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Grüner Menschenhass oder Hitlers Geist sucht modernen Hamlet heim

Menschenverachtung kennzeichne die Rechtsradikalen - so die PC-geprägte herrschende Meinung. Typisch sei ja, wie die Nazis Juden oder Schwule mit Parasiten oder Krankheitserregern verglichen, von denen man den deutschen Volkskörper befreien müsse, damit er stark und gesund bleibt. Das gehört in der Tat zum Menschenbild von Faschisten. So heißt es im ABC des Nationalsozialismus von C. Rosten (2. Auflage, 1933, S. 202):

Am besten verständlich wird uns das Wesen des Judentums, wenn man seine Vertreter als Parasiten der Erdvölker betrachtet. Bei jedem Volke haben sie sich eingenistet, leben auf Kosten des Volkskörpers, schwächen diesen Körper, wie jede parasitäre Krankheit den Wirtskörper schwächt und verursachen dauerndes Unbehagen.                                  (1)

Doch diese Art von Menschenhass gedeiht nicht nur ganz rechts, neben brauner gibt es auch grüne Menschenverachtung. So war auf der Website des World Future Council (WFC), dem Naturschutz und Erhaltung der Erde für künftige Generationen am Herzen liegt, ein Kindergedicht zu lesen: 

Dieser Planet ist noch jung, doch kippt er uns bald um/ dieser Planet stirbt in kurzer Zeit, denn er trägt ein Virenkleid/ Dieser Virus, die Weltbevölkerung, bringt den Planeten um/ Atombomben Waldrodung und C02, wirkt bei ihm wie bei uns Blei/ Wenn nicht bald das Armageddon naht, verbreitet sich der Mensch, die tödliche Saat.
(Quelle: hier)

Als Schädling und Parasit, der Mutter Erde ausbeutet, sieht auch Herbert Gruhl, der an der Gründung der GRÜNEN mitwirkte, den Menschen der westlichen Welt. Das folgende Zitat stammt aus seinem 1975 erschienenen Öko-Bestseller Ein Planet wird geplündert - Die Schreckensbilanz unserer Politik, der als "eines der wichtigsten Gründungsdokumente der grünen Partei" gilt:

Die Bodenschätze sind unser aller Kapital, nicht unser Einkommen! ... Wir wollen hier statt 'Einkommen' lieber den Begriff 'Zinsen' verwenden. Eine Bevölkerung, die weitgehend vom Kapital statt nur von den jährlichen Zinsen lebt, führt ein Parasitenleben. Der reiche Teil der Menschheit führt seit etwa zweihundert Jahren ein solches Parasitenleben, auch wenn er das bis heute nicht zugeben will. Im Gegenteil, er ist vielmehr ungeheuer stolz auf diese Lebensweise und auf seine Intelligenz, die ihm dieses Wunder angeblich ermöglicht. In Wirklichkeit lassen sich die vielen Erfindungen des Menschen auf eine prinzipielle Entdeckung zurückführen, die Carl Amery plastisch formuliert: "die Entdeckung nämlich, dass unser gemeinsames Floß essbar ist".                                                                       (2)

Dieser Hass auf die Menschen, die sich durch Raubbau an der Mutter Natur versündigen, ist uralt. Schon die alten Griechen glaubten, Zeus habe den Trojanischen Krieg ausgelöst, um Mutter Erde von der Last zu vieler Menschen zu erleichtern (3) (3a). Und nicht nur Kriege verschaffen der vom Menschenbefall geschundenen Erde Linderung, sondern auch Seuchen und Naturkatastrophen - so gewinnt Carl Amery, wie Gruhl Gründungsmitglied der Grünen und ihr Mentor, dem Schwarzen Tod, der Pest, die im späten Mittelalter Europas Bevölkerung dezimierte, durchaus erfreuliche Seiten ab: Naturvernichtung durch Rodung ging zurück, "Wald, Moor und Heide war eine Erholungspause gegönnt" (4). Und ähnlich positiv sieht Gruhl die Wirkung einer Flutkatastrophe in Bangladesch (damals Pakistan):

