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MIGRANTEN, TIERE UND ANDERE NATUR


Rassistisch ist es, schwarze Menschen mit Tieren, besonders mit Affen zu vergleichen. So verglich Roberto Calderoni, italienischer Politiker der Lega Nord, Cécile Kyenge, Ministerin für Integration und gebürtige Kongolesin, mit einem Orang Utang. Dazu gesellt sich oft die Vorstellung, dass Schwarze aus dem Dschungel stammen, aus wilder, ungezähmter Natur, und dort auch hingehören. Das rassistische Stereotyp vom „Neger aus dem Urwald“ prägt zum Beispiel den Film King Kong und die weiße Frau aus dem Jahr 1933. Der Riesenaffe aus dem Dschungel, der ein blondes Mädchen begehrt und in New York marodiert, also in einer Metropole der weißen Zivilisation, in die er nicht passt, steht für einen Schwarzafrikaner, der von den Weißen dämonisiert und zur Urwaldbestie herabgewürdigt wird (1). In Ketten wird er in einem Theater am Broadway als „Kong, the Eight Wonder of the World“ zur Schau gestellt. Darin spiegelt sich der damalige Brauch, zahlenden Schaulustigen exotische Menschen gleich exotischen Tieren zu präsentieren, und die Filmwissenschaft vergleicht King Kong deshalb mit Ota Benga, einem Pygmäen aus dem Kongo, der 1906 im Bronx Zoo zu besichtigen war, und zwar im Affenhaus, weil die Weißen überzeugt waren, dass er den Affen noch sehr nahe geblieben sei und deshalb dorthin gehöre; die New York Times (11. Sept. 1906) schrieb damals über ihn den Artikel Send him back to the woods:

Ota Benga … is a normal specimen of his race or tribe, with a brain as much developed as are those of its other members. Whether they are held to be illustrations of arrested development, and really closer to the anthropoid apes than the other African savages …, they are of equal interest to the student of ethology, and can be studied with profit.

… it is absurd to make moan over the imagined humiliation and degradation Benga is suffering. The pygmies are a fairly efficient people in their native forests, with enough intelligence to be successful hunters ant to secrete themselves from hostile, but they are very low in the human scale, and the suggestion that Benga should be in a school instead of a cage ignores the high probability that school would be a place of torture to him and one from which he could draw no advantage whatever. The idea that men are much alike except as they have had or lacked opportunities for getting an education out of books is now far out of date. … The best place for him is probably his native forest.

