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BESCHNEIDUNG LÖST MENSCHENOPFER AB

Das Landgericht Köln verbietet Juden und Muslimen das religiöse Beschneiden ihrer männlichen Kinder. Die Aufklärung hat dieses Urteil gefällt und wieder ihre Oberflächlichkeit gezeigt: Sie sieht in der uralten Sitte nur die Körperverletzung und sonst nichts. Doch zu Recht gilt Beschneidung als pars-pro-toto-Menschenopfer. Beschwichtigen ließ sich auf barbarischer Kulturstufe der Zorn der Gottheit nur durch Menschenopfer, die – als die Menschen zivilisierter wurden – ersetzt werden konnten, durch ein Tieropfer zum Beispiel – die biblische Geschichte von Abraham und Isaak erzählt davon. Gott befiehlt Abraham, ihm seinen Sohn Isaak zu opfern und begnügt sich im letzten Moment mit einem Widder. Im alten Sparta wurden am Schnitzbild der Göttin Artemis Knaben blutig gepeitscht. Früher wurden sie getötet. Auf der zivilisierteren Entwicklungsstufe fließt noch Blut und Schmerz wird empfunden, aber das Leben wird der Göttin nicht mehr dargebracht. Und bei der Beschneidung wird nicht mehr das Leben des Sohnes geopfert, sondern nur ein Teil von ihm, die Vorhaut. Das barbarische Menschenopfer ist durch etwas weit weniger Schlimmes ersetzt: Blut fließt noch (ein wenig) und Schmerz wird empfunden, aber Gott verlangt nicht mehr das Leben des Kindes. Statt nun in dieser Sitte das Fortschrittliche, die Überwindung urtümlicher Grausamkeit, also ein wichtiges Stück Humanisierung zu sehen, verabscheut der Aufgeklärte sie als barbarisches Ritual und fordert ihr Verbot. Dann müsste man auch ein unverzichtbares Kapitel des christlichen Religionsunterrichts verbieten: Christi Tod am Kreuz, ein qualvolles Menschenopfer, mit dem die Wut des archaischen Gottes beschwichtigt und die Menschheit von der Verdammnis losgekauft wird. Wie kann man denn zarte Kinderseelen mit solch blutigem Foltertod traumatisieren? Und was soll man von einem Christen halten, der sich vor einem Kruzifix in den Opfertod von Gottes Sohn versenkt? Vor dem Christen, der sich in das Menschenopfer versenkt, habe ich weniger Angst als vor Atheisten wie Hitler, Stalin oder Pol Pot, die das belächeln, aber in Wirklichkeit massenhaft Menschen in den Tod schicken. Und vor dem frommen Türken, der im Einklang mit dem Islam seinen Sohn beschneiden lässt, habe ich weniger Angst als vor Fanatikern, die Flugzeuge entführen und in Wolkenkratzer lenken, um ihrem Gott Hekatomben von Opfern darzubringen, was gegen den Islam ist, der Menschenopfer als überwunden ächtet. Religion hat die Kraft, archaischen Impulsen ihren mörderischen Charakter zu nehmen, indem sie sie ernst nimmt, ihnen Ehre erweist. Das archaische Schuldgefühl, das Menschenopfer verlangt, lebt in der Tiefe der Seele auch des heutigen Menschen weiter, und wenn ihm Anerkennung und Tribut auch in sublimierter Weise verweigert wird, kann es zu seiner ursprünglichen Form zurückkehren – Holocaust kommt übrigens von  holocaustum, der lateinischen Bezeichnung für ein vollständig verbranntes Tier- oder Menschenopfer. Als Name für Judenpogrome taucht es zum ersten Mal in einer mittelalterlichen Chronik auf, die ein christlicher Mönch geschrieben hat. Die ermordeten Juden sind für ihn Opfer, die dem Teufel dargebracht wurden – der Teufel aber ist die Abspaltung des Animalischen, Grausamen, Barbarischen vom christlichen Gott, der das summum bonum, der nur gut ist. Der Chronist glaubte, einen sarkastischen Scherz zu machen, und hat doch das ins Unterbewusstsein verdrängte Motiv des Pogroms ausgesprochen: Die Juden sind Menschenopfer wie Christus, mit denen die Mörder ihren Gott besänftigen wollten. Das archaische Schuldgefühl, das nur durch Menschenopfer, am wirkungsvollsten durch die Opferung eigenen Fleisches und Blutes, des eigenen Kindes, zu beschwichtigen ist, verschwindet nicht aus der Seele des Menschen, wenn ein Aufklärer es als barbarisch verbietet, lässt sich aber durch Ersatzopfer, durch die Vorhaut oder durch ein Tier, besänftigen. Necla Kelek schildert in ihrem Buch Die verlorenen Söhne ein türkisches Opferfest (Seite 167):

Ich stand am Fenster im ersten Stock und sah zu. Als die Grube fertig war, brachten die Männer das Tier zu Fall, einer von ihnen sprang hinzu und durchtrennte die Halsschlagader. Das Tier zappelte und zuckte, bis zwei Männer auf seinen Körper stiegen und so lange mit den Knien wippten, bis das Blut aus dem Rind in einem dicken Schwall in die ausgehobene Kuhle floss und einen roten See entstehen ließ. Dann begannen die Männer, mit Messern und Beilen den riesigen Kopf vom Körper zu trennen, und legten das Haupt in den Rinnstein der Straße. Die Kinder hatten sich das Schauspiel nicht entgehen lassen, und niemand hatte sie gehindert, dem grausigen Spektakel zuzuschauen. Jetzt wurden die Jungen mutiger und wagten, sich dem Kopf zu nähern, umkreisten ihn und imitierten die aufgerissenen Augen des Tieres, um ihre Schwestern zu erschrecken.

Der letzte Satz des Zitats verrät, dass die Söhne sich mit dem Tier, das an ihrer Stelle geopfert wird, wie der Widder anstelle von Isaak, identifizieren. Warum erschrecken sie ihre Schwestern? Damit von ihnen Schauder und Schmerz, die zum Opfer gehören, empfunden werden.

Juni 2012

   
 
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