Home
So sehe ich aus
Aktuelles
Essays
Der erschrockene Blick
Weichmacher Schule
Volkskörper und Vergänglichkeit
Old Shatterhand der Masochist
Tatort: Aleviten treiben Inzest
Kuchen Essen bei Hitler
Saulus, Reemtsma und andere
Die Romantiker von 68
Sterbehilfe - zur vierten Grundkränkung der Menschheit
Justiz verbietet Kusch Verführung Unmündiger
Die Finanzkrise - ein epileptischer Anfall
Obamania
Konsumorgien: Krieg, Autokauf...
Menschenopfer und Holocaust
Rotherham - reverse colonization
1968ff - Romanauszüge
Lyrik
Kurzgeschichten
Zwetajewa: Lyrik
Selbsterlebtes
Interpretationen
Archetypen
Verschiedenes
Архетипы и интерпретации
Archetypes
Gästebuch
   
 


Was haben ein Krieg, ein Autokauf auf Raten und verweigerte Sterbehilfe gemeinsam? Sie können Konsumexzesse im Namen menschlicher Eitelkeit auf Kosten der Enkel sein - nicht in allen, aber vielen Fällen.

Dem westlichen (oder verwestlichten) Konsumenten preist die Werbung einen Grand Cherokee an. Den er sich eigentlich nicht leisten kann, aber der Autohändler vermittelt einen Ratenvertrag. In solch einem Gefährt hat man bessere Metallpanzerung um sich als die meisten anderen und fühlt sich im Straßenverkehr, diesem Kriegsgetümmel des Lebens, weniger verwundbar, was das Selbstwertgefühl hebt: My car is my castle. Kommen noch mehr solche Ratenkäufe aus krankem Narzissmus dazu, muss zur Sicherheit für die Gläubiger das Haus belastet werden, das den Kindern zuammen mit den Schulden vererbt wird.

Nicht nur einzelne Menschen, auch ganze Nationen können ein schwaches Selbstwertgefühl haben. So wurde am 11.9. dem US-amerikanischen Nationalstolz eine Kränkung zugefügt. Damit wir uns richtig verstehen: So etwas darf man sich nicht gefallen lassen. Deshalb waren der Einmarsch in Afghanistan, von wo aus die Terrorschläge inspiriert wurden, und die militärische Niederringung der Taliban angemessen. Und ausreichend? Natürlich! Rache ist legitim, Rach-Sucht (1) nicht. Um Exzesse zu vermeiden, hätte die Regierung auf ihr Volk einwirken müssen: Die Taliban sind besiegt, die Ehre der Nation ist wiederhergestellt! Leider hatten die USA damals keinen seriösen Patrioten zum Präsidenten, sondern einen Demagogen, der dieser Rach-Sucht nachgab, ja sich an ihre Spitze stellte, um sich von ihrem Schwung zu Glanz und Gloria emportragen zu lassen. Man wollte auch noch den Irak besiegen - so schlimm stand es um das Selbstwertgefühl der Nation. Es war in der Tat nicht gesund. Nicht erst seit dem 11.9., sondern schon länger. Tief im Inneren fühlten die Amerikaner sich der Welt des Islam unterlegen, die noch nicht von Dekadenz und Vergreisung angefressen ist - ein Minderwertigkeitsgefühl, das der Mensch des Westens verdrängt, wodurch es nicht unschädlich gemacht ist, sondern aus dem Unterbewusstsein heraus wirkt und ihn in Kriege verstrickt: Den Moslems zeigen, dass man noch stark ist, noch potent, noch nicht auf dem absteigenden Ast! Nicht nur Einzelmenschen, auch Völker haben ihre Midlife-Krise und wollen nicht einsehen, dass sie ihren Zenit überschritten und in der zweiten Lebenshälfte kürzer zu treten haben. Da schafft sich der Pensionär aus Militärbeständen einen ausgemusterten Jeep an und will die Sahara durchqueren, um sich noch jung zu fühlen, und ein Volk lässt sich von einem Demagogen in einen unnötigen Krieg führen. Die USA von Bush in den Irak, die Athener von Alkibiades nach Sizilien. Ja, Athen, die Wiege des Geistes, Heimat von Thukydides, Platon, Aischylos, Sophokles. Sie war vom Glück gesegnet, hatte ihr Höchstmögliches erreicht, war nach dem glanzvollen Sieg über den persischen Koloss zum blühenden Mittelpunkt der Kultur, des Handels und eines mächtigen Seereichs aufgestiegen. Aber wie das bei einzelnen Menschen und ganzen Völkern oft der Fall ist: Athen konnte den erreichten Erfolg nicht so recht genießen, sondern wollte immer so weiter machen: wachsen, expandieren, erobern. Also griff man Sizilien an, nachdem der Demagoge Alkibiades  an die Angst, zu altern und nachzulassen, appelliert hatte, indem er suggerierte, "dass unser Volk, wenn es im Frieden verharrt ... in Hinblick auf das allgemeine Können alterschwach wird" (2). Doch mit Sizilien hat sich der Stadtstaat Athen übernommen: Das sizilische Abenteuer wurde zur sizilischen Katastrophe. Auch die USA, die nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Kolosses den Zenit ihrer Größe erreicht hatten, und eigentlich lockerer hätten sein und sich zurücklehnen können, wollten, dass es immer so weiter geht. Der Irak-Krieg, der zunaächst von Erfolg gekrönt war, wurde durch Staatsverschuldung finanziert, was kurzfristig nicht nur dem Nationalstolz Auftrieb gab, sondern auch der Wirtschaft, die durch Aufträge für die Rüstungsindustrie stimuliert wurde, so dass man sich wieder im Wachstum, expandierend fühlen konnte, ökonomisch und militärisch. Doch Schulden müssen zurückgezahlt werden, auch wenn sie den Enkeln hinterlassen werden,  sonst gibt es Ärger, der - wie ich fürchte - jetzt beginnt.

