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Der Begriff Narzissmus ist so vieldeutig, dass ihm oft seine definitorische Schärfe abgeht.
Von Narzissmus sprechen wir, wenn jemand sich von der Welt, von anderen Menschen abwendet, nur "autistisch selbstzufrieden, anscheinend keiner Objekte bedürftig" (1) dahinlebt und vorwiegend sich selbst liebt und mit sich selbst beschäftigt ist. Wer in solcher Weise sein Interesse von den Objekten der Außenwelt abwendet, wird von Sigmund Freud mit einem Protoplasmatierchen verglichen, das die von ihm ausgeschickten Pseudopodien (Scheinfüßchen) wieder einzieht (Ges. Werke X, S. 141). Auch der Schlaf ist für Freud ein narzisstischer Zustand der Abwendung von der Welt und des Rückzugs in sich selbst (Ges. Werke X, S. 149).
Narzisstisch nennen wir aber auch jemanden, dessen Selbstwertgefühl beständige Anerkennung und Bewunderung durch andere Menschen braucht, so dass er sich eben nicht von ihnen abwendet. Dementsprechend ist im gegenwärtigen Sprachgebrauch Narzissmus ein Synonym für Selbstwertgefühl, das Anerkennung von anderen braucht, ja Eitelkeit, russisch samoljubie.
Und wenn Narzissmus gleich Selbstwertproblematik ist, hat er mit allen Aspekten des Seelenlebens zu tun, auch mit Machtstreben zum Beispiel. Werden wir in einem bestimmten Bereich, zum Beispiel im Beruf, gering geachtet oder gar gemobbt, kränkt es unseren Narzissmus; verschaffen wir uns bei unseren Feinden Respekt und können unsere Macht genießen, so tut es unserem Selbstwertgefühl gut.
Wer sich von den Menschen abwendet, ist also ein Narzisst, und wer sich ihnen zuwendet, weil er zum Beispiel ihre Bewunderung braucht, ebenfalls.

Von Narzissmus wird auch gesprochen, wenn es um das von uneingeschränkter Geborgenheit und Spannungsfreiheit geprägte Leben des Ungeborenen im Mutterleib geht, wie auch um die sehnsüchtige Erinnerung daran und das Bestreben, sich dafür wenigstens Ersatz zu schaffen, was den Menschen von der Geburt bis zu seinem Tod umtreibt. Dies ist für viele Psychoanalytiker der eigentliche Narzissmus und Quelle für die beiden oben genannten Faktoren, die der Begriff Narzissmus auch bezeichnet: Rückzug auf sich selbst, zum Beispiel im Schlaf, und Eitelkeit, Streben nach Anerkennung, Bewunderung, Liebe oder wenigstens Respektierung.

Definieren wir also den ursprünglichen Narzissmus des intrauterinen Lebens:

Vor seiner Geburt genießt der Mensch im Mutterleib eine Phase unbeeinträchtigten Wohlbefindens, nach der er sich sein ganzes Leben zurücksehnt. Diesem Zustand des ursprünglichen Narzissmus werden bestimmte existenzielle Merkmale zugesprochen und aus ihnen Bestrebungen im postnatalen Leben abgeleitet, die diese Zustände wiederherstellen bzw. Ersatz dafür schaffen wollen (2):

- Absolute Geborgenheit und Unverwundbarkeit Der Fötus wird durch das "Stöße abdämpfende Schutzgewebe des Mutterleibs" geschützt. In diesem Zustand hat in vielen Mythen das Ideal der Unverwundbarkeit seine Wurzeln.

- Einzigartigkeit und Souveränität Der Mutterleib ist das Universum des Fötus, das er ganz ausfüllt und mit niemandem teilen muss. Das Universum enthält nur ihn und nichts Störendes, das sein Dasein beeinträchtigt. Der Fötus lebt mit seiner Mutter in einer intrauterinen Einheit und kennt noch nicht die Trennung zwischen sich und Objekten, weiß noch nicht, dass Menschen und Dinge sich seiner Verfügung entziehen, ja ihm feindlich entgegenstehen können. Die Sehnsucht nach diesem Zustand zurück ist für das Streben vieler Menschen nach Macht und Autonomie mitverantwortlich und ist die Wurzel für Allmachtfantasien und megalomane Bestrebungen.

