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genius loci

Unter genius loci versteht man im ursprünglichen und engeren Sinne ein Wesen, das ein Stück unberührter (oder noch wenig berührter) Natur, zum Beispiel einen Wald, einen einzelnen Baum oder einen Sumpf, vor Übergriffen des Menschen bewacht; es verkörpert die Wehrhaftigkeit der Natur und ist deshalb oft ein ungezähmtes gefährliches Tier oder ein bedrohliches menschenähnliches Fabelwesen. Man übersetzt genius loci üblicherweise als Geist oder Schutzgeist eines Ortes, was problematisch ist, da man sich unter einem Geist ein körperloses Wesen, etwas wie ein Gespenst vorstellt. Der genius loci aber ist im Altertum durchaus ein Wesen aus Fleisch und Blut, ein Stück Natur eben, Teil der Natur, die er bewacht, auch wenn er fabelhafte Züge tragen kann. Oft ist der Ortsdämon eine Schlange – vielleicht deshalb, weil dieses Tier den vom Menschen unbeeinträchtigten Ursprungszustand der Natur, den es beschützen soll, wegen seiner Urtümlichkeit besonders gut verkörpert. Beispiele:
In einer Sage aus dem vorislamischen Arabien brennen Harb b. Omayya und Mirdas b. Abi Amir einen von Menschen noch unberührten Wald nieder, um Ackerland zu gewinnen. Zwei weiße Schlangen, die Schutzdämonen des Waldes, fliehen unter Klagegeschrei und sorgen dafür, dass die beiden Naturzerstörer bald der Tod ereilt (1).
Der Mensch macht sich den genius loci zum Feind, wenn er die von ihm bewachte Natur zerstören oder Raubbau an ihr treiben will. Behandelt er sie schonend, hat er nichts zu befürchten. Das zeigt Aelians Erzählung (2) von dem makedonischen Herrschersohn Pindus, der sich vor den Nachstellungen durch seine Brüder in einer waldreichen Gegend verbirgt und sich dort von der Jagd auf Tiere ernährt, wodurch der den genius loci, eine riesige Schlange, auf den Plan ruft. Das Tier gebietet seinem unmäßigen Jagdfieber Einhalt und wird von Pindus beschwichtigt und sogar zum Freund gewonnen, weil es von ihm regelmäßig einen Teil seiner Jagdbeute als Opfer erhält. Deshalb ergeht es dem Königssohn gut, das Glück begünstigt ihn auf der Jagd und als seine Brüder ihn aufspüren und ermorden, rächt sein Schlangen-Freund ihn, indem er sie tötet.
Nicht nur durch exzessives Jagen, auch durch großangelegtes Sammeln von Waldfrüchten fürchtet der Mensch, sich den Zorn der Schlangen, die er sich als Wächter des Waldes denkt, zuzuziehen. So beschwichtigten Kinder in Thüringen, die zum Beerensammeln in den Wald gingen, die Schlangen mit dem Versprechen:

Atter, Atter, beiß mich nich,
Ech bring der o viel Beäre mit!