Was die Weißen damals in ihm sahen, verrät auch, wie sie ihn fotografierten. Zum Beispiel mit einem  Affen auf dem Arm: In natürlicher Zweisamkeit mit einem Wesen also, über das er sich nur wenig erhoben hat (2).
Zum Rassismus gehört auch, dass die Weißen im schwarzen Mann eine Bedrohung für die weiße Frau, einen „black rapist“ sehen. Das weiße Mädchen ist für den „Neger“ die verbotene Frucht, an der er sich nicht vergreifen darf, so dass man ihn einschüchtern muss – allein der Verdacht, ein Schwarzer wolle einer weißen Frau zu nahe treten, konnte dazu führen, dass er gelyncht wurde. Diese rassistische Angst vor interracial sex prägt auch den Film King Kong und die weiße Frau. Kong, der die blonde Ann Darrow für sich beansprucht, verkörpert den schwarzen Mann, der die Rasseschranken übertreten will. Man hat ihn zum Affen gemacht, weil interracial sex als etwas ebenso Abartiges, Widernatürliches, Monströses galt wie Sex zwischen Mensch und Tier (3). Und zum Riesenaffen hat man ihn gemacht, damit schon aus anatomischen Gründen nicht sein kann, was nicht sein darf. Schwarzafrikaner kommen aus dem Urwald, stehen Tieren näher als die Menschen des Westens und müssen eingeschüchtert werden, damit sie keine weiße Frauen schänden – das ist rechtsextremes Gedankengut, abwertend und rassistisch, so die herrschende Meinung, und doch nicht die ganze Wahrheit. Auch in linken Köpfen und Herzen existiert von diesem Vorstellungskomplex ganz schön viel – nicht das Bild vom black rapist, aber vom Eingeborenen, der im Einklang mit der Natur lebt und ein Teil von ihr bleibt, statt sich ihr zu entfremden. So inspirierte das rassistische Fabelwesen King Kong US-amerikanische Regisseure zu Neuverfilmungen, die von antikolonialistischem, antiimperialistischem Geist durchdrungen sind, obwohl in ihnen beibehalten wird, was im ersten Film so rassistisch ist: Dass der Eingeborene aus dem Urwald, aus der Dritten Welt ein Affe ist. In King Kong von 1976 wird er zu einem edlen Wilden, in den sich Dwan, Ann Darrows blonde Nachfolgerin, verliebt und mit ihm eine zärtliche Romanze hat. Und 2017 in Kong: Skull Island verkörpert er einen Vietcong-Kämpfer, denn seine Insel wird von einer US-amerikanischen Militärtruppe angegriffen, die gerade im Vietnamkrieg gekämpft hat. Die Soldaten sind frustriert, weil sie den Kampf gegen den Vietcong verloren haben und unrühmlich ins Zivilleben zurückkehren müssen – da kommt ihnen der Auftrag, Skull Island zu erkunden, gerade Recht; King Kongs Insel wird für sie zu einem zweiten Vietnam. Zunächst lässt sich ihr Vorstoß gut an. Wie früher auf Vietnam werfen sie auch auf Skull Island von ihren Hubschraubern Bomben ab. Zwar sind es „seismische“ Bomben, mit denen sie keine Menschen töten, sondern nur die Erde zum Beben bringen wollen, um die Schwingungen zu messen und dadurch Aufschluss zu erhalten, welche Bodenschätze sie in ihrem Schoß birgt. Gleichwohl ist es imperialistische Aggression, denn das „seismische“ Bombardement dient der Erkundung, welche Reichtümer, zum Beispiel Erdöl oder Gold, es auf der Insel zu holen gibt, ist also Auftakt ihrer Ausbeutung. Die Explosionen rufen Kong, König und Beschützer der Insel und ihrer Natur, auf den Plan. Der Militärtrupp wird von ihm aufgerieben, ihre Hubschrauber zerstört. Auch einen Angriff mit Napalm, das die Eindringlinge von ihren Einsätzen in Vietnam noch übrig haben, überlebt er – die imperialistischen Aggressoren verlieren den Vietnamkrieg ein zweites Mal. „Schafft zwei, drei, viele Vietnams!“ diese Aufforderung Che Guevaras haben die linken Filmemacher umgesetzt, wobei es offenbar ins linke Weltbild passt, dass der Guerillakämpfer der Dritten Welt ein Affe ist, der im Weltbild der Rassisten für einen inferioren Menschen, für einen „Neger“ aus dem Urwald steht. Auch die Vietnamesen, die den Filmschaffenden erlaubten, in ihrem Land zu drehen, störten sich offenbar nicht daran.

Haben das Menschenbild der Rassisten und das der Gutmenschen etwa eine gemeinsame Schnittmenge? Und wenn ja, warum? Um eine Antwort zu finden, sehen wir uns weitere Beispiele an.
Ein Tier, das für einen Einwanderer aus der Dritten Welt steht, ist der Bär in Paul Kings Film Paddington aus dem Jahr 2014. Er kommt als MUFL, als minderjähriger unbegleiteter Flüchtling aus dem Urwald des „darkest Peru“ in die Metropole London, wo er von der weißen Familie Brown aufgenommen wird. Die Browns sind also die Guten, Vertreter der Willkommenskultur – die bösen weißen Imperialisten repräsentiert Millicent Clyde, Direktorin eines Naturkundemuseums und Tierpräparatorin. Sie will den Paddington Bear ausstopfen und in ihrem Museum ausstellen, damit er zusammen mit anderen präparierten exotischen Tieren und Skeletten ausgestorbener Saurier zum Studienobjekt wird. Ihm droht also das gleiche Schicksal wie King Kong im Film von 1933 und Ota Benga: Er soll als Ausstellungsobjekt enden. Während der schwarzafrikanische Mann in King Kong und die weiße Frau als Bedrohung empfunden und deshalb dämonisiert, zum Monster, zur Urwaldbestie gemacht wird, ist Paul King in seinem Film ins andere Extrem gefallen: Den jungen männlichen Einwanderer aus dem von brutalem Machismo geprägten Südamerika entdämonisiert er so gründlich, dass er zum Kuscheltier wird – die gleiche Romantik herrschte auch in den Gemütern derjenigen Deutschen, die 2015 ankommende Migranten auf Bahnhöfen mit Teddybären empfingen; Ernüchterung brachte die Kölner Silvesternacht. Männer aus der Dritten Welt, die  zu uns kommen, sollten wir weder dämonisieren noch idealisieren – die Wahrheit dürfte in den meisten Fällen dazwischen liegen.
Rechte Rassisten und linke Gutmenschen definieren also beide den Menschen aus der Dritten Welt durch seine größere Nähe zur Natur, zu den Tieren, dadurch, dass er unzivilisiert oder weniger zivilisiert ist. Das ist das Gemeinsame. Gegensätzlich ist jedoch die Beurteilung: Die Rechten sehen darin einen Mangel, die Linken einen Vorzug. Für die Rechten steht ein Mensch aus der Dritten Welt deshalb tiefer, für die Linken moralisch höher, weil er durch die westliche Zivilisation noch nicht oder erst wenig verdorben ist. Gerade deshalb, weil sie sich in der Zivilisation von der Natur entfremdet haben und konsumsüchtig und dekadent geworden sind, hassen westliche Linke sich selbst und sehen in Einwanderern aus der Dritten Welt edle Wilde, türkische, arabische oder schwarzafrikanische Winnetous, die so bleiben sollen wie sie sind, statt sich zu verwestlichen;
die deutsch-türkische Frauenrechtlerin Seyran Ates kritisiert in der taz vom 5. 12. 2007 solche Anhänger des Multikulturalismus:

… die Multikultis haben einen Artenschutz für Minderheiten ausgerufen. Diese verantwortungslose Multikulti-Heile-Welt-Propaganda beinhaltet auch eine Form von Rassismus. Denn diese Leute wollen, dass meine Leute, die aus der Türkei kommen, nicht hier ankommen. Sie fühlen sich selber als Deutsche unwohl und wollen deswegen auch von Ausländern, dass diese sich hier nicht integrieren. …
Sie lieben alles Fremde und möchten nicht deutsch sein – und wenn Sie einen Migrationshintergrund haben, sind Sie für einen Multikulti der beste Mensch auf Erden. Aber für den Multikulti hat der Migrant immer einen geringeren Intelligenzquotienten als ein Deutscher. Sie schauen sich unsere Entwicklung an wie in einem Zoo. Nach dem Motto: Mal gucken, wie der anatolische Bauer sich entwickelt. …
Oh ja – die Multikultis lieben mich, für die ist meine Existenz der Wahnsinn. Ich bin dazu da, diese Menschen durch mein Dasein glücklich zu machen. Aber ich muss auch in der Schublade bleiben, ich darf mich nicht entwickeln, ich muss die Ausländerin bleiben, ich bin immer die Exotin. Vor allem darf ich mich nicht als Deutsche bezeichnen. Denn das Deutschsein ist für Multikultis unerträglich.

Gerade die größere Nähe zur Natur, also auch zu den Tieren, ist eine Eigenschaft, die die Linken an dem Menschen aus der Dritten Welt so sehr schätzen, dass er sie in ihren Augen nicht einfach abschütteln kann – das bezeugt auch H.G.Wells‘ antikolonialistischer Roman Krieg der Welten. Der linke Schriftsteller lässt seine Heimat Großbritannien von Marsmenschen kolonisieren, die den Briten das Blut aussaugen, was symbolisch für Ausbeutung steht. Die Marsmenschen ernähren sich also von den Briten, leben auf ihre Kosten, wie diese auf Kosten der Menschen in ihren Kolonien. Die Heimsuchung der imperialistischen Metropole Großbritannien durch Invasoren vom Mars präsentiert Wells als verdiente Strafe für die Unterwerfung und Ausbeutung der Dritten Welt. Der Spieß wird umgedreht: Die Kolonisatoren werden selbst kolonisiert. Der Krieg der Welten gehört deshalb zur Invasionsliteratur, und was den Briten widerfährt, heißt reverse colonization (4). Verwandt mit Wells‘ Roman ist der Film King Kong und die weiße Frau von 1933, der als Invasionsfilm zu klassifizieren ist. Denn die Tatsache, dass King Kong, der in New York ausgestellt wird, seine Fesseln sprengt und die imperialistische Metropole marodierend heimsucht, kann ebenfalls als reverse colonization gesehen werden, als verdiente Strafe dafür, dass der Tierphotograph und Tierfilmer Denham in Kongs Reich, ein Eiland der Dritten Welt mit vom Menschen unberührter Natur, eingedrungen ist. Solch ein Vorstoß eines sensationslüsternen Forschungsreisenden ist natürlich der erste Akt der Kolonisation eines Landes. Ihm folgen bald Arbeiter, die den Urwald roden, um Platz für Bananenplantagen oder Luxushotels für reiche US-Amerikaner zu errichten.
Aber zurück zu Wells‘ Krieg der Welten! Moralisierend wird dem Leser erklärt, dass die Briten die Heimsuchung durch die Invasoren vom Mars verdient haben:

Und bevor wir sie [die Invasoren vom Mars] zu hart beurteilen, müssen wir uns erinnern, mit welcher schonungslosen und grausamen Vernichtung unsere eigene Gattung nicht nur gegen Tiere wie den verschwundenen Bison und den Dodo, sondern gegen unsere eigenen inferioren Rassen gewütet hat. Die Tasmanier wurden trotz ihrer Menschenähnlichkeit in einem von europäischen Einwanderern geführten Vernichtungskrieg binnen fünfzig Jahren völlig ausgerottet. Sind wir solche Apostel der Gnade, dass wir uns beklagen dürfen, wenn die Marsleute uns in demselben Geist bekriegen?        (5)

Als Opfer des Kolonialismus nennt H.G.Wells hier Eingeborene und Tiere in einem Atemzug, denn wie viele Linke ist er nicht nur Antiimperialist, sondern zugleich Naturschützer und Tierrechtler, was ja problemlos zusammengeht, da das, was ihm am Herzen liegt, was er vor dem bösen Menschen des Westens schützen will, die Natur ist, also Pflanzen, Tiere und naturnahe Menschen der Dritten Welt. Das Pathos, mit dem er im Krieg der Welten die gerechte Bestrafung der Briten durch reverse colonization ausmalt, fließt nicht nur aus dem Schuldgefühl des westlichen Menschen gegenüber Menschen der Dritten Welt, sondern auch gegenüber der Natur im eigenen Land und in den Kolonien – das zeigt auch diese Stelle, wo er den vampirischen Akt des Blutaussaugens durch die Marsianer schildert:

Sie hatten keine Eingeweide. Sie aßen nicht, brauchten also auch nicht zu verdauen. Stattdessen nahmen sie das frische, lebende Blut anderer Geschöpfe und führten es in ihre eigenen Adern ein. ... das einem noch lebenden animalischen Wesen, meistens einem Menschen, entzogene Blut wurde mittels eines kleinen Röhrchens in den Aufnahmekanal eingeführt.
Die bloße Vorstellung dieses Vorgangs erscheint uns ohne Zweifel grauenhaft und abstoßend, aber wir sollten uns, denke ich, zugleich erinnern, wie widerwärtig unsere fleischfressenden Gewohnheiten einem vernunftbegabten Kaninchen erscheinen würden.                                           (6)

Der westliche Gutmensch fühlt sich vor Eingeborenen wie den Tasmaniern aus demselben Grund schuldig wie vor vielen Tierarten, dem Bison oder Dodo zum Beispiel – sie alle sind Natur, die er manipuliert und in seinen Dienst gestellt oder gar ausgerottet hat. Und bevor er die Natur – Tiere, Wälder und naturnah lebende Menschen – in der Dritten Welt angriff, war er bereits seiner einheimischen Natur zu Leibe gerückt; in H.G.Wells‘ Vaterland Großbritannien und in anderen westlichen Ländern sind fast alle Urwälder gerodet und wilde Tiere wie Wolf und Bär ausgerottet – letzteren lässt Paul King in seinem Film Paddington zurückkehren, um eine uralte Schuld der Vorfahren wiedergutzumachen (7); auch der Natur in sich selbst ist der Mensch des Westens zu Leibe gerückt, indem er den Naturmenschen in sich abgetötet hat. Damit der verkopfte, im Unterwerfen und Ausnutzen der Natur so erfolgreiche Mensch der durchrationalisierten, hochtechnisierten westlichen Zivilisation entstehen konnte, musste die Natur in seinem Körper und seiner Seele, ihre natürliche Regungen, ihre Spontaneität, ihre Kindlichkeit, ihre Sexualität von der ratio unterdrückt werden und verkümmern; Werner Sombart bringt es auf den Punkt:

Damit der Kapitalismus sich entfalten konnte, mussten dem naturalen, dem triebhaften Menschen erst alle Knochen im Leibe gebrochen werden, musste erst ein spezifisch rationaler Seelenmechanismus an die Stelle des urwüchsigen, originalen Lebens gesetzt werden.                  (8)

