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Erika kommt herein, legt wie beiläufig meine Post auf den Schreibtisch, nimmt das Tablett mit dem Frühstücksgeschirr, um es hErika kommt herein, legt wie beiläufig meine Post auf den Schreibtisch, nimmt das Tablett mit dem Frühstücksgeschirr, um es herauszutragen und fragt freundlich, ob es mir geschmeckt hat. Ich soll ihr nichts anmerken, aber sie ist immer noch gekränkt und ich kann es ihr nicht verübeln. Bis vor kurzem war es so, dass sie meine berufliche Post öffnet und meine private zu lässt. Als sie einen Privatbrief mit harmlosem Inhalt aus Versehen öffnete, nahm ich das zum Anlass, ihr eine furchtbare Szene zu machen und ihr auch das Öffnen der beruflichen Post zu verbieten. Es tat auch mir weh. Ich habe nicht vergessen, wie ihr Gesicht einen ungläubigen, erschrockenen Ausdruck annimmt, dieses liebe Gesicht einer jungen Frau, die so schwärmerisch stolz darauf ist, meine Sekretärin und mehr als das sein zu dürfen. Wenn ich nicht einmal ihr mehr vertraue, wem denn dann?
Ich antworte munter, dass es mir geschmeckt hat, und lasse mir nichts anmerken. Sie schließt die Tür von außen, ich zögere, mir den Stapel Briefe anzusehen, stehe auf, trete ans Fenster und sehe hinaus. Natürlich liest sie die Absender. Wenn wieder einer vom Schulamt dabei ist, regen mein Junggesellenstand und meine Geheimnistuerei ihre Fantasie vielleicht zu der Vermutung an, ich hätte ein uneheliches Kind, um dessen Einschulung ich mich kümmern müsse. Ich sollte einmal, wenn sie die Post bringt, und es ist etwas wegen der Schule dabei, einfach locker bemerken: Ah, das Schulamt. Tja, auch Schulen unterliegen der Baupolizei! Dann wird sie denken: Aha, er begutachtet ein Schulgebäude, ob alles noch in Ordnung ist, und ihre Fantasie hat eine Nahrung bekommen, mit der sie sich zufrieden geben muss. Aber solch ein lockerer Ton gelingt mir nicht, wenn wieder einer dieser Briefe gekommen ist. Vielleicht treibt ihre Neugier sie dazu, solch einen Brief ohne Spuren zu öffnen und wieder zu verschließen, es soll da Methoden geben. Die Sache muss vom Tisch, und zwar schnell, dann ist der Spuk vorbei und ich kann zwischen uns alles wieder in Ordnung bringen, Erika, ich kenne dein Herz und weiß schon, wie ich dir beikomme. Ich werde dir etwas schenken, etwas Edles, vielleicht dein Sternzeichen als zierlichen Schmuck und erklären: Ab sofort wird meine Post wieder von dir geöffnet. Wie konnte ich dir nur mein Vertrauen entziehen? Das kann nur in einem Anfall von Verfolgungswahn geschehen sein. Anders lässt es sich nicht erklären. Verfolgungswahn, das ist etwas Dämonisches. Das steigt aus der Tiefe herauf und zerstört uns Menschen so gerne das Teuerste. Erika, darf es auch zwischen uns den Sieg davontragen? Beschwörend, schmachtend wird mein Blick an deinen Lippen hängen, denen die Gewalt verliehen ist, "Es ist alles wieder gut!" auszusprechen und den Dämon zu bannen.
