Home
So sehe ich aus
Aktuelles
Essays
1968ff - Romanauszüge
Lyrik
Kurzgeschichten
Zwetajewa: Lyrik
Selbsterlebtes
Interpretationen
Archetypen
Mutter Erde
Mutter Heimat
Archetypus Baum
Baum und Umranken
Menschenopfer und Zerstückelung
Die oberen Götter
Die Blume pflücken
Musikinstrument als Frauenkörper
Pneumatische Tiere
Sonnenpenis
Unterwasserwelt
Wasser als Symbol für Mutter und Kindheit
Wind
genius loci
Schlange
Verschiedenes
Архетипы и интерпретации
Archetypes
Gästebuch
   
 


SCHLANGE

In Naturreligionen sind Schlangen heilige Tiere der Mutter Erde, also chtonische Wesen. „Für die Griechen war die Schlange in erster Linie das Tier der geheimnisvollen Erdentiefe. … Wohin kein Mensch dringt, in die Himmelshöhen der Götter, schwingt sich der Adler auf, und in den Schlünden und Schlüften der Erde, wo die Unterirdischen hausen, verschwindet die Schlange. … In der Tiefe walten die Dämonen, die die Kräfte des Erdbodens ausüben, einerseits böse Gase, Nebel, Stürme, Vulkane, anderseits gute Gaben, wie Quellen, Heilkräuter, Fruchtbarkeit, Schätze, Träume usw.“ (1)
Als Tiere, die zur Erde gehören, gelten Schlangen, weil sie sich kriechend fortbewegen, wobei sie enger mit der Erde verbunden bleiben als die meisten anderen ungeflügelten Tiere, und weil man glaubte, sie wohnten bevorzugt in der Erde: in Schlüften, Höhlen.
„Kind der Erde“ nennt Herodot die Schlange (2); die Erde Äthiopiens galt als Mutter besonders großer Schlangen (3); Plinius spricht von Schlangen, „quos terra nasci proditur“, übersetzt: „die, wie es heißt, von der Erde geboren werden“, oder „die, wie es heißt,  aus der Erde wachsen“ (4), "erdentsprossenes ... Scheusal" nennt Euripides die Delphische Pythonschlange (5);  für die Zugehörigkeit der Schlange zur Erde spricht auch die Etymologie der Wörter in slavischen Sprachen für dieses Tier, russisch zm-eja, polnisch żm-ija, tschechisch zm-ije „Kreuzotter, Viper“, serbokroatisch zm-ija; sie sind mit den slavischen Wörtern für die Erde verwandt, russisch zem-lja, polnisch ziem-ia, tschechisch zem-ě, serbokroatisch zem-lja; alle stammen von der urslavischen Wurzel *zem- /zьm- ab.

Dass die Schlange das Tier einer Muttergottheit ist, verrät auch die Sage von Hera, die den acht Monate alten Herakles töten wollte und deshalb zwei riesige Schlangen zu seinem Bett schickte. Doch das Kind packte und erwürgte sie (6),

Der junge Her-
kules erwürgt
eine Schlange

Werk aus dem
2. Jahrhundert
n. Chr.

Kapitolinisches
Museum, Rom

wodurch sich schon die übermenschliche Kraft des Halbgottes zeigte. Hera war als Gemahlin des obersten Himmelsgottes Zeus ursprünglich Mutter Erde, bevor sie Menschengestalt annahm, Herakles dagegen Verkörperung des Menschen, der sich die Natur unterwarf, indem er wilde Tiere zähmte oder tötete – die Feindschaft zwischen ihm und Hera ist Ausdruck des Antagonismus zwischen der weiblichen Erde/Natur und dem Menschen, der sie besiegt und sie sich zur Ausbeutung gefügig macht durch männliche Gewalt. Und die Schlange ist ein Tier der Mutter Erde oder Mutter Natur, deren Wehrhaftigkeit sie verkörpert, zum Beispiel, indem sie genius loci, Schutzgeist eines Ortes, eines bestimmten Stücks Natur ist.
Beispiele:
In einer Sage aus dem vorislamischen Arabien brennen Harb b. Omayya und Mirdas b. Abi Amir einen von Menschen noch unberührten Wald nieder, um Ackerland zu gewinnen. Zwei weiße Schlangen, die Schutzdämonen des Waldes, fliehen unter Klagegeschrei und sorgen dafür, dass die beiden Naturzerstörer bald der Tod ereilt (7).

Ein anderes Beispiel ist Aelians Erzählung (8) von dem makedonischen Herrschersohn Pindus, der sich vor den Nachstellungen durch seine Brüder in einer waldreichen Gegend verbirgt und sich dort von der Jagd auf Tiere ernährt, wodurch der den genius loci, eine riesige Schlange, auf den Plan ruft. Das Tier gebietet seinem unmäßigen Jagdfieber Einhalt und wird von Pindus beschwichtigt und sogar zum Freund gewonnen, indem es von ihm regelmäßig einen Teil seiner Jagdbeute als Opfer erhält. Deshalb ergeht es dem Königssohn gut, das Glück begünstigt ihn auf der Jagd und als seine Brüder ihn aufspüren und ermorden, rächt sein Schlangen-Freund ihn, indem er sie tötet.

Nicht nur durch exzessives Jagen, auch durch großangelegtes Sammeln von Waldfrüchten fürchtet der Mensch, sich den Zorn der Schlangen, die er sich als Wächter des Waldes denkt, zuzuziehen. So beschwichtigten Kinder in Thüringen, die zum Beerensammeln in den Wald gingen, die Schlangen mit dem Versprechen:

Atter, Atter, beiß mich nich,
Ech breng der o viel Beäre mit!

und ließen einen Teil der gesammelten Beeren als Opfer im Wald zurück (9).

Oft bewacht eine Schlange als genius loci einen bestimmten Baum, so die Äpfel im Garten der Hesperiden, die Herakles raubt, nachdem er den genius loci getötet hat (10). Die Schlange, die den Baum bewachte, an dem das Goldene Vließ hing, wurde von Medea durch Drogen eingeschläfert (11). Dazu gehört natürlich auch die Schlange am Baum der Erkenntnis im biblischen Paradies, doch ist der Archetypus der Schlange, die einen Baum bewacht, hier christlich verformt. Adam und Eva dürfen von allen Bäumen Früchte essen, nur nicht vom Baum des Lebens und vom Baum der Erkenntnis – soweit entspricht die biblische Erzählung naturreligiöser Frömmigkeit, die dem Menschen erlaubt, sich von der Natur zu ernähren, aber nicht, Raubbau an ihr zu treiben. Der Baum der Erkenntnis ist ein heiliger Baum, der wie zum Beispiel die moriai, die heiligen Ölbäume der Athener, tabu ist. Aufgabe der Schlange ist es eigentlich, die Menschen vom Ausbeuten auch dieses Baumes abzuschrecken, doch sie tut das Gegenteil, sie lädt ihn zum Pflücken seiner Früchte auch noch ein. Die Ursünde des Raubbaus an der Natur wird also der Schlange angelastet, die deshalb „verstoßen“ und zusammen mit der Mutter Erde, deren Tier sie ist, „verflucht“ wird (12). Warum tritt die Schlange im Christentum nicht als wehrhafter Aspekt der Natur auf, warum wurde der Archetypus verfälscht? Damit man ihr die Ursünde anlasten konnte, weil sie einladend wirkte. Es erinnert an die beliebte Rechtfertigung angeklagter Vergewaltiger, die behaupten, ihr Opfer habe sie durch leichte Kleidung zu ihrer Tat eingeladen; ihre Früchte sollte die Natur am besten immer vor menschlicher Gier in Laub verbergen oder mit Stacheln oder Dorngestrüpp beschützen. Das Christentum wertet das Weibliche und die Natur nicht nur ab, es macht sie auch zum Sündenbock!

