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STERBEHILFE UND DIE VIERTE, DIE GERONTOLOGISCHE KRÄNKUNG DER MENSCHHEIT

Ein Gesetz gegen aktive Sterbehilfe wird vorbereitet. Das wäre ein Anschlag gegen die Selbstbestimmung des Menschen. Und gegen seine Würde. Denn wer sein Leben angesichts seines bevorstehenden oder bereits begonnenen Verfalls nicht mehr als lebenswert empfinden kann, erlangt Würde im Tod. Roger Kusch hat das Selbstverständliche getan: Er hat einer 79-jährigen lebensmüden Frau, Bettina Schardt, die nicht zum Pflegefall werden wollte, auf ihr ausdrückliches und über längere Zeit geäußertes Verlangen Gift besorgt. Trotzdem ist der Aufschrei der Empörung groß, Politiker fast aller Parteien, nahezu alle seriösen Medien verurteilen diesen Akt der Humanität. Was ist in einem freiheitlichen, zivilisierten Gemeinwesen, zu dem Deutschland inzwischen geworden ist, faul, wenn ein sterbewilliger Mensch, dessen Leib verfällt, zum Weiterleben verurteilt wird, warum wird er entmündigt, entwürdigt, folternden Schmerzen überantwortet, im Namen welcher Ideologie? Menschliches Leben sei von so hohem Wert, dass auch ein qualvoll Verfallender nicht das Recht habe, sein eigenes Leben zu beenden. Dieses Argument hört man von der Kirche, aber auch – und das ist das Erschreckende – von Nichtchristen, von Linken und Liberalen. Nicht nur Christen, von denen wir es wegen ihres historischen Hintergrunds – Stichwort: Inquisition – erwarten müssen, auch Liberale sind zu Entmündigung, Entwürdigung und Auslieferung an Qualen – darf man von Folter sprechen? – entschlossen. Was ist da faul? Menschliches Leben ist von so hohem Wert, dass in seinem Namen entmündigt, entwürdigt, Folterqualen ausgeliefert werden darf? Ist da vielleicht Eitelkeit die treibende Kraft? Um Eitelkeit oder Narzissmus – so der Fachbegriff der Psychoanalyse – geht es in einer philosophischen Schrift von Sigmund Freud: Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse. Sie diagnostiziert den Menschen einen krankhaft aufgeblähten Narzissmus, der aber vom Schicksal immer wieder einen Dämpfer erhält, in Gestalt von bisher drei Grundkränkungen.

                                                       I

 Den ersten dieser Dämpfer nennt Freud die kosmologische Kränkung. Der Mensch, der sich als Krone und Herr der Schöpfung fühlte, glaubte, dass er im Mittelpunkt des Alls stehe und dass sich alle Welt, Sonne, Mond und Planeten, um ihn drehe. „Er folgte dabei“ – so Freud – „in naiver Weise dem Eindruck seiner Sinneswahrnehmungen, denn eine Bewegung der Erde verspürt er nicht, und wo immer er frei um sich blicken kann, findet er sich im Mittelpunkt eines Kreises, der die äußere Welt umschließt. Die zentrale Stellung der Erde war ihm aber eine Gewähr für ihre herrschende Rolle im Weltall und schien in guter Übereinstimmung mit seiner Neigung, sich als den Herrn dieser Welt zu fühlen. Die Zerstörung dieser narzisstischen Illusion knüpft sich für uns an den Namen und das Werk des Nik. Kopernikus im sechzehnten Jahrhundert.“ Und an Galileo Galilei, der sich für das kopernikanische Weltbild einsetzte.

