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Immer öfter streifen Zweige unseren Lieferwagen, der sich mit uns und dem schweren Tisch hinauf zum Waldgrab arbeitet.
"Was ist das?" fragt mein Sohn.
"Das sind Zweige, die unseren Wagen streifen" erklärt ihm meine junge Frau munter, und ich bin froh, dass sie sich nicht ins Bockshorn jagen lässt.
"Warum machen die das?"
"Weil der Wald immer dichter wird."
"Warum?"
"Weil wir immer tiefer in den Wald fahren."
"Warum?"
"Darum!" Sie hat so resolut geantwortet, dass die Fragerei abgeschnitten ist.
Wir sind auf dem Weg zu einem Prozess, der nicht, wie das Gesetz es vorschreibt, im Städtischen Gericht veranstaltet wird, sondern über seiner Gruft im Wald, seinem Standbild zu Füßen. Diese Tendenzen flackern auf und erlöschen wieder wie Fieber. Man muss ihnen einen gewissen Tribut zollen, um sie zu beschwichtigen, wie man auch Fieberanfälle möglichst nicht unterdrücken soll, sie gehören ja zum Heilungsprozess. Den Rechtsstaat selbst wagen sie nicht anzutasten, das wäre der Anfang vom Ende, aber nicht mit mir! Deshalb habe ich mich auf diesen Prozess eingelassen und der Verlegung des Gerichtsortes zugestimmt.
Mit dem Wagen geht es nicht mehr weiter, das letzte Stück wird zu Fuß zurückgelegt. Der stattliche Tisch aus massiver Eiche muss von vier Möbelpackern geschleppt werden, wahren Schränken, trotzdem sind ihre Gesichter vor Anstrengung verzerrt, sie wagen nicht zu fluchen.
Es wird heller. Wir erreichen die Gerichtsstätte. Das Licht kommt von da, wo keine Bäume sind, weil der Berg jäh zum Tal abfällt, über das der Ritter blickt, hoch aufragend in Stein gehauen, behelmt, gepanzert, die Hände beidseitig am Griff seines Schwertes, das mit der Spitze vor seinen Füßen auf dem Boden ruht.
Ein Justizbeamter zeigt den Möbelpackern, wo der Tisch stehen soll, der für den Angeklagten und mich bestimmt ist. Sie setzen ihn ab und sehen mich keuchend an. Ich gebe ihnen ein unverschämt hohes Trinkgeld und scherze: "Genehmigt euch einen, aber schaut mir nicht zu tief ins Glas! Morgen müsst ihr ihn wieder ins Städtische Gericht schaffen. Er soll hier ja nicht Wurzeln schlagen."
Die Kerle lachen und machen sich auf den Heimweg. Zu Füßen des Ritters brennen rote Grablichter. Nachkommen und Verehrende haben sie angezündet.
"Mama, wann werden die denn grün?" fragt mein Sohn.
Zwei Justizbeamte, die in der Nähe stehen und das gehört haben, zucken zusammen, drehen sich um und sehen die beiden erschrocken an. Meine Frau will sie beruhigen, indem sie ihnen mit unbefangener Freundlichkeit erklärt: "Er hat das nicht böse gemeint. Neulich habe ich ihm erklärt, warum die Verkehrsampeln rot, grün und gelb werden. Seitdem ist alles, was rot ist und leuchtet, für ihn eine Ampel. Er ist ja noch so klein."
Der eine Justizbeamte blickt den anderen voller Angst um die beiden an, als wollte er sagen: "Mein Gott, sie ist noch so jung! Und das Kind!"
Der andere befiehlt beschwörend: "Gehen Sie sofort weg mit dem Kind! Die Weihe der Stätte erträgt Sie nicht."
Ich trete dazwischen: "Meine Familie bleibt! Niemand wird weggeschickt! Dieser Prozess ist öffentlich, sonst wäre er nicht rechtsstaatlich. Ich warne Sie. Als Feigenblatt stehe ich nicht zur Verfügung. Es geht doch hier mit rechten Dingen zu?! Andenfalls lege ich mein Mandat nieder und der Prozess ist geplatzt!"
Aber meine Frau flüstert mir ins Ohr: "Mir ist hier unheimlich. Bitte lass uns gehn!", reißt das Kind an sich und verschwindet mit ihm im Wald in die Richtung, aus der wir hochgekommen sind.
Diese Ängstlichkeit! Es hat mich aggressiv gemacht. In scharfem Ton verlange ich meinen Mandanten zu sprechen. Vielleicht ist es gut, dass sie gegangen sind. Denn was ich in petto habe und hier enthüllen könnte über den Ritter, ist nicht für Kinderohren bestimmt und würde wohl auch meiner Frau an die Nieren gehen, aber die Ehre des Ritters und die Weihe dieses Ortes ein für alle Mal zerstören. Ein Windstoß fegt alle Papiere von meinem Tisch. Ein Justizbeamter steht daneben und sieht tatenlos zu. Ich herrsche ihn an: "Eine Unverschämtheit ist das! Ohne Akten kann ich nicht verteidigen."
Er blickt nach oben und antwortet, verklärt von Andacht, in der Schadenfreude gut aufgehoben ist: "Der Wind gehört dazu. Wie er in den Wipfeln unserer Wälder rauscht, sagt er mir mehr als alles gelehrte Geschwätz."
Ich befehle ihm, mich mit meinem Mandanten zusammenzuführen. Er antwortet: "Folgen Sie mir! Er ist in der Gruft dingfest gemacht."
Wir gehen zu der Stelle, wo die Treppe hinabführt. Er steigt nach unten, ich muss oben warten. Mein Herz pocht. Gleich darf ich ihn sehen und bin seine wichtigste Stütze! Schön wie ein junger Gott bezaubert er seine männlichen und weiblichen Fans gleichermaßen. Warum sind sie nicht hier?
Unten wird eine Tür aufgestoßen und zuckendes Fackellicht dringt heraus. Sie zerren ihn hoch. Sein Mund ist blutverschmiert, aber das hat seine Anmut nicht ausgelöscht. Er klagt mir: Sie haben ihn mit den Lippen immer wieder gegen seinen steinernen Sarkophag gestoßen und ihm so schon zwei Zähne ausgeschlagen, weil sein Mund es war, "mit dem er ihn gelästert hat", und sie wollen ihm alle Finger und die Beine brechen, weil die Finger ihn dazu auf der Gitarre begleitet haben und er sich mit den Beinen so unverschämt dazu auf der Bühne bewegt hat, und das Urteil steht auch schon fest: Tod durch Verschmachten bei ihm in der Gruft.
"Was soll ich dann noch hier?"
Er sieht mir flehend in die Augen: "Wenn du mitspielst, ordenlich mitspielst, dass es als rechtsstaatlicher Prozess über die Bühne geht, lassen sie mir die Knochen heil."

   
 
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