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Меж подводных стеблей

Хорошо меж подводных стеблей!
Бледный свет. Тишина. Глубина.
Мы заметим лиш тень кораблей,
И до нас не доходит волна.

Неподвижные стебли глядят,
Неподвижные стебли растут.
Как спокоен зеленый их взгляд,
Как они бестревожно цветут.

Безглагольно глубокое дно,
Без шуршанья морская трава.
Мы любили когда-то давно,
Мы забыли земные слова.

Самоцветные камни. Песок.
Молчаливые призраки рыб.
Мир страстей и страданий далек.
Хорошо, что я в Море погиб.

Gut ist es zwischen Unterwasserhalmen!
Blasse Welt. Stille. Tiefe.
Wir bemerken nur den Schatten der Schiffe,
Und zu uns gelangt nicht die Welle.

Die reglosen Halme blicken,
Die reglosen Halme wachsen.
Wie ruhig ihr grüner Blick ist,
Wie sie frei von Unruhe blühen.

Wortlos ist der tiefe Grund,
Ohne Rauschen das Seegras.
Wir liebten uns irgendwann vor langer Zeit,
Wir haben die irdischen Worte vergessen.

Edelsteine. Sand.
Stumme Erscheinungen der Fische.
Die Welt der Leidenschaften und Leiden ist weit.
Gut, dass ich im Meer umgekommen bin.

Dasein unter Wasser ist archetypisches Symbol des narzisstischen Urzustandes im Fruchtwasser des Mutterleibs. Die Geborgenheit, die vor der Geburt so gut wie absolut war, wird in den Jahren nach der Geburt durch Behütung und Pflege des Kindes durch die Mutter eingeschränkt beibehalten, so dass auch die Kindheit, besonders die frühe, ein narzisstischer Zustand ist. Eine Unterwasserwelt kann deshalb auch die Kindheit, die im Vergleich zum Erwachsensein in der Regel eine heile Welt ist, symbolisieren wie zum Beispiel in Andersens Märchen Die kleine Seejungfrau.
Gerne stellt man sich den Tod als Erlösung von einem quälenden Dasein und Rückkehr in den mütterlichen Urgrund, also in den narzisstischen Zustand der Kindheit oder vor der Geburt vor - so auch in Balmonts Gedicht.
Von starken Triebregungen, besonders sexuellen, die den Erwachsenen ab der Pubertät nicht zur Ruhe kommen lassen und quälen können, ist das vorgeburtliche Leben ganz und die Kindheit weitgehend frei. In solch einen narzisstischen Zustand paradiesischer Triebruhe und Geborgenheit ist das lyrische Ich durch seinen Tod im Meer zurückgekehrt.
Wellen, Symbole für Bewegung und triebhafte Lebendigkeit, dringen nicht in die Wassertiefe. Auch der Wind, der große Beweger, ist ausgesperrt: Das Seegras rauscht nicht. Es ist stumm, aber nicht tot, denn es blickt, ist also belebt und gleicht einem Menschen. Pflanzen, die jemanden schützend umgeben, sind archetypische Muttersymbole, was auf dieser HP am Beispiel von Bäumen und umrankenden Pflanzen gezeigt wird. Warum soll nicht auch das Seegras, in dem das lyrische Ich sich wohl fühlt, wie eine Mutter sein? Es blickt das lyrische Ich an, und sein "grüner Blick" ist nicht aufreizend, provozierend oder gar verletzend, sondern atmet vegetative Ruhe mütterlichen Urgrunds. Das Seegras blüht, vermehrt sich also, aber dieses Blühen erzeugt bei seinem Schützling keine Unruhe, beeinträchtigt nicht die mütterliche, Ruhe und Geborgenheit spendende Beziehung zum lyrischen Ich.
Auch die Fische beunruhigen nicht, denn sie treten nur als Erscheinungen "prizraki" auf - man denkt an die platonischen Abbilder "eidola" (wie Schatten, Spiegelbilder im Wasser) des Höhlengleichnisses (Platon Politeia 514ff), die weniger intensiv seiend, weniger wirklich (1) als das, was sie abbilden, sind. In der todesgleichen Ruhe der Unterwasserwelt des Gedichts sind auch die Fische weniger wirklich, also nicht richtig aus Fleisch und Blut und gefährlich, sondern nur Erscheinungen, Schemen, die eine schattenhafte Existenz führen.
Auch das Getriebe der Menschen über Wasser kommt dem lyrischen Ich in seiner Tiefe nicht zu nah. Von den Schiffen nimmt es nur die Schatten wahr - auch hier denkt man an Platon und sein Höhlengleichnis: Die Insassen der Höhle sind in ihr gefangen, aber auch geborgen, so dass sie einem Mutterleib oder abschirmenden Kindheitsparadies gleicht. Wenn man einen der Gefangenen "von dort wegzöge, mit Gewalt, den schwierigen und steilen Anstieg hinan und nicht früher losließe, bis man ihn ans Licht der Sonne gebracht hätte, würde er da nicht voll Schmerz und Unwillen sein über die Verschleppung?" (2), stellt Sokrates in Form einer Frage fest. Doch der blendenden Sonne, die in die Augen sticht, überhaupt den Kränkungen und Gefahren des Lebens draußen setzt sich das lyrische Ich in Balmonts Gedicht nicht mehr aus. Es begnügt sich mit den Schatten, bloßen Abbildern. Dieser Bewohner der Unterwasserwelt lässt sich mit einem Menschen vergleichen, der sich - zum Beispiel als Folge einer schweren Kränkung - in eine tiefe Regression geflüchtet hat, seine Wohnung nicht mehr verlässt und sich mit Fernsehen begnügt, also mit bloßen Bildern vom wirklichen Leben, die nicht oder doch weniger verletzen können als das wirkliche Leben selbst. 

 

1) Im Höhlengleichnis sind für Sokrates die wirklichen Gegenstände "mehr seiend" (mallon onta), als die Schatten, die sie werfen, also ihre Abbilder.

2) Platon: Der Staat. Reclam 1982. Übersetzung: Karl Vretska, S. 329

   
 
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