Während sich also in Bukarest verschiedene Delegationen zu der Behauptung verstiegen, es gäbe überhaupt keine Bevölkerungsprobleme, starben in Bangla Desh Zehntausende in den Fluten des Ganges, Millionen wurden obdachlos und Hunderttausende verhungerten. Warum? Garrett Hardin schrieb 1971: "Ich war in Kalkutta, als der Wirbelsturm im November 1970 Ostbengalen heimsuchte. Ungefähr 500 000 Menschen sind bei dieser Sturmflut ertrunken. Die pakistanische Bevölkerung hat aber innerhalb 40 Tagen diesen Bevölkerungsverlust bereits wieder wettgemacht, und die Welt richtet ihre Aufmerksamkeit wieder auf andere Dinge. - Was verursachte dieses Elend? Der Wirbelsturm? So steht es in allen Zeitungen. Aber man könnte mit wohl besserem Recht sagen: Überbevölkerung tötete sie! Das Delta des Ganges liegt praktisch auf Meeresniveau. Jedes Jahr kommen einige tausend Leute in den üblichen Stürmen um. Wenn Pakistan nicht überbevölkert wäre, würde kein vernüftiger Mann seine Familie hierher bringen. Ökologisch gesehen gehört das Delta dem Fluss und dem Meer, ihrer Tierwelt und Fauna. Der Mensch hat dort nichts zu suchen."                      (5)

Seit uralten Zeiten, seit die Entwicklung des Bewusstseins dem Menschen ermöglicht hat, sich über Tier- und Pflanzenwelt zu erheben und sie in seinen Dienst zu stellen, empfindet er Schuld gegenüber der Natur. In Sophokles' Drama Antigone lautet die Anklage:

Vieles ist ungeheuer, nichts
ungeheurer als der Mensch.
Das durchfährt auch die fahle Flut
in des reißenden Südsturms Not;
das gleitet zwischen den Wogen
die rings sich türmen! Erde selbst,
die allerhehrste Gottheit,
ewig und nimmer ermüdend, er schwächt sie noch,
wenn seine Pflüge von Jahr zu Jahr, wenn
seine Rosse sie zerwühlen.

Völker der Vögel, frohgesinnt,
fängt in Garnen er, rafft hinweg
auch des wilden Tieres Geschlecht,
ja, die Brut der salzigen See
in eng geflochtenen Netzen,
der klug bedachte Mann, besiegt
mit List und Kunst das freie,
bergebesteigende Wild und umschirrt mit dem
Joche den mähnigen Nacken des Rosses und
auch des unbeugsamen Bergstiers.

Und Rede und, rasch wie der Wind,
das Denken erlernt' er, den Trieb,
die Staaten zu ordnen, und auch der Fröste
Unwohnlichkeit im Gefild
und Regensturms Pfeile fliehn:
allbewandert, in nichts unbewandert schreitet er
ins Künft'ge; vorm Tod allein
sinnt er niemals Zuflucht aus;
doch für heilloser Krankheit Pein
fand er Hilfe.

(Übersetzung: Wilhelm Willige)

Zur Natur, in deren Machtbereich der Mensch frevelnd eingreift, gehört auch der Tod; alle Lebewesen sind ihm unterworfen, nur der Mensch schmälert durch Heilkunst seine Macht, was ausdrücklich in den Katalog der Frevel gegen die Natur aufgenommen ist, und das, obwohl die damaligen medizinischen Möglichkeiten verglichen mit unseren bescheiden waren.
Was der Mensch dank seines Bewusstseins der Natur ablistet, ist unrecht erworbenes Gut - das sagt auch ein Gedicht von Wilhelm Busch:

Wie dunkel ist der Lebenspfad,
    Den wir zu wandeln pflegen.
Wie gut ist da ein Apparat
    Zum Denken und Erwägen.

Der Menschenkopf ist voller List
    Und voll der schönsten Kniffe;
Er weiß, wo was zu kriegen ist
    Und lehrt die rechten Griffe.

Und weil er sich so nützlich macht,
    Behält ihn jeder gerne.
Wer stehlen will, und zwar bei Nacht,
    Braucht eine Diebslaterne.

Das Bewusssein, mit dessen Hilfe sich der Mensch zum Herren über die Natur aufgeschwungen hat und sie ausbeutet, macht ihn zum Verbrecher, zum Dieb, zum Einbrecher. Das ist nicht nur eine schrullige Anwandlung des Misanthropen Wilhelm Busch, sondern gehört zur Mentalität der Naturschützer. Carl Amery hat mit Hermann Scheer ein Buch verfasst: Klimawandel, in dem sie für Sonnenenergie werben und Kohle- und Atomkraft verdammen, deren Betreibern sie Einbrecher-Mentalität vorwerfen:

Die wahre Revolution bei der Solarenergie aber ist ihre Einfachheit, weil sie ohne große Umwandlungsschritte funktioniert; man kommt sozusagen ohne Einbruchswerkzeug an die Energie heran und kann sie dezentral nutzen, eben ohne Riesenaufwand.                 (S. 90)

Die Erde als offenes System, das ja eigentlich von nichts anderem lebt als von einer steten Gratisausstattung, kann man sich nicht mehr vorstellen. Das ist die schlechte prometheische Natur der Wirtschaftswissenschaft: alles muss der Knappheit abgerungen werden. Wenn der Mensch seine Energie der Natur nicht mit möglichst komplizierten Tricks entwenden muss, benimmt er sich in diesem Denken seiner selbst unwürdig. Wir leben in einer Safeknacker-Kultur.         (S. 19)

Als Stichwort greifen wir "prometheisch" auf und kehren ins Altertum, in die Zeit des Sophokles, zurück, aus dessen Antigone wir zitiert haben. Auch Prometheus ist ja ein Dieb. Er hat den Göttern das Feuer gestohlen und den Menschen übergeben, hat ihnen dadurch ein ungeheures Machtmittel verschafft, wofür er grausam bestraft wird. Zeus lässt ihn an einen Felsen im Kaukasus schmieden und von einem Adler die Leber benagen - Ausdruck des uralten Schuldgefühls der Menschheit, die sich mit der Beherrschung des Feuers eine verheerende Waffe zur Steigerung ihrer Macht angeeignet hat. Und das Feuer ist nicht das einzige, das der Mensch der Natur abgelistet hat. Sophokles' Dichterkollege, Landsmann und Zeitgenosse Aischylos hat darüber ein Drama verfasst, den Gefesselten Prometheus, in dem er auflistet, was sich der Mensch - verkörpert durch Prometheus - alles angeeignet hat: 

Was beim Erdvolk es an Leiden gab,
Das hört nun: wie ich jene, kindisch blöd zuvor,
Verständig machte und zu ihrer Sinne Herrn.
Mein Wort soll keine Schmähung für die Menschen sein,
Dass meine Gaben gut gemeint sind, kund nur tun;
Vordem ja, wenn sie sahen, sahn sie ganz umsonst;
Vernahmen, wenn sie hörten, nichts, nein: nächtgen Traums
Wahnbildern gleich, vermengten all ihr Leben lang
Sie blindlings alles, wussten nichts vom Backsteinhaus
Mit sonngebrannten Ziegeln noch von Holzbaus Kunst
Und hausten eingegraben gleich leicht wimmelnden
Ameisen in Erdhöhlen ohne Sonnenstrahl.
Es gab kein Merkmal für sie, das des Winters Nahn
Noch blütenduftgen Frühling noch, an Früchten reich,
Den Herbst klar angab, nein, ohne Verstand war all
Ihr Handeln, ehe nunmehr Aufgang ich
Der Sterne zeigte und schwer deutbarn Untergang.
Sodann die Zahl, den höchsten Kunstgriff geistger Kraft,
Erfand ich für sie, der Schriftzeichen Fügung auch,
Erinnrung wahrende Mutter allen Musenwerks.
Auch spannt als erster ich ins Joch mächtig Getier,
Kummet und Lasten tragend Fron zu tun, auf dass
Den Menschen größter Arbeitsmühn Abnehmer nun
Sie würden; vor den Wagen führt ich zügelzahm
Das Rossgespann, ein Prunkstück überreicher Pracht.
Das Meer zu kreuzen, sann kein anderer aus als ich
Linnenbeflügelt Fahrzeug für das Schiffervolk.
...
Das Weitre hör von mir noch, und du staunst noch mehr,
Was für Hilfsmittel, was für Künste ich ersann.
Dies als das größte; wenn in Krankheit man verfiel,
Keinerlei Abwehr gab's da, einzunehmen nichts,
Zu salben nicht noch trinken; nein, Heilmittel ganz
Entbehrend, siechten hin sie, bis ich ihnen dann
Mischungen zeigte sänftigender Arzenein,
Durch die man aller Krankheit sicherwehren kann.
...
                    endlich, was der Erdenschoß
Verbarg dem Menschenvolk an Schätzen hohen Werts,
An Erzen und Eisen, Silber sowie Gold, wer mag
Behaupten, dass er früher es entdeckt als ich?