und ließen einen Teil der gesammelten Beeren als Opfer im Wald zurück (3).
Oft bewacht eine Schlange als genius loci einen bestimmten Baum (4), so die Äpfel im Garten der Hesperiden, die Herakles raubt, nachdem er den genius loci getötet hat (4a). Die Schlange, die den Baum bewachte, an dem das Goldene Vließ hing, wurde von Medea durch Drogen eingeschläfert (5). Dazu gehört natürlich auch die Schlange am Baum der Erkenntnis im biblischen Paradies, doch ist der Archetypus der Schlange, die einen Baum bewacht, hier christlich verformt. Adam und Eva dürfen von allen Bäumen Früchte essen, nur nicht vom Baum des Lebens und vom Baum der Erkenntnis – soweit entspricht die biblische Erzählung naturreligiöser Frömmigkeit, die dem Menschen erlaubt, sich von der Natur zu ernähren, aber nicht, Raubbau an ihr zu treiben. Der Baum der Erkenntnis ist ein heiliger Baum, der wie zum Beispiel die moriai, die heiligen Ölbäume der Athener, tabu ist. Aufgabe der Schlange ist es eigentlich, die Menschen vom Ausbeuten auch dieses Baumes abzuschrecken, doch sie tut das Gegenteil, sie lädt ihn zum Pflücken seiner Früchte auch noch ein. Die Ursünde des Raubbaus an der Natur wird also der Schlange angelastet, die deshalb „verstoßen“ und zusammen mit der Mutter Erde, deren Tier sie ist, „verflucht“ wird (6). Warum tritt die Schlange im Christentum nicht als wehrhafter Aspekt der Natur auf, warum wurde der Archetypus verfälscht? Damit man ihr die Ursünde anlasten konnte, weil sie einladend wirkte. Es erinnert an die beliebte Rechtfertigung angeklagter Vergewaltiger, die behaupten, ihr Opfer habe sie durch leichte Kleidung zu ihrer Tat eingeladen; ihre Früchte sollte die Natur am besten immer vor menschlicher Gier in Laub verbergen oder mit Stacheln oder Dorngestrüpp beschützen. Das Christentum wertet das Weibliche und die Natur nicht nur ab, es macht sie auch zum Sündenbock!
Genius loci in Delphi war die Pythonschlange (7). Als der Lichtgott Apoll sie tötete, unterwarf er das Orakel der weiblich-mütterlichen Erdgottheit Gaia seiner apollinischen Mantik (8). Diese männliche Machtergreifung durch Mord am genius loci betraf nicht nur das Orakel, sondern auch die fruchtbare Erde – Aischylos überliefert, dass den Lichtgott Kolonisten begleiteten, die als keleuthopoioi „Wegbahner“ das „ungezähmte/wilde Land“ „zähmten“ (9), worunter man sich Urbarmachung von (weitgehend) unberührtem Urwald, von „Wildnis“ durch Rodung vorzustellen hat. Da Bäume in der archetypischen Vorstellungswelt weibliche Wesen sind, ist ihre Rodung ein männlicher Gewaltakt gegen Mutter Natur. Interessant ist der Begriff keleutho-poios (10) „jemand, der einen Weg bereitet/Pfad schlägt, Wegebahner“. Er entspricht dem lateinischen ponti-fex, der „(hoher) Priester“ bedeutet, aber ursprünglich ebenfalls einen „Wege-Macher“ gemeint haben muss, weil es seine wörtliche Bedeutung ist (11). In uralter Zeit musste ein Wegebahner zugleich ein Priester sein, was sich durch das archaische Schuldgefühl erklären lässt, das Menschen empfanden, wenn sie in unberührte Natur Pfade schlugen, um in sie vorzudringen und sie zu unterwerfen. In priesterlicher Funktion musste der Wegebahner die aufgebrachten Naturdämonen durch Opfer besänftigen.
Auch Apoll und die Kolonisatoren, die durch den männlichen Gewaltakt gegen die Natur in Delphi und ihren genius loci profitierten und ihre Macht erweiterten, empfanden Schuld und mussten Sühne leisten. So berichtet Aelianus in seinen Tiergeschichten (XI,2) von einem Apoll geweihten Hain in Epirus, in welchem Schlangen lebten, die als Nachkommen des getöteten Delphischen Python galten. Ihnen bringt eine jungfräuliche Priesterin Futter als Opfer. Nehmen sie diese „Besänftigungsgaben“ an, bedeutet es ein gutes, fruchtbares Jahr für die Menschen, wenn nicht, ist es ein unheilvolles Zeichen. So beschwichtigten die Epiroten das archaische Schuldgefühl, das aus Unterwerfung und Ausbeutung der Natur fließt. Von der Blutschuld, die wegen der Ermordung Pythons auf Apoll lastete, spricht auch Pausanias (12).
Ein verheerender Eingriff des Menschen in die Natur ist die Errichtung einer Burg oder gar die Gründung einer ganzen Stadt. Als Kadmos und seine Männer Burg und Stadt Theben gründen wollten, bekamen sie es mit einer gewaltigen Schlange, dem Schutzdämon der Gegend, zu tun. Einige seiner Gefährten fallen ihrer Wut zum Opfer, er selbst tötet sie – Ovid schildert den Mythos in seinen Metamorphosen III, 1-137. Viel später, in hohem Alter, ergreift Kadmos wegen der Tötung der Schlange ein intensives Schuldgefühl und er bittet die Götter darum, zur Strafe selbst in eine Schlange verwandelt zu werden, was in Erfüllung geht (13).
Drachentötung in Zusammenhang mit Waldrodung gehört auch zum Mythos von der Landnahme der Urschweizer in Schillers Wilhelm Tell:

Wir haben diesen Boden  uns erschaffen
Durch unsrer Hände Fleiß, den alten Wald,
Der sonst der Bären wilde Wohnung war,
Zu einem Sitz für Menschen umgewandelt,
Die Brut des Drachen haben wir getötet,
Der aus den Sümpfen giftgeschwollen stieg,
…                                                                          1260ff.

Wie im Apoll-Python-Mythos hat der Mord am genius loci auch in der Schweizer Kollektivseele ein Schuldgefühl hinterlassen, das sich auf die neuen Habsburger Herren mit dem Vogt Geßler an der Spitze überträgt:

Die Schlange sticht nicht ungereizt.           429

sagt Tell, als er seinen Landsleuten rät, die neuen Herren nicht zu reizen. Mit der Schlange meint er Geßler, auf den er die archaischen Schuldgefühle überträgt, die der Mensch gegenüber der Natur hat, weil er sie ausbeutet. Zu solchen Schuldgefühlen hat Tell allen Grund, weil er ein rücksichtsloser Jäger ist. Aus diesem Schuldgefühl erklärt sich nicht nur Tells seltsam anmutende Zögerlichkeit, die er an den Tag legt, als seine Landsleute ihn zur Teilnahme an der Volkserhebung drängen, sondern auch, warum im letzten Akt ein mit Blutschuld beladener parricida auftritt, der die dunkle Seite von Tells Persönlichkeit repräsentiert.
Bleibt im Wilhelm Tell das rücksichtslose Jagen als Quelle menschlicher Schuld im Subtext, im Unterbewusstsein des Dramas  - jedes gute literarische Kunstwerk hat wie auch die Seele eines Menschen eine unbewusste Tiefenschicht - , so tritt es in einem anderen Werk Schillers markant ins Bewusstsein: In der Ballade Der Alpenjäger verfolgt ein Knabe, der der junge Wilhelm Tell sein könnte, blutig das Wild des Hochgebirges, bis der genius loci, der mythische „Bergesalte“, an sein Gewissen appelliert und ihm Einhalt gebietet.

Das archaische Schuldgefühl, das der Mensch empfindet, weil er Mutter Erde unterworfen hat und zu seinem eigenen Profit bearbeitet, ist auch Thema in einer von Aelians Tiergeschichten (XI,32):

Ein Landmann machte in einem Weinberge einen Graben, um schöne und edle Reben darein zu pflanzen. Dabei kam er mit der Hacke auf eine verborgenliegende heilige und den Menschen nicht im mindesten feindliche Natter, und schnitt sie mitten durch. Und als er beim Durchbeuteln der Erde das Schwanzstück im Sande fest, die Hälfte aber vom dem Bauche bis zum Halse noch fortkriechen und von  dem erhaltenen Streiche mit Blut angefüllt sah, wurde er wie betäubt und hoffnungslos, so dass er in eine gänzliche, sehr heftige Raserei geriet. Während er nun am Tage seiner selbst und seines Verstandes nicht mächtig war, war er zur Nachtzeit ganz verrückt, sprang vom Bette auf, und sagte, die Schlange verfolge ihn: dann, als ob er gebissen sei, schrie er auf das Furchtbarste, und er rief um Hilfe; dann sagte er auch, er sehe das Bild des von ihm getöteten Tieres, zürnend und drohend; behauptete auch wohl gebissen zu sein, und sein Wehklagen bezeugte, dass er Schmerzen fühlte. Da sich nun die Krankheit in die Länge zog, führten ihn seine Angehörigen in den Tempel des Sarapis als Flehenden, und baten den Gott, das Phantom der Natter zu hemmen und zu vernichten. Der Gott erbarmte sich des Mannes und heilte ihn. Dass aber auch die Schlange nicht ungerächt blieb, erhellt aus meiner Erzählung.

