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Waren das noch Zeiten, als die Todesfatwa gegen Salman Rushdie verhängt wurde und die taz sich spontan mit ihm solidarisierte, indem sie Passagen aus seinem Roman Die Satanischen Verse auf ihrem Titelblatt druckte! Das tat sie in der Tradition der 68er, für die Respektlosigkeit vor religiöser Autorität dazugehörte.
Seit Ausbruch des Karikaturenstreits aber schwenkte sie auf einen Appeasement-Kurs gegenüber dem Islamofaschismus ein nach dem Motto: Respekt vor religiösen Gefühlen (der Muslime, nicht der Katholiken beispielsweise), so dass ich mein über 10jähriges Abo kündigte.Nun soll Salman Rushdie von der englischen Königin zum Ritter geschlagen werden und in der taz erscheint ein Artikel, der ihm deswegen „Eitelkeit“ vorwirft und rügt:

"Es ist müßig, im gegenwärtigen Kulturkampfklima die Frage zu stellen, ob es denn tatsächlich nötig war, Rushdie den Adelstitel anzubieten (und ob es klug von ihm war, ihn anzunehmen)"  …

Als Vorbild für den eitlen Rushdie schwebt dem Autor des Artikels vielleicht der sowjetrussische Dichter Leonid Pasternak vor, der eine Ehrung, den ihm 1958 zugesprochenen Literaturnobelpreis, nicht annahm. So beschwichtigte er notdürftig die sowjetischen Machthaber, die durch das Erscheinen seines nonkonformistischen Romans Doktor Schiwago im Westen aufs Äußerste gereizt waren. Bloß nicht Öl ins Feuer gießen – wie oft liest man das in der taz! Bloß nicht die Wut der fanatischen Feinde der Meinungsfreiheit schüren! 

Schräg finde ich auch diese Passage in dem Artikel:

"In Salman Rushdies „Satanischen Versen“ kommt ein Mann namens Salman vor, der beim Propheten Mahound als Schreibkraft angestellt ist. Er nimmt sich die Freiheit, einige Worte aus dessen Mund falsch wiederzugeben – und auf solche Blasphemie steht die Todesstrafe. Doch der Prophet lässt sich erweichen, und Salman kommt ungeschoren davon. Es war ein Szenario, das sich hoffentlich auch in der Wirklichkeit so abspielen würde, mag der gleichnamige Schöpfer des Schreiberlings Salman gedacht haben in den zehn Jahren, die er nach Chomeinis Todesurteil von 1988 auf der Flucht war. 1998 endlich zeitigten die diplomatischen Interventionen vieler Staaten Resultate. Der Iran distanzierte sich von der Fatwa, und die Reizfigur Rushdie konnte, sorgsam dosiert, wieder in die Öffentlichkeit entlassen werden."

Wer ist Salman? Und wodurch hat er sich Imhaslys Verachtung zugezogen, der ihn abschätzig einen „Schreiberling“ nennt?
In den Satanischen Versen ist er eine Art Sekretär des Propheten Mohammed, der die religiösen Offenbarungen, die dieser empfängt, niederschreibt. In Kapitel VI, Rückkehr nach Jahilia,lesen  wir, wie er den Propheten auf die Probe stellt, weil er an der göttlichen Herkunft seiner Eingebungen zweifelt:

"Diese Überlegung brachte ihn auf eine diabolische Idee. Und er begann, jedesmal, wenn er zu Füßen des Propheten saß und Vorschriften Vorschriften Vorschriften notierte, heimlich das eine oder andere zu verändern.
'Zuerst nur Kleinigkeiten. Wenn Mahound einen Vers zitierte, in dem Gott als der Allhörende, der Allwissende bezeichnet wurde, dann schrieb ich der Allwissende, der Weise. Und jetzt pass auf: Mahound bemerkte die Änderungen nicht. Da habe ich doch tatsächlich Das Buch geschrieben oder umgeschrieben, wie auch immer, jedenfalls das Wort Gottes mit meiner eigenen profanen Sprache verunreinigt. Aber wenn nicht einmal der Prophet Gottes meine armseligen Worte von der Offenbarung unterscheiden konnte, was hatte das eigentlich zu bedeuten? Was besagte das über die Qualität der göttlichen Verse? Du, ich schwöre, ich war total verunsichert. Es ist eine Sache, ein kluges Bürschchen zu sein und zu ahnen, dass hier krumme Geschäfte abgewickelt werden, aber herauszufinden, dass du recht hast, das ist etwas ganz anderes.       …
Ich hatte mir das so vorgestellt: als ich diese erste winzige Änderung vornahm – weise statt allhörend - , wollte ich dem Propheten den Text vorlesen und er würde sagen, was ist los mit dir, Salman, bist du schwerhörig? und ich würde sagen, na, so was, das ist ja’n Ding, kleiner Flüchtigkeitsfehler, wie konnte ich, und würde die Stelle korrigieren. Aber es ist nichts passiert.

Das nächste Mal habe ich was Größeres verändert. Er sagte Christen, und ich schrieb Juden. Das musste er merken; völlig undenkbar, dass nicht. Als ich ihm aber das Kapitel vorlas, nickte er und dankte mir höflich, und ich ging mit Tränen in den Augen aus seinem Zelt. Da wusste ich, dass meine Tage in Yathrib gezählt waren, aber ich musste weitermachen. Ich konnte nicht anders. Es gibt keine größere Verbitterung als die eines Mannes, der feststellt, dass er an ein Gespenst geglaubt hat."
(Zitiert aus der Knaur-Ausgabe 1997; der Übersetzer ist nicht angegeben)

Das ist es also: Gotteslästerung, für Bernhard Imhasly selbstverständlich ein todeswürdiges Verbrechen!
Doch Mohammed lässt sich – wie im selben Kapitel des Romans zu lesen ist – „erweichen“ und der Verbrecher kommt „ungeschoren“ davon.
Dabei sind die Rollen so verteilt: 

Der Religionsstifter als Gerichtsherr, der aber Gnade vor Recht ergehen lässt. 

Der „Schreiberling“ Salman als Sünder, der die Todesstrafe zu erwarten hat, aber begnadigt wird. 

Parallel dazu sieht Imhasly das Verhältnis der gekränkten fanatischen Muslime zu dem anderen Salman: Sie ließen Gnade vor Recht ergehen, denn der Iran distanzierte sich von der Fatwa, und Rushdie, der sein Leben verwirkt hat, ist „ungeschoren“ davongekommen.
Das ist es: Sie sind im Grunde ihres Herzens ein Islamist, Herr Imhasly, und Rushdies Roman ist ihnen ein Dorn im Auge, ein todeswürdiges Werk eines Gotteslästerers, der keinerlei Anspruch auf Rechtfertigung hat, den man allenfalls begnadigen kann wie einen armen Sünder. Kaschiert man solch eine Mentalität ausreichend, so dass sie nicht allzu grell und anstößig hindurchschimmert, ist man damit heute in der taz willkommen.

   
 
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