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MARINA ZWETAJEWA ALS MANN

Mit Sofia Parnok hatte Marina Zwetajewa ein lesbisches Verhältnis

Marina Zwetajewa war bisexuell. Sie war mit Sergej Efron verheiratet, hing an ihm und den gemeinsamen Kindern, in ihr steckte aber auch ein männlicher Persönlichkeitsanteil, der sie Affären mit Frauen eingehen ließ.

"Kurzes Haar hab ich (wie jetzt, hab mein Leben lang kein langes getragen), und einem Jungen gleich ich" schreibt sie am 13. Mai 1926 an Rilke.

"Ein Bedürfnis nach körperlicher Nähe spürte sie nicht nur gegenüber Männern, sondern gelegentlich auch gegenüber Frauen. Die damals junge und attraktive Dichterin Nina Berberowa berichtete von einem Erlebnis mit ihr: Als sie einmal abends bei Marina Zwetajewa zu Besuch war, habe diese plötzlich das Licht im Zimmer ausgeschaltet, die Widerstrebende auf das Sofa gezogen und sie gekitzelt und umarmt." (1)

"Einer von ihnen beschrieb sie: >Für eine Frau ist sie eher groß, sie hat ein schmales, dunkles Gesicht, die Nase leicht gebogen, die Haare glatt, eine Ponyfrisur. ... Den Händen geht jede weibliche Zartheit ab, es ist sofort zu sehen, das sie die körperliche Arbeit nicht scheut. Marina Zwetajewa sagte selbst über sich, dass sie nur Gedichte schreiben und ein (schlechtes) Essen kochen könne. Von diesen ‘schlechten’ Mahlzeiten und dem schweren Moskauer Leben waren ihre Hände nicht geplegt, sondern sahen eher wie Arbeiterhände aus. Sie trug irgendein billiges Kleid, ohne jegliche 'Eleganz’. Als Frau war die Zwetajewa nicht attraktiv. In ihr gab es irgendetwas Herb-Männliches. Sie ging mit weit ausholenden Schritten, an den Füßen trug sie eher zu Männern passendes Schuhwerk (besonders liebte sie irgendwelche ‘Bergschuhe’).<
Anderen Zeitgenossen fielen ihre breiten Schultern und ihr überraschend kräftiger männlicher Händedruck auf." (2)


Schon als Achtzehnjährige veröffentlicht sie ein Gedicht über mögliche, wenn auch aus Feigheit und Unterwerfung unter die herrschende Moral nicht verwirklichte Liebe zwischen Frauen: Zusammen baden, zusammen eine Grenze überschreiten steht für lesbische Liebe (Diese frühen Gedichte lassen noch nicht viel von ihrer späteren Genialität erahnen, sind aber in der Thematik oft schon kühn):

Rouge et Bleue

Девочка в красном и девочка в синем
Вместе гуляли по саду.
— «Знаешь, Алина, мы платьица скинем,
Будем купаться в пруду?».
Пальчиком тонким грозя,
Строго ответила девочка в синем:
— «Мама сказала — нельзя».

Девушка в красном и девушка в синем
Вечером шли вдоль межи.
— «Хочешь, Алина, все бросим, все кинем,
Хочешь, уедем? Скажи!»
Вздохом сквозь вешний туман
Грустно ответила девушка в синем:
— «Полно! ведь жизнь — не роман»...

Женщина в красном и женщина в синем
Шли по аллее вдвоем.
— «Видишь, Алина, мы блекнем, мы стынем, —
Пленницы в счастье своем»...
С полуулыбкой из тьмы
Горько ответила женщина в синем:
— «Что же? Ведь женщины мы!»

Rouge et Bleue

Ein kleines Mädchen in Rot und eines in Blau
Spazierten zusammen im Garten.
- "Weißt du was, Alina, wir ziehen uns die Kleider aus
Und baden im Teich?"
Mit dem feinen Finger drohend
Erwiderte streng das Mädchen in Blau:
"Mama hat es verboten".