Der Apollon-Python-Mythos deutet den Angriff des Menschen, der sich unberührtes Land unterwirft, als männliche Aggression gegen die als weiblich gedachte Natur, gegen Mutter Erde. Das gilt auch für den Mythos von Sinis, einen Riesen (14), der auf dem Isthmus, der Korinthischen Landenge, lebt und Wanderer tötet, indem er zwei Fichtenwipfel zur Erde niederbeugt, sein Opfer an ihnen befestigt und die beiden Bäume wieder hochschnellen lässt, so dass der Wanderer zerrissen und seine Körperteile in die Natur  zerstreut werden (15). Theseus tötet ihn auf die gleiche Weise und macht so diese Gegend für Reisende sicherer. Sinis‘ Tochter Perigune versteckt sich vor Theseus zwischen Spargelkraut und anderem Gebüsch und bittet es „arglos und kindlich“, sie zu verbergen und zu retten – zu diesen Pflanzen, mit denen sie spricht und bei denen sie unterkriechen will, verhält sie sich wie zu ihresgleichen, sie sind  ihr mitfühlende Mitgeschöpfe, Geschwister, sie empfindet sich also als Teil der Natur, und da Sinis ihr Vater ist, also ihr Beschützer, personifiziert sie die Natur, in die der männliche Held Theseus besitzergreifend eindringt, Sinis aber war der genius loci, den Theseus tötet - wie Apoll die Pythonschlange - , und sich die Natur in Gestalt von Perigune aneignet:

Da aber Theseus sie hervorrief und ihr das heilige Versprechen gab, er werde wohl für sie sorgen und ihr nichts zuleide tun, kam sie hervor, verband sich mit Theseus und gebar den Melanippos, und später gab Theseus sie dem Deioneus … zum Weibe.                                                         (15a)

In Plutarchs Wiedergabe ist der ursprünglich brutale Mythos von Perigunes Vergewaltigung und Versklavung durch Theseus geglättet und beschönigt, an zivilere Zeiten angepasst. Dass es sich aber um einen rohen männlichen Gewaltakt handelt, der sich gegen unberührte Natur richtete und zu Recht ein archaisches Schuldgefühl verursachte, geht daraus hervor, wie die Geschichte bei Plutarch fortgesetzt wird:

Von Melanippos, dem Sohne des Theseus, entstammte dann Ioxos, der gemeinsam mit Ornytos die Kolonie in Karien gründete. Daher wurde es bei den Nachkommen des Ioxos zum heiligen Brauch, Spargelkraut und ähnliches Gesträuch nicht zu verbrennen, sondern hochzuhalten und zu ehren.   (15a)

Der religiöse Brauch, „Spargelkraut und ähnliches Gesträuch“ mit Achtung zu behandeln, statt es zu zerstören, lässt sich als Beschwichtigung der von Theseus unterworfenen und geschändeten Natur deuten. Auch der Mythos, dass Theseus die Isthmischen Spiele, Wettkämpfe auf der Korinthischen Landenge, wo er Sinis tötete, gestiftet habe, um diesen Mord zu sühnen (16), verrät das archaische Schuldgefühl.
Dafür, dass in der ursprünglichen, noch nicht für zivilisiertes Empfinden verformten Gestalt des Mythos die „Touristen“ zu Recht von Sinis, dem genius loci, getötet wurden, weil sie den Menschen repräsentieren, der schuldhaft in unberührte Natur vordringt, spricht auch, dass in der Antike und im Märchen auf diese Weise Verbrecher hingerichtet wurden. Alexander der Große ließ den Verräter und Verwandtenmörder Bessos so hinrichten (17), der römische Kaiser Aurelian einen Ehebrecher (18) oder der König in
einem albanischen Märchen einen arglistigen Betrüger (19). Diese Hinrichtungsart könnte auf ein ursprüngliches Menschenopfer zurückgehen, denn Menschenopfer wurden oft an einem Baum befestigt – ausführlicher dazu hier. Abholzen von Wald zur Gewinnung von Ackerland oder Schiffsbauholz gehört zu den folgenreichsten Übergriffen des Menschen auf die Natur. Durch Befestigung des geopferten Menschen an einem Baum wird er gleichsam dem Wald zur Wiedergutmachung übergeben. Im Lichte dieser Deutung würden im Sinis-Mythos die hochschnellenden Fichten als Repräsentanten der geschändeten Natur an der Hinrichtung entscheidend mitwirken und Sinis im Einklang mit der Natur, in ihrem Auftrag handeln.