(Übersetzung: Oskar Werner (Sammlung Tusculum)

Diese Liste prometheischer Usurpationen, deren Grundlage bewusstes Denken und Planen sind, stimmt in wichtigen Punkten mit der in der Antigone überein, auch der Hinweis auf den ersten medizinischen Fortschritt fehlt nicht - zur Natur gehört auch der Tod, dessen Macht der Mensch durch all diese vielfältigen technai, Techniken, schmälert und dadurch prometheische Schuld auf sich lädt. Auch für den wertkonservativen Philosophen der Grünen, Carl Amery, kann der Mensch durch extreme Langlebigkeit der Natur schaden, so dass er sich für unsere Zukunft eine Kultur der Euthanasie vorstellen kann:

Es kann Kulturen geben, in denen antike Überlieferungen von Freiheit und Heroismus einen ganz neuen Zielpunkt erhalten, in denen etwa der bewusste und freiwillige Abschied vom Leben nicht als Selbstmord, sondern liebevoll gegen allen blinden Lebensdrang errungene Gabe an die von allen bewohnte und geliebte Lebenswelt begriffen und ergriffen wird - bis hin zur Begründung durch Johannes 15,13: "Keiner hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde." (6)

Um die Schuld, die der Mensch durch seine große Zahl auf sich lädt, zu verringern, kann man nicht nur am Ende des Lebens, sondern auch an seinem Anfang ansetzen - Stichwort Infantizid, zu Deutsch Tötung Neugeborener, zum Beispiel durch Aussetzen. Wiglaf Droste, der früher regelmäßig in der taz und heute in der Jungen Welt veröffentlicht und deshalb im linken Milieu (zumindest einige) Wurzeln hat, wurde durch die Geburt eines Kindes zur Kreation einer Art Kindersuppe inspiriert. So entstand sein Text Wer schwappt, rumort nicht. Eine Ur-und Festtagssuppe, der so beginnt:

Besonders geeignet ist diese Suppe, um nach einer großen Anstrengung verzehrt zu werden - zum Beispiel im Anschluss an eine Ursuppe, also eine mittlere Hausgeburt. Nach sechs bis acht Stunden heftiger Viecherei liegt die junge Frau, die eben zur Mutter mutiert ist, matt, aber glücklich in den Kissen, das Kind an die milchmächtige Brust gelegt. Auch die Hebamme, der junge Vater und die beste Freundin der Gebärenden, die nach Kräften mithalfen, hängen erledigt im Gestühl. Die Euphorie über den Eigenbeitrag zur Überbevölkerung wird durch körperliche und geistige Erschöpfung gedämpft. Hier hilft die Festtagssuppe, die der junge Vater in weiser Voraussicht schon tags zuvor gekocht hat.

Der Text will witzig stimmen, also lässt der Leser sich durch "den Eigenbeitrag zur Übervölkerung" nicht beirren - er will ja kein humorloser Spießer sein - , vielleicht auch noch nicht, wenn Droste empfiehlt, die Suppe in einem "großem Kochbottich, auch Pol Pott genannt" zu kochen. Ich dagegen nehme den aggressiven Ton, der gegen das Neugeborene herrscht, ernst und forsche psychoanalytisch weiter, das heißt, nach Getarntem:

In die Suppe kommt Kalbfleisch, also vom Kind der "milchmächtigen" Mutter-Kuh.

Dann diese Stelle:

... und 1 Liter Gemüsefonds oder -brühe, am besten das Produkt Würzl aus dem Hause Bruno Fischer; Herr Fischer ... versieht die Etiketten seiner ... Braungläser auch mit Bibelzitaten - zum Beispiel mit diesem aus dem 1. Petrusbrief: "All eure Sorgen werft auf ihn, denn er sorgt für euch."
                    Das ist praktisch gedacht, und so kann man, statt seiner Sorgen, günstigerweise die kleingeschnittenen Kälbchen, Gemüsezwiebeln und Paprika (oder sagt man: Papriken?) in den Topf werfen und in Butter und Olivenöl anbraten.

In den Topf geworfen werden "Papriken" - klingt es nicht wie quieken? Ich Spießer kann den geistreichen linken Humor nicht goutieren, sondern muss an die Kinder denken, die Pol Pots Rote Khmer Krokodilen zum Fraß vorwarfen, weil sie sie von der westlichen Zivilisation für verdorben hielten. Und dann die Sorgen, genauer, die Kälbchen,  die in den Pott geworfen werden. Ein Kind macht Sorgen, krempelt das Leben der Eltern um, wozu auch der Satz passt, mit dem der Text endet: "Wer schwappt (nämlich das Kind in der Suppe), rumort nicht", was an den Spruch anklingt: "Wer schläft, sündigt nicht", macht keinen Ärger. Eigensucht ist hier Motiv der Kindstötung, aber auch diese Moral: "Eigenbeitrag zur Überbevölkerung". Zugrunde liegt dieser Fantasie archetypisches Verhalten, mit dem die Menschen früher ihr schlechtes Gewissen gegenüber der Mutter Natur beschwichtigten: ein Menschenopfer mit anschließendem rituellem Verzehr.

