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Ihre Eltern vertragen sich, auch wenn es schwer fällt. Papa nennt ihn meinen Camembert, das ist französisch, für ihre Mutter ist es der Käse, und daran, wie sie es ausspricht, merkt man, dass sie sich eines Euphemismus bedient, für Klara ist es der Stinkerkäse, wenn sie das ausspricht oder denkt, wollen die Lachmuskeln zucken, die beginnen unten im Bauch.
Mutter ist kompromissfähig. Deshalb darf ihr Mann einmal in der Woche zu Hause von dem Käse essen und den Rest im Büro. Auf den Tisch kommt er in einer Butterdose, die immer zu ist und, nachdem er sich von dem Käse genommen hat, sofort wieder zu gemacht wird. Es ist nicht die elegante Dose mit dem durchsichtigen Kunststoffoberteil, das auf einem dünnen Untersatz aus Metall ruht, sondern eine aus weißem Porzellan, deren Oberteil, das über den Käse auf einen viereckigen Untersatz gestülpt wird, die Form einer Kuh, natürlich ohne Beine, hat. Die Dose ist dickwandig und deshalb schwer. Auf dieser Dose besteht Mutter, "damit ich ihn nicht sehe und nicht rieche". Nach einiger Zeit fragt sie: "Du bist jetzt fertig mit dem Käse?!", und wenn er mit Ja antwortet, nimmt sie ihn vom Tisch, um ihn in die Küche zu bringen und in den Kühlschrank zu stellen. Max, der auf seinem Stuhl für Kleinkinder, dem Hochsitz thront, folgt dann jedes Mal mit großen Augen der weißen Kuh. Sein Mund ist von dem Brei verschmiert, mit dem Mama und manchmal auch Klara ihn füttern. Dass mit der Dose etwas ist, ahnt er wohl schon, aber worum es wirklich geht, versteht er nicht, weil er noch so klein ist.
Bevor sie die Kuh in den Eisschrank sperrt, wickelt sie sie in eine luftdichte Plastiktüte. Papa protestiert dagegen, aber ohne Erfolg: "Das ist barbarisch! Mein Camembert besteht aus Millionen kleinster Organismen, dem Weißschimmel. Das sind winzige Schlauchpilze. Er ist lebendig. Er steht im Stoffwechsel mit seiner Umwelt wie du und ich. Wie du ihn einwickelst, das ist, als ob man ein lebendiges Wesen einschnürt und erstickt. Mein Camembert entwickelt sich weiter. Er reift. Er entfaltet sich. Er lebt und atmet!"
Mutter hält dagegen: "Der Käse lebt?! Wie schön! Und atmet?! Wirklich rührend! Ich atme auch! Und ich will nicht, dass mir jedes Mal, wenn ich den Kühlschrank öffne, dieser Geruch entgegenschlägt. Und der Wein, der im Kühlschrank liegt, die Spätlese, atmet auch. Durch den Korken. Du kannst doch nicht wollen, dass er diesen Geruch annimmt!"
Ihrer Tochter hat sie es so erklärt: "Wenn Menschen eine Gemeinschaft bilden, ist ihr tägliches Zusammenleben nur durch Kompromisse möglich. Jeder muss dem anderen entgegenkommen, und dazu gehört Toleranz. Das ist eine soziale Tugend, die uns zivilisierte Menschen von Barbaren und Fanatikern unterscheidet. Toleranz kommt aus dem Lateinischen, von "tolerare", das heißt "erdulden".
Klara weiß, wie der Stinkerkäse schmeckt, denn Papa hat sie einmal probieren lassen. Naja, wie man den so toll finden kann, ist schwer zu verstehen, aber man kann ihn durchaus essen. Mama stellt sich an! Sie hat ihr an jenem Abend sogar den Gute-Nacht-Kuss verweigert, obwohl sie sich doppelt so lange und doppelt so gründlich die Zähne geputzt hat. Also verzichtet sie auf den Käse. Vater hat noch einmal sehr freundlich versucht, sie zum Mitessen zu bewegen. Als er ihr ein Stück reichen wollte, hellte ihr Gesicht sich auf, weil er es ihr so lieb anbot, zugleich wich sie davor zurück, weil es ja für Mama etwas Schlimmes ist, und stieß ein helles Iiiih aus, das aber in Kichern überging.