Ungezähmte Natur, die sich rächt, wenn der Mensch als Eindringling, als Ausbeuter ihren Machtbereich verletzt, ist auch das Meer. Beispiel dafür ist eine persische Sage über eine kostbare Perle, die der spätantike Geschichtsschreiber Prokop überliefert:

Was nun die Perser über diese Perle zu berichten wissen, verdient Erwähnung … Sie erzählen nämlich, die Perle habe in einem ihrer Meere in einer Muschel gelegen, und diese sei nahe der dortigen Küste umhergeschwommen. Ihre beiden Schalen seien geöffnet gewesen, dazwischen aber in der Mitte habe die Perle gesteckt … nichts konnte je an Größe wie Schönheit einen Vergleich mit ihr aushalten. Nun verliebte sich ein riesiger, sehr wilder Seehund in dieses Wunder und wich weder bei Tag noch bei Nacht von seiner Spur. Selbst wenn er für seine Nahrung sorgen musste, hielt er nur an Ort und Stelle Ausschau und wenn er etwas fand und fing, schlang er es in aller Hast hinunter, um dann gleich wieder die Muschel ins Auge zu fassen und sich an dem geliebten Anblick zu sättigen. Ein Fischer soll einstmals all dies beobachtet haben, doch scheute er die Gefahr aus Angst vor dem Tier und begnügte sich, die ganze Sache dem König Perozes zu berichten. Als der davon hörte, bekam er, wie man sagt, lebhaftes Verlangen nach der Perle und suchte seitdem den Fischer mit vielen Schmeichelworten und Versprechungen zu gewinnen. Schließlich soll dieser dem Verlangen seines Herrn nachgegeben haben, doch sprach er zu Perozes folgende Worte: „Mein Gebieter, erstrebenswert für einen Menschen ist Geld, erstrebenswerter das Leben, am allerwertvollsten jedoch sind für ihn die Kinder. Aus Liebe zu ihnen könnte einer von Natur aus vielleicht sogar alles wagen. So hoffe ich denn, das Tier zu bestehen und dich in den Besitz der Perle zu bringen. … Muss ich aber durch dieses Tier sterben, dann wird es, mein König, an dir liegen, meine Kinder für den Verlust des Vaters zu entschädigen. So werde ich auch nach meinem Tod noch meinen nächsten Angehörigen helfen können, du aber wirst für deinen Edelmut noch größeren Ruhm einheimsen; denn wenn du meine Kinder unterhältst, wirst du auch mich begnaden, der ich dir für deine Wohltat dann ja nicht mehr danken kann. …“ Mit diesen Worten entfernte sich der Fischer. Als er nun zu der Stelle gekommen war, wo die Muschel, von ihrem Seehund begleitet, gewöhnlich schwamm, setzte er sich auf eine Klippe und passte auf, ob er einmal die Perle ohne ihren Liebhaber treffe. Und es geschah, dass der Seehund etwas Fressbares fand und sich damit aufhielt. Da ließ der Fischer am Strande die für diesen Zweck ihm mitgegebenen Begleiter am Strande zurück und strebte geradewegs eiligst auf die Muschel zu. Schon hatte er sie erfasst und wollte mit seiner Beute so schnell wie möglich ans Land, als ihn der Seehund bemerkte und herbeischwamm. Der Fische gewahrte seinen Verfolger und warf, als er dem Ufer schon nahe schien, mit aller Kraft sein Beutestück ans Land, doch dann wurde er selbst von dem Tier gepackt und gleich darauf getötet. Die am Strande verbliebenen Männer hoben die Perle auf, brachten die dem König und erzählten ihm den ganzen Hergang.        (20)

Als Rache für den Raub hat sich das Meer den Fischer als Menschenopfer geholt. Ausgeführt hat es der Seehund als genius loci, der zu der See gehört und gleichsam als ihr bewaffneter Arm  zuschlug. Die Vorahnungen des Fischers, dass er seinen Vorstoß zum Raub der Perle nicht überleben könnte, fließen aus dem archaischen Schuldgefühl des Menschen, der die Natur ausbeutet.

