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Umweltschützer und Kapitalismuskritiker zitieren gerne den Indianer Sitting Bull, der den weißen Mann anklagt, nicht im Einklang mit der Natur zu leben:

Seht, Freunde, der Frühling ist da. Die Erde hat sich freudig von der Sonne umarmen lassen, und bald werden wir die Kinder ihrer Liebe sehen. Jeder Same ist erwacht, jedes Tier lebt. Dieser göttlichen Kraft verdanken auch wir unser Dasein. Darum gestehen wir unseren Mitgeschöpfen, Menschen und Tieren, das gleiche Recht wie uns selbst zu, dieses weite Land zu bewohnen. Doch hört, Freunde! Jetzt haben wir es mit einem anderen Volk zu tun. Es war klein und schwach, als unsere Vorväter die ersten von ihnen trafen, aber jetzt ist es groß und herrisch. Wie sonderbar: Sie wollen die Erde pflügen und Habgier ist ihre Krankheit. Diese Menschen haben viele Gesetze gemacht, und die Reichen dürfen sie brechen, aber die Armen nicht. Sie haben eine Religion, in der die Armen Ergebung üben, aber nicht die Reichen. Sie nehmen Abgaben von den Armen und Schwachen, um die Reichen und Mächtigen damit zu stützen. Sie beanspruchen unsere Mutter, die Erde, zu ihrem eigenen Nutzen und zäunen ihre Mitmenschen von ihr ab. Sie verunstalten sie mit ihren Gebäuden und ihrem Abfall. Sie zwingen sie, zur Unzeit zu gebären und wenn sie dadurch unfruchtbar geworden ist, geben sie ihr Medizin, damit sie wieder gebärt. All das ist Frevel. (1)

Sitting Bulls Rede liegt die archetypische, also allen Menschen angeborene Vorstellung von der Erde als gebärender und nährender Mutter zugrunde. Die Menschen sind wie auch die Tiere ihre Kinder und haben wie diese das Recht, sich von ihr zu ernähren. Doch anders als der Indianer achtet der weiße Mann seine Mutter nicht, beschmutzt sie, begnügt sich nicht mit dem, was sie ihm freiwillig gewährt, sondern beutet sie aus. Gier prägt sein Verhältnis zu ihr. Was er tut, „is sacrilege“, so der Schluss unseres Zitats im Original, er vergeht sich an etwas, das ihm als heilig gelten soll, bricht ein Tabu. Sichtweise eines Wilden? Nicht nur. Eine verwandte Einstellung findet sich auch bei zivilisierten Menschen, zum Beispiel bei dem Römer Plinius dem Älteren, in seiner Naturgeschichte (33,1):

Von den Metallen, den Schätzen selbst und von den Werten der Gegenstände wird nun gesprochen werden, da unsere einzige Sorge das Innere der Erde auf vielfache Weise durchsucht; hier nämlich durchgräbt man sie auf der Jagd nach Reichtum, weil die Welt nach Gold, Silber, Elektron und Kupfer verlangt, dort der Prunksucht zuliebe nach Edelsteinen und Färbemitteln für Wände und Holz, anderswo um verwegenen Treibens willen nach Eisen, das bei Krieg und Mord sogar noch mehr geschätzt wird als das Gold. Wir durchforschen alle ihre Adern und leben auf ihr dort, wo sie ausgehöhlt ist, wobei wir uns noch wundern, dass sie zuweilen birst oder zittert, wie wenn dies nicht in Wahrheit aus dem Unwillen der heiligen Mutter Erde gedeutet werden könnte. Wir dringen in ihre Eingeweide und suchen am Sitz der Schatten nach Schätzen, gleichsam als wäre sie dort, wo sie betreten wird, nicht genügend gütig und fruchtbar; und am wenigsten durchwühlen wir sie dabei der Heilmittel wegen, denn wie vielen ist schon die Heilkunde ein Grund zum Graben? Und doch bietet sie auch diese Gabe an ihrer Oberfläche wie Früchte, freigebig und bereitwillig in allem, was überhaupt Nutzen bringt. Nur das vernichtet uns, nur das treibt uns zur Unterwelt, was sie verborgen und versenkt hat, nur das, was allmählich entsteht, so dass der ins Leere emporstebende Geist bedenken mag, was für ein Ende ihre Ausbeutung in all den Jahrhunderten finden und bis wohin die Habgier noch vordringen soll. Wie unschuldig, wie glücklich, ja sogar wie köstlich wäre das Leben, wenn die Menschheit nichts anderwoher als über der Erde zur Erfüllung ihrer Wünsche suchte, kurz, nur das, was sie umgibt.