Genius loci in Delphi war die Pythonschlange (13). Als der Lichtgott Apoll sie tötete, unterwarf er das Orakel der weiblich-mütterlichen Erdgottheit Gaia seiner apollinischen Mantik (14). Diese männliche Machtergreifung durch Mord am genius loci betraf nicht nur das Orakel, sondern auch die fruchtbare Erde der Gegend um Delphi – Aischylos überliefert, dass den Lichtgott Kolonisten begleiteten, die als keleuthopoioi „Wegbahner“ das „ungezähmte/wilde Land“ „zähmten“ (15), worunter man sich Urbarmachung von (weitgehend) unberührtem Urwald, von „Wildnis“ durch Rodung vorzustellen hat. Da Bäume in der archetypischen Vorstellungswelt weibliche Wesen sind, ist ihre Rodung ein männlicher Gewaltakt gegen Mutter Natur. Interessant ist der Begriff keleutho-poios (16) „jemand, der einen Weg bereitet/Pfad schlägt, Wegebahner“. Er entspricht dem lateinischen ponti-fex, der „(hoher) Priester“ bedeutet, aber ursprünglich ebenfalls einen „Wege-Macher“ gemeint haben muss, weil es seine wörtliche Bedeutung ist (17). In uralter Zeit musste ein Wegebahner zugleich ein Priester sein, was sich durch das archaische Schuldgefühl erklären lässt, das Menschen empfanden, wenn sie in unberührte Natur Pfade schlugen, um sie zu unterwerfen. In priesterlicher Funktion musste der Wegebahner die aufgebrachten Naturdämonen durch Opfer besänftigen.
Auch Apoll und die Kolonisatoren, die durch den männlichen Gewaltakt gegen die Natur in Delphi und ihren genius loci profitierten und ihre Macht erweiterten, empfanden Schuld und mussten Sühne leisten. So berichtet Aelianus in seinen Tiergeschichten (XI,2) von einem Apoll geweihten Hain in Epirus, in welchem Schlangen leben, die als Nachkommen des getöteten Delphischen Python gelten.Ihnen bringt eine Priesterin Futter als Opfer. Diese Priesterin muss Jungfrau sein, was ebenfalls ein Opfer ist, das im Verzicht der Männer auf den sexuellen Genuss dieser Frau besteht, womit sie Buße tun für die Unterwerfung unberührter, jungfräulicher Natur und ihre Ausbeutung.
Nehmen die Schlangen das Futter als „Besänftigungsgaben“ an, bedeutet es ein gutes, fruchtbares Jahr für die Menschen, wenn nicht, ist es ein unheilvolles Zeichen. So beschwichtigten die Epiroten das archaische Schuldgefühl, das aus Unterwerfung und Ausbeutung der Natur fließt. Von der Blutschuld, die wegen der Ermordung Pythons auf Apoll lastete, spricht auch Pausanias (18).
Auch Kadmos musste, bevor er Burg und Stadt Theben gründen konnte, den Schutzdämon des Ortes, eine gefährliche Schlange, töten. Dadurch lud er Schuld auf sich und wurde später zur Stafe selbst in eine Schlange verwandelt (18a)

Drachentötung in Zusammenhang mit Waldrodung gehört auch zum Mythos von der Landnahme der Urschweizer in Schillers Wilhelm Tell:

Wir haben diesen Boden  uns erschaffen
Durch unsrer Hände Fleiß, den alten Wald,
Der sonst der Bären wilde Wohnung war,
Zu einem Sitz für Menschen umgewandelt,
Die Brut des Drachen haben wir getötet,
Der aus den Sümpfen giftgeschwollen stieg,
…                                                                          1260ff.

Wie im Apoll-Python-Mythos hat der Mord am genius loci auch in der Schweizer Kollektivseele ein Schuldgefühl hinterlassen, das sich auf die neuen Habsburger Herren mit dem Vogt Geßler an der Spitze überträgt:

Die Schlange sticht nicht ungereizt.           429

sagt Tell, als er seinen Landsleuten rät, die neuen Herren nicht zu reizen. Mit der Schlange meint er Geßler, auf den er die archaischen Schuldgefühle überträgt, die der Mensch gegenüber der Natur hat, weil er sie ausbeutet. Zu solchen Schuldgefühlen hat Tell allen Grund, weil er ein rücksichtsloser Jäger ist. Aus diesem Schuldgefühl erklärt sich nicht nur Tells seltsam anmutende Zögerlichkeit, die er an den Tag legt, als seine Landsleute ihn zur Teilnahme an der Volkserhebung drängen, sondern auch, warum im letzten Akt ein mit Blutschuld beladener parricida auftritt, der die dunkle Seite von Tells Persönlichkeit repräsentiert.

Das archaische Schuldgefühl, das der Mensch empfindet, weil er Mutter Erde unterworfen hat und zu seinem eigenen Profit bearbeitet, ist auch Thema in einer von Aelians Tiergeschichten (XI,32):

Ein Landmann machte in einem Weinberge einen Graben, um schöne und edle Reben darein zu pflanzen. Dabei kam er mit der Hacke auf eine verborgenliegende heilige und den Menschen nicht im mindesten feindliche Natter, und schnitt sie mitten durch. Und als er beim Durchbeuteln der Erde das Schwanzstück im Sande fest, die Hälfte aber vom dem Bauche bis zum Halse noch fortkriechen und von  dem erhaltenen Streiche mit Blut angefüllt sah, wurde er wie betäubt und hoffnungslos, so dass er in eine gänzliche, sehr heftige Raserei geriet. Während er nun am Tage seiner selbst und seines Verstandes nicht mächtig war, war er zur Nachtzeit ganz verrückt, sprang vom Bette auf, und sagte, die Schlange verfolge ihn: dann, als ob er gebissen sei, schrie er auf das Furchtbarste, und er rief um Hilfe; dann sagte er auch, er sehe das Bild des von ihm getöteten Tieres, zürnend und drohend; behauptete auch wohl gebissen zu sein, und sein Wehklagen bezeugte, dass er Schmerzen fühlte. Da sich nun die Krankheit in die Länge zog, führten ihn seine Angehörigen in den Tempel des Sarapis als Flehenden, und baten den Gott, das Phantom der Natter zu hemmen und zu vernichten. Der Gott erbarmte sich des Mannes und heilte ihn. Dass aber auch die Schlange nicht ungerächt blieb, erhellt aus meiner Erzählung.

Der Bauer bearbeitet die Erde aggressiv mit einem scharfen Werkzeug und empfindet deswegen archaische Schuld (19) – so erging es auch einem Patienten von Sigmund Freud:

Ein anderer (Patient), der in seiner Neurose nach dem Tode des Vaters den ersten Angst- und Schwindelanfall bekam, als ihn die Sonne während der Gartenarbeit mit dem Spaten beschien, vertrat selbständig die Deutung, er habe sich geängstigt, weil ihm der Vater zugeschaut, wie er mit einem scharfen Instrument die Mutter bearbeitete.    (20)

Es gibt aber einen Unterschied: Die Angst, die aus dem Schuldgefühl fließt, wird Freuds Patienten von dem männlichen Sonnengott eingejagt (es ist also ödipale Angst, die vom kastrierenden Vater ausgeht), dem Bauern bei Aelian aber von der zum weiblich-chtonischen Bereich gehörenden Schlange, die als genius loci die Wehrhaftigkeit der Mutter Erde verkörpert.