Vor allem aus diesem Mord fließt das Schuldgefühl, das ihn quält und das er zu dämpfen versucht, indem er als Kompensation die Natur schützt, die ihn umgibt: Bäume, Wölfe, Emigranten aus der Dritten Welt, deren Übergriffe er erträgt.
Der Naturmensch hat ein kindliches Gemüt und liebt deshalb Kinder. Er verhütet sie nicht und treibt sie nicht ab. Das Mädchen wird Mutter, der Jüngling Vater. Die Frau der Dritten Welt kolonisiert ihren Körper nicht, um ein bequemes, dekadentes Luxusleben in ihm zu führen, indem sie das Muttertier in sich abtötet durch Askese, lesbische Liebe, Verhütung, Abtreibung. Der Naturmensch lebt im Einklang mit der Natur, die ihn umgibt, und mit der Natur in sich, die wie alle Natur fruchtbar ist und sich fortpflanzen will, damit das Leben nicht versiegt. Anders der Mensch der Zivilisation. Zum Beispiel eine altjüngferliche GRÜNEN-Wählerin in der Metropole Köln. Sie arbeitet in einem Betrieb, der Luxuswaren produziert, im eigenen Büro, ist zuständig für die digitale Kommunikation. Um ihren Job nicht zu unterbrechen und ihre Karriere nicht zu gefährden, hat sie ihr Ungeborenes abgetrieben. Die teuren Handtaschen und anderer Tinnef, die sie herstellen hilft, sind eben wichtiger als Kinder - das ist der Westen! Denn Kinder können nerven, sind impulsiv, bleiben sie doch Naturwesen, kleine närrische Tiere, so lange man sie lässt, und wenn sie größer werden, entwickeln sie sich oft anders als gewünscht. Die digitalen Software-Programme, die sie mit ihrem kühlen Verstand aus dem Effeff beherrscht, dagegen nicht. Die Straße, auf der sie im Sommer aus ihrer klimatisierten Wohnung in ihrem klimatisierten Auto in ihr klimatisiertes Büro fährt, wird von einem Krötentunnel unterquert. Sie hat sich für ihn eingesetzt, viel Geld für ihn gespendet und fühlt sich deshalb etwas weniger schuldig, weil sie auf dem Weg zur Arbeit keine kleinen Tiere plattmacht, die Natur in ihrer Region schont, nachdem sie das Kind in sich plattgemacht und das Muttertier, das in ihr steckt und Nachwuchs will, unterdrückt hat, ihren Körper und ihre Seele kolonisiert hat.
Die Stimme ihres Gewissens, das aufgebracht ist über die Abtötung des natürlichen Lebens, der Natürlichkeit in sich, und sie deshalb verurteilt, ihren westlichen Selbsthass, verdrängt sie, weil er ätzt. Doch ihr Gewissen mitsamt dem Selbsthass ist dadurch nicht weg, sondern schwelt im Unterbewusstsein weiter und muss beschwichtigt werden. Beschwichtigt, indem unsere kinderlose GRÜNEN-Wählerin die Natur an anderen Fronten, an Ersatzfronten verteidigt, und zwar fanatisch. Es ist ihre Religion. Die Religion der großen Wiedergutmachung. Deshalb fördert sie mit ihren Spenden die Rückkehr des Wolfs. Damit der kastrierte deutsche Wald wieder Zähne kriegt. Deshalb bejubelt sie Merkels Flüchtlingspolitik und kann gar nicht genug kriegen vom Zustrom arabischer Jungmannen, die sich von Kapitalismus und westlicher Zivilisation nicht korrumpieren, nicht kleinkriegen ließen, deren gesunde Frauen starke Söhne gebären – Silvester in Köln haben sie ihre Zähne gezeigt und der dekadenten Metropole eine Lektion verpasst. Trotzdem versteht unsere GRÜNEN-Wählerin nicht, warum andere Nationen wie zum Beispiel die Polen keine von Merkels Gästen abhaben wollen. Obwohl die Antwort einfach ist: Die Polen sind eben noch nicht so dekadent wie wir, die meisten polnischen Familien haben Kinder, da geht es natürlich und lebendig zu – der westliche Selbsthass ist in Polen noch nicht stark und das daraus fließende masochistische Strafbedürfnis auch nicht, so dass nach Nafris noch kein Bedarf herrscht.

