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Brigitte Mohnhaupt ist auf Bewährung frei und Christian Klar bekommt Freigang. Das sollte normal sein, denn nach dem Gesetz steht es ihnen zu wie allen zu Höchststrafen Verurteilten, die nicht mehr gefährlich sind. Und sie sind nicht mehr gefährlich, denn die RAF hat sich 1998 aufgelöst und den bewaffneten Kampf für gescheitert erklärt, nachdem sie schon 1992 auf tödliche Anschläge verzichtete, was hochgestellte Funktionsträger in Wirtschaft und Politik aufatmen ließ.
Trotzdem gebärden sich viele noch so wie in den 70ern und 80ern, als die RAF und ihre Verbündeten Schrecken erregten, böses Blut machten, ja ' 75 und ' 77 mit barbarischem Furor wüteten. In vielen Medien, auch Internetforen, wird sie verteufelt, auf eine Mörderbande reduziert, die nur aus niederen Motiven, Sadismus, Zerstörungslust, Geltungssucht handelte, Christian Klar – so wünschen viele Nicks, da ja die Netz-Anonymität die Feigen frech macht - soll im Gefängnis verrotten, und selbst, wenn einer ihrer Abtrünnigen voller Reue im Fernsehen auftritt wie Boock, geraten viele aus dem Häuschen. Solche ein Auftritt sei eine „Sternstunde für die RAF“ (Zachert, Ex-Präsident des BKA). Wieso ist es denn eine Sternstunde für die RAF, wenn einer ihrer Abtrünnigen seine masochistische Zerknirschung im Fernsehen vorführt? Nein, Reue bessert nicht. Unperson bleibt Unperson. Einer wie Boock – empört sich Frau Rohwedder – hätte mit Michael Buback nicht „auf gleicher Augenhöhe“ auftreten dürfen. Wie denn dann? Im Büßerhemd knieend, wie es einem „Unter“menschen geziemt? Auch der BILD-Journalist Franz Josef Wagner (Post von Wagner) stößt in dieses Horn:

"Was ich ihnen, lieber NDR, übelnehme, ist die Vermorphung des Terroristen zu einem gleichwertigen Talkgast, diese Verbürgerlichung Mörder, Opfer, Chefredakteur – das ist wie Kuchen essen bei Hitler."

Kuchen essen bei Hitler – welch superlativer Vergleich! Boock = Hitler, Boock gleicht der absoluten, unüberbietbaren Verkörperung des Bösen! Was in der Seele Wagners und seiner Leser ist es, das die Person eines Ex-Terroristen, der sich auch noch aus eigenem Antrieb von der RAF getrennt hat und seine Taten bitter bereut, mit solch einer Bedeutung auflädt?
Sie stehen noch immer im Bann der RAF. Es muss ein Trauma sein, das sie ihnen zugefügt hat und das nicht heilt. Ich habe viel von Sigmund Freud gelernt und frage mich:
Warum verteufeln viele die RAF noch heute und sähen sie am liebsten im Knast verrotten?
Nun war die RAF in den 70ern und 80ern ja ein Furcht einflößender Feind, und der Wunsch nach Vergeltung, oder sagen wir es doch deutlich: nach Rache, ist angeboren, also etwas Natürliches und nicht per se krankhaft.
Pathologisch wird es aber, wenn dieser Rachedurst unstillbar bleibt, wenn er in Rach-Sucht ausartet („Sucht“ kommt nicht von „suchen“, sondern ist verwandt mit „siech“ und englisch „sick“). Das ist Folge eines unverkrafteten Traumas, einer krankhaften Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls, einer Erkrankung des Narzissmus.

Man muss sich einmal vor Augen führen:
Die RAF hat erklärt, dass der von ihr geführte bewaffnete Kampf nichts bewirkte, sie hat ihr Scheitern eingestanden und sich 1998 aufgelöst, nachdem sie schon 1992 auf tödliche Anschläge verzichtete.
Fast alle RAF-Leute wurden gefangen, waren lange Jahre inhaftiert, viele sind zu Tode gekommen.
Der von der RAF bekämpfte Kapitalismus ist weltweit siegreich, der Ostblock ist zusammengebrochen, Deutschland im Kapitalismus wiedervereint – welch schwere Niederlage und Kränkung für die meisten Linken und alle RAF-Leute!

Ihr müsstet euch doch wie Sieger fühlen, ihr BILD-Schreiber und BILD-Leser! Sieger auf der ganzen Linie!
Aber wie ihr noch heute gegen die RAF wütet, als ob sie euch immer noch Schrecken einflößt, als ob noch immer ihr Schatten auf euer Leben fällt – nein, so verhalten sich Sieger nicht. Sieger sind souverän. Das seid ihr nicht. 