Schlangen gelten seit uralten Zeiten auch als mantische Tiere, die dem Menschen Orakel geben oder ihn zum Weissagen und Wahrsagen befähigen, oft indem sie ihn die Sprache der Vögel (und anderer Tiere) verstehen lassen, von denen er Verborgenes und Zukünftiges erfährt. Ein gutes Beispiel ist die Kindheit des Sehers Iamos, den seine Mutter nach der Geburt hilflos zurückließ. Laut Pindar zogen ihn zwei „Schlangen nach der Götter Ratschluss mit dem untadeligen Honig der Bienen auf“ (21). Übersetzern und Interpreten macht in diesem Zitat das altgriechische Wort ios Schwierigkeiten, das wir mit „Honig“ wiedergeben, obwohl es eigentlich „Gift“ bedeutet. Der Begriff „Gift“ ist ja auch nicht weit hergeholt, weil er zu den Bienen passt, die sich mit ihrem Gift wehren können, und natürlich zu den Schlangen. Aber ernährt man ein Kind mit Schlangen- oder Bienengift? Hermann Usener übersetzt: „mit dem tadellosen Safte der Bienen“, denn Biene und Honig sind in der Antike Symbole für inspiriertes Dichten und Weissagen: „Hier schlägt die Vorstellung ein, dass Seher und Dichter, die Künder göttlichen Worts auf Erden, durch die Götterspeise des Honigs, die ihnen in frühester Jugend auf wunderbare Weise eingeflößt worden, zu ihrem hohen Berufe geweiht worden seien“ (22). Weiter unten werden wir eine Erklärung für diese mehrdeutige Pindarsche Begriffswahl versuchen.
Weitere Beispiele für mantische Schlangen: Von dem griechischen Seher Melampus wird überliefert, dass ihm, als er schlief, Schlangen beide Ohren ausleckten. Als er aufwachte, befiel ihn große Furcht, aber er verstand die Sprache der Vögel und konnte mit ihrer Hilfe die Zukunft prophezeien (23).
Die Pythonschlange, die der männliche Gott Apollo tötete und dadurch das Orakel von Delphi seiner Herrschaft unterwarf, galt nicht nur als Wächter dieser Stätte, sondern auch als mantisches Tier, das die Orakel gab (24).
Auch den Trophonios, der als Erddämon bei Lebadeia in Böotien in einer Höhle wohnte und Orakel gab, stellten viele sich in Schlangengestalt vor (25).
Im Grimmschen Märchen Die weiße Schlange befähigt der Genuss von Schlangenfleisch dazu, die Sprache der Tiere zu verstehen, und dieselbe Gabe verleiht in einem serbischen Märchen, Die Tiersprache, der Schlangenkönig einem Hirten als Dank für die Rettung seiner Tochter, indem er ihm mehrmals in den Mund spuckt (und sich von ihm in sein Maul spucken lässt). Die Sprache der Vögel – so überliefert die Edda im Fafnismal - versteht auch der nordische Held Sigurd, nachdem er Blut des von ihm getöteten Lindwurms Fafnir, eines schlangenartigen Fabelwesens, gekostet hat – eine Mythe, die Richard Wagner als Vorlage für seinen Ring des Nibelungen gedient hat . Dieselbe Gabe erlangte man laut Demokrit durch den Verzehr einer Schlange, die erzeugt wurde, wenn man das Blut bestimmter Vögel mischte (26). Dieser uralte Glaube, dass die Gabe des Weissagens, Wahrsagens und Dichtens von Schlangen herrührt, liegt auch Puschkins Prophet zugrunde, einem in Russland berühmten Gedicht über das Wesen der Inspiration. Im Auftrag Gottes reißt ein Engel dem Menschen, der zum poeta vates, zum Dicher-Seher geweiht wird, die Zunge heraus und pflanzt ihm eine Schlangenzunge ein.
Eine Schlangenzunge, nämlich eine „gespaltene Natternzunge / adder’s fork“ (26a) gehört in Shakespeares Macbeth in eine zauberkräftige Suppe, deren Genuss Weissagungen ermöglicht. Weitere Zutaten sind das „Filet von einer sumpfigen Schlange“, Blindschleichenstachel“, „Drachenschuppe“ und anderes, was unheimlich, eklig und im Aberglauben von unheilvoller Wirkung ist. Schlangenfleisch aber kommt nicht – oder nicht nur – deshalb in diese Zaubersuppe, weil es von giftigen Tieren stammt und deshalb Böses, Verderbenbringendes symbolisiert (26b), sondern weil Schlangen im vorchristlichen, naturreligiösen Weltbild, das Shakespeares Werk stark prägt, mantische Tiere sind. Auch die weird sisters in Macbeth lassen sich auf vorchristliche Schicksalsgöttinnen, Moiren oder Parzen, zurückführen, im Altertum angesehene Gottheiten, die durch das Christentum wie viele antike Götter dämonisiert und verteufelt, zu bösartigen Hexen abgewertet wurden. Shakespeare macht diese Abwertung in Macbeth nicht mit, denn die weird sisters haben eine konstruktive Rolle im Dienste der Gerechtigkeit: Ihre Prophezeiungen sind wahr, wenn auch zum Teil zweideutig, um die Königs- und Kindermörder Macbeth und seine Frau  in falscher Sicherheit zu wiegen und so in ihr verdientes Verderben zu locken. In der gesamten berühmten Orakelszene am Anfang des IV. Aktes herrscht eine heidnische Atmosphäre. Was die weird sisters beim Kochen äußern, lässt sich als „incantatory, ritualistic“ (26c) charakterisieren: beschwörender Singsang von Druiden oder Schamanen.

Um inspiriert zu werden, um sich das Wesen der Schlangen anzueignen, ja einzuverleiben, muss der Mensch mit diesen unheimlichen, gefährlichen Tieren  in engsten Kontakt treten, was Unbehagen und Angst erregen kann: Ihr Fleisch verzehren, ihren Speichel oder ihr Blut schlucken,  sich wie Melampus die Ohren von ihnen auslecken lassen, sich ihre Zunge einpflanzen oder sich wie der kleine Iamos von ihnen füttern lassen. Vielleicht wird so Pindars Doppeldeutigkeit verständlich, als er schildert, wie Iamos ernährt wurde: „zwei … Schlangen zogen ihn … mit untadeligem Seim (27)/ Gift (28)/ Zaubertrank (29) der Bienen auf“. Man kann sich darunter Honig vorstellen und zugleich Bienen- oder Schlangengift (vielleicht Honig, den die Schlangen mit ihrem Speichel oder Gift als Ferment angereichert haben?), denn Inspiration ist eine dämonische Gewalt, mit der Gott den Menschen erfüllt, ja heimsucht; sie kann ihn verstören und in den Wahnsinn treiben, ist nicht nur etwas Willkommenes, Süßes, sondern auch etwas Furchteinflößendes, Gefährliches – deshalb die Schlangen-Ammen des Iamos, deshalb die blutige Metamorphose des Inspirierten in Puschkins Prophet, dem Zunge und Herz herausgerissen werden, um der Schlangenzunge und der glühenden Kohle Platz zu machen.
Dass Schlangen früher als mantische Tiere galten, zeigt auch die Etymologie. Russisch gad-at‘ „wahrsagen“ leitet sich von urslavisch *gadъ „Schlange“ab, das tschechisch und slovakisch had „Schlange“, ukrainisch gad „Schlange“ und russisch gad „Reptil, Amphibie“ wurde. Weil gad im heutigen Russischen auch „widerlicher Mensch“ bedeutet und mit dem Adjektiv gad-kij „ekelhaft, grässlich“ zusammenhängt, nimmt der Slavist Max Vasmer (Russisches etymologisches Wörterbuch) als Grundbedeutung von urslavisch *gadъ „ekelhaftes Tier“ an. Dagegen erscheint uns glaubhafter, was der Slavist Alexander Brückner erklärt:

… die Übereinstimmung der slavischen Sprachen beweist, dass gad Schlange bedeutet hat, und es kann dieser Name gewählt worden sein, wie medved „Honigesser“ (statt Bär), weil die gewöhnlichen Schlangennamen zmij und az gemieden werden sollten; die geheimnisvolle Schlange ist Prophet, Seher, Weissager (gatati bedeutet dasselbe) genannt; erst als gad einfach „Schlange“ ward und der Slave, unter dem Einflusse von Christentum und Manichäismus (vgl. die ausdrückliche Erzählung von dem Verdienst des Schlangentötens in der vita Cyrilli) zu einem Schlangenverächter wurde, übertrug er ihren Namen auf Hässliches, Ekelhaftes, Gemeines“ (30)