In antiken Mythen, in denen vorchristliches, naturreligiöses Empfinden herrscht, und in vielen Märchen und Volksbräuchen aus christlicher Zeit, in denen dieses ältere, ursprüngliche naturreligiöse Empfinden weiterlebt, verkörpert der genius loci die Wehrhaftigkeit der Natur und widersetzt sich dem Menschen, der sie sich unterwerfen will, lässt sich aber durch schonenden Umgang mit ihr, durch Verzicht auf Raubbau und durch Opfer versöhnen. Tötet der Mensch den genius loci, um die Natur, die er sich unterwerfen will, wehrlos zu machen, lädt er Schuld auf sich, kann aber sein aufgebrachtes archaisches Gewissen durch religiöse Gebräuche, die seine Tat symbolisch wiedergutmachen, beschwichtigen. In christlichen Legenden fehlt dieses Schuldgefühl, da der ermordete genius loci, meist ein Drache, es gar nicht wert ist, dass um seinetwillen Gewissensbisse entstehen – verkörpert er doch das Böse, Vernichtenswerte. Er wird verteufelt, während der christliche Drachentöter das Gute, Lichte, Edle repräsentiert. Die Natur ist eben das Niedrige, Gemeine, das unterdrückt werden muss, mit dem keine Versöhnung, kein gutes Auskommen möglich ist; das gilt auch für die Natur im Menschen, zum Beispiel Sexualität. So geht mit der Christianisierung Abwertung und Unterwerfung der Natur einher, wofür die Urbarmachung der Insel Reichenau ein Beispiel ist:

Die Insel Reichenau war ehemals ein wildes Eiland, das in dem Gebiet eines Austrasischen Landvogts namens Sintlas lag …
Sintlas war ein frommer Mann und eifrig um die Verbreitung des Christentums in seinem Gebiet besorgt. Seinen Bemühungen gelang es, den heiligen Pirmin als Apostel für seine Heimat zu gewinnen. Im Jahre 724 kam jener in das Gebiet des Sintlas, der ihn bat, ein Haus der Andacht in der Gegend zu gründen. Der Heilige wählte dazu die nahe Insel, die der See von allen Seiten umfloss; weil sie aber voll gräulicher Würmer war, riet ihm Sintlas ab. Pirminus Entschluss blieb jedoch fest; von einem Schiffer begleitet, fuhr er auf die Insel hinüber, die damals nur finstere Wälder, dorniges Gebüsch und Sümpfe enthielt, worin eine Unzahl Kröten, Schlangen, giftige Insekten und anderes Getier hausten. Als der Heilige … ans Land stieg, da entstand wunderbarerweise an der Stelle, wo sein Bischofsstab die Erde berührte, eine Quelle. Die hässlichen Tiere aber flohen und schwammen über den See. Drei Tage und drei Nächte soll ihre Flucht gedauert haben. Als nun die Insel für immer von den Tieren befreit war, reinigte Pirmin mit vierzig seiner Genossen das Eiland von dem wildverschlungenen Gesträuch, und bald war die Insel für Menschen wohnlich. In kurzer Zeit erhob sich durch den Fleiß des heiligen Mannes ein Kloster…
(Quelle: J. Waibel und H. Flamm: Badisches Sagenbuch. 1898)

Die Schlangen verkörpern zusammen mit anderen „niedrigen“ Tieren die Ungezähmtheit der Natur auf der Insel und fliehen vor dem christlichen Missionar, der als Nachfolger antiker Kulturheroen wie Herakles, Kadmos oder Theseus das Eiland urbar macht. Ähnliches ist von dem irischen Nationalheiligen St. Patrick überliefert, auf den das  Fehlen von Schlangen auf der grünen Insel zurückgeführt wird.

