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Paulus, der Heidenapostel, fand spät zum Christentum. Erst als Jesus ihm vor Damaskus erschien, leitete diese Vision seine Bekehrung ein, aus Saulus wurde Paulus. Vorher war er ein fanatischer Christenverfolger. Wie passt das zusammen? Laut C.G.Jung (1) steckte schon vorher ein Christ in ihm, doch diese Teilpersönlichkeit war verdrängt, da sein Ich sie ablehnte. Er wollte ihr nicht Macht über sich einräumen, deshalb bekämpfte er den Christen in sich, indem er Personen, die das Christentum repräsentierten, bekämpfte, empfand zum Beispiel Wohlgefallen am Märtyrertod des Stephanus, der gesteinigt wurde. Es handelt sich um Projektion: Von seinem Selbsthass, der sich in Hass gegen andere gewandelt hatte, wurde er entlastet.
Menschen wie Saulus gibt es bis heute. In vielen steckt ein Revolutionär, ein RAF-Sympathisant zum Beispiel, doch diese Teilpersönlichkeit muss in der Verdrängung bleiben, da sie zu sehr aneckt, der Karriere nicht gedeihlich ist, dabei stört, sich lieb Kind zu machen. Solch ein Fall ist Reemtsma, der der RAF keinerlei guten Absichten zubilligt, sondern ihr Handeln auf niedere Beweggründe wie Geltungssucht, Lust an Gewalt, an Machtausübung, an Herr-über-Leben-und-Tod-sein reduziert (2).
Saulus fand Befriedigung in der physischen Vernichtung derjenigen, die lebten, was er bei sich unterdrückte, die christliche Teilpersönlichkeit. Reemtsma geht es um die moralische Vernichtung der RAF-Leute, die sich trauten, was er sich nicht traute: Revolutionär zu sein, deshalb verteufelt er sie stellvertretend für den verhassten Revolutionär in sich.
Reemtsma beruft sich auf Dostojewskij und rühmt dessen Roman Die Dämonen, der von russischen Revolutionären handelt, als „Dokument“, das „sozialwissenschaftliche Einsichten“ ermöglicht. Nun, wer den Roman liest, findet extreme Schwarzweißmalerei, die zu dem großen Menschenkenner Dostojewskij nicht passt. Die anarchistischen Revolutionäre zeichnet er als Monster, reduziert sie auch zu lächerlichen Figuren. Noch überraschter dürfte der Leser sein, wenn er erfährt, dass Dostojewskij als junger Mann selber einer dieser Revolutionäre war, und zwar ein besonders radikaler. Nach Verhaftung, Scheinhinrichtung und Zwangsarbeit in Sibirien wandelte er sich zu einem konservativen Christen, Feind der Aufklärung und großrussischen Nationalisten, mit dem der Revolutionär, der er auch war, unvereinbar war – diese Teilpersönlichkeit verfiel der Ächtung, in den Dämonen betrieb er gnadenlos ihre moralische Vernichtung, indem er andere Revolutionäre an ihrer Stelle verteufelte.
Wie gut hätte einem Dostojewskij, einem Reemtsma ein Damaskuserlebnis getan, das bei Saulus den Christen aus der Verdrängung befreite, denn eine nichtgelebte Teilpersönlichkeit ist für die Seele nicht gesund, es ist Dissoziation (3), Trennung von Persönlichkeiten, während  Assoziation (3), Sich-nahe-Kommen von verdrängter Teilpersönlichkeit und Ich zu Ganzwerdung und seelischer Gesundung verhilft. Zu solcher Assoziation ist zum Beispiel Horst-Eberhard Richter fähig, eine Persönlichkeit freilich von ganz anderem Format als Reemtsma. Der Psychoanalytiker hat die Ex-RAF-Frau Birgit Hogefeld im Gefängnis therapiert, ihr damit geholfen, sich innerlich von der RAF zu lösen, und ist ihr dabei auch menschlich näher gekommen, was Reemtsma ein Dorn im Auge ist: „Besonders irritierend wird diese Nähe von Deuter und Gedeuteter, Verstehendem und Verstandener, wenn es um die Bewertung von Verbrechen der RAF geht“ (S. 107) -  Herr Reemtsma, Richter wendet die Psychoanalyse an, die ohne Verstehen und Einfühlung nun einmal nichts leistet! Richter schreibt, dass seine Patientin die „Erschießung“ eines US-Soldaten in klarer Selbstkritik verurteilt. Von „Ermordung“ müsse Richter reden, dieser Terroristenversteher - Herr Reemtsma, Richter ist Hogefelds Therapeut, nicht ihr Staatsanwalt! Als Freund, der sich einfühlt und hilft, agiert ein Therapeut, nicht als Ankläger. Diese menschliche Nähe lässt Reemtsma keine Ruhe, es muss doch etwas Böses dahinter stecken:

"Der Befund ist zu unangenehm, auch ethisch nicht neutralisierbar, als dass es erlaubt wäre, ihn auf die Formel von der folie á deux des alten Mannes mit der nicht mehr, aber doch vergleichsweise jungen Frau zu bringen – oder auf die vom anderen, besseren, Vater und der verlorenen Tochter, über die mehr Freude ist als über tausend Gerechte. Was die Gemeinsamkeit stiftet, ist das alles vielleicht auch, aber vor allem ist es wohl ein gemeinsames Verleugnen – und eine verleugnete Gemeinsamkeit im Verleugnen – der Macht." (S.110)

