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Unterwasserwelt als archetypisches Symbol der Kindheit am Beispiel von Hans Christian Andersens Märchen Die kleine Seejungfrau und Friedrich de la Motte Fouqués Erzählung Undine

Die archetypische Symbolik der Unterwasserwelt ist in beiden Werken vielschichtig, aber immer geht es um Entwicklung.
Bei Andersen symbolisiert die Verwandlung des Fischschwanzes der Seejungfrau in Beine vielleicht die Herkunft des Lebens aus dem Wasser. Die Fortbewegung auf Beinen ist für die Seejungfrau schmerzhaft. War es auch für unsere tierischen Vorfahren mit Leid verbunden, als sie das Wasser verließen und sich - nicht mehr in ihrem Element - zu Landbewohnern weiterentwickelten? Ist Entwicklung zu Höherem und Aufgabe einer früheren Stufe immer mit Schmerz und Verzicht verbunden?
Die Verwandlung des Fischschwanzes in menschliche Beine symbolisiert vielleicht auch die Entwicklung vom Tier zum Menschen, also zum aufrechten Gang, vor allem aber vom unbewussten Wesen, das nur seinen Instinkten folgt, zum Menschen, der sich seines Verstandes bedient und sich vom Tier durch sein Bewusstsein unterscheidet. Diese Höherentwicklung, zu der die ständige Unterdrückung des Tieres im Menschen gehört, hat uns Menschen sehr viel gebracht, ist aber mit Schmerz und Verzicht verbunden.
Trotzdem gilt: "Alles will höher, als es steht" - so kommentiert Undine bei Motte Fouqué (Kapitel 8) ihren Aufstieg aus dem schmerz- und problemfreien Unterwassenleben an Land in die Menschenwelt; die Evolution des Lebens von niederen zu höheren Formen, wofür ihr Aufstieg dann symbolisch stünde, könnte auch damit gemeint sein (1).
Eine andere Art von Entwicklung, auch zu einer höheren Stufe und mit Schmerz und Verzicht verbunden, symbolisiert das Verlassen der Unterwasserwelt in beiden Werken ebenfalls: Ende der Kindheit und Beginn des Erwachsenwerdens.
Die Heldin von Andersens Märchen lebt mit ihren fünf älteren Geschwistern bei ihrem Vater und ihrer Großmutter im Meer. Wenn die Kinder 15 Jahre alt geworden sind, dürfen sie auftauchen und sich die Welt über Wasser ansehen. Es ist das Alter der Pubertät, in dem sich die biologische Geschlechtsreife bereits herausgebildet hat. Deshalb lässt sich das Auftauchen als Symbol für das Heraustreten aus der behüteten Kindheit in die Erwachenenwelt deuten. Kindheit ist ein narzisstischer Zustand von Behütetsein und Geborgenheit, der die uneingeschränkte Geborgenheit im Mutterleib in gewissem Maße fortsetzt. In der Regel wird ein Kind von solchen Konfrontationen mit der Wirklichkeit, die es überfordern würden, durch seine Eltern abgeschirmt. Kindheit ist in vieler Hinsicht durch Unbeschwertheit und Harmonie mit der - durch elterliche Behütung eingeschränkten und gesicherten - Welt geprägt, so dass man von Kindheitsparadies sprechen kann. Als ein solches ist auch die Unterwasserwelt in Andersens Märchen geschildert:

"Den ganzen Tag konnten sie unten im Schlosse in den großen Sälen, wo lebendige Blumen aus den Wänden hervorwuchsen, spielen. Die großen Bernsteinfenster wurden aufgemacht, und dann schwammen die Fische zu ihnen hinein, wie bei uns die Schwalben hereinfliegen, wenn wir die Fenster aufmachen. Die Fische schwammen gerade zu den Prinzessinnen hin, fraßen aus ihren Händen und ließen sich streicheln." (2)

Im Gegensatz dazu übt die Oberwasserwelt, Metapher für das Leben der Erwachsenen, in die die kleine Seejungfrau heraustreten will, nicht nur Faszination aus, sondern hält auch Erschreckendes und Gefahren bereit. So wagt sich die dritte Schwester, die "Mutigste von allen" (2), weiter aus dem Meer heraus. Sie schwimmt einen Fluss aufwärts und trifft Kinder beim Baden. Da "kam ein kleines, schwarzes Tier, das war ein Hund, aber sie hatte nie einen Hund gesehen, der bellte sie so erschrecklich an, dass ihr bange wurde und sie die offene See zu erreichen suchte." (2)
Noch weiter aus dem Meer strebt die jüngste, die Heldin des Märchens. Sie verliebt sich in einen Prinzen, den sie in einem Schiff beobachtet. Als ein Sturm das Schiff versenkt, will sie ihn retten und schwimmt, um zu ihm zu gelangen, "zwischen Balken und Planken, die auf der See trieben, und vergaß völlig, dass diese sie hätten zerquetschen können" (2).
Der Eintritt in die Menschenwelt ist gefährlich, aber von Liebessehnsucht getrieben gibt sie die Geborgenheit ihres Kindheitsparadieses auf.
Die erste erotische Erfahrung beendet oft die Kindheit, reißt den jungen Menschen ins Erwachsenendasein. Die kleine Seejungfrau wird die Lebensgefährtin des Prinzen, was für sie Verzicht auf das unbeschwerte Leben unter Wasser bedeutet. Damit sie mit ihm leben kann, lässt sie sich von einer Hexe ihren Fischschwanz in menschliche Beine verwandeln, wofür sie ihr als Entgelt ihre Stimme geben muss: Die Hexe schneidet ihr die Zunge ab. An Land kann sie anmutig gehen und tanzen, aber jeder Schritt tut in ihren Beinen weh. Und der Prinz verliebt sich in eine andere. Erwachsensein bedeutet Verzicht, Schmerz und Kränkung.