Es folgt die biologische Kränkung, zugefügt von Charles Darwin. Freud dazu: „Der Mensch warf sich im Laufe seiner Kulturentwicklung zum Herrn über seine tierischen Mitgeschöpfe auf. Aber mit dieser Vorherrschaft nicht zufrieden, begann er eine Kluft zwischen ihr und sein Wesen zu legen. Er sprach ihnen die Vernunft ab und legte sich eine unsterbliche Seele bei, berief sich auf eine hohe göttliche Abkunft, die das Band mit der Tierwelt zu zerreißen gestattete. Es ist merkwürdig, dass diese Überhebung dem kleinen Kinde wie dem primitiven und dem Urmenschen noch ferne liegt. Sie ist das Ergebnis einer späteren anspruchsvollen Entwicklung. Der Primitive fand es auf der Stufe des Totemismus nicht anstößig, seinen Stamm auf einen tierischen Ahnen zurückzuleiten. Der Mythus, welcher den Niederschlag jener alten Denkungsart enthält, lässt die Götter Tiergestalt annehmen, und die Kunst der ersten Zeiten bildet die Götter mit Tierköpfen. Das Kind empfindet keinen Unterschied zwischen dem eigenen Wesen und dem des Tieres; es lässt die Tiere ohne Verwunderung im Märchen denken und sprechen; es verschiebt einen Angstaffekt, der dem menschlichen Vater gilt, auf den Hund oder das Pferd, ohne damit eine Herabsetzung des Vaters zu beabsichtigen. Erst wenn es erwachsen ist, wird es sich dem Tiere soweit entfremdet haben, dass es den Menschen mit dem Namen des Tieres beschimpfen kann.
Wir wissen es alle, dass die Forschung Ch. Darwins (…) dieser Überhebung des Menschen ein Ende bereitet hat.“

Noch empfindlicher war die psychologische Kränkung, die Freud selbst dem Menschen zufügte: Kraft seines Bewusstseins fühlt er sich souverän in seiner eigenen Seele, als Herr über seine Triebe und Instinkte, dem nichts in seiner Seele entgeht. Doch die Psychoanalyse hat bewiesen, dass es ein Unterbewusstsein gibt, das vom Bewusstsein nicht durchschaut und wenig beherrscht wird. Verdrängte Triebe spielen dem Menschen üble Streiche und machen ihm das Leben schwer. Freud mahnt: „Wer kann, selbst wenn du nicht krank bist, ermessen, was sich alles in deiner Seele regt, wovon du nichts erfährst, oder worüber du falsch berichtet wirst. Du benimmst dich wie ein absoluter Herrscher, der es sich an den Informationen seiner obersten Hofämter genügen lässt und nicht zum Volk herabsteigt, um dessen Stimme zu hören. Geh in dich, in deine Tiefen und lerne dich erst kennen, dann wirst du verstehen, warum du krank werden musst, und vielleicht vermeiden, krank zu werden.“
Die bittere Erkenntnis der Psychoanalyse, dass seelische Regungen und Triebe sich nicht beherrschen lassen und sich der Kenntnis des Ichs entziehen, kommt „der Behauptung gleich, dass das  I c h   n i c h t  H e r r  s e i  i n  s e i n e m  e i g e n e n  H a u s. Sie stellen miteinander die dritte Kränkung der Eigenliebe dar, die ich die psychologische nennen möchte. Kein Wunder daher, dass das Ich der Psychoanalyse nicht seine Gunst zuwendet (…).“

