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Herbert Marcuse, deutscher Bildungsbürger jüdischer Herkunft, den es auf der Flucht vor dem Nationalsozialismus in die USA verschlagen hatte, muss im american way of life einen Kulturschock erlebt haben. Denn Zeilen wie diese weisen ihn als Romantiker aus, der im Land des entfesselten Konsums nie wirklich angekommen ist:

Die Mechanisation hat auch Libido ‚eingespart’, die Energie der Lebenstriebe – das heißt, sie hat sie von früheren Weisen ihrer Verwirklichung abgesperrt. Darin besteht der Wahrheitskern des romantischen Gegensatzes zwischen dem modernen Reisenden und dem wanderndem Dichter oder Handwerker, zwischen Fließband und Kunsthandwerk, Stadt und Land, Brot, das in einer Fabrik produziert wurde, und dem selbstgebackenen Laib, dem Segelboot und dem Außenbordmotor usw. Sicher war diese romantische, vortechnische Welt durchdrungen von Elend, harter Arbeit und Schmutz, die wiederum den Hintergrund alles Vergnügens und aller Freude abgaben. Und doch gab es eine ‚Landschaft’, ein Medium lustbetonter Erfahrung, das nicht mehr existiert.
Mit seinem Verschwinden (das selbst eine historische Voraussetzung des Fortschritts ist) wurde eine ganze Dimension menschlicher Aktivität und Passivität enterotisiert. Die Umgebung, von der das Individuum Lust empfangen konnte – die es als Genuss gewährende fast wie erweiterte Körperzonen besetzen konnte – wurde streng beschnitten. Damit reduziert sich gleichermaßen das ‚Universum’ libidinöser Besetzung. Die Folge ist eine Lokalisierung und Kontraktion der Libido, die Reduktion erotischer auf sexuelle Erfahrung und Befriedigung.
Man vergleiche zum Beispiel das verliebte Treiben auf einer Wiese und in einem Auto, bei einem Spaziergang der sich Liebenden außerhalb der Stadtmauern oder auf einer Straße von Manhattan. In den erstgenannten Fällen hat die Umgebung teil an der libidinösen Besetzung, kommt ihr entgegen und tendiert dazu, erotisiert zu werden. Die Libido geht über die unmittelbar erogenen Zonen hinaus…                                        (1)

Die Verteufelung des Autos, ja von Technik und Urbanität überhaupt, die wir von den Grünen der 80er Jahre kennen, gehörte schon zur Haltung der 68er, deren Mentor Marcuse war. Romantische Sehnsucht zurück in einen paradiesischen Urzustand, als der Mensch sich noch nicht aus der Mutter Natur herausentwickelt und in Gegensatz zu ihr gestellt hat, sondern als Teil von ihr und in Harmonie mit ihr lebte, prägen diese Zeilen.
In Harmonie mit der Natur… - dazu müsste das Paar, das die Natur dem Auto und der Stadt vorzieht, sich ohne Verhütungsmittel lieben, und da hört die Naturbegeisterung der 68er und der Grünen, die leidenschaftlich gegen den § 218 kämpften, bekanntlich auf. Natürlich leben hieße ja auch, dass wir Menschen nicht uralt werden, sondern fast alle spätestens mit 40/50 einer Infektion oder einem Raubtier zum Opfer fallen; künstlich entwickelte Medikamente, die  zum Beispiel Diabetikern das Leben verlängern, müssten vom Markt genommen werden – das fordert, bei aller Skepsis gegenüber der „Schulmedizin“, kein Grüner.
Nein, sie wollten beides, die 68er und ihre Nachfolger, die Grünen: Natur und humanitären Fortschritt. Sie glaubten, die Entfremdung des Menschen von der Natur aufheben zu können, ohne die Humanisierung durch technischen Fortschritt einzuschränken, sie glaubten an die Versöhnung von Natur und Humanität, waren Romantiker und Materialisten zugleich.
Doch der Drang zurück zur Natur ist wie die Natur selbst nicht nur gut, sondern auch grausam, besonders gegenüber Widernatürlichkeiten wie Konsum, Comfort, Kapitalismus, sprich allem, was die westliche Zivilisation ausmacht. Daher die Todfeindschaft der 68er gegenüber dem Westen und ihr Schulterschluss mit  antizivilisatorischen Mächten wie dem Ostblock, Rotchina, dem Vietcong,  mit Steinzeitkommunisten wie Pol Pot und seinen Roten Khmer und heute mit dem Islam (2); ein gutes Beispiel ist Luise Rinsers Nordkoreanisches Reisetagebuch. Im Gespräch mit ihrem Reisebegleiter Chang und später dem Diktator Kim Il Sung schwämt sie über das spätstalinistische Land:

Herr Chang, der wieder einmal vorbeikommt, sagt: Sie meinen, wir seien rückständig, nicht wahr?
Lieber Herr Chang, ich sehe keinen echten Gewinn in der Mechanisierung der Arbeit. Meine Frage war keine Kritik, sondern eher das Gegenteil. Was gewinnen wir in den hochautomatisierten Ländern, wenn wir alles mit Maschinen und Computern erledigen und dabei Menschen arbeitslos machen und damit demoralisieren? Wo die Technik triumphiert, verliert der Mensch mehr als seinen Arbeitsplatz, er verliert seine lebendige Verbindung mit den Dingen, er erleidet die große Entfremdung, von der Marx sprach.                         (3)
 

Herr Präsident, ich glaube nicht, dass Sie anstreben sollen, dass alles wie am Schnürchen klappt. Ist man in der hochzivilisierten westlichen Welt, in den USA vor allem, glücklich geworden dadurch? Keineswegs. Die Technik und der Luxus tragen bei, die Arbeit zu erleichtern und zu verringern, aber nicht dazu, das Leben leichter und schöner zu machen. Im Gegenteil. Sie haben hier das Problem der Wasser- und Luftvergiftung nicht. Sie haben keine Computer-Krankenschwester wie in den USA. Sie haben den Menschen nicht durch den Computer, den Roboter, ersetzt. Warum halten Sie das, was Ihr Vorteil ist, für einen Nachteil? … Natürlich habe ich gesehen, dass Maschinen fehlen. Ich habe gesehen, wie ein paar Dutzend Leute ein Haus bauen, mit ihren Händen auf mittelalterliche Art, sie brauchen lange dazu, Maschinen würden das viel schneller machen. Aber Sie haben keine demoralisierten Arbeitslosen, und ich habe gesehen, dass diese Leute heiter sind bei der Arbeit, ich habe gesehen, wie sie sich in den Pausen zusammensetzen und essen und singen und ihr Miteinander freudig erleben. Keine Entfremdung von Mensch und Arbeit, keine Fremdheit von Menschen untereinander, Zusammenarbeit von Studenten und Arbeitern und Soldaten auf den Reisfeldern, und so fort. Es geht menschlich zu in ihrem Land, Herr Präsident.                       (4)

Die Versöhnung des Menschen mit der Natur ist ein erhabener Drang, der die Menschheit seit der Antike erfüllt. Solch ein Ideal schmeißt man nicht einfach so mir nichts dir nichts auf den Misthaufen der Geschichte. Deshalb war es richtig, dass die 68er fanatisch dafür kämpften, die Flinte nicht schon nach wenigen Jahren ins Korn warfen und erst aufgaben, nachdem sie es mit allen, auch extremen Mitteln, auch mit dem bewaffneten Kampf, versucht hatten. Aber wenn man in Erfahrung gebracht hat, dass sich Natur und Zivilisation nicht versöhnen lassen, sollte man das Experiment beenden, abschätzen, was geht und was nicht, und zu einem realistischen Welt- und Menschenbild gelangen – besser den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Müssen wir Winnetou begraben?

1) Herbert Marcuse: Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. Deutsch von Alfred Schmidt. 1994, S. 92f.

2)Trotz der tiefen Abneigung gegen männliche Gewalt, die zum Linkssein gehört, halten noch heute viele Linke nichts von energischen Maßnahmen gegenüber jugendlichen islamischen Intensivtätern. Sie bringen es einfach nicht übers Herz, solch einen anatolischen Winnetou hinter Gitter zu bringen, und ganz tief in ihrem Unterbewusstsein steht für sie fest, dass der Weiße die Prügel, die er von ihm bezieht, wegen seiner Dekadenz auch verdient.

3) Luise Rinser: Nordkoreanisches Reisetagebuch. Frankfurt am Main 1981, S. 98 (Kapitel XIII: Information über Selbstkontrolle

4) a.a.O., S. 140f. (Kapitel XVI: Kim Il Sung)

   
 
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