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Als C.G.Jung Oberarzt an der Psychiatrischen Klinik der Universität Zürich war, begegnete er 1906

einer merkwürdigen Phantasie eines Paranoikers, der seit vielen Jahren interniert war. Der Patient hatte seit seiner Jugend an unheilbarer Schizophrenie gelitten. Er hatte die Volksschulen besucht und war als Angestellter in einem Büro tätig gewesen. Er war mit keinerlei besonderen Gaben ausgestattet, und ich selbst wusste damals nichts von Mythologie oder Archäologie; so war die Situation in keiner Weise verdächtig. Eines Tages traf ich ihn an, wie er am Fenster stand, seinen Kopf hin und her bewegte und in die Sonne blinzelte. Er bat mich, dasselbe zu tun, und versprach mir, ich würde dann etwas sehr Interessantes sehen. Als ich ihn fragte, was er sähe, war er überrascht, dass ich selbst nichts sehen konnte, und sagte: ‘Sie sehen doch den Sonnenpenis - wenn ich meinen Kopf hin und her bewege, so bewegt er sich ebenfalls, und das ist der Ursprung des Windes.’ Natürlich begriff ich die sonderbare Idee ganz und gar nicht, aber ich hielt sie in einer Notiz fest. Ungefähr vier Jahre später, während meiner mythologischen Studien, entdeckte ich ein Buch von ALBRECHT DIETERICH (1), dem bekannten Philologen, welches Licht auf jene Phantasie warf. Dieses Werk, 1910 veröffentlicht, behandelt einen griechischen Papyrus der Bibliothèque Nationale in Paris. DIETERICH glaubte in einem Teil des Textes eine Mithrasliturgie entdeckt zu haben. Der Text ist zweifellos eine religiöse Anweisung für die Durchführung bestimmter Anrufungen, in denen Mithras genannt wird. Er stammt aus der alexandrinischen Mystikerschule und stimmt in der Bedeutung mit dem Corpus Hermeticum überein. In DIETERICHS Text lesen wir die folgenden Weisungen:

‘Hole von den Strahlen Atem, dreimal einziehend, so stark du kannst, und du wirst dich sehen aufgehoben und hinüberschreitend zur Höhe, so dass du glaubst mitten in der Luftregion zu sein ... der Weg der sichtbaren Götter wird durch die Sonne erscheinen, den Gott, meinen Vater; ähnlicher Weise wird sichtbar sein auch die so genannte Röhre, der Ursprung des Dienst tuenden Windes. Denn du wirst von der Sonnenscheibe wie eine herabhängende Röhre sehen: und zwar nach den Gegenden gen Westen unendlich als Ostwind; wenn die Bestimmung nach den Gegenden des Ostens der andere hat, so wirst du in ähnlicher Weise nach den Gegenden jenes die Umdrehung (Fortbewegung) des Gesichts sehen.’ (2)

Die Fantasie des Geisteskranken und das Bild in dem religiösen Text sind die gleiche Vorstellung - es muss sich also um einen Archetypus handeln, denn der Paranoiker kann das Buch, das erst nach seiner Internierung erschienen war, unmöglich gelesen haben.
Der Patient war größenwahnsinnig. "Er war sogar der Sonnengott selbst, indem er durch sein Kopfwackeln den Wind erschuf. Die rituelle Umwandlung in die Gottheit ist durch APULEIUS in den Isismysterien bezeugt, und zwar in Form einer Sonnenapotheose. (3)

C.G.Jung deutet die die Symbolik der Röhre und nennt ein weiteres Beispiel für diesen Archetypus:

Diese merkwürdige Vision einer von der Sonnenscheibe herunterhängenden Röhre würde in einem religiösen Texte, wie dem der Mithrasliturgie, befremdend wirken, wenn dieser Röhre nicht phallische Bedeutung zukäme: Die Röhre ist der Ursprungsort des Windes. Aus diesem Attribut ist die phallische Bedeutung zunächst nicht zu ersehen. Es ist aber daran zu erinnern, dass der Wind, so gut wie die Sonne, ein Befruchter und Schöpfer ist. Bei einem Maler des deutschen Mittelalters finden wir folgende Darstellung der Zeugung (5): Vom Himmel kommt eine Röhre oder ein Schlauch herunter und begibt sich unter die Röcke der Maria; darin fliegt in Gestalt der Taube der Heilige Geist herunter zur Befruchtung der Gottesmutter. (4)

Auch dieses Gemälde kann der Patient unmöglich gekannt haben: Der Patient

war nie gereist. In keiner öffentlichen Kunstgalerie seiner Heimatstadt Zürich hängt ein solches Bild (6).