Auch in der biblischen Erzählung von Abraham und Isaak (1. Mose 22), als Gott dem Vater die Opferung des Sohnes befiehlt und sich dann mit einem Tieropfer als Ersatz begnügt, besteht zumindest noch ein Zusammenhang zwischen dem Menschenopfer und der großen Zahl der Menschen, die die Erde bevölkern. Als Gott sah, dass Abraham zur Kindstötung bereit war, lässt er ihn wissen:

Weil du solches getan hast und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont, will ich dein Geschlecht segnen und mehren wie die Sterne am Himmel und wie den Sand am Ufer des Meeres, und deine Nachkommen sollen die Tore ihrer Feinde besitzen; und durch dein Geschlecht sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden, weil du meiner Stimme gehorcht hast.

Abraham gilt den Christen als Stammvater aller Menschen. Die hemmungslose Vermehrung der Menschheit, "wie Sand am Meer", wird von Gott gutgeheißen, "gesegnet", weil Abraham zum Menschenopfer bereit ist - dieser biblische Mythos steht bekanntlich für die Überwindung der barbarischen Menschenopfer, indem sie durch Tieropfer ersetzt werden - zugleich aber schimmert das archaische Menschenopfer als Wurzel der christlichen Opferbereitschaft noch durch, was auch für das archaische Schuldgefühl gilt, das die Menschheit wegen ihrer übergroßen Zahl plagt und göttlichen Zorn fürchten lässt, der aber im Alten Testament durch die Bereitschaft zum Menschenopfer abgewendet wird.

Unrecht erworbenes Gut muss man zurückerstatten, um sein Gewissen zu erleichtern und die übermenschlichen Mächte zu versöhnen - das dürfte der Sinn der Menschenopfer gewesen sein, die zum Anfang jeder Religion gehören. Sie wurden später durch Tieropfer ersetzt. Oder Kinder wurden so gepeitscht, dass ihr Blut auf das Holz der Statue einer Naturgöttin troff (Artemis in Sparta)- Blut, aber nicht mehr das Leben wird geopfert. Heute kämpfen unsere Grünen für Windräder und Naturschutzgebiete - für diese sublimierte Begleichung der Schuld bin auch ich; der uralte blutige Selbsthass der Menschheit aber schimmert immer wieder durch, zum Beispiel, wenn man sich erinnert, dass viele Naturschützer und Grüne alte 68er sind und damals - wie auch ich - aus Hass gegen den naturfeindlichen american way of life dessen Antagonisten Stalin, Honecker, Mao oder Vietcong so viele Grausamkeiten nachsahen. Oder wenn man ein 1998 erschienenes Buch von Carl Amery liest: Hitler als Vorläufer. Auschwitz - der Beginn des 21. Jahrhunderts? Das Werk, dessen schonungslose Aufrichtigkeit selten ist, warnt: Ihr Menschen des Westens! Ihr seid selber schuld, wenn ein neuer Hitler kommt und euch dezimiert! Ihr treibt Raubbau an der Natur, vergiftet sie und ruiniert das Klima. Bald kann die Erde euch nicht mehr alle verkraften. Geschweige denn ernähren. Dann schlägt die Stunde für Hitlers Wiedergänger, dann geht es euch dreckig!
Natürlich schreibt Amery so nicht wörtlich, auch kaum in Andeutungen, trotzdem ist es der Generalbass seines Buchs.
Wer so denkt, ist doch ein Menschenhasser! Oder nicht? Amerys Parteifreunde würden es abstreiten: Er warnt, aber hasst nicht. Er wünscht uns keinen neuen Hitler an den Hals, sondern will uns durch seine Warnungen davor bewahren. Auch Amery selbst würde es abstreiten. Als Grüner hat er natürlich ein antifaschistisches und humanistisches Bewusstsein. Aber es gibt ja noch das Unterbewusstsein. Verräterisch ist das Motto, das er seinem Buch vorangestellt hat:

Come on: you hear this fellow in the cellarage

Das sagt Shakespeares Hamlet über den Geist seines ermordeten Vaters. Ein Geist, mit dem nicht gut Kirschen essen ist, dessen Spuk man am liebsten beenden würde, indem man ihn zurück in die Hölle jagt, aus der er kommt, und ihre Pforten verrammelt. Denn der Geist ist rachsüchtig, mordlustig. So wie der Geist Hitlers, der laut Amery immer noch wie Dracula im Keller lebt und auf seine Stunde wartet, solange die Menschen nicht aufhören, sich an ihrer Mutter, der Erde zu vergehen. Auch der Geist bei Shakespeare stirbt nicht, sondern drängt Hamlet zur blutigen Rache an seinem Mörder Claudius, setzt ihn unter moralischen Druck, Hamlet, den man sich als feinsinnigen Studenten der Kunst oder Literatur vorstellen kann, nicht als Haudegen, Hamlet, wie Amery selbst ein Intellektueller, kein Täter, kein Macher, kein Killer, so dass sich der Einwand erhebt: Ich ahne schon, worauf sie hinauswollen, gerthans! Aber es haut nicht hin. Das Gespenst verkörpert eine finstere mittelalterliche Zeit, eine Zeit der rohen Gewalt, des Faustrechts, der Blutrache, nicht der zivilisierten Problemlösung, eine Zeit, in der ein Menschenleben nichts wert ist, in die Hamlet zu seinem Unglück hineingeboren ist. Das Gespenst nötigt ihn zu einer Tat, die nicht zu seinem Charakter passt.
Doch, sie passt zu ihm! Hamlet hasst Claudius, der seinen, Hamlets,  Vater als Nebenbuhler beseitigt hat und nun der neue Mann an der Seite seiner, Hamlets, Mutter ist. Der Ödipus-Komplex treibt Hamlet um. Er ist kein Unschuldsengel. Aus seiner subjektiven (und auch aus objektiv-juristischer) Sicht teilt Claudius zu Unrecht Tisch und Bett mit Hamlets Mutter, besudelt es, vergeht sich an ihr. Dafür gehört das Schwein abgestochen. Wie für einen Umweltschützer tief in seinem Unterbewusstsein die westlichen Konsumenten Schweine oder Viren sind, die sich an der Mutter Erde vergehen. Die sich nicht mit dem begnügen, was sie ihnen freiwillig so reichlich bietet, sondern Raubbau  an ihr treiben, sie verschmutzen und vergiften. In Hamlet steckt, wie in jedem Sohn, ein Vatermörder und wie in vielen achso rationalen und humanistischen linken Intellektuellen ein Pol Pot.


1) Zitiert nach: Cornelia Schmitz-Berning: Vokabular des Nationalsozialismus, 1998, Artikel Volkskörper

2) Herbert Gruhl: Ein Planet wird geplündert - Kapitel II 1: Die Grundstoffe - Das Zitat von Carl Amery stammt aus seinem Buch Das Ende der Vorsehung. 1972, S. 176

3) Überliefert in

- Kypria, einem epischen Gedicht, das zum Epischen Zyklus gehört, der sich um den Trojanischen Krieg rankt.

- Euripides' Drama Orestes (1639-1642), wo der Lichtgott Apoll feststellt, nicht Helena sei schuld am Ausbruch des Trojanischen Krieges. Ihre Schönheit hätten die Götter nur benutzt, um "Griechen und Trojaner zu verfeinden und Tod zu säen, dadurch der Erde Erleichterung zu verschaffen vom Frevelmut der allzu großen Menschenmassen!" (Übersetzung nach D. Ebener) 

- Euripides' Drama Helena (36ff.)

3a) An Schuldgefühle gegenüber Mutter Erde appelliert auch die chinesische Führung zur Propagierung ihrer Einkindpolitik mit Losungen wie: "Mutter Erde kann nicht so viele Menschen verkraften" oder "Mutter Erde ist zu müde, um noch mehr Kinder zu erhalten".

4) Carl Amery: Die Botschaft des Jahrtausends. Von Leben, Tod und Würde.1994, S. 52

5) Herbert Gruhl: Ein Planet wird geplündert - Kapitel II 5: Selbstausrottung durch Geburten? Garrett Hardins Zitat stammt aus Science, Vol. 171

6) Ebenda, Kapitel IX: Leben/Tod/Würde: Der entgültige Test

   
 
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