 Zu diesen drei Grundkränkungen der menschlichen Überheblichkeit kommt eine vierte hinzu, die sich, abgeleitet von geron (Genitiv geront-os), dem griechischen Wort für Greis, die gerontologische Kränkung nennen lässt. In seiner Eitelkeit spricht der Mensch seinem Leben eine so unvergleichliche Würde und einen absoluten, also uneingeschränkten und uneinschränkbaren Wert zu, dass auch Alter und Verfall es nie, unter keinen Umständen lebensunwert machen und das Verlangen, es zu beenden, rechtfertigen können. Frau Schardt hat das mit Roger Kuschs Hilfe gewagt. Sie hat den Wert ihres verfallenden Lebens verneint und damit böses Blut gemacht. Hat sie doch nicht nur ihr eigenes Leben als etwas behandelt, das seinen Wert verlieren kann oder schon verloren hat, sondern menschliches Leben überhaupt. Bettina Schardt hat sich vermessen, ein Stück Menschenleben als lebensunwert wegzuwerfen, und das tut man mit menschlichem Leben nicht, da es von unermesslicher Würde ist, die Krönung der Schöpfung, zur Herrschaft über die Tiere berufen, ja heilig: „die Herrlichkeit Gottes leuchtet auf dem Antlitz des Menschen“ (1) – Herr Kusch, Frau Schardt, Sie haben die von Gott abstammende Herrenrasse Mensch beleidigt! Menschliches Leben darf unter keinen Umständen als lebensunwert behandelt werden, deshalb spricht man Frau Schardt ihr Urteilsvermögen, ihre Entscheidungsfähigkeit ab wie einer Unmündigen: Sie sei depressiv gewesen,  vor Angst nicht Herr ihrer Entschlüsse, sie hätte Hilfe gebraucht, dann wäre sie am Leben geblieben und ins Pflegeheim gegangen – ein bisschen erinnert es an die sowjetische Praxis, Regimegegner für unzurechnungsfähig zu erklären. Auch das Strafrecht wird gerufen. Es soll die gekränkte Eitelkeit retten, damals wie heute. Ein Verbot aktiver Sterbehilfe soll Humanisten wie Kusch einschüchtern, Pionieren wie Galilei drohte die Inquisition. Die muss Kusch heute nicht mehr fürchten, aber zur Unperson soll er werden. Darauf zielt zum Beispiel der Vergleich Kuschs mit Nazi-Massenmördern im ansonsten seriösen SPIEGEL. Man will ihn zum Verbrecher stempeln und im Knast sehen, sogar Bundeskanzlerin Merkel forderte von der Justiz, nachdem diese zugeben musste, dass sie Kusch nichts anhaben kann, „noch einmal zu überprüfen, welche zusätzlichen rechtlichen Maßnahmen“ ergriffen werden müssten. Der Größenwahn ist gereizt, damals wie heute, aufs Blut gereizt wie ein mehrfach angeschossenes Untier, denn es geht ihm ans Leder, er ist zu Rückzugsgefechten gezwungen.

Anfangs hatte dieser Größenwahn die ganze Welt besetzt: Mit Wohlgefallen blickte der Christ zur Sonne empor und schöpfte Stolz: Gott hat die Welt so eingerichtet, dass sie sich um mich dreht. Ich stehe im Mittelpunkt des Alls.
Den Kosmos musste er aufgeben. Böse Menschen wie Kopernikus oder Galilei sind schuld daran.
Es blieb das Reich des Bios, des Lebendigen. Der Christ blickt auf die Tiere herab und nährt seinen Stolz: Ich bin ihnen haushoch überlegen und nicht mit ihnen verwandt!
Darwin hat diesem Selbstbetrug die Grundlage entzogen.
Aber mein Bewusstsein, das die Tiere nicht haben! Es macht mich zum Herrn im eigenen Haus, in meiner Psyche!
Nicht einmal das stimmt. Freud hat es widerlegt.
Was bleibt? Meine Zugehörigkeit zur Spezies Homo sapiens. Aus ihr fließt unermessliche Würde! Ach, wirklich? Das kommt uns doch bekannt vor! Der schäbigste Versager konnte, wenn er blond und blauäugig war, im Dritten Reich allein aus seiner Zugehörigkeit zur nordischen Rasse eine monströse Würde schöpfen, die ihn jedem Russen, jedem Schwarzen, jedem Inder haushoch überlegen machte, selbst wenn er die größten Schandtaten beging. Allein aus der Zugehörigkeit zur Spezies Homo sapiens – so der narzisstische Dünkel – fließe dem Menschen unanfechtbare Würde zu, die weder eigene Schandtaten noch unverschuldeter körperlicher Verfall  in Frage stellen können – auch einem Dutroux fließt sie zu, er gehört ja zur Krone der Schöpfung und die Herrlichkeit Gottes leuchtet auf seinem Antlitz, deshalb darf er nicht hingerichtet werden, er ist ein Mensch wie ich, gegen den die Todesstrafe nicht angewendet werden darf. Mein Leben, Dutroux’ Leben, menschliches Leben überhaupt ist von unvergleichlichem Wert, ist heilig und darf nicht weggeworfen werden. Brigitte S. hat das getan und Kusch war ihr Komplize – mögen sie in der Hölle schmoren, zusammen mit Kopernikus, Galilei, Darwin und Freud!
Halt! Gott stattete den Menschen mit etwas aus, das Sonne und Tiere nicht brauchen: Demut. Auch dich hat er mit ihr begabt. Bitte mache von ihr Gebrauch! Aus ihr fließt Würde.