Aber erst müssen die Prüfungen vom Tisch. Mit zitternden Händen sehe ich den Stapel Briefe durch. Ja, es ist einer dabei. Ich reiße ihn auf. Ich muss Lateinprüfungen ablegen, mindestens eine, wahrscheinlich mehrere, die erste ist nächste Woche Dienstag anberaumt. Warum hat man ausgerechnet mit mir keine Nachsicht? Weil ich ein gefragter Architekt bin? Ich habe im vorletzten Kriegsjahr mein Notabitur gemacht, weil ich Flakhelfer werden sollte. Notabitur heißt, sie haben mir viel Lernerei und Prüfungen geschenkt. Gut, ich gebe zu, beim großen Latinum wurde gemogelt. Das war damals gang und gäbe. Mein Abiturzeugnis ist in diesem Punkt eine Fälschung. Mein Architektur-Diplom kann mir deshalb aberkannt werden. Denn mit gefälschtem Reifezeugnis hätte ich nie studieren dürfen. Meine Kunden werden glauben: Im Fundament, auf dem meine Ausbildung beruht, ist etwas nicht in Ordnung. Es fehlt etwas. Also ist vielleicht auch an den Häusern, in denen wir wohnen und die so teuer waren, etwas faul. Sie müssen abgerissen werden, alle! Ein gefundenes Fressen ist das für die Bauaufsicht. Oh, ich kenne euch, ihr dürft zerstören, ganz legal, und euch auch noch als Schutzengel dabei fühlen, die arme, hintergangene Menschen aus einer großen Gefahr retten. Ein Architekt, mit dem etwas nicht stimmt, ist wie ein Flugzeugkapitän, der betrunken oder krank ist. Ich kann einpacken.
Die Prüfungen müssen vom Tisch! Die erste ist also nächste Woche, am Dienstag. Ihr Datum - ich sehe extra nochmal in meinem Terminkalender nach - überschneidet sich mit der Einweihungsfeier für das neue Stadtmuseum, mein Werk, der Bundespräsident Heuss, Kanzler Adenauer und der Oberbürgermeister beiwohnen werden, nicht. Das ist schon mal gut. Also ruhig Blut. Du bist schon mit so vielem fertig geworden.

Ich klopfe meinem Jaguar auf sein Dach und sage ihm in Gedanken: "Wir haben schon so vieles zusammen geschafft. Das kriegen wir auch noch hin." Dann steige ich ein. Es ist ein gutes Gefühl, am Steuer eines Wagens zu sitzen, der mit so viel Sachverstand und Liebe gebaut worden ist. My car is my castle, habe ich einmal gehört, da ist etwas dran.
Ich brauche lange, bis ich endlich einen Parkplatz finde, denn meine Schule liegt in einem Stadtteil, in dem die meisten Trümmergrundstücke wieder bebaut sind.
Es hat sich nichts geändert. Betritt man das Adolf-Hitler-Gymnasium, zieht eine mächtige Säule, auf der ein metallischer Hitler-Kopf aus dunkler Bronze droht, den Blick nach oben. Der Kopf ist so dick und massiv, dass ich wieder denken muss: Wenn der vom Sockel fliegt, kann er einen Schädel wie ein rohes Ei zerschmettern. Es ist gerade große Pause, vor der Säule in der Aula wieseln Schulkinder herum, eine muntere Herde, während drei deutlich größere Jungen in Uniformen der Hitlerjugend sich nicht daran beteiligen, sondern stolz dastehen und die Schüler überblicken wie Aufpasser. Ihre groben, vulgären Gesichter verraten sofort, was sie sind und immer sein werden: Rüpel und Schläger. Jeder macht eben das, was er am besten kann, und bei denen ist es Prügeln, das habe ich weiß Gott zu spüren bekommen. Als Hitler an die Macht kam, hofften viele, der Staat würde mit den Schlägerbanden Schluss machen. Er hat aber nicht Schluss gemacht, sondern sie in seinen Dienst gestellt und sie ermuntert, indem er ihnen vielerlei Ehre erwies. So durften Hitlerjungen stolz ein Fahrtenmesser tragen, auf dessen Schneide die Worte Blut und Ehre eingraviert waren. Da fühlt man sich doch auf der richtigen Seite, wenn man den Parasiten und Stubenhocker verprügelt, der dem kämpfenden Reich nichts nützt. Das steckt mir bis heute in den Knochen. Ich verließ deshalb nur äußerst ungern das Haus und wollte nicht in die HJ. Meine Eltern, besonders meine Mutter habe ich damit bitter enttäuscht. Ihr Sohn ein Stubenhocker, kein richtiger Junge! Als sie mich zwingen wollten einzutreten, wurde ich krank. Da ist entgültig eine Welt für sie zusammengebrochen. Das Selbstverständlichste habe ich nicht erfüllt! Meine Mutter kommt an einem Sommertag nach Hause zurück und es bricht aus ihr heraus wie aus einem Kind, dem man etwas Böses angetan hat: "Mir ist alles verdorben. Die Jugend marschiert mit klingendem Spiel durch die Straßen und mein Sohn ist nicht dabei. Die Leute fragen mich: Ja, wo ist denn der Wolf? Und ich muss antworten: Er liegt zu Hause im Bett!"