(Übersetzung: Roderich König in Zusammenarbeit mit Gerhard Winkler)

So Plinius, aus begüterter Familie stammend, zu den römischen oberen Zehntausend gehörend. Wir kennen es von unseren Grünen der 80er Jahre, Bürgersöhne und -töchter zumeist: gerade wer alle Annehmlichkeiten, Vorteile und Freiheiten des zivilisatorischen Fortschritts genießt, schwärmt so gerne für natürliches Leben fern von allem Comfort. So auch der Playboy Ovid, dieses verfeinerte Kind urbaner Zivilisation. Typisch für viele Römer, denen die korrumpierende Wirkung von Reichtum und Dekadenz nicht entgingen, schwärmt er in seinen Metamorphosen (Buch I) für die gute alte, vorzivilisatorische Zeit:

Noch nicht war die Fichte gefällt und noch nicht, um ferne Länder zu besuchen, von ihren Bergen in die klaren Fluten hinabgestiegen; und die Sterblichen kannten keine Küste außer ihrer eigenen. 

Auch gab die Erde, frei von Pflichten und Lasten, von keiner Hacke berührt, von keiner Plugschar verletzt, alles von selbst.  Und zufrieden mit den Speisen, die gewachsen waren, ohne dass jemand Zwang ausübte, sammelten sie Früchte…

Alsbald brach … alle Sünde ein, es flohen Scham, Wahrheitsliebe und Treue; an ihre Stelle rückten Arglist, Heimtücke, Gewalt und die frevelhafte Habgier. Segel gab der Seemann den Winden – er war mit ihnen bisher nicht vertraut -, die Bäume, die lange auf hohen Bergen gestanden hatten, tanzten übermütig als Schiffe auf Fluten, die sie noch nicht kannten, und den Erdboden, der zuvor Gemeingut gewesen war wie das Sonnenlicht und die Lüfte, zeichnete der umsichtige Feldmesser mit einer langen Grenzlinie. Und man forderte vom ertragreichen Boden nicht nur Saaten und die Nahrung, die er uns schuldig war, sondern man wühlte sich in die Eingeweide der Erde. Und die Schätze, die sie nah bei den Schatten des Styx verborgen hatte, gräbt man aus – Anreiz zu allem Bösen. Schon war das gefährliche Eisen erschienen und das Gold, das noch gefährlicher ist als Eisen. Da erscheint der Krieg, der beides zum Kampf verwendet und mit blutiger Hand klirrende Waffen schüttelt. Man lebt vom Raub…
(zitiert aus der zweisprachigen Reclam-Ausgabe – Übersetzung: M. v. Albrecht)

Für die beiden Römer und den Indianer versündigt sich der Mensch an seiner Mutter Erde, weil er sich nicht mit dem begnügt, was sie ihm freiwillig bietet, sondern sie aus Habgier verletzt, für Sitting Bull und Ovid, indem er sie durch Pflügen aufreißt, für Plinius und Ovid, indem er schürfend in sie eindringt. Man denkt an Inzest. Ist die Habgier des weißen Mannes inzestuös? Dafür spricht die archetypische Vorstellung, dass der Ackermann durch Pflügen der Erde beiwohnt und sie schwängert, was ein Teil des Archetypus Erde als bergende, nährende, Kraft spendende und befruchtete Frau und Mutter ist. Fundum alienum arare, wörtlich fremden Grund pflügen bedeutete bei den Römern: Jemandem Hörner aufsetzen. In Sophokles’ Tragödie König Ödipus klagt der Chor den Mutterschänder an:

Ruhmreicher Oidipus, ach,
Der gleiche bräutliche Hafen
Empfing den Sohn und den Vater!
Wie konnte, wie konnte
Der Acker des Vaters
Schweigend so lang, ach, so lang
Dich Unseligen dulden? (2)

Der Mensch, der von der Erde Besitz ergreift, sie sich zurichtet – wozu auch die Tätigkeit des bei Ovid erwähnten Vermessers gehört – und sie ausbeutet, macht sich inzestuöser Übergriffe schuldig. So lässt sich auch eine leidenschaftliche Anklage des konservativen Philosophen und Naturschützers Ludwig Klages verstehen:

Zerrissen ist der Zusammenhang zwischen Menschenschöpfung und Erde, vernichtet … das Urlied der Landschaft. Dieselben Schienenstränge, Telegraphendrähte, Starkstromleitungen durchschneiden mit roher Geradlinigkeit Wald und Bergprofile …  die gleichen grauen vielstöckigen Mietskasernen reihen sich einförmig aneinander, wo immer der Bildungsmensch seine „segenbringende“ Tätigkeit entfaltet; bei uns wie anderswo werden die Gefilde „verkoppelt“, d.h. in rechteckige und quadratische Stücke zerschnitten, Gräben zugeschüttet, blühende Hecken rasiert, schilfumstandene Weiher ausgetrocknet; die blühende Wildnis der Forste von ehedem hat ungemischten Beständen zu weichen, soldatisch in Reihen gestellt und ohne das Dickicht des „schädlichen“ Unterholzes … die giftigen Abwässer der Fabriken verjauchen das lautere Nass der Erde – kurz, das Antlitz der Festländer verwandelt sich allgemach in ein mit Landwirtschaft durchsetztes Chikago! … Lenau fasste die landschaftlichen Eindrücke, die er in unserer Heimat empfangen, in die Worte zusammen, man habe die Natur an der Gurgel gepackt, dass ihr das Blut aus allen Poren spritzte. Was würden diese Männer heute sagen! Heute zögen sie es vielleicht vor, gleich Heinrich von Kleist eine Erde zu verlassen, die ihr entarteter Sohn, der Mensch, solchermaßen geschändet hat.  (3)