Ein junges Mädchen in Rot und eines in Blau
Gingen abends den Rain entlang.
- "Hast du Lust, Alina! Wir lassen alles stehn und liegen
Und fahren weg? Sag, hast du Lust!"
Mit einem Seufzer durch den Frühlingsnebel
Antwortete das Mädchen in Blau traurig:
Es reicht! Das Leben ist doch kein Roman"...

Eine Frau in Rot und eine in Blau
Gingen zu zweit auf einer Allee.
- "Siehst du, Alina, wir werden welk und kalt, -
Gefangene in ihrem Glück"...
Mit einem angedeuteten Lächeln aus der Dunkelheit
Antwortete bitter die Frau in Blau:
"Ja und? Wir sind doch Frauen!"

Zwei Jahre später erscheinen zwei Gedichte, in denen sie die weibliche Rolle, die sie auf Häuslichkeit und Kindererziehung beschränken würde, eindeutig ablehnt. Sie zieht die männliche Rolle eines Ritters, der ein Schwert führt, oder eines Soldaten, der trommelnd durch die Lande zieht, vor. Exquisit männlich ist für sie auch die Rolle des Musikers (3), der auf einer Trommel oder einem Saiteninstrument spielt. Ein Saiteninstrument ist auch ein traditionelles Symbol für den Dichter, der archaisierend auch Sänger (pevec) heißt, weil er früher seine Dichtung singend vortrug und sich auf einer Harfe oder Leier begleitete. Für den männlichen Charakter des Musizierens spricht auch die archetypische, das heißt ererbte und zum kollektiven (also allen Menschen gemeinsamen) Unbewussten gehörende Vorstellung vom Musikinstrument als Frauenkörper.

Nur ein Mädchen

Ich bin nur ein Mädchen. Meine Pflicht
Bis zur Trauung ist es,
Nicht zu vergessen, dass überall der Wolf lauert,
Und immer daran zu denken: Ich bin das Schaf.

Von einem goldenen Schloss träumen,
Wiegen, im Kreise schwingen, schütteln:
Zuerst eine Puppe und dann
Keine Puppe, aber fast eine.

In meiner Hand soll kein Schwert sein,
Keine Saite erklingen.
Ich bin nur ein Mädchen und schweige.
Ach, könnte auch ich

Den Blick hinauf zu den Sternen erheben und wissen, dass dort
Auch mir ein Stern entzündet ist,
Und in alle Augen lachen
Ohne die meinen niederzuschlagen.

Die Trommel

Morgens im Mai die Wiege wiegen?
In die Schlinge mit dem stolzen Hals?
Für die Gefangene ein Spinnrad, für die Hirtin eine Schalmei,
Für mich eine Trommel.

Frauenschicksal reizt mich nicht:
Vor Langeweile hab ich Angst, nicht vor Wunden!
Alles, auch Macht und Ehre, schenkt mir
Meine Trommel!

Die liebe Sonne ist aufgegangen, die Bäume stehn in Blüte...
Wie viele noch nicht gesehene Länder gibt es!
Tilge jeglichen Kummer wie im Flug,
Kling, Trommel, kling!

Trommler sein! Allen voran!
Alles andre ist Betrug!
Was sonst nimmt die Herzen ein auf der Fahrt
Wenn nicht eine Trommel?

Zwar hat Marina Zwetajewa doch geheiratet und war eine liebevolle Mutter, die sich durch Mann und Kinder vom Dichten nicht nur nicht ablenken, sondern zu vielen Gedichten inspirieren ließ, aber in ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter ist sie nicht aufgegangen, sondern hat viel von ihrer Lebensenergie und Hingabe der Lyrik zugewandt. Deshalb kann sie sich in dem Gedicht Jungfrauen-, Heldentum... mit einer Sängerin-Dichterin vergleichen, die sich stolz ihre Jungfräulichkeit wahrte und sich frei von Frauen- und Mutterpflichten der Dichtung hingeben kann. Jungfräulichkeit bedeutet hier nicht demütige, verzichtende Weltabgewandtheit einer Nonne, sondern stolze Verweigerung der Frauenrolle zugunsten eines Daseins, das männlich-kriegerischen Geist atmet und ähnlich von Schillers Jungfrau von Orleans oder der Heldenjungfrau (virago) Camilla in Vergils Aeneis gelebt wird. Attribut der Männlichkeit ist auch in diesem Gedicht wie in dem oben zitierten ein Schwert.