Vater kommentierte mein Verhalten: "Dass du es vorzogst, nicht dabei zu sein, berührt mich peinlich und schmerzlich zugleich. Es hat auch meinem Ruf geschadet und damit meinem Geschäft." Sein Geschäft ging in jenen Jahren nicht gut, was auch damit zusammenhing, dass seine Gesundheit schon damals angeschlagen war, aber krank zu werden konnte er sich nicht leisten. Noch heute kann deswegen zwischen meinen Eltern und mir hässlicher Streit aufflammen, wenn ich nicht aufpasse, aber ich bleibe dabei: Die Anbetung roher Vitalität und Gewalt und die Verachtung geistiger Leistung, deren Träger als Eierköpfe oder Brillenschlangen verächtlich gemacht wurden, ist eine der Ursachen für den schmachvollen Zusammenbruch des Dritten Reichs. Ich bleibe dabei: Ein Volk entwickelt sich nach unten, dem das Abschießen eines Panzers oder das Verprügeln eines Menschen mehr gilt als die Wiedergabe einer Sonate auf dem Klavier, eine wissenschaftliche Analyse oder die architektonische Planung eines Gebäudes. Ich bin allenfalls bereit, zuzugestehen, dass ein tüchtiger Bauer oder Handwerker, der zupacken kann, genau so viel wert ist wie ein Pianist oder Architekt. Das ist das Äußerste. Weiter gehe ich nicht. Ein Volk braucht beides: Geistige und physische Kraft.
Hitler verkündete, Tapferkeit sei mehr wert als Wissen und Weisheit. Das ist grundfalsch. Tapferkeit ohne Wissen und Weisheit ist wertlos und kann ins Unglück führen. Die Hitlerjugend war dafür ein lebender Beweis. Sie ließ sich in den letzten Kriegsjahren sinnlos verheizen. Sehr jung, zu wenig ausgebildet, schlecht bewaffnet, aber zu fanatischem Opfermut erzogen wurden sie in den Tod geschickt, viele als junge Panzerbrecher. Wie sich so ein Draufgänger wohl gefühlt haben mag, als das Ungetüm auf ihn zurollte? Sie verbluteten en masse, so dass von den großen Worten, die auf ihre Fahrtenmesser eingraviert waren, immerhin das erste einen Sinn bekommen hat.
Ich verspüre plötzlich Magenkrämpfe und muss dringend auf die Toilette. An dieser Schule hat sich wirklich nichts verändert! Es gibt zwei Kategorien von Toiletten, aber nicht etwa für Erwachsene und Kinder, sondern für Lehrer und Schüler. Ich gehe auf eine Toilette für Schüler, ich darf ihnen keine Gelegenheit geben, mir am Zeug zu flicken.
Als ich auf der Toilette fertig bin, muss ich die Klasse suchen, in der ich die Prüfung mitschreibe. Ich habe keine Vorstellung, in welchem Flügel und auf welcher Etage sie zu finden ist und gehe ratlos und zögernd durch die Aula. Einer der Hitlerjungen spricht mich an: "He, wohin denn?"