Eine an Lustmord grenzende Vergewaltigung der Mutter durch ihren „entarteten“ Sohn. Inzest – lautet die Anklage. Was ist das genau? Wenn zum Beispiel ein Sohn mit seiner Mutter sexuell verkehrt. Doch Inzest ist mehr als dieser bloße Tatbestand. Kommt ein Sohn in die Pubertät, soll seine Sexualität ihn antreiben, sich eine Freundin zu suchen und seine frühkindliche intensive Bindung an die Mutter zu lösen, sonst bleibt er unreif. Sexualität soll also helfen, erwachsen zu werden, beim Inzest aber erhält und verstärkt sie die Mutterbindung – das ist das eigentlich Perverse daran. Der inzestuöse Jüngling bleibt ein Muttersöhnchen, statt ins feindliche Leben hinauszutreten. Die Zivilisation des weißen Mannes, der sich aus Habgier an seiner Mutter Erde vergeht, wäre also regressiv. Dazu würde die merkwürdige Vorstellung passen, dass der nach Gold und anderen Reichtümern schürfende Mensch zu den Schatten, also in das Reich der Toten hineindringt. Diese Vorstellung, die uns in dem Plinius- und Ovid-Zitat begegnet, beruht auf dem in der Antike herrschenden Glauben, dass die Toten als Schatten in der Unterwelt, also in der Erde wohnen. Ein Verstorbener kehrt, indem er bestattet wird, in die Mutter Erde zurück und erholt sich geborgen in ihr, um von ihr zu einem neuen Leben wiedergeboren zu werden – diese Vorstellung gehört zum Archetypus Erde als bergende und (wieder)gebärende Mutter, in der der Mensch Kraft zu einem neuen Leben schöpft. Eindringen in die Erde auf der Suche nach Gold wäre dann eine Regression, die sich der Mensch in widernatürlicher Weise, aus eigener Willkür herausnimmt.
Die Ausbeutung der Erde ermöglicht technischen Fortschritt und eine verfeinerte Lebensweise, was zu Regression und Dekadenz führt. Die europäischen Kolonisatoren, die die Ureinwohner Afrikas oder Südamerikas mit ihren Feuerwaffen niedermähten, konnten Herrscher über sie werden, ohne ihnen an Tapferkeit und Männlichkeit gleichkommen zu müssen. Der US-amerikanische Soldat… ach, was sage ich! Der Militärtechniker, der auf Nummer sicher in einem Kriegsschiff sitzt und per Fernsteuerung Raketen auf Bagdad zu chirurgisch zielgenauen Eingriffen lenkt, als ob es ein Computerspiel ist, muss nie aus dieser Mutterhöhle heraus ins feindliche Leben, dem islamischen Krieger wirklich gegenübertreten. Was soll ich über die vielen altjüngferlichen, kindlich gebliebenen Frauen des Westens sagen? Und die weichlichen Männer, Schoßhündchen der Zivilisation –
Wilhelm Busch hat sie in seinem Fotzenlecker Schnick verkörpert (4).
Aggressive, habgierige Unterwerfung der Mutter Erde, durch die sich der Mensch vom Tier, von der ursprünglichen Harmonie mit der Natur, wegentwickelt, beginnend schon mit dem Ackerbau, korrumpiert seinen Charakter und ist deshalb von Anfang an von intensivem Schuldbewusstsein begleitet, das beschwichtigt werden muss, zum Beispiel durch Menschenopfer. Uralt ist das Bauopfer:
„Der Glaube, jeder Neubau fordere ein Opfer, beruht auf dem Gedanken, dass dämonische Mächte (Erd- und Flussgötter) versöhnt werden müssen, in deren Herrschaftsbereich der Mensch durch seine Bauten eingreift. So besteht in Schottland der Glaube, dass bei großen Bauten, z.B. alten Burgen, Menschenopfer Gebrauch seien. Eine gaelische Tradition, dass zur Versöhnung der Geister des Bodens bei einem Klosterbau ein Mensch eingemauert sei, zeigt noch deutlich den ursprünglichen Sinn des Bauopfers.