Zurück zu Invasionsliteratur und Invasionsfilmen! Da der westliche Mensch sich vor der gesamten Natur schuldig fühlt, vor dem Naturmenschen in sich selbst, den er verkrüppelt hat, vor Flora und Fauna, wird er in den Bestrafungsfantasien, die er deshalb ausbrütet, nicht nur von Menschen aus der Dritten Welt und Tieren, sondern auch von Pflanzen rächend heimgesucht.
Ein Beispiel dafür der Film The Thing from another World aus dem Jahr 1951, in welchem eine US-amerikanische Nordpolstation von einem Alien bedroht wird, der eine Pflanze ist. Ein weiteres Beispiel ist John Wyndhams  Inavasionsroman The Day of the Triffids aus dem Jahr 1951. Die Triffids sind Killerpflanzen, die zuerst in Indochina auftauchen, wo damals, als der Roman erschien, der Indochinakrieg tobte, in welchem vietnamesische Kommunisten gegen die französische Kolonialmacht kämpften. Von dort aus griffen die Triffids über auf andere tropische Länder wie Belgisch-Kongo oder Kolumbien, also Länder, die vom Westen kolonisiert und oft mit mörderischer Brutalität ausgebeutet wurden. Einen „traveler“, also einen Reisenden aus dem Westen, behandeln sie wie eingeborene Guerillakämpfer einen feindlichen Eindringling:

In temperate countries, where man had succeeded in putting most forms of nature save his own under a reasonable degree of restraint, the status of the triffid was thus made quite clear. But in the tropics, particularly in the dense forest areas, they quickly became a scourge. The traveler very easily failed to notice one among the normal bushes and undergrowth, and the moment he was in range the venomous sting would slash out.

Diese Pflanzen gelangen schließlich – in Analogie zu den Schwarzen, die aus Afrika in die USA verschleppt wurden, um dort als Sklaven ausgebeutet zu werden – in die imperialistische Metropole Großbritannien, wo sie auf Farmen gehalten werden, um aus ihnen Speiseöl zu gewinnen, sie werden also buchstäblich ausgepresst von Weißen, die von ihnen leben. Bis sie sich befreien, die Briten bekämpfen und dezimieren und ihre Zivilisation zerstören. Dass die Triffids für Menschen aus der Dritten Welt stehen, zum Beispiel für Schwarzafrikaner, wird auch dadurch klar, dass sie sich untereinander durch Trommeln verständigen. Durch „rattlings of the triffids‘ little sticks against their stems“ , tauschen sie „secret messages“ aus, die die Menschen in Großbritannien, mit denen sie sich im Krieg befinden, nerven, weil sie sie nicht entschlüsseln können (9). Die Natur, zu der auch die Menschen aus der Dritten Welt gehören, schlägt zurück.

Mit Natur, die in Gestalt von Bäumen zurückschlägt, identifizieren sich besonders die Deutschen gerne, wobei sie den Baumkult ihrer germanischen Ahnen fortführen, die in heiligen Hainen dem Wald Tier- und Menschenopfer darbrachten. "Rächer der Entlaubten" nannte sich die deutsche Naturschutzorganisation Robin Wood im Anklang an Robin Hood, den "Rächer der Enterbten", dem mit seinen Mannen der Sherwood Forest als Zuflucht und Hinterhalt dient. Die "Entlaubten" waren Bäume im eigenen Land, denen die industrielle Zivilisation mit ihrem Gift, dem sauren Regen, angeblich zusetzte; "Waldsterben" wurde dieses mythische Verhängnis genannt. Zugleich aber dürften den Gründern bei der Namensgebung bewusst oder unbewusst die von dem US-amerikanischen Entlaubungsgift Agent Orange attackierten Bäume in Vietnam vorgeschwebt haben. Die "Enterbten" waren ausgebeutete Menschen im eigenen Land und in der Dritten Welt, also nicht nur das einheimische Proletariat, sondern auch die Kolonisierten, zum Beispiel die Vietnamesen, die sich dem westlichen Imperialismus mit Erfolg widersetzten. Sie waren fernöstliche Robin Hoods, ihre Guerilla, der Vietcong, verbarg sich in den Wäldern, die ihm beim Angriff gegen die Invasoren Deckung boten, so dass die Imperialisten ihre Verbündeten, die Bäume, mit chemischem Gift entlaubten.