Ich zucke vor Schreck und Empörung zusammen. Als Erwachsenem können sie mir nichts mehr anhaben, aber trotzdem, das steckt mir in den Knochen.
"Das geht dich überhaupt nichts an!"
"Sachte, sachte, wir wollten nur helfen!"
"Eure Hilfe kenn ich! Die Menschheit kann darauf verzichten."
Er blickt erstaunt-amüsiert seine Kameraden an: "Der hält sich für was Besseres und uns für Pack!"
"Du hast es erfasst. Ihr könnt nur zerstören. Ich baue!"
"Siehst du, uns verdankst du doch deine Aufträge!"
Es hat keinen Zweck. Ich muss die Klasse suchen.
Schließlich habe ich mich durchgefragt. Die Schüler "meiner" Klasse haben sich vor ihrem verschlossenen Klassenzimmer versammelt und reden laut durcheinander. Auch zu ihnen gehört ein Hitlerjunge, er ist etwas jünger als die in der Aula. Mit einigen Mitschülern führt er einen lebhaften Streit, und je nach dem, wie sie ihm kommen, kontert er entweder mit einem frechen Witz oder mit einer Drohgebärde, zum Beispiel, indem er einem seine Faust vor die Nase hält. Sein aufgewecktes Gesicht hat gerade erst begonnen, hart und gemein zu werden.
Der Lehrer kommt, ein etwa 40-jähriger Mann mit kantigen, bösen Zügen, mit dem sicher nicht gut Kirschen essen ist. Als er mich sieht, läuft er puterrot an und sein Gesicht verzerrt sich: "Das ist deine allerletzte Chance. Wenn es nach mir ginge, hätte man dir längst das Handwerk gelegt. Du bist eine Schande!" Er schließt die Tür zum Klassenzimmer auf, geht hinein und schlägt sie so laut zu, dass es durch die ganze Etage hallt. Ich mache ein trotziges Gesicht, um wenigstens äußerlich Würde zu wahren und nicht wie ein begossener Pudel dazustehen, und erwarte das Gelächter der Kinder wie eine kalte Dusche, aber sie bleiben stumm, vom Ausbruch des Lehrers mit eingeschüchtert, und streifen mich, den Auslöser, mit scheuen, erschrockenen Blicken.
Der Hitlerjunge pfeift leise und spricht mich an: "Mann, der geht ja an die Decke wie ein HB-Männchen, wenn er dich nur sieht. Schätze mal, du hast schlechte Karten bei ihm. Bist du wenigstens gut vorbereitet?"
"Um ehrlich zu sein, überhaupt nicht."
"Aber ich. Ich weiß, welchen Text wir übersetzen müssen."
"Wie das?"
"Ganz einfach. Der Lehrer hat uns gestern einige ausgefallene Vokabeln gesagt, die in dem Text vorkommen. Und wir wissen, dass er aus Ovids Metamorphosen sein wird, das ist nämlich unsere Lektüre im Unterricht. Da muss man sie nur durchlesen, naja, aufmerksam überfliegen, und wenn man auf die Vokabeln stößt, hat man die Stelle."
"Und das hast du gemacht? Das dicke Buch?"
"Seh ich so aus?"
Ich mache eine ratlose Geste.
"Der Klassenprimus hat das für mich erledigt. Ein zartes Bürschlein. Ich hab ihm gedroht: Ich schlag dich windelweich, wenn du mir nicht die Stelle findest. Er hat sie gefunden." Er sieht mich grinsend an. "Du könntest bei mir abschreiben."
"Eine gute Idee! Aber du willst doch sicher etwas dafür. Kann ich alter Knabe dir überhaupt was bieten?"
"Oh, das kannst du! Ich will mit deinem Jaguar fahren."
"Einverstanden. Aber da ist noch etwas, sei jetzt ehrlich zu mir: Wie sind denn so deine Leistungen in Latein? Ich meine, ausgerechnet wir beiden, sind wir etwa die Latein-Asse der Klasse, wird eine vollkommen fehlerfreie Übersetzung, die von dir stammt, dich nicht verdächtig machen? Und mich mit, als deinen Banknachbarn?"