Besonders das Kinderopfer bei Bauten tritt stark hervor in Sagen wie auch in Funden. Durch Einmauern eines Kindes wird eine Burg unüberwindlich gemacht, und bei Dammbrüchen gelingt das Schließen der Lücke erst durch das Hineinwerfen eines Kindes, das bisweilen von armen Müttern oder von Zigeunerinnen dazu gekauft wird.“ (5)
Wer eine Brücke baut oder benutzt, setzt sich über einen Fluss hinweg, über ein Teil der Natur, das Räumliches trennt. Dafür muss der Mensch Buße tun, indem er etwas von seinem eigenen Fleisch und Blut, eines seiner Kinder einmauert oder in dem Fluss ertränkt, um den erzürnten Flussgott zu beschwichtigen. Als Ersatz opfert man auch einen Kriegsgefangenen oder ein Tier.
Menschenopfer verlangte auch die griechische Göttin Artemis, als Potnia theron „Herrin der Tiere“ (Ilias 21, 470), „Säugamme und Schützerin des wilden Getiers“, „göttliche Wesenheit, in der sich die schaffende und zerstörende Natur verkörpert“ (6). Dem Menschen, der sich in seiner Macht- und Habgier seine Mitmenschen und die Natur unterwerfen will, gilt ihr Zorn, so Agamemnon, der in den Krieg gegen Troja ziehen will. Er hat eine ihr heilige Hirschkuh erlegt, also in ihren Machtbereich als Beschützerin der wilden Tiere, der Natur überhaupt, eingegriffen und so ihre Wut erregt, die sich nur durch ein Menschenopfer stillen lässt. Artemis verhindert durch Windstille die Ausfahrt der griechischen Flotte nach Troja, solange Agamemnon, der sich gegen die Natur versündigt hat, ihr nicht etwas von seinem eigenen Fleisch und Blut opfert: seine Tochter Iphigenie.
Tritt der Mensch aus der Barbarei heraus und wird zivilisierter, schwächt sich auch der grausame Charakter solcher Opfer ab. An Stelle von Menschen werden Tiere geopfert, was zum Beispiel Thema der biblischen Erzählung von Abraham und Isaak ist. Oder die Opfer müssen zur Beschwichtigung der erzürnten Gottheit nicht mehr durch ihren Tod, sondern durch Schmerzen büßen. So soll die Artemis Orthia, vor deren hölzernem Standbild spartanische Knaben ausgepeitscht wurden, ursprünglich eine Stätte von Menschenopfern gewesen sein (Pausanias III 16,9). Weiterhin muss Blut fließen, aber nicht mehr gestorben werden. Mit weiter fortschreitender Zivilisierung wird es immer weniger grausam. Schließlich übernimmt Jesus alle Schuld auf sich, bringt sich für die Menschheit als Opfer dar und macht diese rohen Schlachtrituale überflüssig, bis schließlich die monatliche Überweisung an Greenpeace als Ablass klinisch reine Versöhnung mit der Mutter Natur verspricht.

Zur frevelhaften Inbesitznahme der Mutter Erde gehört oft ihre Vermessung. Deshalb ist die Tätigkeit des Feldmessers, zum Beispiel des mensor bei Ovid, Sünde. Das gilt auch für Old Shatterhand, der sich in Karl Mays Roman Winnetou I seinen Lebensunterhalt als surveyor verdient. Er vermisst  mit Kollegen Land, das den Apatchen gehört, zum Bau einer Eisenbahn, dem Feuerross, das die Indianer ablehnen, weil es ihnen die westliche Zivilisation ins Land bringt. Um ihre Arbeit zu Ende zu bringen, verbünden sich die weißen Landvermesser, zu denen Old Shatterhand gehört, sogar mit den Feinden der Apatchen, den Kiowas. Die Handlung des Romans wird entscheidend von Old Shatterhands Schuldgefühl gegenüber den Indianern, Vertretern der Natur, mit der sie in Einklang leben, geprägt. Um sein Verbrechen wiedergutzumachen, befreit er Winnetou und Intschu-Tschuna aus der Gewalt der Kiowas, wobei er sich ihnen nicht zu erkennen gibt, aber etwas von Winnetous Haar abschneidet. Später wird er zusammen mit seinen drei Gefährten von den Apatchen gefangen genommen, um eines qualvollen Todes am Marterpfahl zu sterben. Warum gibt er sich bei der Befreiung Winnetous und Intschu-Tschunas nicht zu erkennen? Das hätte ihm Winnetous Feindschaft, die schwere Verwundung und Gefangennahme durch ihn erspart. Karl May motiviert es dadurch, dass Old Shatterhand bei der Befreiung Winnetous keinen Laut von sich geben darf, weil sonst Winnetous Bewacher es gemerkt hätten. Aber dem listenreichen Old Shatterhand hätte doch etwas anderes einfallen können!
Dann: Als Beweis, dass er es ist, der Winnetou befreit hat, besitzt er ein Stück von Winnetous Haar. Warum präsentiert er es erst ganz am Schluss? Damit hätte er sich und seinen drei Gefährten die lange Haft und seinen drei Gefährten das Schmoren am Marterpfahl in Erwartung eines qualvollen Todes erspart. Und warum noch das Gottesurteil, in dem er einen Fluss durchschwimmen muss und von Intschu-Tschuna auf Leben und Tod gejagt wird? Es ist das Schuldgefühl des weißen Mannes als Vergewaltiger der Natur und Bringer der Zivilisation, das ihn und seine Gefährten, die die Landvermesser beschützt haben, diesen Strafen aussetzt. Sie standen schon mit einem Fuß im Grab, diese Beinahe-Menschenopfer, Old Shatterhand war in den Fluss schon eingetaucht, für Winnetou, Nscho-Tschi und die anderen Indianer war er, wie wir über jemanden sagen, der uns grundlegend enttäuscht hat, bereits gestorben, weil er in ihren Augen ein verächtlicher Feigling war, doch Lebensgefahr und Schande (moralischer Tod), denen er sich aussetzte, entsühnten ihn und ermöglichten seine moralische Wiedergeburt.

