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Guttenberg, Dr. Carsten Flöter und der schöne Schein

Giovanni di Lorenzo hat Guttenberg in der ZEIT eine Plattform geboten. Der gefallene Politstar nahm die Gelegenheit wahr, sich zu verteidigen, seine Verfehlung in einem für sich günstigeren Licht darzustellen, auf mildernde Umstände zu plädieren, was auch sein Recht ist als Angeklagter. Denn das ist er: angeklagt. Er steht am medialen Pranger und wird zur Unperson erklärt. In einer Zivilgesellschaft aber darf ein Angeklagter sich verteidigen, deshalb lässt Giovanni di Lorenzo ihn zu Wort kommen - audiatur et altera pars. Und: Aus einer Zivilgesellschaft ist ein Gestrauchelter nicht für immer ausgestoßen, sondern hat ein Recht auf Resozialisierung. Der U-Bahnschläger ebenso wie der Plagiator. Resozialisierung ist ein Kern-Anliegen der Linken. Um so mehr überrascht die Empörung der angestammten ZEIT-Leserschaft, die sich in den Kommentaren zum Lorenzo-Guttenberg-Gespräch austobt. Viele erklären, dass sie ihr ZEIT-Abonnement kündigen, drohen damit oder fordern andere dazu auf. Giovanni di Lorenzo, den "Steigbügelhalter" des Freiherrn, wollen sie aus der ZEIT ausgestoßen wissen, und Guttenberg, der überführte "Blender", der zur Adventszeit seine Rückkunft versucht, soll nie wieder hoffähig werden. Woher dieser Hass, den weder die blamable Internet-Entlarvung, noch der Verlust von Amt und Würden stillen konnte? Ist es Neid auf den erfolgreichen Aristokraten, der blendend aussieht, eine schöne Frau und zwei Kinder hat und die Menschen bezaubert? Oder etwas anderes? Vielleicht das:

Guttenberg verkörpert den schönen Schein, mit dem die kapitalistische Warenwelt die Menschen besticht und bei der Stange hält. Sein Doktortitel, hinter dem keine seriöse wissenschaftliche Leistung steckte - glich er nicht der Hochglanz-Verpackung einer Pralinenschachtel, auf der das Foto einer jungen schönen Mutter prangt, die ihrem Kind eine Praline ins Mäulchen steckt, um Liebe, Geliebtwerden und Wiedergeburt der Kindheit zu versprechen und so zum Kauf anzuregen, obwohl der Inhalt nur Kalorien bietet, keine Liebe, keine Jugend, keine Lebendigkeit? Den schönen Schein, den die westliche Dekadenz so siegreich ausstrahlt, bekämpften die 68er aus gutem Grund lange und auch bewaffnet und bekamen immer nur ihre Ohnmacht zu spüren. Die Sehnsucht nach Charmeuren oder sexy Pralinenschachteln war einfach nicht aus den Herzen der Wähler und Konsumenten auszutreiben - den Hass der ZEIT-Leserschaft verstehe ich nur zu gut, aber ich verstehe auch den Angeklagten und erinnere deshalb an Dr. Carsten Flöter, den früheren Arzt der Lindenstraße. Es ist schon länger her und ich bringe vielleicht in meinem Gedächtnis etwas durcheinander, aber war es nicht so:
Als Carsten Flöter an seiner Doktorarbeit schrieb, praktizierte er schon als Arzt, und er wollte ein guter Arzt sein, eine Aufgabe, die seine ganze Kraft erforderte. Dann abends noch an der Disseration arbeiten? Das wurde ihm zu viel und er engagierte einen Ghostwriter. Und wurde nicht entlarvt, nicht aus der Lindenstraße ausgestoßen, behielt sogar seinen Doktortitel. Denn Geißendörfer, der spiritus rector der Serie, ist kein jakobinischer Tugendeiferer wie die meisten Kommentatoren unter dem Lorenzo-Guttenberg-Gespräch, aber ohne Zweifel ein Linker. Wenn doch alle Linken so wären wie er! Denn es ist urlinks: Keinen Menschen für immer als Unperson ächten, weil er etwas ausgefressen hat. Jedem eine zweite Chance geben. So hatte Dr. Flöters Vorgänger, der alte Dr. Dressler, Schwarzgeld in einem karibischen Steuerparadies angelegt, wofür man von diesen ZEIT-Kommentatoren zur persona non grata erklärt wird. Geißendörfer behält ihn als Sympathieträger, obwohl er sein Handeln moralisch nicht billigt. Auch Klaus Beimer, der als Jugendlicher Neo-Nazi war, ist noch dabei und nicht als Bösewicht. Als Carsten Flöter es nicht vermochte, sich selbst einzugestehen: Beruf plus Doktorarbeit schaffst du nicht, handelte er unter Druck: seiner eigenen Eitelkeit, natürlich! Aber auch die Vaterfigur Dr. Dressler, der ihn als unpromovierten Arzt nicht akzeptierte, setzte ihn unter seelischen Druck. Und: Viele Ärzte, die bei der Promotion schummeln, handeln unter einem weiteren, weit schlimmeren Druck: den der Patienten. Hand aufs Herz, lieber Leser! Zum Hausarzt gehst du oft mit Furcht im Herzen: Brütet sich da etwas Böses in mir aus? Fehlt der Dr. vor dem Namen, flößt dir dein Arzt weniger Zuversicht ein. Der Titel gehört zur Aura des Halbgotts in Weiß, des Heilands, den du suchst. Und Guttenberg, ordnungspolitisches Gewissen der Nation und ihr Kriegsherr im Kampf gegen die Taliban, die fanatischsten der Moslems, denen selbst die waffenstarrende Sowjetunion nicht gewachsen war, von denen der 11.9. ausging - er tat, worauf du Wert legst, er verschaffte sich wie dein Hausarzt den Doktortitel, denn der gehört zur Aura des modernen Heilsbringers, der alles das besiegen soll: fanatische Moslems, Krebs, Schuldenkrise, den Zahn der Zeit. Mundus vult decipi, ergo decipiatur. Die Menschen wollen getäuscht werden, also bitte, dann werden sie getäuscht! "Die Renten sind sicher" - machte Blüm uns vor. Ist er etwas Besseres als Guttenberg? Beide wollten von uns gewählt werden und haben sich unserer Kultur des schönen Scheins angepasst.

November 2011

   
 
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