Im Christentum ist Mutter Erde zum Ausbeutungsobjekt degradiert („Macht euch die Erde untertan!“) und – wie oben festgestellt – zusammen mit ihrem Tier, der Schlange, verflucht. Für naturreligiöses Empfinden, das die Antike und viele unserer Märchen prägt, ist die Erde dagegen als lebenspendende Gottheit, „Allmutter“, „festgegründete Nährerin aller irdischen Wesen“ (31) an Ehrwürdigkeit und Macht den oberen Mächten wie zum Beispiel dem Himmelsgott Zeus zumindest ebenbürtig. Diese unterschiedliche Bewertung der Erde gilt auch für die zu ihr gehörende Schlange, die das Christentum als Verkörperung des Bösen dämonisiert, während sie in antiken Mythen und vielen Märchen nicht nur gefürchtet, sondern auch als hilfreiches und Segen bringendes Tier der Erde verehrt wird. So berichten die Gesta Romanorum von einer Schlange, die von dem blinden römischen Kaiser Theodosius gut behandelt wird und ihm dafür sein Augenlicht wiederherstellt (32), und von einer anderen Schlange, die einen tödlich verwundeten Ritter heilt, weil er ihr im Kampf mit einer Kröte beistand (33). Auch der antike Heilgott Asklepios (lateinisch Äskulap) war ursprünglich eine Schlange – das lässt sich zum Beispiel aus der Sage vom kretischen Königssohn Glaukos folgern, der in ein Honigfass stürzte, starb und durch ein Heilkraut wiederbelebt wurde, das eine Schlange brachte (34) – in einer Variante dieser Sage, die Hyginus in seiner Fabel Nr 49 überliefert, ist es Äskulap, der Glaukos wieder zum Leben erweckt. In seiner ursprünglichen Schlangengestalt umwindet der Heilgott auf antiken Statuen den Stab des Asklepios und noch heute als Äskulapnatter einen Kelch mit Medizin als Emblem unserer Apotheken.


Im Altgriechischen hängen plutos „Reichtum, Fülle“ und der Name des Unterweltgottes Pluto, dessen Reich in der Erde ist, etymologisch zusammen, und die Griechen glaubten, dass Wohlstand, Reichtum, der dem Bauer durch gute Ernte entsteht, sich der Mutter Erde verdankt, aus ihrer Tiefe kommt. Da auch die Schlange Tier der Erde ist, wird mit Wohlstand gesegnet, wer gut zu ihr ist, und mit Armut geschlagen, wer sie schlecht behandelt. Dieser naturreligiöse Glaube wirkt auch in vielen Märchen nach, zum Beispiel im Märchen von der Krönlnatter, das Ignaz und Joseph Zingerle überliefern: Einem hartherzigen und geizigen Bauern ging es gut, solange seine Magd einer harmlosen Natter, die im Stall wohnte, von der Milch, die sie molk, ein Schälchen zum Trinken hinstellte. Als der Bauer das entdeckte, wurde er wütend, schimpfte die Magd, weil sie die „Milch den Würmern gibt“, und jagte sie vom Hof. Seitdem ging es mit seinem Wohlstand abwärts.

In vielen Märchen und Mythen haben Kinder ein unbefangenes, freundschaftliches Verhältnis zur Schlange, während die Erwachsenen sie verabscheuen und  mit ihr auf Kriegsfuß stehen. So berichtet Cicero (35) vom dem berühmten römischen Schauspieler Roscius:

Er war damals noch ein Wickelkind und wurde in Solonium aufgezogen: plötzlich, des Nachts, erwachte seine Amme und bemerkte beim Schein der Lampe, dass der Knabe im Schlaf von den Windungen einer Schlange umfasst war. Über diesen Anblick entsetzt erhob sie ein Geschrei. Der Vater des Roscius aber legte die Sache den Beschauern (ad haruspices) vor, und diese gaben den Bescheid, nichts werde strahlender sein als dieser Knabe, nichts erhabener sein. Und diese Szene ziselierte Pasiteles in Silber und stellte unser Freund Archias in Versen dar.

Durch die Schlange übertragen sich auf das schlafende Kind Kräfte, die aus der Tiefe der Mutter Erde stammen und seine Entwicklung zu einem begnadeten Künstler begünstigen. Die Amme, die deswegen in Panik gerät, ist wie auch der Schlangentöter Herakles Vorläufer der Christen, die die Schlange verteufeln, die Zeichendeuter, haruspices, vertreten den naturreligiösen Standpunkt. Deren Auffassung, dass Schlangen gut für Kinder sind, war in der Antike verbreitet. Behandelt haben wir oben schon die Sage von Iamos, der von Schlangen-Ammen aufgezogen wurde und ihnen eine besondere Gabe, die der Weissagung, verdankt. Claudius Aelianus berichtet in seinen Tiergeschichten, dass viele Ägypter Schlangen zusammen mit ihren Kindern aufwachsen ließen (36) und von einem arkadischen Knaben, dessen Eltern ihn zusammen mit einer Schlange großzogen (37). Diese Schlange, die mit ihm im selben Bett schlief und anfangs noch klein war und zusammen mit dem Menschenkind immer größer wurde, nennt Aelian syn-trophos des Jungen, also „jemand, der zusammen mit ihm aufwächst/aufgezogen wird, Spielkamerad“. In einer Volkssage aus Pommern, die Jodocus Temme überliefert, steht ein Kind auf freundschaftlichem Fuße mit einer Schlange, die sein Vater totschlägt:

In der Barkowschen Haide liegt, nicht weit von dem Holzwege, der mitten durch die Haide geht, ein einsames Bauernhaus. In demselben wurde noch vor wenigen Jahren eine todte Schlange gezeigt, von der man sich Folgendes erzählt. In dem Hause wohnten vor langen Zeiten einmal Bauersleute, die nur ein einziges Kind hatten, ein Mädchen von vier Jahren. Im Sommer ließen sie das Kind vor dem Hause spielen, wohin sie ihm auch des Mittags seine Milch mit eingebrockter Semmel brachten. Wenn nun das Kind dies verzehrte, so kam jeden Mittag plötzlich eine große Schlange herbei, die sich zu ihm setzte, und mit ihm von der Milch trank und von der Semmel aß. Es fürchtete sich gar nicht vor derselben, wurde vielmehr so vertraut mit ihr, daß es sie ohne Scheu auf den Hals klopfte und zu ihr sagte, sie solle ihm nicht zu viel abtrinken. Seinen Eltern sagte es nichts hiervon. Als es aber eines Mittags viermal nach einander Milch forderte, da fiel dies der Mutter auf, und wie sie das letztemal die Milch hingebracht hatte, blieb sie hinter der Thür stehen, um zuzusehen, was das Kind mit der vielen Milch anfange. Auf einmal sah sie die Schlange herbeikommen, welche die Milch aufzehren half. Darüber entsetzte sie sich, und sie rief ihren Mann zu Hülfe, der mit einem Knittel herbeikam, um das Thier todtzuschlagen. Das Mädchen weinte zwar sehr, und bat den Vater um Gnade für die Schlange; aber er tödtete sie doch. Von der Stunde an schwand das Kind an allen Gliedern, und nach wenigen Tagen war es todt.

Verwandt ist das Grimmsche Märchen von der Unke (Unke hat hier noch die ältere Bedeutung „Schlange“):

Ein Kind saß vor der Hausthüre auf der Erde und hatte sein Schüsselchen mit Milch und Weckbrocken neben sich und aß. Da kam eine Unke gekrochen und senkte ihr Köpfchen in die Schüssel und aß mit. Am andern Tag kam sie wieder und so eine Zeitlang jeden Tag. Das Kind ließ sich das gefallen, wie es aber sah, daß die Unke immerfort blos die Milch trank und die Brocken liegen ließ, nahm es sein Löffelchen, schlug ihr ein Bischen auf den Kopf und sagte: „Ding, iß auch Brocken!“ Das Kind war seit der Zeit schön und groß geworden, seine Mutter aber stand gerade hinter ihm, und sah die Unke, da lief sie herbei und schlug sie todt, von dem Augenblick ward das Kind mager und ist endlich gestorben.