Er sagt nichts, aber lächelt entwaffnet.
"Bau doch zwei oder drei leichte bis mittelschwere Fehler in deine Übersetzung ein, dann kann dir diese Witzfigur noch nicht mal mit Indizien was am Zeug flicken!"
"Klasse Idee! Mit dir kann man ja Pferde stehlen!"
"Dann überleg dir zwei, drei Fehler und sag sie mir vorher, damit ich die nicht auch noch von dir abschreibe. Ich mach dann welche an anderer Stelle. Und du könntest noch mehr für mich tun. Ich zeige dir, wie man in dem Schulgebäude hier etwas so kaputt macht, zum Beispiel Heizungsrohre oder Dachbalken, dass es nach Verschleiß aussieht, nicht nach mutwilliger Beschädigung - ich weiß, wie das geht, ich bin Architekt - ", in seinem Gesicht zuckt etwas Lauerndes auf, als ob ein Tier Witterung aufnimmt, und die noch schwachen Züge beginnender Härte und Gemeinheit werden für einen Augenblick markant, "dann kreuze ich auf, mit der Bauaufsicht, ich hab da Verbindungen, und mache der Schulleitung die Hölle heiß. Die geben mir nur noch gute Noten, um mich schnell loszuwerden, und für euch springt Schulfrei dabei raus, ein paar Wochen bestimmt, so lange müssen sie die Schule schließen, wenn ich will."
Ich darf neben ihm sitzen und abschreiben. Über sein Blatt Papier gebeugt leckt er sich beim Schreiben die Lippen, fühlt sich richtig gut, der Bursche, und hat auch allen Grund dazu. Ein Erwachsener ist ohne ihn aufgeschmissen, er meistert eine schwere Prüfung mit links, weil ein Primus vor ihm zittert, und zur Belohnung darf er Jaguar fahren.

Erleichtert verlasse ich die Schule und will nach Hause fahren, aber er steht an meinen Jaguar gelehnt und wartet. Ich schließe ihn auf, er setzt sich ans Steuer, packt es mit beiden Händen, blickt dann nach unten zu seinen Füßen, die er auf Gaspedal und Kupplung stellt. "Da liegt ja ein Foto!" Er greift nach unten vor den Beifahrersitz und hebt es auf. Das hatte ich vergessen. Es ist ein Foto von Irene. Ein Kunde hat es mir geschenkt, dessen Villa ich gebaut habe. Sie sitzt an seinem Swimming Pool, lässt ihre Beine im Wasser baumeln, eine gelbe Taucherbrille hängt ihr um den Hals, mit einfältig liebem Gesicht lächelt sie hinauf zum Balkon, von wo aus sie aufgenommen wurde und von wo aus die Muschelform des Beckens besonders gut zur Geltung kommt. Der Swimming Pool gleicht nämlich einer Muschel. Das war meine Idee. Er wollte etwas Besonderes, also habe ich den Beckenrand wie eine Kamm-Muschel gerundet und den Boden so gewölbt und sanft gerippt, das er wie die Innenseite einer Muschelschale geformt ist. Eine zweite Muschelschale gehört dazu, die auf dem Bild nicht zu sehen ist. Sie lässt sich aus dem Boden fahren, kann das Bassein als Deckel verschließen, dass kein Laub hineingeweht wird und lässt sich in verschiedenen Winkeln als Sonnenschutz einstellen.
Seine Lippen spitzen sich zu einem anerkennenden Pfiff, erstarren aber, stattdessen fragt er respektvoll: "Deine Tochter?"
