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Realisten war schon lange klar, dass wir über unsere Verhältnisse leben. Immer weniger Junge müssen immer mehr Rentner schultern, die demographische Entwicklung setzt den Generationenvertrag außer Kraft. 1995 warnte Heidi Schüller in ihrem Buch Die Alterslüge:

Auch in Deutschland muss sich die Politik entscheiden, ob sie der Jugend eine realistische Zukunft geben oder sie immer weiter in den Strudel ihrer Politik der ungedeckten Wechsel hineinziehen will. Wie im Vorfeld eines epileptischen Anfalls, der alles durcheinanderschütteln und Herde der Zerstörung hinterlassen wird, verbreitet die zunehmende Gewissheit einer unbequemen Zukunft angespannte Nervosität bei allen, die diese Zeit noch bewusst erleben werden. Je nach Grad der Konfrontation mit den Realitäten greifen noch die alten Verdrängungsmechanismen, werden die Warnzeichen ignoriert.

Nun ist der Anfall da – in Gestalt der Finanzkrise. Wir Menschen der westlichen Welt haben über unsere Verhältnisse gelebt, zum Beispiel diejenigen US-Amerikaner, die mit faulen Krediten Immobilien kauften, die sie sich in Wirklichkeit nicht leisten konnten. Oder der Irak-Krieg, in dem Milliarden verpulvert werden, ein Abenteuer, mit dem die vergreisende US-Nation ihre Kräfte überspannt. Oder hier in Deutschland die vielen Senioren, die es als Selbstverständlichkeit erwarten, in Würde uralt zu werden und trotzdem auf Fernreisen und Kreuzfahrten Geld verpulvern, statt es in ihre Altersvorsorge zu stecken. Ein guter Teil unseres in Aktienfonds oder Zertifikaten angelegten Gelds bestand aus „ungedeckten Wechseln“, wie Heidi Schüller, die von nur allzu berechtigter Angst getriebene Kassandra, 1995 formulierte. Die Finanzkrise ließ die Blase platzen und hat somit auch ihr Gutes: Sie schuf klare Verhältnisse, freilich für viele von uns in Gestalt einer Rosskur.
Ein Sinken unseres Wohlstandes aufgrund unserer Überalterung und unserer Konsum-Exzesse in den letzten Jahrzehnten habe ich erwartet, aber in allmählicher Entwicklung, nicht als plötzlichen Zusammenbruch. Aber hier trifft wohl zu, was die Hegelsche Dialektik lehrt: Das Umschlagen von Quantität in Qualität erfolgt plötzlich. Beliebtes Beispiel: Wasser wird erhitzt. Es wird langsam wärmer, von Zimmertemperatur auf 30, 40, 50 usw. Grad. Aber erst bei 100° verdampft es. Das Umschlagen vom flüssigen in den gasförmigen Aggregatzustand geschieht nicht allmählich, beginnend mit kleinen Mengen schon bei 40, 50 Grad, sondern schlagartig bei 100°. Der Umschlag ist nicht ohne Vorzeichen, die ihn, richtig gedeutet, ankündigen: Hält man immer wieder einen Finger in das Wasser, merkt man, dass seine Temperatur steigt. Oder: Ein Mensch kann wie auch andere Organismen über seine Kräfte leben, zum Beispiel, indem er nächtelang durcharbeitet oder durchfeiert. Aber nicht unbegrenzt. Nach einiger Zeit ist eine entsprechende Ruhepause fällig. Gönnt er sie sich nicht, erzwingt sie der ausgezehrte Körper durch einen Zusammenbruch in Gestalt einer schweren Krankheit. Als Warnzeichen gehen in der Regel leichtere bis mittlere Schwächeanfälle voraus. So auch die Finanzkrise. Sie ist das plötzlich eingetretene Ergebnis einer längeren Entwicklung. Denn über unsere Kosten leben wir schon mehrere Jahrzehnte. An Warnzeichen fehlte es nicht. Zum Beispiel der lähmende Berg der Staatsverschuldung. Er hätte die Alarmglocken läuten lassen müssen. Doch unbeeindruckt ging unser Konsumrausch weiter. Haben wir Glück, so ist die Finanzkrise nur ein Schwächeanfall, der uns mahnt. Haben wir Pech, ist es schon der Zusammenbruch.  Und das ist nicht unsere einzige Sünde. Wir Menschen, besonders des Westens, treiben Raubbau an unserer Mutter Erde und vergiften sie. Warnende Zeichen gibt sie uns genug: Schmelzende Gletscher und Pole, immer heftigere Stürme, Gewitter und Orkane. Aber wir treiben es weiter. Ihre Fieberkurve steigt. Steht uns auch hier ein Umschlagen der Quantität in Qualität erst noch bevor, ein epileptischer Anfall, oder gleich der Zusammenbruch, plötzlich und allverheerend? Umkehr tut Not. In Demut.

   
 
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