Auch das österreichische Märchen Die Hausschlange gehört hierher.

In solchen Märchen verdankt sich das Gedeihen des Kindes einer Schlange, und den Eltern, die auf das chtonische Tier voller Abscheu und Entsetzen reagieren wie die Amme des Roscius, hätte man einen vorchristlichen Priester wie den haruspex in der Roscius-Geschichte gewünscht, der ihnen klarmacht, wie wichtig solch ein Tier der Erde für die Entwicklung des Kindes ist. Das Kind hat ein unbefangenes, natürliches Verhältnis zur Schlange, während die Eltern mit ihr auf Kriegsfuß stehen. Entspricht die Reaktion der Erwachsenen auf die Schlange dem Geiste des Christentums, dem sie als Verkörperung des Bösen gilt, als Tier, das „verflucht“, „verstoßen“, des Menschen Feind ist (1 Moses 3,16), so erinnert der freundliche Umgang des Kindes mit ihr an den vorchristlichen Geist, der aus der Antike und noch aus unseren Märchen zu uns spricht und in der Schlange ein Tier der Mutter Natur sieht, das guten Menschen hilfreich ist. Werden diese Kinder erwachsen, erzogen zur „Reife“, so verlieren sie ihre natürliche Haltung zu diesem Tier der Erde, sie machen eine Entwicklung durch, die nicht nur für einen einzelnen Menschen, sondern für ganze Völker gilt. Betrachtet man die Naturreligion, deren Geist die Antike und viele unserer Märchen prägt, als naiven Urzustand der Menschheit, als ihre Kindheit, und das Christentum, das darauf folgt, als Stufe der „Reife“, des Erwachsenseins, stellt man dieselbe Entwicklung fest: Vom hilfreichen Tier wird die Schlange zum Feind, was das gewandelte Verhältnis zur Natur spiegelt – vereinfacht gesagt: Der naive, naturreligiöse Mensch lebt in Harmonie mit ihr, der Christ hat sich zu ihrem Beherrscher aufgeschwungen nach dem Motto „Macht euch die Erde untertan!“ und lebt mit ihr in Entfremdung. Die naturverbundene Einstellung unserer Ahnen muss noch als Erinnerung in unseren Genen stecken, sonst könnten wir sie nicht in unserer Kindheit (zum Teil) wiederholen, bevor wir erwachsen werden und Schlangen widerlich und grässlich finden. Solch eine Wiederholung oder Rekapitulation (so der wissenschaftliche Begriff) von Eigenschaften der Ahnen unserer Spezies im Leben eines einzelnen Menschen ist ja Inhalt der Biogenetischen Grundregel:  Wie das Kind im Mutterleib Eigenschaften unserer tierischen Ahnen (ansatzweise) wiederholt, indem es für kurze Zeit ein Fell entwickelt, einen Schwanz und kiemenartige Organe, und nach der Geburt nicht sofort den aufrechten Gang annimmt, sondern sich zunächst krabbelnd fortbewegt wie unsere vierbeinigen Vorfahren, so lebt es in den Märchen mit der Schlange in Freundschaft, bevor es erwachsen wird und dieses Tier verabscheut und verteufelt.
Vielleicht kann man sogar so weit gehen und sagen: Die Schlange verkörpert das Unterbewusstsein des Kindes, also jenen Teil seiner Seele, der sich von den Tieren, die ja ohne Bewusstsein und Verstand sind, nicht unterscheidet, der ein Teil der Natur und von ihr unentfremdet geblieben ist. Bewusstsein und Verstand, durch die der Mensch sich von den Tieren unterscheidet und  sich über die Natur erhebt, sind beim Kind noch nicht so dominant ausgebildet wie beim Erwachsenen. Das Kind ist spontaner, emotionaler, unbeherrschter, Verstellung gelingt ihm noch nicht oder wenig, es ist natürlich und der Tierwelt noch nahe geblieben – auch seelisch wiederholt der Mensch in seiner Kindheit also in einem gewissen Maße Eigenschaften seiner tierischen Vorfahren.
Im unbefangenen Umgang des Kindes mit der Schlange symbolisiert sich sein inniges Verhältnis zur Natur um und in ihm. Doch dieses innige Verhältnis soll das Kind, wenn es nach dem Willen seiner Eltern geht, zerreißen und zu einem Erwachsenen „heranreifen“, der sich der Natur um und in sich entfremdet hat und sie abwertet und unterdrückt. Die Aggression der Eltern gegen die Schlange steht für die Aggression in der Erziehung, die dem Kind alles Unverfälschte und Natürliche austreiben will. Erwachsenwerden heißt das Kind in sich abtöten, der Sündenfall der Bewusstwerdung  unserer Stammeltern Adam und Eva wiederholt sich in jedem einzelnen von uns Menschen, wenn er der Unschuld des Kindes entwächst.

Für den Erwachsenen ist die Schlange, dieses urtümliche Tier, böse, weil sie gefährlich sein, ja mit ihrem Biss töten kann, also ein Stück Natur geblieben ist, das sich nicht zähmen ließ. Deshalb hasst und fürchtet sich der erwachsen und zum Naturbeherrscher gewordene Mensch vor der Schlange und ist außer sich, wenn er entdeckt, dass sein Kind ihr Freund ist. Die Schlange gleicht der Sexualität, der Erotik, die auch Natur ist, Natur in uns, ein Stück Tier im Menschen, das sich nicht so recht unterwerfen ließ und mit dem nicht nur der christliche Mönch, der katholische Geistliche, sondern der westlich-rationale Mensch überhaupt allzu oft in Feindschaft lebt. Doch ohne dieses Tier in uns, ohne Sexualität, gäbe es kein menschliches Leben und der Schlange verdankt sich in vielen Märchen und Mythen das Wohlergehen und Gedeihen des Kindes, das dahinwelkt und stirbt, wenn die Eltern seine Schlange töten. Verkehrt der Mensch mit der Schlange, dieser Verkörperung unverfälschter und ungezähmter Natur, in Freundschaft, statt sie zu vertreiben, zu verfolgen, zu töten, dankt sie es ihm mit der Gabe der Weissagung, Schauspielkunst (Roscius), Dichtkunst (Puschkin), mit Reichtum in Gestalt guter Ernte und Gedeihen des Viehs und nicht zuletzt durch Heilung. Solche Gaben erlangen wir oft nicht durch Naturbeherrschung, durch Technik und durch ratio, sondern durch re-ligio, durch Wiederverbindung mit der Natur, auch mit der Natur in uns, auch mit ihren Aspekten, die uns unheimlich und zuwider sind, weil wir sie uns nicht unterwerfen konnten und die deshalb von der Schlange verkörpert werden, die ihren Schrecken verliert, wenn wir wieder zu Kindern werden und sie nicht töten wollen.

Wer sich an der Natur vergeht, muss Strafe durch ihr gefährliches Geschöpf, die Schlange, in ihrer Eigenschaft als genius loci fürchten. Deshalb ist dieses Tier seit Urzeiten ein rächendes Wesen und seine Zuständigkeit hat sich schon früh erweitert: Den Hass der Schlange erregt der Mensch nicht nur durch Verbrechen gegen die Natur, die ihn umgibt, wenn er zum Beispiel Raubbau an einem Wald durch hemmungsloses Roden, Jagen oder Abernten von Baumfrüchten treibt, sondern auch durch die Vergewaltigung der Natur in sich, durch widernatürliches, entartetes Tun, wozu vor allem Inzest und Ermordung von Blutsverwandten, besonders der eigenen Eltern, gehören.
So wurden der blutschänderische Vatermörder Ödipus und der Muttermörder Orest von Erinnyen verfolgt, weiblichen Rachegöttinnen in Menschengestalt (von den Römern auch Furien genannt), die ursprünglich jedoch Schlangen gewesen sein müssen, was sich aus Stellen bei Aischylos und Euripides erschließen lässt: deine drakaina „furchtbare Schlange“ heißt Erinys in den Eumeniden (127), Haidou drakaina „Hadesschlange“ in der Iphigenie auf Tauris (286), drakontodes kora „schlangenartiges Mädchen“  (256) im Orest des Euripides.

