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GELD MUSS ROSTEN!

so bringt auf ZEIT.de Werner Onken die kapitalismuskritische Einstellung von Silvio Gesell auf den Punkt, eines linken Finanztheoretikers und Sozialreformers, dessen Thesen auch einigen Nationalsozialisten zusagten und dem manchmal Antisemitismus nachgesagt wird.
Beklagt wird damit bewusst oder unbewusst in einer langen, seit Aristoteles belegbaren Tradition die Widernatürlichkeit der Vermögensanhäufung durch Zinsnehmen. Gold, Silber, Juwelen rosten nicht, der Zahn der Zeit nagt nicht an ihnen, deshalb heißen sie Edelmetalle und Edelsteine und üben auf den homo capitalisticus einen besonderen Reiz aus: Sie sind nicht dem Naturkreislauf von Werden und Vergehen unterworfen, weil sie steril sind: unsterblich, aber auch unfruchtbar – perverse Unnatur. Der Unwille des Naturfreunds, der seinen geliebten Wald durch eine weggeworfene Plastiktüte verschandelt sieht, dürfte mit dem uralten Unwillen über den Kapitalismus verwandt sein. Dieser Unwille spricht auch aus einer von den Brüdern Grimm überlieferten deutschen Sage,
Der Judenstein, in der ein Bauer, der reich werden will, sein Kind für Goldmünzen verkauft, die aber vom strafenden Geschick in Laub verwandelt werden, in ein Symbol für Vergänglichkeit: „Gleich wie Blätter im Walde, so sind die Geschlechter der Menschen“, weiß Homer, „Einige streuet der Wind auf die Erd‘ hin, andere wieder treibt der knospende Wald, erzeugt in des Frühlings Wärme: So der Menschen Geschlecht, dies wächst und jenes verschwindet.“ Die Sage enthält eine Moral. Sie verurteilt den zu ihrer Entstehungszeit aufkommenden Kapitalismus, den der Bauer repräsentiert. Für unverbildete Natürlichkeit steht das Kind, das der Bauer verkauft, denn Reichtum im Kapitalismus hat seinen Preis: Natürlichkeit und Lebendigkeit werden ihm zum Opfer gebracht, Kindersegen, der einst als natürlicher Reichtum galt, wird durch steriles Gold ersetzt – auch heute wird manches Kind im reichen Deutschland abgetrieben, weil seiner Mutter ihr lukrativer Job mehr am Herzen liegt – ob es ihren Euros durch Inflation ähnlich ergehen könnte wie dem in Laub verwandeltem Geld der Sage? Pecunia, das lateinische Wort für „Reichtum, Geld“ kommt von pecus „Vieh“. Wer früher eine große, gesunde Viehherde sein eigen nannte, war reich. Schafe, Ziegen, Rinder aber waren Natur, nicht steril wie Gold, Silber, Juwelen, sondern fruchtbar, aber auch sterblich. Die Böcke besprangen die Ziegen und zeugten Nachwuchs, sie alle konnten aber auch von einer Viehseuche dahingerafft werden – auf Nummer Sicher gehen wie der Kapitalist, der Gold, Silber, Juwelen in seinem Keller bunkert, konnte der Bauer der Frühzeit nicht – sein Reichtum blieb immer abhängig von der Natur und gefährdet: die Wärme des Frühlings regt seine Tiere zur Vermehrung an, die Kälte des Winters bedroht ihr Leben.
Zurück zur Sage! Sie hat einen Haken: Sie ist antisemitisch. Der Bauer, der sein Kind verkauft, um reich zu werden, wird dazu von Juden verführt, denen auch noch ein Ritualmord an diesem Kind in die Schuhe geschoben wird, die Sage atmet leider den Geist, der in ihrer Entstehungszeit in Deutschland herrschte: Sie macht die Juden zu Sündenböcken. Was manchmal auch Shakespeare vorgeworfen wird: Sein jüdischer Wucherer Shylock im Kaufmann von Venedig ist ebenfalls ein Vertreter des homo capitalisticus. Er erzählt das biblische Gleichnis von Jakob, der die Herde seines Onkels Laban hütete. Mit dem unschuldigen Wohlgefallen des liebevollen Hirten an natürlicher Vermehrung schildert Shylock, wie sich die Mutterschafe brünstig „am Ende des Herbstes den Widdern zuwandten und das Werk der Paarung zwischen diesen wolligen Erzeugern im Gange war ... Das war ein Weg, Gewinn zu machen, und er war gesegnet.“
Pervers wird es aber, als Shylock andeutet, dass sich sein in Form von Gold, Silber, Juwelen akkumulierter Reichtum durch Zinsnehmen ebenso natürlich vermehren würde. Als ob seine Gold- und Silbermünzen Schafe und Widder wären, die ihm niedliche Lämmchen ausbrüten, den Zinsgewinn. Shylock betet das Goldene Kalb an, steril sind seine Dukaten und Juwelen, pervers ist sein Gewinnmachen durch Wucher. Und mit dem Bauern in der Grimm’schen Sage hat Shylock gemein, dass er bereit ist, sein einziges Kind zum Opfer dieses pervertierten Gewinnstrebens zu machen, denn seine Besitzfixiertheit erstreckt sich auch auf seine Tochter Jessica. Er erträgt es nicht, dass sie flügge und verliebt ist und Lorenzo heiraten und eine Familie mit ihm gründen will. Diese natürlichen Regungen soll sie, wenn es nach ihm geht, in sich abtöten, er will sie an sich binden, in seinem Haus einsperren wie eine Wertsache zusammen mit seinen anderen Wertsachen, den Dukaten und Juwelen, er will sie zu einer sterilen, unfruchtbaren Existenz verdammen wie ein Schmuckstück, in einem Tresor eingesargt, um sich über die Gesetze der Natur, den Zahn der Zeit erhoben zu fühlen. Denn wenn ein Kind sein Elternhaus verlässt wie ein Blatt im Wind seinen Baum, bekommt der Vater das Naturgesetz der Vergänglichkeit zu spüren: Er wird zum Opa gemacht; zumindest ist Jessicas Durchbrennen mit Lorenzo der erste Schritt dazu.
Das uralte tiefe Unbehagen am Kapitalismus, das heute im Zeichen der Krise wieder lebendig wird, hat seinen guten Grund. Doch ging es bei uns in Deutschland und Europa sehr lange mit Sündenbocksuche einher – das darf sich nicht wiederholen.

   
 
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