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„Unglücklich das Land, das Helden nötig hat“, sagt Brechts Galilei und spricht euch 68ern aus dem Herzen. Ist Deutschland, ist Europa ein armes Land? Fehlt ihm etwas? Es scheint so, denn ein Bedürfnis nach Helden ist da. Den Eindruck gewinnt man jedenfalls, wenn man liest, wie BILD, das nun einmal ein ernüchternder Spiegel ist, über Fußballweltmeisterschaften berichtet. Wie über Schlachten, kriegsentscheidende Schlachten, die „unsere Helden“ schlagen. Doch auch die taz ist nicht ganz frei davon. Der Altlinke Cohn-Bendit schwärmt für Zidane, französischer Nationalspieler, aufgewachsen in einer Banlieue:

http://www.taz.de/index.php?id=archivseite&dig=2006/07/11/a0131

Worum geht es? Materazzi, ein gegnerischer Spieler, packt Zidane kurz am Hemd. Zidane fragt: Willst du mein Hemd haben? Ich kann es dir nach dem Spiel geben. Materazzi antwortet: Lieber wär mir deine Schwester, die Hure! Zidane legt ihn mit einem Kopfstoß flach.
Materazzi wusste, wie sein Gegner zu provozieren war. Sagt einer: Ich bin scharf auf deine Schwester, sie ist ja auch zu haben, sieht er rot. Das ist menschlich verständlich, besonders in der Hitze des Gefechts, gibt aber auch zu denken. Geht es gegen die Familienehre, wird der Berber aus dem islamischen Maghreb gewalttätig. Und der Grüne und Ex-Revolutionär Cohn-Bendit nimmt ihn voller Bewunderung in Schutz:

Er kommt eben aus ihren Banlieues. Dort wächst man nicht im behüteten Alternativmilieu mit seinen antiautoritären Kitas auf. Um so hochzukommen wie Zidane, muss man einen Kampf führen um Leben und Tod. Man hat automatisch dieses Kampfbewusstsein. Das kommt in solchen Momenten eben raus.

Da ist es wieder, was mich an den Linken so stört! Den Dritte-Welt-Kids lassen sie so vieles durchgehen. Dabei wart ihr 68er doch gegen die traditionelle Familie, zerstören wolltet ihr die patriarchalische Gewalt des Vaters oder Bruders, der über die Tochter oder Schwester wacht. Woher kommt dieser Widerspruch? Zu seinen tieferen Gründen führt ein Schlüsselsatz in dem Interview: „Dort wächst man nicht im behüteten Alternativmilieu auf“. Zidane war eben nicht in Watte gepackt, deshalb ist ein ganzer Kerl aus ihm geworden. Kommt uns das nicht bekannt vor? „Wer nicht geschunden wird, wird nicht erzogen“, sagt schon Goethe. Die jungen Herrschaften sollen vom Leben hart angepackt werden. Sonst bleiben es verweichlichte Bürschlein. Wie gut tut euch die Bundeswehr! Da werden Männer aus euch gemacht…
Vielen von euch dürfte dieser Zungenschlag eurer Nazi-Väter doch noch im Ohr liegen, ihr alten 68er! Eure Schwärmerei für Türken, Araber, Indianer hat mit der Schwärmerei eurer Nazi-Eltern für eine Erziehung, die nicht in Watte packt, für ein Dasein außerhalb der verweichlichenden Zivilisation, in der HJ, im Feld, mehr gemein, als euch lieb sein dürfte. Oh, es hat Tradition, eine lange, ist ein Hauptzug der deutschen Romantik, diese Abneigung gegen die widernatürliche Urbanität, fängt schon bei den Römern an, z.B. bei Tacitus, der für die germanischen und keltischen Barbaren schwärmte, die Indianer von damals. Und natürlich Karl May. Old Shatterhand und Winnetou. Es hat euch hingerissen, nicht wahr? Auch der Film: Winnetou zu Pferde – man sieht die schönen Fesseln, Old Shatterhand liebt ihn, und mit ihm der Zuschauer. Weil der Indianer ist, was der weiße Mann verloren hat, wonach er sich zurücksehnt, verdorben von der Zivilisation. Deshalb habt ihr auch so für das Proletariat geschwärmt, ihr Bürgerkinder. Ihr dachtet, es sei vom Wohlstand noch nicht korrumpiert. Und mehr noch für verwahrloste Fürsorgezöglinge, Trebegänger, oder für die Schwarzen in den USA, ihre Musik, ihre Rebellion, ihre Nichtintegriertheit in den american way of life, das waren eure edlen Wilden.
Nun hat unsere Zivilisation ja durchaus ihre Schattenseiten, und Männer wie Zidane sind in der Tat aus anderem Holz geschnitzt als die weiße, französische oder deutsche, Kunstwissenschaft oder Soziologie studierende, hühnerbrüstige Schwuchtel, so dass es gute Gründe gibt, Menschen wie Zidane zu bewundern und ihre Einwanderung als notwendige Ergänzung, als Bereicherung herbeizusehnen. Sind wir ein armes Land, weil wir sie nötig haben? Ja, denn uns fehlt etwas: Kinder vor allem. Die Zidanes aus den Vorstädten sorgen für Ausgleich, bewahren uns vorm Vergreisen. Es gibt Grund, wie Cohn-Bendit seine Retter zu bewundern und zu lieben. Hoffentlich wachsen sie uns nicht über den Kopf. Mit mir kann man darüber reden. Offen. Über alle Aspekte. Mit euch auch?

   
 
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