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Hier ein kesses Spottgedicht aus ihrer Jugend über den Reiz, den halbwüchsige Mädchen auf ernste Männer ausüben, mit einer deutschen Nachdichtung und Anmerkungen zu Entstehung und Verständnis von mir.

НЕДОУМЕНИЕ

Как не стыдно! Ты, такой не робкий,
Ты, в стихах поющий новолунье,
И дриад, и глохнущие тропки, —
Испугался маленькой колдуньи!

Испугался глаз ее янтарных,
Этих детских, слишком алых губок,
Убоявшись чар ее коварных,
Не посмел испить шипящий кубок?

Был испуган пламенной отравой
Светлых глаз, где только искры видно?
Испугался девочки кудрявой?
О, поэт, тебе да будет стыдно!


VERLEGENHEIT


Schäm dich, Dichter, deine Verse schildern
- gar nicht schüchtern - Neumond, Wölfe
und Dryaden, Pfade, die verwildern -
und dich ängstigt eine kleine Elfe!

Ihre Bernsteinaugen dich erschrecken!
Fürchtest die zu roten Kinderlippen!
Ach, an diesem wilden, spritzig-kecken
Becher wagst du nicht einmal zu nippen!

Funken nur siehst du in ihren klaren
Mädchenaugen - die verhexen, lähmen?
Ist ein junges Ding denn voll Gefahren?
Feiger Dichter, ach, du sollst dich schämen!


Anlass zur Entstehung dieses Spottgedichts gab Marinas Schwester Anastasija. Wie sie in ihren Erinnerungen erzählt (Anastasija Cvetaeva: Vospominanija. 2. Aufl. Moskau 1974, S. 304f.), rezitierte sie in der Straßenbahn das Gedicht "Begegnung" (Nah dem Nil, der träg dahinfließt...) von Valerij Brjussow, der unter den Passagieren war und seine Verse natürlich erkannte. Anastasija mit ihren Reizen einer 14-Jährigen musste ihn derart verwirrt haben, dass er errötete und ohne ein Wort zu sagen aufstand und ausstieg.

Sie erzählte es natürlich ihrer 16-jährigen Schwester, die nie zu den Schüchternen gehörte und darüber dieses freche Gedicht schrieb.

Marinas Unmut richtet sich gegen Brjussows persönliche Gehemmtheit. Sein Werk, das sie hoch schätzt, nimmt sie vom Vorwurf der Gehemmtheit ausdrücklich aus und hält ihm zugute, „gar nicht schüchtern" zu sein, wenn er dichtet. Brjussow, der schon damals berühmte und herausragende Begründer und Meister des russischen Symbolismus, bricht in der Tat in Form und Inhalt kühn mit der Konvention, was in der damaligen prüden Zeit, besonders im konservativen Russland, durchaus viel bedeutet. Stender-Petersen charakterisiert ihn in seiner Geschichte der russischen Literatur wie folgt: 

"Er wählte Bilder und Metaphern, die in ihrer exzentrischen Gesuchtheit zunächst abstoßend wirkten. Seine Reimtechnik bedeutete einen Bruch mit aller Tradition, metrische Experimente nahmen bei ihm den ersten Platz ein, die strophische Gliederung der Gedichte war kühn, ihre Komposition erregend und berückend.
...
Er war ein Dichter, der die Nuancen des Sadismus, die Formen der Blutschande und Sodomie, die Spielarten der homosexuellen Lust kannte und der ausdrucksvoll und betörend vom Reize geistvoller Hetären, raffinierter Kurtisanen und gemeiner Huren sprach."

Diesen Großmeister der Lyrik und kühnen Neuerer hat die halbwüchsige Anstasija also in Verlegenheit stürzen können! Wie sie es in ihrer Autobiographie beschreibt, muss es durchaus ihrem Stolz geschmeichelt haben, dass sie die Macht ihrer Reize über diesen Mann erproben konnte: 

"An einem Frühlingstag fuhr ich mit der Straßenbahn ... wie häufig, mit einem Lyrikband. Diesmal von Brjussow. Als ich beim Blättern aufblickte, bemerkte ich, entzückt, erschrocken: Mir gegenüber saß Valerij Brjussow ... Mein Herzklopfen niederkämpfend ... begann ich ... seine Verse zu lesen:

Nah dem Nil, der träg dahinfließt...

Es war unmöglich, dass er mich nicht hörte und seine Verse nicht erkannte. Und er konnte das auch nicht überspielen. Sein Gesicht zeigte Unruhe, er lief rot an - und wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Ich - hatte Mitleid mit ihm und amüsierte mich zugleich. Mir war glasklar, dass mein Anblick - ein Mädchen mit Brille und Haaren bis auf die Schultern - ihn mit Verlegenheit erfüllte. Schließlich hielt er es nicht mehr aus, erhob sich und ging zum Ausgang. Ich stand ebenfalls auf. Meine Haltestelle (Strastnaja ploschtschad) hatte ich bereits versäumt, aber für ihn (ich wusste von Ellis, dass er auf dem Zwetnoj-Boulevard wohnt), war es zu früh zum Aussteigen. Schweigend stiegen wir zusammen aus. Da schnitt ich ihm ... den Weg ab: "Grüßen Sie Ellis!" - "Von wem?" Er blieb höflich stehen. "Von Asja Zwetajewa". Er verbeugte sich, berührte mit der Hand seinen Hut. Ich nickte und ging von ihm weg."

Verstärkt wurde die Verwirrung des Dichters vielleicht dadurch, dass es in dem von Anastasija rezitierten Gedicht um Inzest geht. Das wird mit Rücksicht auf die zaristische Zensur zwar nicht direkt gesagt, aber es geht um Menschen der Gegenwart, die in einem früheren Leben im alten Ägypten in Liebe vereint waren wie die göttlichen Geschwister Isis und Osiris. Angehörigen des Königshauses war diese Form der blutschänderischen Ehe erlaubt als Nachbildung der Ehe zwischen den Göttern, von denen sie dem Mythos nach abstammten. Seine eigenen Verse, die leicht getarnt, sehnsüchtige Erinnerung an ein exotisches Ägypten heraufbeschwören, wo verbotene Liebe möglich war, überrascht rezitiert hören, und dazu noch von einem halbwüchsigen Mädchen mit durchaus reizvollem Äußeren, deren Vater er seinem Alter nach sein könnte - seine Verwirrung dürfte menschlich, allzu menschlich sein. Dennoch entging er nicht dem kessen Spott der älteren Schwester Marina, die, wie das Gedicht beweist, trotz ihrer Jugend um die Macht noch halbkindlicher Mädchenreize über Männer genau Bescheid wusste.

Die Stelle:
Ach, an diesem wilden, spritzig-kecken
Becher wagst du nicht einmal zu nippen!
gefiel Anastasija übrigens nicht, aber „Marina zu widersprechen war zwecklos".

   
 
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