Auch in Bert Brechts Ballade Von des Cortez Leuten schlägt die Natur gegen westliche Kolonisatoren zurück. Die Ballade spielt im 16. Jahrhundert, als der Konquistador Hernán Cortés das Aztekenreich für die spanische Krone erobert. Man kann das Werk aus dem Jahr 1919 - mit einem freilich erst später populär gewordenen Begriff - als antiimperialistisch klassifizieren, denn einem Trupp Soldaten der rücksichtslosen Eroberer wird in der Neuen Welt der Garaus gemacht und ausgleichende Gerechtigkeit wenigstens im Reich der Poesie durchgesetzt. Angegriffen und vernichtet werden die Aggressoren jedoch nicht - wie der Leser das von einer antiimperialistischen Ballade erwartet - von aztekischen Widerstandskämpfern, sondern von Bäumen. Die wachsen auf einer Wiese, auf der die spanischen Soldaten lagern und schlafen, so schnell zu einem undurchdringlichen Urwald empor, dass die Soldaten hilflos in seinem Dickicht gefangen sind und zusammen mit ihren Zugochsen von der wuchernden Natur gleichsam verschlungen werden. Auch religiöse Bezüge fehlen nicht in diesem linken antiimperialistischen Gedicht: So fangen die Soldaten "um die neunte Stunde" mit Trinken an und dieses Saufgelage leitet ihren Untergang ein, da es sie einlullt, so dass sie zu spät das Zuwachsen der Wiese bemerken und nicht mehr entkommen. Die neunte Stunde hat also mit dem dem Tod der Soldaten zu tun, was sich als biblische Anspielung auf Matthäus 27, 46-50 deuten lässt (10): In der neunten Stunde ist Jesus am Kreuz gestorben. Der gekreuzigte Christus aber ist ein Menschenopfer, das Gott dargebracht wurde, um seinen Zorn über die Sündhaftigkeit des Menschengeschlechts zu beschwichtigen. Das Motiv des Menschenopfers begegnet ja auch in dem Hollywood-Film King Kong und die weiße Frau. Ann Darrow wird dem Riesenaffen als dem Repräsentanten, dem genius loci des von Menschen unberührten Urwalds dargebracht, und der Berg, auf dem Kong, König und Gott der Insel, wohnt, heißt Skull Mountain - so lässt sich "Golgatha, das ist verdeutscht: Schädelstätte" (Matthäus 27,33) ins Englische übersetzen; der Ort der Hinrichtung Christi heißt so, weil an ihm seit alters Menschenopfer dargebracht wurden, auch Christus ist solch ein Menschenopfer. In Manhattan holt sich Kong sein Opfer Ann Darrow zurück und in Brechts Ballade holt sich das von Imperialisten angegriffene Land Soldaten und ihre Ochsen (11) als Opfer. Der linke Dichter Brecht und die Hollywood-Regisseure Schoedsack und Cooper, die King Kong und die weiße Frau schufen, empfanden bewusst oder unbewusst offenbar eine heftige Schuld wegen der Übergriffe des weißen Mannes auf unberührte Natur, zu der sie auch die Naturvölker zählten, und dieser Natur - so forderte eine gebieterische Stimme aus einer archaischen Tiefenschicht ihrer Seele - stünden zur Wiedergutmachung Opfer zu. Dasselbe Schuldgefühl wirkt auch heute noch aus dem Unterbewusstsein so vieler zivilisierter Menschen heraus und treibt zum Beispiel deutsche Gutmenschen dazu, wie verrückt Willkommenskultur und Artenschutz nicht nur für den Wolf, sondern auch für den Nafri zu praktizieren: Wenn sie Lämmer oder Mädchen reißen, dürfen sie das, denn zum Wald- und Flüchtlingskult gehört wie zu jeder Religion - das Opfer.

Dass Tierschutzbestrebungen, die aus Schuldgefühlen gegenüber besiegter Natur fließen, zur DNA des modernen westlichen Menschen gehören, wird schon 1897 in dem damals erschienenen Horrorklassiker Dracula des anglo-irischen Schriftstellers Bram Stoker ironisch gespiegelt. Dracula, das hat die Literaturwissenschaft herausgefunden, steht für einen von den Briten Kolonisierten, einen Iren, Araber oder Schwarzafrikaner, der die Kolonialmacht heimsucht, um sich zu rächen, so dass es sich bei Stokers Horrorroman um Invasionsliteratur handelt. Ein dämonischer Sturm treibt das Geisterschiff namens Demeter, mit dem der Vampir nach England gelangt, in den Hafen von Whitby, wo Dracula sich in einen Wolf verwandelt und an Land springt. Die Augenzeugen halten ihn für einen großen Hund und die altehrwürdige englische Tierschutzorganisation SPCA, "die in Whitby sehr streng ist", empfindet Mitleid mit dem Geschöpf, das gerade ihr Land geentert hat; die Tierfreunde wollen sich des Hundes annehmen, der ja schutzlos und voller Angst im Freien umherirren müsse. Dem Paddington Bär geht also ein Whitby Hund/Wolf voraus. Dass Dracula die Gestalt eines Wolfs (und einer Fledermaus) annehmen kann, passt gut zum Weltbild des westlichen Gutmenschen, in dem Einwanderer aus der Dritten Welt und Tiere so eng verwandt sind. Und zu der Tatsache, dass der westliche Mensch sein für ihn typisches Schuldgefühl sowohl gegenüber der Natur der Dritten Welt - zu der für ihn auch die dortigen Menschen gehören - als auch gegenüber der Natur im eigenen Land empfindet, passt gut, dass Dracula, Repräsentant der ausgebeuteten Natur in den Kolonien, einen Repräsentanten der besiegten Natur im Westen, einen Wolf namens Bersicker aus dem Londoner Zoo befreit und mit ihm als Verbündeten in Lucy Westenras Schlafzimmer eindringt, um die junge Britin zu vampirisieren. Der Wolf war, als der Roman entstand, in Großbritannien schon lange ausgerottet und nur eingesperrt in Zoos oder ausgestopft in Naturkundemuseen als Schauobjekt zu besichtigen, vergleichbar mit Ota Benga oder King Kong - Bersicker verkörpert also vom Menschen besiegte Natur, die im Bunde mit Dracula zurückschlägt.