Die Schlangen, die sie ursprünglich waren, haben die Erinnyen als Attribut beibehalten (38). Sie tragen sie im Haar, halten sie in den Händen, Schlangen ringeln sich um ihre Arme oder wie ein Gürtel um ihre Taille; Ovid schildert die Erinnye Tisiphone in seinen Metamorphosen (IV, 490ff.):

Da trat ihnen die unheilbringende Rachegöttin entgegen und belagerte den Eingang; sie breitete die mit Schlangenknoten umschlungenen Arme aus und schüttelte ihr Haar; die aufgestörten Nattern gaben einen Laut von sich; teils auf ihren Schultern ruhend, teils um die Brust kriechend zischen sie, speien Gift und züngeln. Dann reißt Tisiphone mitten aus ihrem Haar zwei Schlangen, packt sie, und schon hat sie beide mit verderbenbringender Hand ins Haus geschleudert. Sie aber kriechen auf Inos und Athamas‘ Brust umher und blasen ihnen ihren Gifthauch ein.                                         (39)

Eng verwandt mit den Erinnyen ist Medusa (oder Gorgo), deren Anblick versteinert, auch nachdem Perseus sie enthauptet hat (2a). Sie trägt ebenfalls Schlangen im Haar, hat also als Attribut beibehalten, was sie zuerst war (40). Von ihrer ursprünglichen Schlangennatur lebt etwas in ihrem Kind, dem Pegasos, weiter. Dieses Zauberpferd  hat auf dem Helikon mit einem Huftritt die Hippokrene, die Rossquelle, erzeugt, von der Dichter inspiriert werden, wenn sie aus ihr trinken, und die den Musen, Göttinnen der Inspiration, heilig ist. Schlangen aber sind – wie oben ausgeführt – mantische Tiere, die Inspiration ermöglichen; diese Hippokrene heißt bei den Klassikern „Gorgoneus lacus, Gorgonischer Quell“ (41), „fons Maeduseus, Medusenquell“ (42), die Abkunft des inspirierenden Quells von dem Schlangenwesen Medusa/Gorgo  ist den Dichtern wichtig.
Das ‚Schlangen-Gen‘ der Gorgo äußert sich auch in der „Sage, dass beim Fluge des siegreichen Perseus über Libyen Blutstropfen vom Gorgonenhaupt niederträufelten, die sich in Giftschlangen verwandelten, so dass sich daher der Reichtum Libyens an Reptilien“ erklärte (43).
Auch die magische Heilkraft des Blutes der Gorgo, von der Euripides (Ion 1003ff.) und die Bibliothek des Apollodor III 10,3,9) berichten, verweist auf ihre Schlangennatur, denn ursprünglich galten Schlangen als heilende Tiere, weshalb Asklepios, der Gott der Medizin, ursprünglich eine Schlange war. Zurück zu den Erinnyen! In ältesten Zeiten war der Glaube verbreitet, dass eine Erinys die Seele eines Ermordeten ist, die sich in eine Schlange verwandelt hat und ihren Mörder rächend verfolgt (44).
Die Vorstellung, dass die Seele eines Verstorbenen in Gestalt einer – rachsüchtigen oder friedlichen – Schlange weiterlebt, ist uralt und dürfte mit dem Glauben zusammenhängen, „dass die Schlange als kriechendes Tier, das sich nie ganz von der Erde erheben kann“, und das sich gerne in der Erde verkriecht, „mit dieser aufs Engste verbunden sei, alle Kräfte der Erde in sich vereinige und so auch die Seele des aus der Erde stammenden und in sie zurückkehrenden, nach seinem Tod in der Erde hausenden Menschen zu verkörpern geeignet sei. So kam es auch zur Identifikation von Schlange und Seele“ (45), zum Archetypus der Seelenschlange.

Dass man sich die Erinnyen ursprünglich als Schlangen vorstellte, beweist auch Klytaimnestras Traum von der Schlange (46), die sie geboren, wie ihr Kind in Windeln gewickelt und gestillt hat. Aber als sie ihr die Brust gibt, saugt die Schlange nicht nur Milch, sondern auch Blut aus ihrem Körper, verletzt sie also und jagt ihr Furcht ein. Dieser Traum ist Ausdruck ihres Schuldgefühls, denn sie hat ihren Gatten Agamemnon ermordet, wofür Orest, ihr Sohn, den sie gebar und stillte, der diese Schlange ist, sie töten wird.
Auf die Rolle des Rächers, der die Mutter mordet, was in archaischer Zeit heilige Pflicht des Sohnes war, deren Erfüllung Menschen wie Götter von ihm erwarteten, auf diese Rolle lässt Orest sich nicht nur ein, er geht regelrecht in ihr auf, so dass er mit Fug und Recht von sich sagen kann:

Ganz und gar zur Schlange geworden, erschlag ich sie!        (549f.)

Er fühlt sich als Schlangenerinys, weil der Rache suchende Geist seines Vaters von ihm Besitz ergriffen hat (47), denn er identifiziert sich mit seinem Vater, wird ihn rächend zum Mann, auch in sozialer Hinsicht: Erst nach der Beseitigung von Klytaimnestra und Aigisth wird er zum Herrn im Haus und im Fürstentum, das heißt, der Nachfolger seines Vaters.
Wer sich in eine Schlange verwandelt hat, spricht nicht mehr, sondern zischt, deshalb sagt er zu seiner Mutter, kurz bevor er sie tötet (48):

Des Vaters Los zischt dir das Urteil solchen Tods     (927)

Als Beweis für den archetypischen Glauben, dass sich die Seele einer ermordeten Person in eine Schlangenerinys verwandelt, wenn sie ihren Leib verlässt, führt Harrison eine altgriechische Vasenmalerei an, die eine ermordete Frau zeigt, aus deren Leiche eine Schlange fährt und den Mörder beißen will.

Diese Vorstellung, dass aus der Leiche des Mordopfers sofort dessen Geist als Erinys fährt und den Mörder bedroht, ist auch in Shakespeares Macbeth lebendig: Beim Anblick des ermordeten Königs Duncan hat Macduff eine Vision, die er dem Mörder Macbeth kundtut:

Approach the chamber, and destroy your sight
With a new Gorgon.                                                   (II,3,70f.)

Nur mit einem Unterschied, der aber nicht wesentlich ist: Klytaimnestras Schuldgefühl lässt in ihrem Traum den Rächer in seiner Urgestalt als Schlange auftreten, während bei Shakespeare diese Schlangen-Erinys in vermenschlichter Gestalt erscheint, als Gorgo, eine Spielart der Erinnyen. Die Vision des rächenden Schlangenwesens aber wird in Shakespeares Macbeth aus dem gleichen Grund heraufbeschworen wie in Aischylos‘ Orestie: durch widernatürlichen Verwandtenmord, denn Duncan und Macbeth sind Vettern – man kann auch von Vatermord sprechen, denn die sakrale Person des Königs ist Landesvater, eine Vaterfigur. Um die Widernatürlichkeit seines Verbrechens, das im archetypischen Weltempfinden die Erinys auf den Plan ruft (49), weiß Macbeth; er versteht es als Anschlag auf die Natur selbst (50):

                             Here lay Duncan,

And his gash’d stabs look’d like a breach in nature
For ruin’s wasteful entrance                                            II,3,109ff.

