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Русская версия / Russische Version

Inspiration kommt nach Puschkins Ansicht von Gott, der durch sie einen auserwählten Künstler an seiner überlegenen Weisheit teilhaben lässt. Deshalb ist der inspirierte Künstler für Puschkin mit einem Menschen, der zu Gott ein besonders enges Verhältnis hat, mit einem Propheten oder Priester, verwandt; Prophet (Prorok) nannte er deshalb sein berühmtes Gedicht, in dem er sein dichterisches Inspirationserlebnis schildert, und im Gedicht Arion ist ein Dichter des Altertums mit einer riza, dem Ornat eines Priesters, gekleidet und singt Hymnen, die in der Antike sakrale Dichtungen und Gesänge waren.
Die Gottesgabe Inspiration darf nicht profaniert, nicht den Zwecken der niederen Welt dienstbar gemacht werden, der Dichter-Priester muss sich ihrer würdig erweisen. Deshalb soll sich der Künstler für die Inspiration von den Menschen absondern. "Von Durst nach Geistigem gequält / schleppte ich mich in der finsteren Wüste dahin" sagt im Gedicht Der Prophet (Prorok) der Dichter, der sich von den Menschen zurückgezogen hat, weil er danach dürstet, inspiriert zu werden. Im Treiben der Gesellschaft darf der Dichter nicht aufgehen, sonst ist er nicht rein und frei für die Empfängnis der Inspiration. Auch dadurch gleicht der inspirierte Künstler dem Priester, denn diese Lebenshaltung ist verwandt mit dem Zölibat des katholischen Geistlichen oder der Unberührtheit der römischen Vestalin. Beide entsagen der Liebe, um ihrer Gottheit mit ungeteilter Hingabe dienen zu können.
Auch in dem Gedicht An den Dichter (Poetu) fordert Puschkin eine unabhängige Lebensweise für den poeta vates. Und in Dichter (Poet) sucht der Dichter die Einsamkeit, weil er nur dort ungestört die Inspiration empfangen kann. Auch in Lermontows Prophet (Prorok) sondert der Dichter sich ab und lebt in der Wüste, wodurch sich die Durchschnittsmenschen herausgefordert fühlen. Sie werfen ihm Hochmut vor.