Reemtsma ist ein Verdränger: Dissoziation, also Distanz zur Teilpersönlichkeit soll herrschen, nicht Assoziation, d.h.: sie an sich heranlassen, sich näher kommen.
Solch ein Verdränger ist auch Franz Josef Wagner, der bekannte BILD-Kolumnist. In  einem Kommentar zur Diskussion um eine mögliche Begnadigung von Christian Klar durch den Bundespräsidenten entwickelt er folgende Fantasie, die daran anknüpft, dass Peymann dem Ex-RAF-Mann eine Stelle als Bühnenarbeiter in seinem Theater anbietet:

"Ich gehe gern ins Theater. Heute gibt es übrigens „Der Todestanz“ von August Strindberg. Schade, dass Sie erst ab Juli in Berlin sein können.
Wir hätten jetzt schon offen und kritisch über das Bühnenbild reden können. Ich finde, dass die Schauspieler maßlos übertreiben und das Bühnenbild in den Hintergrund rücken. Gerne würde ich Ihre Meinung dazu hören.
Ich nehme an, wir würden uns in der Sektpause zwischen dem zweiten und dritten Akt im Premierenpublikum treffen. Ich nehme an, dass ich Ihnen den Inhalt meines Sektglases ins Gesicht schütte."

Wenn er Christian Klar als Unperson so sehr verabscheut, warum sucht er dann ein Gespräch mit ihm, und zwar nicht nur small talk, sondern ein anspruchsvolles Gespräch über Bühnenbilder, bei dem er auch noch mit ihm anstößt? Diese Fantasie verrät den unbewussten Wunsch nach Assoziation mit der verdrängten Teilpersönlichkeit, nach Sich-Näher-Kommen, Verstehen: „Gerne würde ich ihre Meinung dazu hören“. Dann greift die Abwehr ein: Er schüttet ihm den Sekt ins Gesicht.
Viele Leser dürfte, wie schon gesagt, nach der Lektüre von Dostojewskijs Dämonen, in denen die Revolutionäre verteufelt werden, überrascht sein, wenn sie erfahren, dass Dostojewskij in seiner Jugend selbst zu den Verfemten gehörte. Auch viele BILD-Leser dürfte es überraschen, wenn sie erfahren, dass F. J. Wagner als junger Mann RAF-Sympathisant gewesen sein könnte. Beweisen kann ich es nicht, aber ein Artikel Wagners im SPIEGEL vom 16. 7. 2007 lässt es vermuten, denn er offenbart eine ganz andere Seite seiner Persönlichkeit. Er schreibt über seinen verstorbenen Freund, den unangepassten Schriftsteller Jörg Fauser, und zugleich schreibt er über sich: den jungen, unangepassten Wagner, den er abtöten und begraben musste, um Karriere bei Springer zu machen:

"Fausers Romanfragment zu lesen ist, als schaufelte man die zwei Meter Erde seines eigenen Grabes auf. Wie wild und gefährlich waren die sechziger, die siebziger Jahre: Vietnam, die Schüsse auf die Kennedys, die Männer auf dem Mond, die Hausbesetzer, Willy Brandt, die mörderische RAF."

Sie gehört zu den wilden, gefährlichen Jahren der Rebellion dazu, die RAF, obwohl sie mörderisch war, und im selben Artikel zählt Wagner sich zur Generation von Andreas Baader, den er in einem Atemzug mit Jimi Hendrix nennt -  beide Gegenfiguren zu den Angepassten, den Strebern, beide keine Säulen der bürgerlichen Gesellschaft, keine funktionierenden Rädchen im Getriebe.
Verräterisch ist auch, was Wagner über die auf Bewährung freigekommene Brigitte Mohnhaupt schreibt. Ihr sei die Freiheit nicht zu gönnen, denn:

"Ihre Opfer liegen unter Grabplatten aus grauem Granit. Sie sind für immer tot. Nur Gott, beim Jüngsten Gericht, kann sie befreien."

"Was steckt hinter dieser Fantasie? Haftstrafen für die Opfer? Einkerkerung hinter „grauem Granit“? Hat er alle Gräber besichtigt? Bedeckt überall Granit die Bestatteten, nirgendwo Erde mit Blumen? Warum gönnt er ihnen das Requiescat in paceEr ruhe in Frieden nicht? Warum kann er sich nicht vorstellen, dass sie im Himmel sind?
In archaischen Zeiten, aber auch noch bis in die Antike hinein, wurden Verstorbene aus Angst vor ihrer rächenden Rückkehr oft in einem Grabbau oder Sepulkralgefäß eingeschlossen (4). Oder die Leiche wurde gefesselt. Warum lässt Wagner RAF-Opfer nicht erlöst im Himmelreich leben, sondern verurteilt sie zu Haft im Grab bis zum Jüngsten Gericht? Hat der mutmaßliche RAF-Sympathisant, der in seinem Unterbewusstsein steckt und mit den RAF-Aktionen im Grunde einverstanden war, Angst vor ihnen aus Schuldgefühl?"

1) Gesammelte Werke 8, S. 337-338

2) Vgl. seinen Artikel in der ZEIT vom 8.3.2007 und seine Abhandlung: Was heißt „die Geschichte der RAF verstehen“? in: ders. (Hg.): Rudi Dutschke, Andreas Baader und die RAF. Hamburg 2005

3) Begriffe der Analytischen Psychologie C.G.Jungs. Zu Dissoziation vgl. L. und A. Müller (Hg.): Wörterbuch der Analytischen Psychologie. 2003. Stichwort Dissoziation. Assoziation ist das Gegenteil davon; vgl. auch die Verwendung des Begriffs in C.G.Jung: Gesammelte Werke 8, S. 337-338

4) Vgl. Der Kleine Pauly. Lexikon der Antike in fünf Bänden. Stichwort Bestattung

   
 
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