Es muss eine kollektive Kränkung sein, warum sonst lässt das Gespenst der aufgelösten RAF so viele Deutsche nicht in Ruhe? F.J.Wagner, der ihnen aus dem Herzen schreibt, weist uns den Weg. Eine Post von ihm beginnt mit dem Titel Liebes „Wir sind Oscar“-Gefühl. Worum geht es?
Anfang 2007 erhielt ein Deutscher, von Donnersmarck, für einen deutschen Film, Das Leben der Anderen, in Hollywood einen Oscar. Ein erfreuliches Ereignis, doch BILD berichtet darüber exaltiert, als hätten wir Deutschen eine Fußball-WM gewonnen:

"Vor mir wirbelnde Arme, ein juchzender Kopf, ein explodierender Schrei: Florian Henckel von Donnersmarck (33)!

Der lange Deutsche (2,05 m) küsst seine Frau Christiane (im 5. Monat schwanger). Wird von seinen Hauptdarstellern Sebastian Koch (44) und Ulrich Mühe (53) umarmt."

Ins Bild gerückt wird, dass von Donnersmarck ein langer Kerl und dass seine Frau schwanger ist. Als Freudianer kann ich es mir natürlich nicht verkneifen: BILD lässt den Sieger als Erigierenden, als sexuell Potenten, der seine Frau geschwängert hat, erstrahlen. Dazu passt:

" 'Es fühlt sich an, als hätte er schon immer dahin gehört' grinst er mit seinem Oscar in der Hand."

Herr Wengel, da ziehen sie wieder etwas in den Schmutz, deuten etwas Sexuelles hinein, Sie können es einfach nicht lassen, Sie Freud-Jünger! – wird man mir einwenden. Oh, in einem anderen BILD-Artikel zum Thema sagt von Donnersmarck im Interview:

"BILD: Sie haben Schwarzenegger in Ihrer Rede erwähnt – warum? 

Donnersmarck: 'Weil er für mich die Verkörperung der Tatsache ist, dass Träume wirklich wahr werden können. Leider ist er heute nicht da, denn ich bin seit meiner Kindheit ein großer Fan von ihm.
Ich wäre ihm so gerne mit diesem goldenen Phallus namens Oscar begegnet – ansatzweise ein bisschen auf Augenhöhe.' "

Sein Vorbild Schwarzenegger erwähnt er auch im anderen Artikel:

"Ich danke Arnold Schwarzenegger für die Lektion, dass ich die Worte 'Ich kann nicht' aus meinem Vokabular streichen sollte."

Vom Amerikaner Schwarzenegger hat er gelernt zu können. Und seinen Oscar-Phallus hat er aus amerikanischen Händen empfangen.  Aber das Kind hat er seiner Frau doch selber gemacht, wie ich hoffe. Mit eigenem Werkzeug. Oder ist Schwarzenegger als unsichtbarer Dritter für ihn eingesprungen wie Siegfried für Gunther im Nibelungenlied?
Nun darf man natürlich mit Recht auf einen Oscar stolz sein. Woran ich mich störe, ist dieser Tenor: Ohne Anerkennung aus den USA (oder aus Rom, oder im Stadion) erreichen wir Deutschen kein Niveau:

"Donnersmarck: 'Es ist etwas ganz Besonderes, einen Oscar für sein Land zu gewinnen. In Friedenszeiten (1) schaffen das sonst wahrscheinlich nur Sportler – oder der Papst. Deutschland liegt auf Weltniveau' "

Zu dieser Oscar-Verleihung erschien also die Post von Wagner mit dem Titel Liebes „Wir sind Oscar“-Gefühl, in der wir lesen:

"Und dann gibt es aufblitzende Ereignisse, die UNS zu einem WIR machen. Die Fußball-WM 1954, der weltweite Erfolg des VW Käfer, der deutsche Papst – und jetzt der Oscar für „Das Leben der Anderen“.
Ich bin aufgewachsen, kein würdiges Mitglied der Weltgemeinschaft zu sein. 1945 war ich ein Baby der Bösen.
Menschen wie Fritz Walter, Franz Beckenbauer, Willy Brandt und Ratzinger haben uns weitergebracht.
Das waren aufblitzende Ereignisse – so wie gestern Nacht, als ein 33-jähriger deutscher Junge den Oscar gewann. Wie großartig, dass wir Deutschen wieder so angesehen sind."