 Aus der
Schlange, die in vorchristlicher Zeit großen  Respekt, ja religiöse Verehrung genoss, ist im Mittelalter der teuflische Drache hervorgegangen, der von einem Heiligen oder christlichem Ritter getötet wurde. Unser Beispiel ist St. Georg der Drachentöter in der  Legenda Aurea. Der Verfasser führt den Namen Georg richtig auf ge „Erde“ und org- „bearbeiten, bebauen“ zurück, denn Georg bedeutet „Bauer“, er steht also für den Menschen, der Mutter Erde urbar gemacht hat, sie mit seinem Pflug aufreißt und ausbeutet. Der Drache muss mit Tier- und Menschenopfern beschwichtigt werden – unschwer erkennt man in ihm den Nachfolger des antiken genius loci, der die geschändete Natur rächt. St. Georg macht ihm den Garaus – die Macht der Natur wird endgültig gebrochen. In vielen christlichen Legenden soll dem Drachen eine Jungfrau geopfert werden, was sich als unterbewusste Wiedergutmachung für die Schändung unberührter, jungfräulicher Natur deuten lässt – als Beispiel eines Wiedergutmachungsbrauchs haben wir oben den Schlangenkult im antiken Epirus genannt: Schlangen, die man als Nachkommen des ermordeten Python verehrte, wurden durch jungfräuliche Priesterinnen gefüttert. Es war eine Art Menschenopfer, das im Verzicht der Männerwelt auf den sexuellen Genuss dieser Priesterinnen bestand.



1) William Smith: Religion of the Semites, S. 133

2) Aelianus: Tiergeschichten 10, 48

3) Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Artikel Schlange, Spalte 1140

4) Zur Baumschlange als genius loci ausführlich Carl Boetticher: Der Baumkultus der Hellenen. 1856,  Kapitel XIV.: Schlangen als Hüter des heiligen Baumes

4a) Bibliothek des Apollodor 2, 113 und 121

5) Bibliothek des Apollodor 1, 131

6) Vgl. 1 Moses 3,14-15: „Da sprach Gott der Herr zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht, verstoßen aus allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem bauche sollst du kriechen und Erde fressen dein Leben lang.“ Und 1 Moses 3,17: „Verflucht sei der Acker um deinetwillen“ – Mit „Acker“ ist bei Luther übersetzt: ge „Erde“ (Septuaginta), bzw. terra (Vulgata); verflucht wird die vorchristliche Gottheit Mutter Erde.

7) So lässt sich Euripides: Iphigenie im Taurerlande 1248 deuten.

8) Vgl. Erwin Rohde: Psyche I, 132ff.

9) Aischylos: Eumeniden 12ff.

10) Gebildet aus keleuthos „Pfad, Weg, Bahn“ und –poios „-macher“ zu poiein „machen“

11) Gebildet aus pons, pontis „Brücke“ und –fex „–macher“ zu facere „machen“, vgl. arti-fex. Die ursprüngliche Bedeutung von pons, pontis war „Weg“, es ist verwandt mit russisch put‘ Weg“ – eine Brücke war ja ein spezieller Weg: über einen Fluss.

12) Pausanias: Beschreibung Griechenlands 2,7,7 und 10,7,2

13) Ovid: Metamorphosen IV, 563-603; vgl. auch Hyginus: Fabulae 6

14) Ludwig Radermacher: Mythos und Sage bei den Griechen (S. 245) charakterisiert den Sinis-Mythos zu Recht als „Riesensage. Denn um Fichten herabzubiegen, muss man nicht nur sehr stark, sondern auch hochgewachsen sein“.

15) Plutarch: Theseus  8; Ovid: Metamorphosen VII, 440ff.

15a) Übersetzung: Konrat Ziegler

16) Plutarch: Theseus 25

17) Plutarch: Alexander 43

18) Historia Augusta: Aurelian 7

19) Weitere Beispiele bei Radermacher a.a.O.

20) Prokop: Perserkriege I,4; Übersetzung: Otto Veh

   
 
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