"Nein." Ich lache. "Sie ist Studentin. Sie wohnt bei einem meiner Kunden, dem ich seine Villa und diesen Pool hier gebaut habe. Er bezahlt ihr das Studium, naja, und weil er in einem finanziellen Engpass steckt und ich ihm mein Honorar stunde, lässt er sie schon mal mit mir fahren. Tja, auch solche Früchte wirft meine Arbeit manchmal ab!"
Mein Tonfall steckt ihn nicht an, er staunt sie weiter an, wie ein Geschöpf von einem anderen Stern, und mir kommt ein Gedanke, der mich erschreckt. Was ist, wenn er verlangt, dass ich sie mit ihm bekannt mache! Dann komm ich in Teufels Küche wegen Kuppelei. Er ist doch erst 13, 14, höchstens 15, für Richter und Staatsanwalt noch ein Kind. Ich schlage einen verschmitzten Ton an: "Sie hat ja ihren Reiz, nicht wahr? Aber anbeten wollen wir sie nicht. Sie ist so lieb, so artig, so zart, er hält sie in Watte gepackt, ihre Haut ist weiß wie Milch. Aber, unter Männern gesagt, und du wirst es sicher bald selber herausfinden, ein Mann will doch nicht nur Milch trinken!" Ich lache über meinen Witz so, dass er mitlacht.
"So, mein Jaguar steht bereit!" Ich nehme ihm das Foto aus der Hand, verstaue es im Handschuhfach und klappe es energisch zu.
Er lässt es sich nicht zwei Mal sagen, packt das Lenkrad mit beiden Händen, leckt sich die Lippen und startet. Man merkt sofort, dass er keine Fahrpraxis hat. Um im Rückwärtsgang auszuparken, gibt er so viel Gas, dass der Motor aufheult und dann der Wagen aus der Parklücke herausschnellt und mit quietschenden Reifen abgebremst werden muss. In ähnlichem Stil verlässt er den engen Parkplatz. Ich verstehe, wie sich ein Fahrlehrer fühlen muss, wenn er einen blutigen Anfänger am Steuer hat - nur mit dem Unterschied: Ein Fahrlehrer hat seine eigene Bremse! Er dagegen ist unbekümmert wie ein Kind, das fasziniert herausfindet, was man mit einem neuen Spielzeug alles anfangen kann. Nach einigen Minuten beruhige ich mich allmählich. Er lernt sehr schnell, seine Fahrweise wird routiniert und bald hat er vollständig die Herrschaft über das Fahrzeug gewonnen.
Vor uns kommt ein Zebrastreifen näher. Zwei Menschen haben ihn gerade betreten, von links eine ältere Dame, aufgetakelt wie eine herrschsüchtige Person, und von rechts ein betagter feiner Herr mit Stock, der den Schritt vom Gehsteig auf die Fahrbahn wegen seiner Gebrechlichkeit zögernd und vorsichtig und erst nach mehrmaligem hastigen Schauen in beide Richtungen getan hat.
Er bremst nicht etwa ab, sondern beschleunigt noch und rast genau zwischen den beiden, die in Schreck und Empörung erstarren, hindurch.
"Mensch, kennst du die Verkehrsregeln nicht! Die dürfen hier ohne Angst über die Straße gehen. Mach das nie wieder!"
Er lacht dreckig. "Ich hab sie doch am Leben gelassen!" Er grinst selbstgefällig, es ist nicht zu übersehen, wie er es genießt, am Steuer zu sitzen. "Die alten Leutchen liegen dir am Herzen. Gut, ich lass sie in Ruhe. Du hast ein Wort für sie eingelegt und bist mein Freund. Sie haben Glück."
Er fährt in eine Gegend von Schrebergärten, von denen viele aufgegeben sind und verwahrlosen, und hält an einer Kiesgrube, die mit Wasser vollgelaufen ist.
Wir steigen aus, er geht mit mir auf einen Baum mit Baumhaus zu. Er blickt stolz hinauf: "Das habe ich mit meinen Freunden gebaut."
Schief und krumm zusammengeschustert aus Holz von Kisten, weggeworfenen oder gar geklauten Möbeln, eine wahrlich abenteuerliche Konstruktion von Kinderhand. Was wohl der erste Sturm dazu sagt?