Verwandt ist die fixe Idee eines Geisteskranken, die Heinrich Heine in Shakespeares Mädchen und Frauen (im Kapitel Portia) mitteilt:

… gleich jenem verrückten Advokaten, den ich in San Carlo sah, und der sich ebenfalls nicht ausreden ließ, dass die Sonne ein englischer Käse sei, dass die Strahlen derselben aus lauter roten Würmern bestünden, und dass ihm ein solcher herabgeschossener Wurmstrahl das Hirn zerfresse?

Die Würmer lassen sich freudianisch unschwer als Sonnenphalli deuten, und interessant ist der Zusammenhang, in dem Heine diese fixe Idee erwähnt. Es geht um Shylock, den jüdischen Wucherer in Shakespeares Kaufmann von Venedig, und dessen jüdische Religion, die sich durch ihren Puritanismus, durch Vergeistigung und Überbewertung abstrakten und logischen Denkens auf Kosten von Sinnlichkeit und Sexualität, die als animalisch und niedrig unterdrückt werden, von den sinnenfrohen, die Erotik bejahenden Naturreligionen der Antike unterscheidet. War die Sonne auf der ursprünglichen Entwicklungsstufe der Religionen der oberste männliche Gott, der mit seinem Licht und seiner Wärme befruchtend und wachstumsfördernd auf Mutter Natur einwirkt, also eine Naturpotenz mit phallischem Charakter, so wurde ihr Nachfolger, der männliche Gott im Himmel der Juden, Christen und Muslime, ein asexuelles Wesen, das von allem Animalischen gereinigt worden ist. Da aber Sexualität etwas Natürliches ist, das im Menschen nicht ausgerottet, sondern nur unterdrückt und verdrängt werden kann und dann in anderer, oft grotesk entstellter (7), ja destruktiver Form weiterwirkt, so ist auch ihre Verdrängung aus dem puritanischen Gottesbild der Juden, Christen und Muslime ein gewaltsamer Akt, und das Abgespaltene, der Archetypus des phallischen Sonnengottes, äußert sich in solchen Visionen.

1) Albrecht Dieterich: Eine Mithrasliturgie 2. Aufl. Berlin 1910 (C.G.Jung hielt diese Auflage ursprünglich für die erste, die jedoch, wie er später erfuhr, schon 1903 erschienen war. Der Patient war jedoch schon vor 1903 hospitalisiert worden, vgl. C.G.Jung: Gesammelte Werke (GW) 9/I, Fußnote zu § 105

2) C.G.Jung: Gesammelte Werke (GW) 9/I §105

3) C.G.Jung: GW 9/I § 107

4) C.G.Jung: GW 5 § 150

5) Obumbratio Mariae. Rheinischer Wirkteppich (Ende 15. Jh.) Abbildung in C.G.Jung: GW 5, Abb. 17                                                                                                                        Der lateinische Name des Kunstwerks bedeutet Überschattung Marias und bezieht sich auf Luk. 1,35, wo ihr durch einen Engel die Empfängnis Jesu angekündigt wird: "Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das von dir geboren wird, Gottes Sohn genannt werden."

6) C.G.Jung: GW 9/I § 109

7) Warum ist die Sonne ein Käse? Käse kann man kaufen und essen. Warum ist sie ein englischer Käse? Zu Lebzeiten von Heine war in England das am weitesten fortgeschritten, wofür Shylock steht: Handel, Industrie, Akkumulation, Durchrationalisierung des Lebens, was zur Konsumgesellschaft führt, in der Waren, die gekauft und konsumiert werden, Ersatzbefriedigung sind für die verlorene Ursprünglichkeit – der große Pan ist tot.

   
 
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