Dass ihr biologisches Geschlecht sie auf die weibliche Rolle allein festlegt und den Mann, der auch in ihr steckt, unterdrückt, lässt sie nicht zu, aber umgekehrt auch nicht: Von Emanzen, die die Frauenrolle hassen und von Ressentiment getrieben alles Weibliche (in sich und bei anderen) verteufeln und es verkümmern lassen (wenn es nicht schon verkümmert ist), unterscheidet sich Marina Zwetajewa wohltuend: Ihr männlicher Persönlichkeitsanteil entfaltet sich nie auf Kosten des weiblichen, sie steht nie auf Kriegsfuß mit ihrer Weiblichkeit und wertet sie nicht ab; nicht vermännlicht, sondern androgyn war ihre Erotik, was sich zum Beispiel in ihrer Affaire mit Sonja Holiday zeigte, einer noch kindlichen Schauspielerin, um die sich ihre autobiographische Prosa Sonjetschka-Erzählung rankt. Sonjetschkas Kindlichkeit äußert sich darin, dass sie in einer Liebesbeziehung vor allem Geborgenheit wie ein Kind bei seinen Eltern sucht - als Zwetajewa dies dichterisch gestaltete, wurde sie von der archetypischen Vorstellung des mütterlichen Baumes inspiriert, die wohl eine in der Seele aller Menschen erhalten gebliebene Erinnerung an das Dasein unserer Vorfahren ist, die mehr oder weniger auf Bäumen lebten, die ihnen Schutz vor wilden Tieren und Früchte zur Nahrung boten, also wie Geborgenheit schenkende und nährende Mütter erlebt wurden. Zwetajewa schildert Sonjetschka als Kind, das in einem Sessel geborgen wie in einer Baumkrone oder in einem Wald lebt:

Sonjetschka lebte im Sessel. Dem tiefen, undurchdringlichen, grünen. In dem riesigen grünen Sessel, der sie umgab, umringte, umarmte wie ein Wald. Sonjetschka lebte in dem grünen Gesträuch des Sessels.      (4)

Сонечка жила в кресле. Глубоком, дремучем, зеленом. В огромном зеленом кресле, окружавшем, обступавшем, обнимавшем ее, как лес. Сонечка жила в зеленом кусту кресла.

Keine Übertragung ins Deutsche kann adäquat die hochpoetische Stelle wiedergeben, die wörtlich übersetzt lautet: "Sonjetschka wohnte in einem Sessel. Einem tiefen, dämmernden, grünen." "Dämmernd" steht für dremutschij, eine partizipiale Bildung zum Verb dremat', das "dösen, im Halbschlaf sein" bedeutet, und - was der deutsche Leser nicht weiß, woran aber der russische Leser denkt - : Dremutschij "dämmernd, (im Halbschlaf) dösend" bildet im Russischen zusammen mit les "Wald" den Begriff dremutschij les "Urwald" (5) - der Sessel ist für Sonjetschka ein Wald, der von Menschen zwecks Ausbeutung nicht zurechtgestutzt wurde, sondern im Naturzustand bleiben durfte, und, als unberührte, jungfräuliche Natur, Metapher dafür ist, dass Sonjetschka sich weigert, in das von Rationalismus und Utilitarismus geprägte Leben der Erwachsenen einzutreten, sondern lieber kindlich und unschuldig bleibt.
Das kindliche Mädchen liebt Geborgenheit, also ist Zwetajewa für sie wie eine Mutter - lässt sich aus diesem archetypischen Bild schließen, doch dann liest man:

Sie krümmte sich zu einem Häufchen zusammen, klein, ihr Gesicht war vor Haaren, Händen und Tränen nicht zu sehen, sie versteckte sich in sich selbst, baute sich ein schützendes Nest (wie das Kindermädchen Nadja aus Vladimir für meine Tochter Irina) ... Und ringsherum und über ihr und unter ihr - der Wald, das Gewölbe, die Flut des Sessels.
Daraus, wie sie sich in ihm hineinscharrte, hineinpresste, war zu ersehen, wie sehr sie jemanden nötig hatte, der sie in seine väterlich-schützenden, liebevollen, starken Arme nähme. (Denn ein Sessel ist immer ein alter Mann.)                                    (6)