                                                                   II

Das Streben des Menschen nach Emanzipation von der Natur hat ihm viel gebracht, ist aber an Grenzen gestoßen, hat ihn nicht gottgleich gemacht. Die Naturkraft Sonne, ohne die es kein Leben gibt, weigert sich, den Menschen als ihren Mittelpunkt anzuerkennen; der Kosmos dreht sich nicht um ihn.
Auch über die Tiernatur seines Körpers hat der Mensch sich nicht vollständig erhoben. Er muss atmen, essen, trinken, urinieren, defäkieren und verdankt sein Leben der sexuellen Vereinigung seiner Eltern.
Auch über das Animalische in seiner Seele ist er nicht allzu erhaben; das Es bleibt zum guten Teil autonom.
Zur Natur gehört auch der Tod mit seinen Wegbereitern Alter Krankheit und Verfall, die der Würde des Menschen durchaus etwas anhaben und sein Leben lebensunwert machen können.
Diese vier Grundkränkungen durch die nur unvollständig unterwerfbare Natur haben der Menschheit Wunden geschlagen, die bis heute nicht verheilt sind, ja vielleicht bluten werden, solange es Menschen gibt. So lassen den Kreationisten Darwins Entdeckungen keine Ruhe, und auch die erste, die kosmologische Kränkung treibt noch viele um, Frank Schirrmacher zum Beispiel, der in seinem Bestseller Das Methusalem-Komplott (2) den Baby-Boomern als höchstes Ziel ihres Lebens befiehlt, so alt wie möglich zu werden, natürlich um jeden Preis, und dies mit militärischen Vergleichen als "Mission" (S. 155), ja fast als eine Art Heiligen Krieg im Namen der Würde (genauer: des Narzissmus) verherrlicht. Wer die Flinte zu früh ins Korn wirft und sich von Typen wie Kusch helfen lässt, ist ein "Deserteur", sein Freitod "Fahnenflucht" (S. 155):

"Das amerikanische Magazin Discover berichtete im Herbst 2003 davon, dass immer mehr ältere Menschen schon viele Jahre vor ihrem 100. Geburtstag die Feierlichkeiten planen. In solchen Verabredungen steckt nicht Hybris und Größenwahn, wie uns die Gesellschaft und die Antike einreden wollen, sondern die einzig realistische Möglichkeit, sein Altern im 21. Jahrhundert fruchtbar zu machen. So wie die Welt lernen musste, dass die Sonne sich nicht um die Erde dreht, auch wenn es täglich so aussieht, so muss der Mensch lernen, dass Altern kein degenerativer und auf ewig definierter Prozess ist, auch wenn die Menschen, die alt werden, so aussehen mögen."                                                            (S. 145)