An die Forderung, dichterisches Schaffen, das sich Inspiration verdankt, nicht mit der niederen Welt zu vermengen, hält sich Tscharskij, der Dichter in den Ägyptischen Nächten, ja, er ist geradezu auf der Hut davor: "Seine Gespräche waren die allerbanalsten und berührten nie die Literatur". So will er sich vor der Versuchung bewahren, die heilige Gabe zu profanieren, indem er sie niederen Zwecken dienstbar macht, zum Beispiel, um einer Frau zu schmeicheln ("Verliebt (der Dichter) sich - kauft sich seine Schöne ein Album ... und erwartet schon Elegien") oder um den Erwartungen des Publikums zu entsprechen, das "ihn als sein Eigentum betrachtet, ... geboren zu seinem Nutzen und Vergnügen".
Die gegenteilige Haltung lebt der Improvisator. Auch ihm wird Inspiration zuteil, und ausdrücklich heißt es, dass sie von Gott kommt ("Doch schon empfand der Improvisator das Nahen (des) Gottes"), doch die Umstände, unter denen er sie empfängt, sind das Gegenteil von priesterlicher Würde. Er lässt sich nicht in Abgeschiedenheit vom Getriebe der Welt, sondern vor einem zahlenden Publikum inspirieren, um mit der Gottesgabe Geld zu verdienen, er profaniert sie, indem er sie zur Ware erniedrigt - ein Gedicht, das sich Inspiration verdankt, gegen Geld.
Der Improvisator ist, um es mit einem Begriff von C.G.Jung zu sagen, Puschkins Schatten, das heißt, eine negative Teilpersönlichkeit. Puschkin, der fast immer von Schulden bedrückt wurde, war auf Honorare für die Bücher mit seinen Werken angewiesen, weil er von ihnen leben musste. Solch ein Improvisator, der seine Dichtung, also die heilige Gabe, zu Geld machen möchte, steckte auch in ihm. In dem Gedicht Gespräch des Buchhändlers mit dem Dichter geht es um dieses Thema. Die Versuchung war groß, aber Puschkin selbst erlag ihr nicht, sondern verhielt sich ähnlich Tscharskij; er stellte sein Genie nicht in den Dienst der niederen Welt.
Die Ägyptischen Nächte sind unvollendet (ihr fragmentarischer Charakter ist für Werke der Romantik typisch), man erfährt nicht, ob der Improvisator für die frevelhafte Profanierung der Gottesgabe bestraft wird, aber sich solch einen Ausgang vorzustellen ist nicht abwegig, wenn man sich die Aussage der beiden Gedichte, zu denen der Improvisator inspiriert wird, ansieht.
Das Thema des ersten Gedichts wird ihm von Tscharskij vorgegeben. Es formuliert seine Haltung, dass Inspiration nicht den Zwecken der niederen Welt dienen soll: "Der Dichter wählt die Themen seiner Lieder selbst aus; die Menge hat nicht das Recht über seine Inspiration zu verfügen".
Der Improvisator wird von oben, von Gott, zu einem genialen Gedicht inspiriert, das im Geiste von Tscharskijs (und Puschkins) Einstellung die uneingeschränkte Autonomie des Dichters fordert, was Autonomie für die Inspiration, deren Medium der Dichter ja ist, gegenüber der Gesellschaft bedeutet.
Doch fast unmittelbar nach der Inspiration fragt der Improvisator gierig, wie man möglichst viel Geld damit verdienen kann, "es war Tscharskij unangenehm, von der Höhe der Poesie plötzlich unter die Bank des Kontoristen zu fallen".
Das Thema des zweiten Gedichts, zu dem er sich vor zahlendem Publikum inspirieren lässt, wird unter mehreren Themen ausgewählt, indem eine Zuhörerin es als Los zieht, so dass es sich als höhere Fügung verstehen lässt. Es lautet: "Kleopatra und ihre Liebhaber". Es geht um einen makaberen Liebeshandel, den nach antiker Überlieferung die ägyptische Königin den an ihrem Hof versammelten Männern angeboten hat. Sie ist bereit, mit einem Mann eine Liebesnacht zu verbringen, wofür er mit seinem Leben bezahlen muss.
In Parallele zum Dichter-Priester handelt auch Kleopatra gleichsam als Priesterin, denn sie dient der Liebesgöttin Venus (der Zyprischen Göttin) und den Todesgöttern der Unterwelt und ruft sie an:

Ich schwöre... - o Mutter der Genüsse,
Dir diene ich auf unerhörte Weise,
Das Lager der leidenschaftlichen Versuchungen
Besteige ich als schlichte Tagelöhnerin.
Vernimm, mächtige Zyprische Göttin,
Und ihr, unterirdische Könige,
O Götter des schrecklichen Hades
...

Im Auftrag dieser Gottheiten führt Kleopatra die um sie versammelten Männer in Versuchung, sich ihre Liebe zu kaufen, das heißt, ihre Würde und Majestät, die nach Puschkins Ansicht einem Monarchen oder einer Monarchin zukommt (1),zum Handelsobjekt, zur Ware herabzuwürdigen, damit diejenigen, die dieser Versuchung erliegen - es sind drei - , zur Strafe dafür mit ihrem Leben bezahlen müssen.
Die Parallele zur Praxis des Improvisators besteht darin, dass auch er die Zuwendung, die von einer höheren Instanz, von Gott, nämlich die Inspiration, zur Ware herabwürdigt, weil er mit ihr Geld verdienen will. Durch die Inspiration gewährt Gott einem Sterblichen Anteil an seiner Seele, an seiner höheren Weisheit, stellt also, wie Kleopatra zwischen sich und den drei Männern, zwischen sich und dem Inspirierten "Gleichheit (ravenstvo)" her. Dieser Gabe erweist sich der Improvisator als unwürdig. Er profaniert sie. Das Kleopatra-Gedicht, zu dem er durch höhere Fügung und Inspiration gebracht wird, ist eine Warnung "von oben", dass er für sein Verhalten bestraft werden könnte, vielleicht mit dem Tode.

1) Aus Puschkins Tagebucheintrag vom 26. Juli 1831: "Das Volk darf sich nicht an den Zaren wie an eine gewöhnliche Erscheinung gewöhnen. ... Der Zar darf dem Volk nicht persönlich nahe treten. Der Pöbel wird bald aufhören, die geheimnisvolle Macht (des Zaren) zu fürchten." - zitiert aus: A.S.Puschkin: Polnoe sobranie sotschinenij v desjati tomach. Bd 8, 1965, S. 23.

   
 
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