Schuldgefühl, moralischer Masochismus treibt auch deutsche Jugendrichter, Politiker und andere Verantwortliche, ihre Mitbürger, auch unsere Kinder und Alten, jugendlichen Intensivtätern vorwiegend aus dem islamischen Kulturkreis als Freiwild zu überlassen. Wir sind dekadent und fühlen uns schuldig, deshalb darf ein Mehmet eine Gewalttat nach der anderen an uns begehen, denn vielen Jugendrichtern und anderen Verantwortlichen geht es gegen den Strich, solch einen anatolischen Winnetou hinter Schloss und Riegel zu bringen. Der schuldige Volkskörper soll bluten. Lykurg lässt die spartanischen Jugendlichen vor dem Altar der Artemis Orthia peitschen, deutsche Jugendrichter und andere Verantwortliche überlassen unsere Kinder vorwiegend islamischen Schlägern, Karl May alias Old Shatterhand lässt Sam Hawkins und seine anderen beiden Gefährten am Marterpahl in Erwartung eines qualvollen Todes schmoren – das alles arrangiert das aufgebrachte Gewissen des weißen Mannes.
Dieses schlechte Gewissen bestimmt auch die Handlung in dem Film Der letzte Samurai. Der Held, Captain Nathan Algren (gespielt von Tom Cruise) wird von Schuldgefühlen heimgesucht, weil er als Soldat unter General Custer die Indianer auszurotten half. Omura, ein japanischer Politiker, der sein rückständiges Land nach dem Vorbild des Westens modernisieren will, wirbt Algren an, um seine Soldaten im Gebrauch von Feuerwaffen auszubilden. Gegenspieler sind die Samurai unter Führung von Katsumoto. Sie sind gegen die Verwestlichung und halten traditionelle Werte wie Männlichkeit und Spiritualität hoch. In einem Gefecht gerät Algren schwer verwundet in die Gefangenschaft der Samurai, wird von Katsumotos Schwester gesund gepflegt (Parallele zu Karl Mays Winnetou I), freundet sich mit Katsumoto an, erkennt, dass die Samurai den Anhängern der Verwestlichung moralisch überlegen sind, und kämpft, auch um seine Schuld vor den Indianern wiedergutzumachen, an ihrer Seite gegen die Modernisierer. In dem Film herrscht Schwarzweißmalerei wie bei Karl May. Die Samurai sind edle Krieger, ihre altehrwürdige Kultur ist noch nicht von Verwestlichung angekränkelt, die abstoßenden Seiten des alten feudalen Japan, etwa die rechtlose Stellung der Frau, bleiben ausgeblendet. Der Modernisierer Omura ist eine schmierige verfettete Schwuchtel – realistischer wäre es gewesen, ihn als japanischen Atatürk zu gestalten, der sein Land forciert modernisiert, damit es den imperialistischen Mächten des Westens gewachsen ist; unter der Herrschaft der Rückständigen, die Fabriken für Teufelszeug und Feuerwaffen eines Samurai für unwürdig hielten, hätte Japan sicher das Schicksal der allermeisten Länder der Dritten Welt geteilt: es wäre kolonisiert worden.
Trotz der offenkundigen Schwarzweißmalerei schlägt das Herz des Zuschauers für die Samurai. Wie sie auf ihren Pferden gegen die Soldaten der Modernisierer anstürmen und im Kugelhagel zusammenbrechen – das Edle unterliegt der Technik und wir Menschen des Westens haben es auf dem Gewissen – dass Captain Algren die Seite wechselte, verzeihen wir ihm nicht nur, wir heißen es gut. Seit 1945 gehören auch wir Westdeutschen entgültig zum Westen und haben uns dem american way of life ergeben, doch Seitenwechsler haben auch wir: Die 68er schlugen sich auf die Seite der Dritten Welt – vorwiegend in Worten, die RAF in Taten, Exekutoren unseres aufgebrachten Gewissens, das durch Konsum einzuschläfern noch nicht ganz gelungen war.
Ein
Göttinger Mescalero, Stammesbruder des großen Winnetou, Häuptlings der Mescalero-Apatchen, äußerte in seinem berühmt-berüchtigten Nachruf auf Buback seine Sympathie mit den Anschlägen der RAF, Sympathie, die er gleich wieder einschränkte:

Ich frage mich, wie ich … mit meinen Leuten die Entscheidung über solch eine Aktion fällen könnte. Wie ich mich monatelang darauf vorbereiten müsste, dass Buback weg muss, wie mein ganzes Denken von Logistik und Ballistik bestimmt wird. Wie ich mir sicher sein kann, dass dieser und kein anderer sterben muss, wie ich in Kauf nehme, dass auch ein anderer dabei draufgeht, ein dritter vielleicht querschnittsgelähmt sein wird etc. etc.

Unser Weg zum Sozialismus (wegen mir: zur Anarchie) kann nicht mit Leichen gepflastert werden.

Der mutmaßliche Karl-May-Leser wünschte sich einen edlen und romantischen Kampf, was der blutige Furor, zu dem der RAF-Kampf seit Stockholm ausartete, nicht mehr war. Ihr Linksradikalen, wenn ihr herausbekommt, wie man die menschliche Schlechtigkeit auf menschliche Weise ausrottet und am Wiederaufkeimen hindert, habt ihr den Sieg in der Tasche!

1) Charles A. Eastman: Indian Heroes and Great Chieftains (Reprint 1991. Originally published: Boston 1918), Kapitel 7: Sitting Bull 

2) 1215ff. – Übersetzung: E. Buschor. Weitere Beispiele bei Albrecht Dieterich: Mutter Erde, S. 47, 78, 109

3) Ludwig Klages: Mensch und Erde (1913). In: Ders.: Der Mensch und das Leben. 1937, S. 18f.

4) Wenn sie in ihren warmen Stuben vor dem Fernseher sitzen, gleichen sie nicht den Gefangenen in Platons Höhlengleichnis, die das wirkliche Leben nur aus zweiter Hand, abgemildert zu Abbildern, „erleben“? Kritik an der Konsumgesellschaft, am passiven Konsumieren führte manch einen 68er zu ähnlichen Gedanken, doch scheute er sich, sie zu Ende zu denken, weil sie ihn wohl in die Nähe rechtskonservativer oder stalinistischer Kritik an der westlichen Dekadenz geführt hätten – ein Beispiel: Wolfgang Fritz Haug: Kritik der Warenästhetik. 6. Auflage 1977, S. 55f. (II,1: Technokratie der Sinnlichkeit, allgemein), auch S. 65f. (II,6: Korrumpierende Gebrauchswerte, ihre Rückwirkung auf die Bedürfnisstruktur)

5) Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Stichwort Bauopfer 

6) Der Kleine Pauly, S. 621

   
 
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