Mordopfer als Schlangen-Erinnyen kommen Macbeth in den Sinn, als er erfährt, dass der von ihm in Auftrag gegebene Mordanschlag auf Banquo und seinen Sohn Fleance nur zum Teil erfolgreich war: Der Vater ist tot, der Sohn konnte entkommen – Macbeth äußert sich über die beiden:

There the grown serpent lies; the worm, that’s fled,
Hath nature that in time will venom breed,
No teeth for th’present                                           (III,4,28ff.)

Banquo hat sich in eine rächende Schlange verwandelt – das entspricht dem Archetypus. Dass diese Schlange tot daliegt, ihren Mörder also nicht mehr verfolgen kann, entspricht nicht dem Archetypus, sondern ist Macbeth‘ Wunschvorstellung. Denn tot im Sinne von für immer unschädlich gemacht ist Banquo ja nicht – sein Geist spukt noch:  auf dem Bankett, wo er sich auf Macbeth‘ Platz setzt, und in der Orakelszene IV,1 als blutverschmierter, aber triumphierender Ahnherr einer Herrscherdynastie; mit beiden Auftritten bringt er seinen Mörder aus der Fassung. Das gleiche gilt für Duncan. Er ist wie Banquo ermordet, aber nicht unschädlich gemacht, sondern lebt als rächendes Schlangenwesen weiter, als neue Gorgo, die wie die von Perseus geköpfte Gorgo der antiken Sage trotz ihrer Ermordung ihre vernichtende Gefährlichkeit nicht verloren hat und es vermag, Lady Macbeth in Wahnsinn und Tod zu treiben. Und nicht nur Duncan setzt als „neue Gorgo“, als Schlangenwesen, den Mördern zu, sondern auch die bereits mit Schlangen gleichgesetzten Banquo und Fleance: Wie Banquos Geist in der Bankettszene III,4 Macbeth starr und fast verrückt vor Schreck werden lässt, wird von M. Garber zu Recht als Medusa-Effekt charakterisiert und in engem Zusammenhang mit dem Gorgo-Motiv gesehen, das Macduffs Vision in II,3,70f. in das Drama einführt (51).
Als Medusa, die wie die Duncan-Gorgo in II,3 ätzend für die Augen des Betrachters ist, tritt Banquo mitsamt seiner Nachkommenschaft auch in der Orakelszene IV,1 auf, so dass Macbeth ausruft: „Thy crown does sear my eye-balls“, „Start, eyes!“, „Horrible sight!“ (52).

Banquos Sohn Fleance ist in Macbeth‘ Vorstellung eine noch kleine Schlange, die aber zum gefährlichen Rächer ihres Vaters heranwachsen wird – die Stelle ist verwandt mit dem Traum der Klytaimnestra, der ebenfalls ein Kind als Schlangen-Erinys zeigt: Orest, der seinen Vater rächen wird. 
Macbeth‘ Vorstellung von der rächenden Schlange, die als Kind aber noch wehrlos ist, weil sie noch keine Zähne hat, reproduziert das berühmte Bild, das Lady Macbeth in I,7 geäußert hat, um ihre Skrupellosigkeit zu veranschaulichen: „Boneless gums“, „zahnlose Kiefern“ hat ihr Kind, das sie stillt und das sie um der Macht willen trotzdem brutal von ihrer Brust reißen und töten würde – die Unterdrückung der Mutterinstinkte, die Verwandlung der hegenden und nährenden Mutter in eine tötende Mutter ist wider die Natur und beschwört in der Seele von Macbeth, der ohne diese Skrupellosigkeit seiner Frau nicht auf den Thron gelangt wäre, die Schlangenerinys herauf. Dem Säugling, der hilflos ist und in kindlichem Urvertrauen nichts Böses von seiner Mutter erwartet, gleicht Duncan, der auf die Gastfreundschaft von Macbeth und seiner Frau vertraut und im Schlaf ermordet wird (53); aus Machtgier unterdrücken Macbeth und seine Frau die Gefühle von Liebe und Mütterlichkeit, die gegenüber ihrem König, Gastfreund und (Macbeth‘) Blutsverwandten doch natürlich sind.


1) Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (Pauly-Wissowa), Artikel Schlange, Spalte 509 (Enthalten ist ein Zitat von O. Crusius)

2) Herodot: Historien I, 78

3) Aelianus: Tiergeschichten II, 21

4) Plinius: Naturgeschichte VIII, 84

5) Euripides: Iphigenie im Taurerlande 1248; Übersetzung: Ernst Buschor. Wörtlich übersetzt: "Scheusal der Erde"; da der Genitiv im Altgriechischen auch die Abstammung bezeichnen kann, ist Ernst Buschors Übersetzung richtig.

6) Bibliothek des Apollodor 2, 62

7) William Smith: Religion of the Semites, S. 133

8) Aelianus: Tiergeschichten 10, 48

9) Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Artikel Schlange, Spalte 1140

10) Bibliothek des Apollodor 2, 113 und 121

11) Bibliothek des Apollodor 1, 131

12) Vgl. 1 Moses 3,14-15: „Da sprach Gott der Herr zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht, verstoßen aus allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Erde fressen dein Leben lang.“ Und 1 Moses 3,17: „Verflucht sei der Acker um deinetwillen“ – Mit „Acker“ ist bei Luther übersetzt: Ge „Mutter Erde“ (Septuaginta), bzw. terra (Vulgata).

13) So lässt sich Euripides: Iphigenie im Taurerlande 1248 deuten.

14) Vgl. Erwin Rohde: Psyche I, 132ff.

15) Aischylos: Eumeniden 12ff.

16) Gebildet aus keleuthos „Pfad, Weg, Bahn“ und –poios „-macher“ zu poiein „machen“

17) Gebildet aus pons, pontis „Brücke“ und –fex „–macher“ zu facere „machen“, vgl. arti-fex. Die ursprüngliche Bedeutung von pons, pontis war „Weg“, es ist verwandt mit russisch put‘ Weg“ – eine Brücke war ja ein spezieller Weg: über einen Fluss zum Beispiel.

18) Pausanias: Beschreibung Griechenlands 2,7,7 und 10,7,2

18a) Ovid: Metamorphosen 4,563ff.; Hyginus: Fabulae 6

19) Als Übergriff auf Mutter Erde empfand der antike Mensch auch das Pflügen, wenn er sie mit einem scharfen Instrument verletzte, sie regelrecht aufriss – vgl. Ovid Metamorphosen I, 101f. und Sophokles Antigone 339ff.

20) Sigmund Freud : Gesammelte Werke VIII, 290f.

21) Sechste Olympische Ode 45ff.

22) Hermann Usener: Milch und Honig. In: Rheinisches Museum 57 (1902), S. 179

23) Bibliothek des Apollodor 1,9,11

24) Hyginus: Fabulae 140: „Python Terrae filius draco ingens. Hic ante Apollinem ex oraculo in monte Parnasso responsa dare solitus erat.” / Hesychius: “Puthon daimonion mantikon” vgl. Erwin Rohde: Psyche I, 133f. Fußnote 1

25) Erwin Rohde: Psyche I, 120f., Fußnote 2

26) Plinius: Naturgeschichte X, 137

26a) Shakespeare: Macbeth IV,1,16 – alle Übersetzungen von Barbara Rojahn-Deyk (zweisprachige Reclam-Ausgabe)

26b) so deutet es z.B. aus erzkonservativer christlicher Sicht  Harold C. Goddard: The Meaning of Shakespeare, Vol. II (1951), S. 127. Aber auch liberale Shakespeareforscher wie Janet Adelman, die laut wikipedia auch aus feministischer Perspektive forscht, sehen in den weird sisters nur bösartige Hexen, die zusammen mit Lady Macbeth die übelwollende, destruktive Macht des Weiblichen verkörpern – Janet Adelman: „Born of Woman“ – Fantasies of Maternal Power in Macbeth, in: Cannibals, Witches, and Divorce = New Papers from the English Institute, New Series, No. 11, S. 96ff.