- Parasitäre Existenz und Spannungsfreiheit durch automatische Versorgung Da der Fötus sich in einer nutritiven Einheit mit seiner Mutter befindet und automatisch durch Osmose ernährt wird, lebt er in einem "Zustand vollkommener Homöostase (3) ohne Bedürfnisse, denn diese werden automatisch befriedigt und können sich als solche noch gar nicht entwickeln. Wegen der parasitären Art seines Stoffwechsels kennt er weder Wunsch noch mit Entspannung verbundene Befriedigung, sondern lediglich ein vollkommenes Gleichgewicht."

- Zeitlosigkeit und Unsterblichkeit Der Fötus hat kein Gefühl für die Zeit, seine Existenz ist zeitlos, er erlebt weder Langeweile noch Zeitdruck und kennt keine Endlichkeit. Dank der automatischen Ernährung durch Osmose bekommt das Ungeborene nie die Zeit zu spüren wie zum Beispiel ein Kleinkind, das durstig ist und schreiend, voller Ungeduld warten muss, bis die Mutter mit etwas zum Trinken kommt und endlich seinen Durst stillt. In Zusammenhang mit der Zeitlosigkeit sieht Grunberger den religiösen Glauben an Ewigkeit und Unsterblichkeit.

Dieser ursprüngliche Narzissmus wird durch die Geburt erschüttert, die sein Ende einleitet (man spricht von Geburtstrauma). Nach der Geburt wird der narzisstische Zustand von Konfliktfreiheit bzw. -armut und Geborgenheit weitgehend beibehalten. Dies ermöglicht die umsorgende Pflege durch die Mutter und der kaum unterbrochene Schlaf des Neugeborenen. Nach und nach muss das Kind jedoch sein spannungsfreies und parasitäres Dasein aufgeben, sehnt sich aber sein ganzes Leben lang nach dieser Existenz vor der Geburt und als Säugling zurück und ist bestrebt, sich dafür Ersatz zu beschaffen.

Ein Ausdruck dieser Sehnsucht nach dem narzisstischen Zustand vor und einige Zeit nach der Geburt ist das Motiv der Vertreibung aus dem Paradies. Grunberger sagt dazu: "Aus dem ehemaligen narzisstischen Parasiten muss nun ein aktives Individuum werden, das künftig die Last seiner Existenz selber trägt (das Kind ist aus dem Paradies vertrieben und muss ‘im Schweiße seines Angesichts’ für seine Bedürfnisse aufkommen)."

Was ebenfalls als Narzissmus bezeichnet wird, Abwendung von der Welt und ihren störenden Objekten durch Schlaf oder Betäubungsmittel sowie Streben nach Bewunderung oder Macht, lässt sich definitorisch mit dem intrauterinen Zustand unter einen Hut bringen und gemeinsam als Narzissmus bezeichnen, indem man den ursprünglichen Narzissmus vor der Geburt als Quelle für diese späteren narzisstischen Bestrebungen charakterisiert, für den sie Ersatz sein sollen.
Wer Vergessen in Schlaf oder Rausch sucht, "zu sein" möchte, will sich so von der Außenwelt mit ihren Kränkungen abwenden und sich Ersatz für die unbewusste, von störenden Objekten unbeeinträchtigte Existenz im Mutterleib schaffen.
Einen von Beeinträchtigungen und Kränkungen freien Raum als Ersatz für den Mutterleib strebt auch an, wer in einem bestimmten Bereich, zum Beispiel auf dem Schulhof oder am Arbeitsplatz seine Feinde so einschüchtert, dass sie nichts gegen seinen Willen tun.
Ersatz für die ursprüngliche intrauterine Geborgenheit hat auch der Star gefunden, wenn er sich von einer Welt von Fans, von ihrer Bewunderung und Liebe umgeben weiß.

 1) W. Schumacher: Bemerkungen zur Theorie des Narzissmus. In: Psyche 1. 1970, S. 2

2) Meine Definition von Narzissmus stützt sich auf: Béla Grunberger: Vom Narzissmus zum Objekt. 1982. 1. Auflage, Einleitung, vor allem S 27-35, von dort sind auch die Zitate.

3) Homöostase: Gleichgewicht der physiologischen Körperfunktionen in einem Organismus

   
 
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