Die Feierlichkeiten des 100. Geburtstags schon viele Jahre vorher planen - das ist ja nichts Monströses, aber im Kontext des Methusalem-Komplotts als Vorbild angepriesen erinnert es an Hitler, der die Absicht hatte, die britische Herrschaft in Indien zu zerschlagen und bereits Briefmarken für ein "Nationales Indien" entwerfen und drucken ließ (von Sammlern geschätzte Kuriosa). Da haben Sie schon wieder den Nazi-Knüppel aus dem Sack geholt - wirft man mir vor. Tut mir Leid, aber Größenwahn, Hybris liegen hier in der Luft, der Vergleich mit Hitler, der die Welt beherrschen und Berlin als Welthauptstadt Germania zu ihrem Zentrum machen wollte, drängt sich auf, und nicht zufällig dürfte sich die Reminiszenz an die kosmologische Kränkung eingestellt haben, der Schirrmacher ihre Bitterkeit nehmen will, indem er sie so in sein Menschenbild einbaut: Der mittelalterliche Mensch blickte zur Sonne empor und glaubte dem, was er sah: Sie dreht sich um die Erde. Wie Unrecht er ihr tut! Wie er ihre Stellung verkennt und sie herabwürdigt! Genauso naiv der heutige Mensch im Alter: Er sieht sich im Spiegel oder blickt einem Altersgenossen ins Gesicht und schließt: Es sieht nach Verfall aus, wir degenerieren. Welch Trugschluss, welche Herabwürdigung! - ruft Schirrmacher ihm zu. Merken Sie es? Schirrmacher setzt den alternden, verfallenden Menschen mit der Sonne gleich, die in der Antike und bei Naturvölkern einen hohen Platz einnahm: Sie ist eine der obersten oder die oberste Gottheit, ohne die es kein Leben gäbe, eine kosmische Potenz, der Verfall und Tod nichts anhaben, als männliches Prinzip befruchtet sie die Mutter Erde, ist Vater der Menschen, Tiere und Pflanzen, die es ohne ihr Licht und ohne ihre Wärme nicht gäbe, ihre Zeugungskraft ist ein Quell der Fruchtbarkeit. Und um Fruchtbarkeit geht es Schirrmacher auch in obigem Zitat. Er will das Altern "fruchtbar" machen, was man verstehen könnte als: ihm noch eine Zukunft geben, in Gestalt des triumphalen Einmarschs ins zweite Lebensjahrhundert. Er schreibt aber "fruchtbar" - vergleicht den verfallenden Menschen mit der Sonne, die die Erde befruchtet und ewig verjüngt. Darunter gehts wohl nicht! Und Schirrmacher erhebt Klage: Wie werden (wurden) Sonne und Senioren verkannt! Doch Pioniere führen die zurückgebliebenen Menschen aus dieser Sinnestäuschung heraus, damals Kopernikus und Galilei, heute Schirrmacher und andere Gutmenschen. So wird umgelogen: Schönfärber zu Tabubrechern. Und dem alternden Menschen, der sich im Spiegel sieht und glaubt: Ich verfalle nicht, es sieht nur so aus!, schwillt auch noch vor Stolz die Brust: Ich gehöre zu den Aufgeklärten, nicht zu den Mittelalterlichen, die sich etwas vormachen.

Schirrmacher ist überzeugt, dass solch eine "Autosuggestion" (S. 179), also eine Selbstgehirnwäsche, hilft. "'Ich finde mich viel jünger, als ich bin.' Man sagt dergleichen mit 30, 40, 50 und auch noch mit 90. Dieser Satz ... schafft überhaupt erst die Wirklichkeit, die er ausspricht. 'Sich jung fühlen' ist kein Selbstbetrug. Es ist eine Aussage, die schafft, wovon sie spricht' (S. 194) (3). Zu Suggestion und Autosuggestion eines ganzen Volkes gehören verschiedene Techniken:

"... so wie man gezwungen ist, Geld für das Alter zurückzulegen, so muss man mentale, körperliche und ästhetische Maßnahmen ergreifen, die etwas anderes sichern als den Lebensunterhalt, die Identität. Die Ohio-Studie hat gezeigt, dass wir damit den nachfolgenden Generationen das Wertvollste hinterlassen, was wir ihnen geben können: ein von Selbsthass befreites Bild des Alterns."                                                                       (197)