26c) David Willbern: Phantasmagoric Macbeth, in: English Literary Renaissance 16 (1986), S. 542

27) Übersetzung von Oskar Werner

28) Wörtliche Übersetzung

29) So übersetzt (und deutet) Jan Hendrik Waszink: Biene und Honig als Symbol des Dichters und der Dichtung in der griechisch-römischen Antike, S. 11

30) Alexander Brückner in: Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung auf dem Gebiete der indogermanischen Sprachen, Band 48, S. 220

31) Homerischer Hymnus an Allmutter Erde; Übersetzung: Anton Weiher

32) Übersetzt von Johann Grässe hier

33) Übersetzt von Johann Grässe hier

34) Bibliothek des Apollodor 3,17-20; Hyginus 136 -  vgl. auch Der Kleine Pauly, Artikel Asklepios und Erwin Rohde: Psyche S. 142 Fußnote 3

35) Cicero: Über die Wahrsagung I, 79 – Übersetzung: Christoph Schäublin

36) Aelianus: Tiergeschichten 17,5

37) Aelianus: Tiergeschichten  6,63

38) Beispiele in Pauly/Wissowa, Realenzyklopädie…, Artikel Erinys, Spalte 125

39) Übersetzung: Michael von Albrecht (Reclam)

40) Anders deutet Freud die Schlangen im Haar der Medusa: als Phallussymbole. In seiner kurzen Schrift Das Medusenhaupt (Gesammelte Werke XVII, 47f.) erklärt er die Enthauptung der Gorgo durch Perseus als Symbol für Kastration: „Kopfabschneiden = Kastrieren“. Und warum erweckt das abgeschnittene Haupt der Medusa Grauen? Weil nach Freuds Überzeugung der Anblick des Geschlechtsorgans einer Frau den Mann erschrecke, da er sich ihre Penislosigkeit als Folge ihrer Kastration erkläre und deshalb an die Möglichkeit erinnert werde, dass mit ihm das Gleiche geschehen könne; eine Frau sei für ihn ein kastrierter Mann/Mensch und mobilisiere deshalb seine verdrängte Kastrationsangst.  Und warum lässt das abgetrennte Medusenhaupt den Beschauer zu Stein erstarren? Auch dafür hat Freud eine Erklärung: „Das Starrwerden bedeutet die Erektion, also in der ursprünglichen Situation den Trost des Beschauers. Er hat noch einen Penis, versichert sich desselben durch sein Starrwerden“. Auch die Schlangen im Haar würden „der Milderung des Grauens“ dienen, „denn sie ersetzen den Penis, dessen Fehlen die Ursache des Grauens ist“. Ich habe viel von Freud gelernt, halte aber von der pansexualistischen, an den Haaren herbeigezogenen Deutung von Schlangen als phallischen Tieren in diesem wie in den meisten Fällen nicht viel, da Schlangen im vorchristlichen, naturreligiösen Weltbild, das auch die Archetypen prägt, nicht männlich, sondern weiblich sind: chtonische Wesen, wehrhafte Geschöpfe der Mutter Erde.

41) Properz: Elegien III,3

42) Ovid: Metamorphosen V,312 – vgl. auch Ovid: Fasti V,7f.

43) Pauly/Wissowa: Realenzyklopädie…, Artikel Gorgo, Spalte 1639f.

44) Pauly/Wissowa: RE, Artikel Erinys, Spalte 94

45) Zitiert aus: RE, Artikel Erinys, Spalte 92

46) Aischylos: Weihgussträgerinnen 523-550

47) Jane Ellen Harrison deutet es zutreffend in ihren Prolegomena to the Study of Greek Religion (1908), S. 236:
“The Erinys is in this case not the ghost of the dead Agamemnon, but the dead Agamemnon’s son Orestes. The symbol proper to the ghost-Erinys is transferred to the living avenger. Orestes states this clearly:

‘Myself in serpent’s shape / Will slay her’.

And this, not merely because he is deadly as a snake, but because he is the snake, i.e. the Erinys.

48) Wir schließen uns der Lesart von Harrison, a.a.O., S. 236 an.

49) Als „Rächerinnen des Naturwidrigen“ definiert auch Wilhelm Mannhardt die Erinnyen in seinen Mythologischen Forschungen aus dem Nachlasse, S. 278

50) Unsere auf archetypisch-naturreligiöser Weltsicht beruhende Deutung der Schlangen-Gorgo als rächendes Tier der Mutter Erde/Mutter Natur setzt einen anderen Akzent als viele von Freud geprägte Shakespeareforscher, die in der weiblichen Sagengestalt, die enthauptet, das heißt kastriert ist, den durch seine Ermordung zur Frau erniedrigten (oder als weiblich enthüllten), gleichsam entmannten Duncan sehen, dessen Verwandlung in eine Gorgo auch Macbeth‘ Kastrationsangst spiegele – vgl. Fußnote 40.
Dazu gehören Richard Wheeler: Shakespeare’s Development and the Problem Comedies, 1981, S. 145:

“When Macbeth murders Duncan he destroys, both in himself and in Scotland, a world based on trust in male bonds. Duncan’s dead body becomes a grotesque emblem of the world Macbeth brings into being; those who view his corpse see the sight-destroying spectacle of a ‘new Gorgon’ (II.iii.68) – a body simultaneously monstrous and female, castrated and castrating, murdered and raped. The violence and sexual ambiguity suggested by the Gorgon-like corpse reflect deep sexual tension precariously held in check by the ideal male order.”

Marjorie Garber: Shakespeare’s Ghost Writers. Literature as uncanny causality, 1987, S. 110:

“With its gaping mouth, its snaky locks and its association with femininity, castration, and erection, Medusa’s head ends up being the displacement … of gender undecidability as such.”

Janet Adelman: “Born of Woman” a.a.O, S. 95:

"The horror of this gender transformation, as well as the horror of the murder, is implicit in Macduff’s identification of the king’s body as a new Gorgon … The power of this image lies partly in its suggestion that Duncan’s bloodied body, with its multiple wounds, has been revealed as female and hence blinding to his sons: as if the threat all along was that Duncan would be revealed as female and that this revelation would rob his sons of his masculine protection and hence of their own masculinity."

51) Marjorie Garber: Shakespeare’s Ghost Writers. Literature as uncanny causality, 1987, S. 113:
“Like Brutus, Macbeth is also visited by the ghost of a man he has murdered, and that encounter provides the opportunity for another, more substantial evocation of the Medusa story. On this occasion Macbeth is the horrified onlooker, and the ghost of Banquo the instrument of his petrification.”

52) Vgl. M. Garber, a.a.O., S. 116:
“Once again Macbeth is a man transfixed by what he has seen, once again in effect turned to stone. His murders have been for nothing; Banquo’s sons will inherit the kingdom. This is his personal Gorgon, the sign of his own futility and damnation”.

Als in der Bankettszene Lady Macbeth an seiner Männlichkeit zweifelt, weil ihn Banquos Geist aus der Fassung bringt, und ihn vorwurfsvoll fragt „Are you a man?“, antwortet er: „Ay, and a bold one, that dare look on that / Which might appal the Devil“ -  er möchte gerne zu den ganz Abgebrühten gehören, die selbst den Anblick der Medusa aushalten; so will er sich retten, indem er sich wieder in eine unnatürlich brutale männliche Härte hineinzusteigern versucht.

53) Er ist ein „trusting infant“ – vgl. zum Beispiel Janet Adelman: „Born of Woman“ – Fantasies of Maternal Power in Macbeth (Selected Papers from the English Institue. New Series no. 11); S. 102:
“The satiated and sleeping Duncan takes on the vulnerability that Lady Macbeth has just invoked in the image of the feeding trusting infant”

Oder David Willbern: Phantasmagoric Macbeth (English Literary Renaissance Vol. 16), S. 525:
“In brief, the sleeping king and the nursing infant are analogous and reciprocal. The avenging infant takes revenge for both figures.”

   
 
Top