Wie sich Invasoren mit bekämpfter Natur im Inneren einer imperialistischen Metropole verbünden, zeigt auch die US-amerikanische Fernsehserie Invasion von der Wega aus den 1960er Jahren, deren Thema die Kolonisierung der USA durch Aliens aus einer anderen Galaxie (vom Planeten Wega in der deutschen Bearbeitung) ist. In der Folge Die Insekten (Originaltitel Nightmare) bauen die Aliens eine Maschine, die Radiowellen aussendet, mit denen Insekten dazu mobilisiert werden, Schwärme zu bilden und Menschen anzugreifen. Auf diese Weise soll die gesamte Bevölkerung der USA vernichtet werden – vorher werden eine Lehrerin, die zu viel gesehen hat, und der Protagonist David Vincent von Insekten angegriffen, und zwar auf Agrarflächen, die landwirtschaftlich intensiv genutzt werden, was von symbolischer Bedeutung ist. Denn die Pflanzen in solchen widernatürlichen Monokulturen sind für Insekten besonders anfällig und müssen vor ihnen durch den Einsatz von Pestiziden geschützt werden - vom Menschen manipulierte und vergiftete Natur bäumt sich auf.



1) Vgl. Fatimah Tobing Rony: The Third Eye. Race, Cinema, and Ethnographic Spectacle, S. 157-191

2) So interpretiert Rony, a.a.O. S. 157 das Foto: „The few documents that remain of his time in the zoo include photographs of him looking seriously at the camera, posed in characteristic anthropometric style: he is photographed frontally, from the back, and in profile, holding props – a monkey in one arm and a club in another – which reinforced his publicized ‘missing link’ status.”

3) Vgl. Rony a.a.O., S. 181: “The forbidden … is above all the interracial, interspecies intercourse of Ann and Kong”

4) Den Begriff „reverse colonization“ verdanke ich dem Anglisten Stephen Arata: The Occidental Tourist: „Dracula“ and the Anxiety of Reverse Colonization

5) Übersetzung: G. A. Crüwell und Claudia Schmölders (Diogenes Verlag), S. 13

6) Übersetzung: G. A. Crüwell und Claudia Schmölders (Diogenes Verlag), S. 228f.

7) Der Paddington Bär ist ein Braunbär, der in Südamerika nicht vorkommt.

8) Werner Sombart: Die Juden und das Wirtschaftsleben. 1911, S. 281

9) Die Kunst des drum telegraphy brachten in die Sklaverei verschleppte Schwarzafrikaner nach Amerika mit und gingen ihren Sklavenhaltern damit offenbar auf die Nerven – der wikipedia-Artikel Drums in communication berichtet:
„Among the famous communication drums are the drums of West Africa … . From regions known today as Nigeria and Ghana they spread across West Africa and to America and the Caribbean during the slave trade. There they were banned because they were being used by the slaves to communicate over long distances in a code unknown to their enslavers.”

Vielleicht wurde John Wyndham von solchen Berichten zu seinen trommelnden Triffids inspiriert.

10) Dass Brecht, der offenbar eine starke religiöse Ader hat, hier auf die Passion Christi anspielt, stellt auch der Brecht-Forscher Jürgen Hillesheim fest.

11) Rinder wurden seit uralten Zeiten als Opfertiere dargebracht. Dass die Soldaten zusammen mit den Ochsen von der Natur verschlungen werden, unterstreicht, dass sie wie Opfertiere enden.

   
 
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