Baby der Bösen – das bringt eine kollektive Kränkung auf den Punkt.
Wir Deutschen, 1945 besiegt, hatten nach der Enthüllung unserer ungeheuerlichen Verbrechen den Abscheu der gesamten Welt und eine Existenz als Paria zu gewärtigen, Morgenthau hatte entsprechende Pläne ausgearbeitet. Doch der Westen brauchte uns gegen den Kommunismus, es war die Chance, vom Paria, vom verteufelten Sünder, aufzusteigen zum Juniorpartner des großen Bruders USA, dem wir dafür unsere Seele verkauften, dessen Zivilisation und Lebensstil wir uns, heilfroh über diese Chance zur Errettung, kritiklos in die Arme warfen. Es kam zu einer Überidentifikation mit den Angloamerikanern, die Westdeutschland wohl bis heute prägt, vor allem die damals besonders schutzbedürftige Exklave Westberlin. Zum deutschen Wesen gehört aber ein tiefes Misstrauen (2) gegenüber Kapitalismus und westlicher Zivilisation mit ihrer Unterhaltungsindustrie, ihrem Streben nach Comfort und Konsum, das wir natürlich, als wir uns den Westmächten bedingungslos verschrieben, verdrängen mussten. Verdrängtes aber ist nicht verschwunden, sondern wirkt auf anderen Wegen weiter, die Feindschaft gegen Kapitalismus, gegen die schöne, neue Welt der Konsumkultur und die amerikanische Dominanz erhob sich in Gestalt unserer radikalen Jugend – oft wird ja eine Einseitigkeit der Eltern durch ihre aufsässigen Kinder kompensiert, und je unwürdiger solch eine einseitige Haltung ist, je heftiger von ihr ein bedeutendes Prinzip missachtet wird, desto radikaler und wütender fällt deren Protest aus – Beispiel dafür ist die RAF, ein legitimes Kind der 68er Bewegung.
Paria der Weltgemeinschaft – vor diesem Schicksal haben sich die Westdeutschen also gerettet, indem sie sich mit Haut und Haar dem american way of life verschrieben, der die Menschen auf funktionierende und konsumierende Creaturen reduziert (3). Die Abneigung dagegen, artikuliert zum Beispiel durch die deutsche Romantik, gehört von unseren Uranfängen an zum deutschen Wesen – wir haben es uns, als wir uns amerikanisieren ließen, herausgerissen und weggeworfen wie Müll. Und unser brennendes Mitleid mit dem vietnamesischen Volk, das wie wir durch Flächenbombardements kleingekriegt und amerikanisiert werden sollte, dessen Natur die USA vergifteten und dessen Wälder sie entlaubten, haben wir verdrängt.
Auch dagegen erhoben sich die 68er und die RAF, das Verdrängte hat sich befreit und agierte außer Kontrolle gegen die USA, deren Freundschaft und Anerkennung die Westdeutschen für ihr Selbstwertgefühl brauchten wie ein Abhängiger seine Droge, ohne die er ein Häufchen Elend ist – das hat ein Trauma hinterlassen, das bei vielen noch heute nicht heilen will.
 

Nun bin ich, anders als die meisten 68er, kein moralischer Rigorist und kreide den Westdeutschen ihre Wir-sind-wieder-wer-Euphorie, zum Beispiel  beim Sieg gegen Ungarn 1954, nicht an. Und dass  die Westberliner durch die Ho-Ho-Ho-Chi-Min-Rufe der linksradikalen Demonstranten in Rage gerieten, kann ich verstehen, war doch die Inselstadt im roten Meer besonders von den westlichen Schutzmächten abhängig.
Über den Westdeutschen schwebte nach dem Krieg drohend die Verdammung zum Paria-Dasein – so etwas steckt noch lange in den Knochen. Heilfroh war man, der kleine Bruder sein zu dürfen, statt nach den Morgenthau-Plänen zu leben. Es war zumindest das kleinere Übel.
Aber wie man über einen einzelnen Mann den Kopf schüttelt, wenn er mit 30 oder 40 Jahren immer noch der kleine Bruder ist, so ist es auch bei einer Nation krankhaft, wenn sie, wirtschaftlich wiederaufgerichtet, mit der Zeit nicht aus dieser Rolle herauswächst und sich vom großen Bruder emanzipiert. Erst nach der Wiedervereinigung hat Deutschland es geschafft. Die 68er Generation kam an die Regierung und setzte mit der Nichtteilnahme am Irak-Krieg, wenn auch spät, ein schönes Zeichen der Mündigkeit.
Doch allzuviele Deutsche, denen Journalisten wie F. J. Wagner aus dem Herzen schreiben, haben diese Reifung nicht mitgemacht, sondern sind zu sehr geblieben, was sie in den Nachkriegsjahren aus Not geworden sind: der anlehnungsbedürftige Gefolgsmann, der in einem krankhaft hohem Maß nur kraft der Anerkennung durch die USA aus seinen Minderwertigkeitsgefühlen herauskommt. Um mündig zu werden, müssten sie geistig und charakterlich wachsen, aber von BILD-Lesern ist das wohl nicht zu erwarten.

1) Warum erwähnt er, dass er von Friedenszeiten spricht? Ist das nicht selbstverständlich? Oder sehnt er sich in seinem Unterbewusstsein auch nach Deutschlands Versuchen, in Kriegszeiten Weltniveau zu erlangen, nostalgisch zurück?

2) Nicht nur zum deutschen Wesen. Auch bei Russen, Engländern, Römern lebt(e) dieses Misstrauen – Beispiele gibt es hier - , Intellektuelle und Aktivisten in wohl allen Ländern der Erde hat es beunruhigt und umgetrieben.

3) Ich weiß, ich drücke mich polemisch überspitzt aus (so wie Aldous Huxley in seiner Brave New World den american way of life natürlich nicht realistisch, sondern überspitzt darstellt – was aber das Recht von Zivilisationskritik ist)

   
 
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