Konsumexzesse zu Lasten der Enkel finden - besonders in Deutschland - auf einem weiteren Felde der Ehre statt: in Krankenhäusern. Dort wird einem Moribunden, für den das Leben nur noch Qual bedeutet, Sterbehilfe verweigert oder aussichtslose Fälle künstlich am Leben erhalten, so dass sie noch monatelang, jahrelang im Wachkoma dahinvegetieren - im Namen der menschlichen Würde, die so unvergleichlich erhaben und unter keinen Umständen einschränkbar ist, dass jeder Mensch leben muss bis zum Gehtnichtmehr, der Mensch ist ja gottesebenbildlich, also nicht nur gottähnlich, sondern gottgleich, sein Leben kann gar nicht lebensunwert werden. Zu denen, die für diese Spielart menschlichen Größenwahns die Trommel rühren, gehört Frank Schirrmacher in seinem Bestseller Das Methusalem-Komplott: "Sie wissen es zwar noch nicht: aber Sie gehören dazu. Da Sie imstande sind, dieses Buch zu lesen, zählen Sie zu denjenigen, denen der Einberufungsbescheid sicher ist. Die große Mobilmachung hat begonnen. Im Krieg der Generationen sind sie dabei" (S. 9), "Unsere Mission ist es, alt zu werden.  ...  Und Sie müssen lernen, was es heißt, 70, 80 oder auch 90 Jahre alt zu werden, ohne dabei zu verstummen. ...  Es wird viele geben, die Ihnen Fahnenflucht und Desertion, zum Beispiel den Freitod, anbieten werden..." (S. 155)

"Militaristen" wie Schirrmacher möchte ich aus der Sicht des Historikers Folgendes zu bedenken geben: Auf Teufel komm raus die Front gegen den Feind (den Tod) halten zu wollen ist oft kontraproduktiv, schwächt die eigene Position und stärkt die des Feindes. Heilsam dagegen ist oft eine Frontverkürzung durch taktischen Teilrückzug, wenn man die so eingesparten oder geschonten Kräfte (Krankenschwestern als Soldaten, Ärzte als Offiziere, hochgerüstete Apparatemedizin als Waffen/Gerät) an anderen Stellen der Front einsetzt. Solch eine Frontverkürzung könnte die Zulassung der Sterbehilfe sein, wenn der Moribunde sie bei klarem Verstand über einen längeren Zeitraum verlangt.

Die Konsum- und Wachstumskritik konervativer Umweltschützer, der 68er und der GRÜNEN (3), ihr "Weniger ist mehr" wird eine Renaissance erleben, denn auf allen drei Gebieten, dem der Kriege, des Kaufs von Luxusgütern auf Raten und dem der Lebensverlängerung um jeden Preis, werden Finanz- und Schuldenkrise den westlichen Menschen zur Mäßigung und Abrüstung zwingen, Selbstwertgefühl und Würde werden weniger aus schweren Autos und hochgerüsteter Medizintechnik, aus Kriegen gegen Taliban und Tod fließen, sondern müssen sich andere Quellen suchen, vielleicht werden verschüttete Quellen wiederentdeckt.


August 2011


1) "Sucht" kommt nicht von "suchen", sondern hängt etymologisch  mit "siech", englisch "sick" zusammen und bezeichnet einen krankhaften Zustand wie auch in "Wassersucht" oder "Fettsucht".

2) Thukydides: Der Peloponnesische Krieg VI, 18, 6

3) Zum Beispiel Carl Amery: Die Botschaft des Jahrtausends. Von Leben, Tod und Würde. 1994

   
 
Top