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Wir Menschen neigen dazu, Realität, die uns kränkt, zu verleugnen und ins Positive umzulügen. Das gilt besonders für Alter und Krankheit. Erschreckend ist, wie Frank Schirrmacher, einer der Meinungsmacher, uns das in seinem Methusalem-Komplott vorexerziert:

Sich jung zu fühlen ist alles andere als Selbstbetrug - auch wenn die Mitstreiter im Felde sexueller Auslese dies anders sehen. Dass jemand "nicht alt werden könne", ist ein Vorwurf, der ab dem 40. Lebensjahr erhoben wird. Er ist, wie wir gesehen haben, fatal, ich würde sagen: mörderisch. Nur wir selbst definieren, was unser Altern ist.

"Ich fühle mich viel jünger, als ich bin." Man sagt dergleichen mit 30, 40, 50 und auch noch mit 90.  Dieser Satz ... schafft überhaupt erst die Wirklichkeit, die er ausspricht. "Sich jung fühlen" ist kein Selbstbetrug. Es ist eine Aussage, die schafft, wovon sie spricht.

Je älter Menschen sind, desto gesünder fühlen sie sich im Vergleich zu ihren Altersgenossen. Auch darin liegt eine perspektivische Täuschung, aber offenbar eine, die das Leben erleichtert.

Realitätsverleugnung prägt auch die Argumentation der Euthanasiegegner, die behaupten, menschliches Leben könne nie, unter keinen Umständen seinen Lebenswert verlieren, auch dann nicht, wenn sein Träger bei lebendigem Leibe langsam von Krebs zerfressen wird und es deshalb nicht mehr als lebenswert empfindet und um Erlösung fleht. Diese Art von Realitätsverleugnung gilt in der Psychoanalyse als Abwehrmechanismus - eine Tatsache soll nicht anerkannt, sondern abgewehrt werden, weil sie das Selbstwertgefühl verletzt.  Grundlegend dazu ist immer noch Anna Freuds Das Ich und die Abwehrmechanismen, woraus wir zitieren, um zu unterstreichen: Realitätsverleugung, die natürlich auch Erwachsene so gerne üben, wird in der Kindheit regelrecht als etwas Selbstverständliches praktiziert:

Es ist auffällig, wie bereit die Erwachsenen sind, gerade auf der Basis dieses Mechanismus mit Kindern zu verkehren. Sehr viel von dem Vergnügen, das der Erwachsene überhaupt dem Kind bereitet, entsteht durch seine Mithilfe bei solchen Verleugnungen. Man versichert im Leben auch dem kleinsten Kind, "wie groß" es schon ist, und behauptet, allem Augenschein zum Trotz, dass es stark ist "wie der Vater", geschickt "wie die Mutter", tapfer "wie ein Soldat", ausdauernd wie irgendein "großer Bruder". Es ist verständlicher, dass alle Tröstung des Kindes sich solcher Umkehrungen bedienen muss. Die eben geschlagene Wunde tut, nach den Versicherungen des Erwachsenen, "schon gar nicht mehr weh", die verhassten Speisen "schmecken gar nicht schlecht", wer zur Kränkung des Kindes eben fortgegangen ist, wird "sofort wiederkommen". Manche Kinder greifen solche Trostformeln sogar auf und wenden sie stereotyp zur Bezeichnung des Peinlichen an. Ein kleines, zweijähriges Mädchen zum Beispiel konstatiert jedes Verschwinden der Mutter aus dem Zimmer durch ein mechanisch gemurmeltes: "Mammi kommt gleich." Ein anderes (englisch sprechendes) Kind ruft auf jede schlecht schmeckende Medizin klagend aus: "like it, like it", ein Satzrest, der ihm aus der Aufforderung der Nurse geblieben ist, die Tropfen doch gut zu finden.

All diese Gegner der Sterbehilfe, diese Mixas, Tolmeins, Bryschs, ähneln sie nicht den von Anna Freud genannten Erwachsenen, die den Gekränkten versichern: Es tut gar nicht weh! Wir können dir jeden Schmerz nehmen! Im Pflegeheim, im Hospiz ist es gar nicht so schlimm! Selbst der bösartigste Krebs nimmt dir nie, nie deine Würde!
Hat ein Kind sich beim Spielen verletzt und kommt zur Mutter gelaufen, wird sie auf die wunde Stelle blasen und versichern: Das tut gar nicht weh! Wie diese Mutter bietet ein Brysch seine Mithilfe beim Verleugnen der Realität an, wenn ein gepeinigter Moribunder Zuflucht bei ihm sucht: "Wir haben wirkungsvolle Schmerzmittel. Dein Krebs macht dir das Leben bei uns nicht zur Hölle. Es bleibt lebenswert bis zuletzt! Euthanasie hast du nicht nötig!"
Und Kusch? Wendet sich dieser Moribunde an ihn, so wird ihm, wenn er Mithilfe beim Verleugnen erwartet, bitter, ja zynisch vorkommen, was ein Kusch ihm sagt: Dein Krebs ist wirklich schlimm! Ich glaube dir: Dein Leben ist die Hölle! Ich helfe dir, dich zu erlösen!

Vielleicht wird jetzt verständlich, warum Frau Schardt mit ihrer resoluten Erklärung, unter keinen Umständen gelähmt ins Pflegeheim zu wollen, helle Empörung so vieler Zeitgenossen hervorrief. Sie ist eine Spielverderberin. Sie macht die Verleugnung der Realität nicht mit. Sie nennt ein Leben als hilfloser Pflegefall unvereinbar mit ihrer Würde und handelt danach. So hat sie vielen Pflegeheimbewohnern und vielen solchen, die bereit sind, es zu werden, mit Hilfe ihres Komplizen Kusch eine schwere narzisstische Kränkung zugefügt. Als Nothelfer trat schließlich die BRD-Justiz auf den Plan und verbot Kuschs Aktivität als unvereinbar mit den guten Sitten. Der Sieche darf in Deutschland zu oft nicht selbst entscheiden, sondern wird behandelt wie ein Kind.

Und unsere Politiker? Frau Merkel? Frau Schmidt? Frau Von der Leyen? Und all die anderen? Sie wollen wiedergewählt werden - im September ist ja die Bundestagswahl - also verhalten sie sich nicht wie Kusch, sondern wie eine Mutter, eine Nurse, die versichert: Das tut nicht weh!  Das schmeckt! Dein Leben verliert nie, nie seinen Lebenswert! Like ist! Like it! Mundus vult decipi. Der Wähler will betrogen werden wie ein Kind. Wirklich?

Juli 2009

   
 
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