sie mit ihrer Zauberkraft zur Rückkehr in ihr Element befähigt, wodurch auch sie dem Konsum entzogen werden. Verlassen des Kindheitsparadieses, Erwachsenwerden bedeutet den Zwecken der Natur dienen: sich fortpflanzen und sich verausgaben für den Nachwuchs im Schweiße des Angesichts, dadurch seine Jugendfrische einbüßen, vom Leben verbraucht werden. Von diesen profanen Zwecken ist die Wiese befreit und ähnelt dadurch einem sakralen Ort, dem Zauberkraft innewohnt, die Mensch und Tier zur Rückkehr in ihr ursprüngliches Element befähigt (2). Besonders brutal ist die Sichel, von der gewöhnliche Wiesen gemäht werden und von der die magische Wiese verschont bleibt. Dieses Bild hat eine Entsprechung in einem Zwetajewa-Gedicht, dessen Interpretation auf dieser HP auf seine erotische Bedeutung hinweist. Erotische Symbole sind auch die Blumen, die von gewöhnlichen Wiesen gepflückt werden, aber auf der magischen Wiese nicht angetastet werden. Blumenpflücken ist ein archetypisches Symbol für Verlust der Unschuld im Sinne von Entjungferung. Glaucus bleibt jungfräulich. Das Wundermittel der unberührten Wiese hat auch ihn unberührt gemacht. Es verlangt ihn nach Liebe, aber sein Streben, im Kindheitsparadies zu bleiben, ist stärker.

1) 13,926-930, Übersetzung: Hermann Breitenbach, zitiert aus der einsprachigen Reclam-Ausgabe Stuttgart 2003

2) Die Vorfahren von uns Menschen kamen aus dem Wasser. Also kehrt Glaucus stammesgeschichtlich (phylogenetisch) gesehen in sein ursprüngliches Element zurück.

   
 
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