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Ich bin mit meiner Lebensgefährtin beim Arzt, wieder einmal, aber daran müssen wir uns gewöhnen, nächstes Jahr werden wir beide 50, da fängt es wohl an. Hätte ich mir doch etwas zu lesen mitgebracht! Ich blättere in der Bunten, die im Wartezimmer ausliegt (vom 11.10.2007) und stoße auf einen Artikel über das Älterwerden, interviewt werden Bärbel Schäfer und Claudia Roth. Letztere kenne ich, Chefin der Grünen, früher Managerin von Ton Steine Scherben, reflexartig erwarte ich etwas Anspruchsvolles, aber was muss ich lesen:

Frau Schäfer meint, „dass Frauen spannender altern als Männer. Frauen altern bewusster, intensiver und neugieriger. Sei es durch Kinder, soziales Engagement, Erfolge und Niederlagen im Job. Frauen stellen sich sämtlichen Herausforderungen, setzen sich mit Problemen auseinander. Ist ein Weg zu Ende, schlagen sie eine neue Richtung ein. Frauen nehmen aktiver am Leben teil. Ganz egal wie alt sie sind.“ 

Und Frau Roth sekundiert: „Frauen sind kraftvoller, offener. Männer definieren sich hauptsächlich über ihren Job. Nach dem Motto: ich arbeite, um zu leben. Gehen Männer in Rente, verfallen sie oft in eine Nacharbeitsdepression. Sie wissen nichts mehr mit sich anzufangen. Kaum ein Mann traut sich im Alter noch mal einen Neuanfang zu. Sie versinken in sich. Dadurch werden sie schneller alt.“

„Frauen altern spannender“ – wird versprochen. Naja, ein Gruselfilm ist ja auch spannend, wenn der Tod auftritt in Gestalt eines Irren oder Monsters, erst bedrohlich im Hintergrund lauert, dann mit einem Katz und Maus spielt, damit auch richtig suspense herrscht bis zum Schluss. Einen Film kann man ausschalten. Es gibt einen Knopf dafür.
Die beiden Interviewten sprechen wohl eine weibliche Ursehnsucht aus: Den Männern überlegen sein. Altwerden bringt die Erfüllung dieser Sehnsucht, denn: Frauen altern besser als Männer, zeigen ihnen, was eine Harke ist. Altern als sportliche Disziplin. Da kriegt frau ja direkt Lust mitzualtern! Und nichts für Grünschnäbel: "Ich möchte keine 20 mehr sein", versichert Frau Schäfer, "Für mich wurde das Leben ab 30, 35 erst richtig spannend". Ihr kids müsst leider, leider noch warten!

Und dann die zwei Fotos, auf denen die beiden Frauen zusammen sitzen, symbolisch in herbstlicher Landschaft, idyllisch mit buntem Laub, Claudia Roth mit Lederjacke und Stiefeln gewappnet gegen die kalte Jahreszeit. Teure Klamotten! Sie zieht eine Modenschau ab, mit der sie sich und ihre welkenden Altersgenossinnen, eine immer bedeutender werdende Wählergruppe, tröstet. Denn im Unterbewusstsein warnt es: Zieht euch warm an! Es wird kalt! Doch das Bewusstsein antwortet: Au ja, wir kaufen uns so gerne etwas Neues und werfen uns in Schale! Ungeschlagen bleiben durch Konsum, heißt das Motto. Kaufen, kaufen, und der Herbst des Lebens ficht uns nicht an, die Angst bleibt verdrängt. Was geht euch durch den Kopf, ihr Grünen, ihr Nachfolger der 68er, wenn ihr eure Vorsitzende so in der Bunten erlebt? Ist das ein Lebensgesetz, dass man spätestens im Alter vor der Konsumkultur zu Kreuze kriecht, sich verkriecht im Comfort, im dicken Auto, im Pelzmantel, im Luxushotel, in der freiwilligen Zusatzrentenversicherung? Gilt das auch für euch? Dann habt ihr euere Vorsitzende verdient.
Die beiden Frauen strahlen auf den Fotos, das Lachen in ihren Gesichtern ist robust wie Unkraut, will unverwüstlich sein, eine wetterfeste gute Laune, die Zweifel, Ängste, ja auch nur Nachdenklichkeit oder Verwunderung gar nicht erst heranlassen soll.
Verwunderung ist der Anfang des Philosophierens, sagt Aristoteles, aber Bärbel Schäfer und Claudia Roth sind keine Philosophinnen.
Ja, in welche Farbenpracht sich die Natur im Herbst kleidet! Von ihrem „prunkvollen Verwelken“ spricht der russische Dichter Alexander Puschkin. Festlich ist das Gewand, das Wälder und Parks im Herbst anlegen, und es ist auch angemessen, denn sie tragen es zu einem Vorgang, der notwendiger Teil einer erhabenen Wandlung ist, der Wiedererneuerung der Natur, zu der ihr herbstliches Vergehen mit seiner Prachtentfaltung wie auch die todkalte Winterruhe gehören. Dieses prunkvolle Vergehen der Natur hat sich Frau Roth als Bühne gewählt für ihren Auftritt, als Gleichnis für ihren eigenen Lebensabend. Damit will sie sagen: Unser Altern ist schön und edel wie eine Herbstlandschaft. Ja, stimmt das denn?
Wie gesagt: Dieses Massensterben veranstaltet die Natur jeden Herbst, um sich zu verjüngen. Blieben die alten Blätter bis weit ins neue Jahr hinein an ihrem Platz, würden sie dem Nachwuchs die Sonne stehlen und ihn an der Entfaltung hindern. Und Sie, Frau Roth, haben keinen Nachwuchs. Ich auch nicht. Unser Alter bringt uns nicht zum tröstenden Miterleben unseres verjüngten Weiterexistierens in Gestalt von Kindern und Enkeln, sondern zum Ende.
Ähnlich wie bei den Bäumen ist es unter wenig zivilisierten Menschen. Vor zweihundert Jahren beispielsweise gab es nur wenig 60-Jährige in Deutschland, dafür viele junge – der deutsche Volkskörper war gesund und robust, weil er die Kraft sich zu verjüngen hatte; eine der Voraussetzungen dafür war, dass Menschen in meinem oder Ihrem Alter sich ins Grab verkrümeln. Hätte jeder einen Platz an der Sonne haben wollen, wäre  es eng im Land geworden, die Bevölkerungszahlen wären explodiert wie in Indien. Wollen Sie wirklich in Harmonie mit der Natur leben, wie sie uns das auf dem Foto suggerieren, Frau Roth?



   
 
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