"Na, wie gefällt dir das?"
"Eine kühne Konstruktion!" Ich kann einfach kein Kind kränken.
Er pfeift, und durch eine Öffnung - nennen wir sie einmal Fenster - werden zwei Köpfe gesteckt, nicht von Kindern, sondern von Mädchen, die mindestens zwei bis drei Jahre älter als er sein müssen, struppige, verwahrloste Dinger, die durchaus ihren Reiz hätten, wenn doch einmal Kamm und Seife ihres Amtes walteten.
"Mensch, da ist er wieder und gibt an. Fahr den Wagen lieber schnell zurück, bevor Papa merkt, dass du ihn gefahren hast und dir den Hintern versohlt!"
"Mich versohlt keiner. Und mit dem Wagen fahr ich, wohin ich will. Er gehört diesem Herrn hier. Er ist mein Geschäftspartner und Freund. Wir haben ein gentlement's agreement. Er überlässt mir seinen Wagen, weil ich ihm in einer entscheidenen Angelegenheit geholfen habe. Manus manum lavat, das war schon bei den Römern so, eine Hand wäscht die andere.
"Er hat Recht" rufe ich hinauf. "Ohne ihn säße ich in der Tinte. Er war der Einzige, der mir helfen konnte."
Ich hoffe, dass er nun zu den beiden hinaufklettern darf. Dann habe ich ihm geholfen, die Mädchen zu beeindrucken, und wir sind quitt, der Spuk ist vorbei und ich fahre nach Hause.
Er aber ruft: "Na, habt ihr Lust auf eine Runde?" Sofort klettern sie herunter, nur in Badehose und Bikini, mit sicheren, behänden Bewegungen, wandelnde (oder sollte man sagen: kletternde?) Beweise, dass Darwin leider Recht hat: Der Mensch stammt vom Affen ab.
Eine der beiden sieht mich misstrauisch an und flüstert ihm eine Frage zu. Er lacht befreiend auf. Was sie wohl gefragt hat? Vielleicht, ob ich auch nicht vom Jugendamt bin?
Wir steigen ein. Er setzt sich wieder ans Steuer, ich mich nach hinten, die Mädchen neben uns. Die neben mir ist braun gebrannt, hat an Armen und Beinen mehrere Schrammen, die wohl vom Klettern kommen, auf dem Oberarm ist etwas Braunes verschmiert, wohl Harz, so wie es riecht. Auf der Außenseite zweier Finger hat sie eine blutunterlaufene Stelle. Vorne fallen sie übereinander her wie in einer verrufenen Hafenkneipe, sie reißt ihm sein HJ-Hemd vom Leib und er knetet sie in vulgärer Weise da, wo der Rücken seinen Namen längst verloren hat. Die neben mir hat die gelbe Taucherbrille gefunden und aufgesetzt, angelt sich sein Hemd, zieht es an, aber lässt es aufgeknöpft und blickt mich durch das Glas mutwillig an. Ich necke sie mit Worten, bringe sie zum Lachen, frage sie aus und will wissen, woher die blutunterlaufene Stelle auf ihren beiden mittleren Fingern kommt. Sie hat sich mit dem Hammer gehauen, als sie beim Bau des Baumhauses einen Nagel einschlagen wollte.
Er fährt wieder los, auf eine Landstraße, schert aus auf die Gegenspur, um einen PKW zu überholen, obwohl ein Lastwagen entgegenkommt, der mit der Lichthupe warnt. Er gibt Gas, überholt, zieht knapp den Wagen vor dem blitzenden Haupt des aufgebrachten Riesen weg, das Mädchen vorne quiekt wie gekitzelt, die neben mir kreischt wie in der Achterbahn, wirft sich mir vor Schreck an den Hals und klammert sich fest, er fährt immer wilder, wie einer der Blut geleckt hat.


   
 
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