Was meint er denn mit ästhetischen Maßnahmen? Vielleicht das: Oma, geh zum Chirurgen und leg dich unters Messer, damit du nicht länger aussiehst wie eine Vogelscheuche und andere Menschen vom Altwerden abschreckst? Das Alter muss sich, von Selbsthass befreit, als erstrebenswert präsentieren. Frau Schardt hat das verweigert, sie wollte nicht als gelähmter Pflegefall ins Heim eingewiesen werden, die Miesmacherin, die Deserteurin! Schirrmacher sieht die Aufgabe von uns Baby-Boomern "angesichts der selbst erfüllenden Funktion von Vor- und Selbstbildern darin, dass wir künftigen Generationen die Macht des Alters vorleben", "denn wenn es in den nächsten Jahrzehnten den allmählich alternden Baby-Boomern nicht gelingt, die Stereotypen des Alters aufzubrechen, wird allein schon die emotionale Krise einer Gesellschaft, deren Hälfte in Altersangst lebt, unsere Lebensfreude ersticken."                                                                                             (198f.)

Frau Schardt hat sich geweigert, "die Macht des Alters vorzuleben" und Kusch war ihr Komplize, ein Beispiel für Defätismus und Wehrkraftzersetzung, das geächtet gehört. Ein leuchtendes Vorbild, das die Moral der Truppe hebt, ist dagegen Dr. Dressler in der Lindenstraße. Der 75-Jährige ist trotz Rollstuhl unverwüstlich fidel zumeist und steht so intensiv im Leben, dass manch 30-Jähriger ihn beneiden muss. Die Lebensfreude der alternden Baby-Boomer und unseres vergreisenden Volkskörpers überhaupt muss ja auf schwachen Füßen stehen, wenn trotz aller Schirrmacherschen und Geißendörferschen (4) Suggestionen und Schönfärbereien der von Kusch ermöglichte Suizid, der Wert und Würde im Verfall als gefährdet und verlierbar demonstriert, alle die Gutmenschen so aus dem Häuschen bringt. Wir müssen mit dem Alter zurechtkommen und dazu erkennen, was noch geht, was nicht mehr geht, ersteres mit Liebe pflegen und trickreich anwenden und auf letzteres verzichten. Dafür ist Trauerarbeit nötig. Unseres Verfalls müssen wir uns schmerzhaft bewusst werden, statt ihn schönzureden und durch kosmetische Maßnahmen zu übertünchen und zu verleugnen. Verweigern wir diese Trauerarbeit, werden uns die nächten Jahrzehnte Kränkungen von kaum vorstellbarer Schärfe bescheren.

1) Zitiert aus der katholischen Enzyklika Evangelium vitae

2) Zitiert wird aus der 2. Auflage 2006. Vgl. auch seinen Artikel in der FAZ vom 11.7.2008

3) Existiert in Schirrmachers Psyche eine Instanz, die es besser weiß und diesen Selbstbetrug durchschaut? Deren Stimme aber (zu) selten durchdringt, ähnlich der eines sowjetischen Dissidenten, der mundtot gemacht wird? In Teil 4 seines Bestsellers schreibt er auch: "Je älter Menschen sind, desto gesünder fühlen sie sich im Vergleich zu ihren Altersgenossen. Auch darin liegt eine perspektivische Täuschung, aber offenbar eine, die das Leben erleichtert." (S. 196)

4) Zu Geißendörfers Gunsten ist anzuerkennen: Diese Schönfärberei, mit der er uns (und sich selbst) das Alter schmackhaft machen will, wird in der Lindenstraße immer wieder korrigiert, zum Beispiel durch Freitode, um qualvollem langsamen Sterben zu entgehen.

                                                                                     Sommer 2008
                                                              (überarbeitet im August 2010)

   
 
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