Auch Undine verlässt ihre paradiesische Unterwasserwelt, um sich an Land mit einem Menschen, dem Ritter Huldbrand, zu vermählen. Dadurch erhält sie eine Seele. Was bedeutet das? Am Hochzeitstag sagt sie:

"Es muss etwas Liebes, aber auch etwas höchst Furchtbares, um eine Seele sein. ...wär es nicht besser, man würde ihrer nie teilhaftig?
...
Schwer muss die Seele lasten, fuhr sie fort, da ihr noch niemand antwortete; sehr schwer! Denn schon ihr annahendes Bild überschattet mich mit Angst und Trauer. Und ach, ich war so leicht, so lustig sonst!" (Kapitel 7).

Sie war "so leicht, so lustig" vor dem Erhalt ihrer Seele - es ist die Kindheit mit ihrer Unbekümmertheit, die beendet wird; Seele bedeutet hier ein Mehr an das Verhalten kontrollierender Bewusstheit, Verantwortung, erhöhte Anpassung an die Menschenwelt, Verzicht auf Spontaneität und Ausgelassenheit, alles was den Erwachsenen vom Kind unterscheidet - das legen auch andere Stellen nahe, an denen es um Undines ursprüngliche Kindlichkeit und ihren Verlust geht:
Kapitel 1, in dem sie noch nicht verheiratet ist, schildert ihre kindlichen "Schäkereien" und "Torheiten", ihren "drollig anmutenden" Trotz; der Leser erlebt ein vom Erwachsenenleben noch nicht domestiziertes und verbildetes Naturwesen.
Nach der Trauung ist sie "still, freundlich und achtsam, ein Hausmütterlein, und ein zart verschämtes, jungfräuliches Wesen zugleich. Die Dreie, welche sie schon länger kannten, dachten in jedem Augenblick irgendein wunderliches Wechselspiel ihres launischen Sinnes hervorbrechen zu sehen. Aber sie warteten vergebens darauf." (Kap. 8).
Vor der Heirat war sie ein "leichtes und lachendes Kind" aus der Unterwasserwelt, danach ist sie eine "beseelte, liebende, leidende Frau" (Kap. 8).
Ihr kindlich-unangepasstes Wesen, das Undine seit ihrem Eintritt in die Erwachsenenwelt nicht mehr leben darf, hat sie jedoch nicht abgetötet, sondern abgespalten. In Kühleborn, der in der Unterwasserwelt wohnen bleibt, lebt es als Teilpersönlichkeit weiter. Kühleborn ist "seelenlos" (Kap. 13) und undomestiziert geblieben. Er weiß nicht, "wie Liebesleiden und Liebesfreuden einander so anmutig gleichsehn, und so innig verschwistert sind, dass keine Gewalt sie zu trennen vermag. Unter der Träne quillt das Lächeln vor, das Lächeln lockt die Träne aus ihren Kammern." (Kap. 13). Und er bezeichnet sich als "frei" "wie der Vogel im Walde, und wohl noch ein bisschen darüber." (Kap. 9).
Dieser autonom gebliebene Seelenanteil Undines ist es auch, der sich an Huldbrand rächt, als dieser sie kränkt, indem er ihr Bertalda vorzieht.

Weitere Beispiele:

Bachmann: Die gestundete Zeit

Balmont: Zwischen Unterwasserhalmen

Ovid: Metamorphosen 13,898-968 (Glaucus)

Schubart: Die Forelle

Zwetajewa, M.: Mutter und die Musik

1) Die Evolution ließe sich dann mit einem Menschenleben vergleichen: von niederen, einfachsten Lebensformen im Wasser, die unbewusst sind wie ein Embryo im Fruchtwasser des Mutterleibs, der Aufstieg zu höheren, bewussteren Wesen, den Tieren, vorwiegend am Land, was der Kindheit entspräche, und schließlich zur höchsten Bewusstheit des erwachsenen Menschen.

2) Zitiert aus: Andersens Märchen. Knaur. Copyright 2003 bei Droemersche Verlagsanstalt, Übersetzer: NN

   
 
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