Einmal, als Mutter einkaufen war, hatte sie eine lustige Idee. Sie holte den Stinkerkäse aus dem Eisschrank, legte sich damit neben Max ins Bett, zog ihm die Strampelhose runter und das Hemd hoch und begann ihn mit dem Käse, der innen flüssig war wie eine Salbe, einzuschmieren. Max schrie und strampelte. Halt! Der Käse ist ihm zu kalt, er kommt ja aus dem Eisschrank. Sie stellt ihn auf die Heizung und wartet, bis er angenehm warm ist. Der Geruch verbreitet sich in der Wohnung. Dann reibt sie ihn ein, mit kreisenden Bewegungen der flachen Hand, wie sie das von Mutter kennt, die ihr so mit Salbe die Brust einreibt, wenn sie erkältet ist. Es ist ihm angenehm, er lacht wohlig. Dann zieht sie ihm wieder die Strampelhose hoch, steckt das Hemdchen hinein und fertig ist der kleine Mann. Zufrieden betrachtet und riecht sie ihr Werk.
Die Wohnungstür geht auf. Klara sitzt in ihrem Zimmer auf dem Boden, baut an einem Häuschen mit Garten aus Legosteinen und beobachtet mit unschuldsvoller Miene durch die Tür, wie ihre Mutter, noch keuchend vom Treppensteigen, mit vollen Einkaufstüten hereinkommt. Sie nimmt sofort Witterung auf und stürzt in die Küche. Nachdem sie bei Max war, packt sie ohne ein Wort zu sagen Klara am Arm, zerrt sie zum Badezimmer, stößt sie hinein, knallt die Tür zu und sperrt ab.
In dem fensterlosen Raum ist es vollkommen finster und der Lichtschalter befindet sich außen. Sie tastet sich zur Badewanne und legt sich mit angezogenen Beinen hinein. Der Boden der Wanne ist hart und kalt. Deshalb tastet sie sich zu den Bademänteln. Sie bekommt einen zu fassen, es ist Papas, das erkennt sie an dem Tabakgeruch. Er raucht Pfeife. Das riecht gut und ist so gemütlich, besonders, wenn sie unter seinem Schreibtisch sitzt und er beim Arbeiten raucht, sie verspürt dann ein wohliges Gefühl in der Magengrube. Das Einzige, was dann stört, ist die Mehrfachsteckdose, in der die Stecker von Tischlampe und Radio stecken, während die dritte Steckdose frei bleibt. Die darf sie nicht berühren, sonst bekommt sie einen elektrischen Schlag. Das ist furchtbar. Sie hat einmal einen bekommen, als sie ein Kabel an der Stelle berührt hat, wo der Draht bloßlag, vorne am Stecker. Seitdem hält sie sich von Kabeln und Steckdosen fern. Aber wenn sie unterm Schreibtisch sitzt und die Steckdose nicht berührt, ist alles gut.
Sie wickelt sich in Papas Bademantel, legt sich wieder in die Wanne, rollt sich ein und schmollt. Er kommt ja bald von der Arbeit und holt sie dann raus. Obwohl es so finster ist, dass sie überhaupt nichts sehen kann, stellen sich mit der Zeit vor ihren Augen Farbflecken und bunte Streifen ein, nicht schlecht, das Schauspiel! Dann erscheint ein Totenschädel, der von innen leuchtet, weil ein Teelicht in ihm brennt. Das ist nicht so, wie wenn man sich etwas vorstellt. Das kommt von selbst! Da taucht ein Stromkabel auf. Vorne am Stecker liegt ein Stück Draht frei. Der Kunststoffmantel wird weggezogen und das nackte Metall immer länger und kommt auf sie zu! Um sie zu fesseln! Sie schreit, fährt auf und stößt mit der Stirn gegen etwas Scharfkantiges. Der Wasserhahn, wie Papa ihr später erklärt. Sie fasst sich an die verletzte Stelle. Da ist es feucht und warm: Sie blutet. Sie verblutet! Und keiner merkt es! Sie schreit wie am Spieß, die Tür geht auf, sie schließt die Augen geblendet vom plötzlichen Tageslicht: Es ist Papa. Er trägt sie heraus und verarztet sie, tupft ihr behutsam das Blut von der Stirn und klebt ein Pflaster auf die Wunde. Mutter zündet sich mit zitternden Händen eine Zigarette an: "Sie kann also anstellen, was sie will, sie muss nur heulen, und alles, aber auch alles ist sofort wieder gut!" Sie blickt wie eine Furie. "Sie blutet ja gar nicht mehr! Das war nur ein Kratzer! Aber sie muss nur losheulen und hat dich auf ihrer Seite!"
"Solch ein Problem löst man doch nicht, indem man sein Kind einfach wegsperrt."
"Vielleicht hab ich sie auch deshalb eingesperrt, um sie vor mir zu schützen." Sie raucht mit gierigen Zügen, um ihre Wut unter Kontrolle zu halten.






   
 
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