Kommen wir jetzt in Verlegenheit? Der Archetypus Baum / Wald ist immer weiblich! Aber Marina, die für Sonjetschka dieser Wald ist, fühlt sich als ihr Vater, zu dessen Bestimmung das Beschützen seines Kindes ja auch gehört. Ähnlich irritierend wirkt auf einen Interpreten wie mich, der der von der Archetypenlehre C.G.Jungs herkommt, ein weiteres Bild in der Sonjetschka-Erzählung:  

Wie ist sie in mein Leben getreten? Wann? Im Winter war sie noch nicht da. Also im Frühjahr. Im Frühjahr 1919, nicht zu Beginn, eher im April, denn ich verbinde mit ihr die schon gefiederten Pappeln vor meinem Haus. Die Zeit der ersten grünen Blätter.           (7)

Mit dem frühlingshaften Augenblick, in dem Sonjetschka in ihr Leben tritt, assoziiert Zwetajewa Bäume, also weiblich-mütterliche Symbole. Doch diesen Bäumen ist gerade ihr Federkleid gewachsen - denn die Blätter vergleicht sie mit Federn. Jede der Pappeln ist also ein Vogel, der in der Welt der Archetypen ein Phallussymbol ist (8), man denke nur an den Adler, der wie der Blitz Waffe und zeugender Phallus des obersten männlichen Gottes Zeus und Verkörperung des männlichen, Mutter Erde befruchtenden Himmelsgottes ist (vgl. hier vor allem die Interpretation des Tjutschew-Gedichts Frühlingsgewitter) oder an den Heiligen Geist in Vogelgestalt, mit dem Gott Maria schwängert, was auch Puschkin in seiner Gabrieliade aufgreift - der Vogel-Baum ist männlich und weiblich zugleich, eine kühne Metapher für die Androgynie, mit der Zwetajewa Sonjetschka liebt - ihr männlicher Seelenanteil wird dabei nicht gegen den weiblichen ausgespielt und umgekehrt auch nicht.


Siehe auch:

Zwetajewa, M.: Irgendein Vorfahr von mir war Geiger
Zwetajewa, M.: Mutter und die Musik

1) Thomas Urban: Russische Schriftsteller im Berlin der zwanziger Jahre. 2003, S. 141. Urbans Darstellung basiert auf: Nina Berberowa: Ich komme aus St. Petersburg. Autobiographie. Düsseldorf 1990, S. 246

2) a.a.O., S.140-141 - Urban zitiert aus:
"Für eine Frau ist sie eher groß...": Roman Gul: Ja unes Rossiju. Apologija emigrazii. Bd I, New York 1981, S. 60
"Anderen Zeitgenossen fielen ihre breiten Schultern...": Mark Slonim: O Marine Cvetaevoj. In: Nowyj Zhurnal 100 (1970), S. 155

3) Vgl. Antonina Filonov Gove: The Feminine Stereotype and Beyond: Role Conflict and Resolution in the Poetics of Marina Tsvetaeva. In: Slavic Review 36 (1977), wo es zu den zwei Gedichten heißt: "The unattainable (male) roles are those of warrior, metonymically represented by a sword, and of musician or bard, represented by a string instrument." (S. 235)

4) Zitiert aus: Marina Cvetaeva: Erzählung von Sonecka. Übersetzung: Margarete Schubert, S. 40

5) Die Vorstellung eines tiefen, undurchdringlichen Urwaldes, in dem drem-ota "Dämmerzustand, Schläfrigkeit" herrscht, als Metapher für das lyrische Ich, das ein geliebtes Du schützend - und gefangen haltend - in sich einschließt, prägt auch Zwetajewas Gedicht Пещера / Die Höhle.

6) A.a.O., S. 42

7) A.a.O., S. 25

8) Für die Phallus-Bedeutung des Baum-Bildes spricht auch, dass Marina Zwetajewa sich Pappeln, also schlank und steil aufragende Bäume, gewählt hat.

   
 
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